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Das Fohlen vom Försterkeller

Heinz Michallik in jungen Jahren (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Heinz Michallik)
 
Heinz Michallik beim FC Augsburg: 1974 bis 1979 (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Heinz Michallik)
 
Heinz Michallik bei der ISPO 1979 (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Heinz Michallik)
Günther Netzer, Berti Vogts, Rainer Bonhof, Jupp Heynckes, Alan Simonsen, Horst Köppel, Hacky Wimmer, Uli Stieleke, Wolfgang Kleff, Heinz Michallik...

Was, Sie kennen den letztgenannten Namen nicht? Dabei spielte Heinz Michallik mit all diesen Fußballgrößen zusammen in einer Mannschaft. Und als einziger davon später beim A-Klassisten TSV Neusäß. Geboren am 21. Juli 1947 steigt der Kicker 1967 mit dem DJK Gütersloh in die Verbandsliga auf. Ein Jahr später wird seine Mannschaft auch dort Meister und realisiert den Auftieg in die Regionalliga West. Dort wirbelt Michallik noch zwei weitere Jahre als Vertragsspieler, ehe die Borussia Mönchengladbach auf ihn aufmerksam wird. Von 1971 bis 1974 steht er in der Fohlen-Elf. 39 Bundesligaspiele als Abwehrrecke absolviert Michallik für Borussia Mönchengladbach. In diesen drei Spielzeiten erreicht seine Mannschaft den zweiten (1974) und den dritten Tabellenplatz (1972) in der Bundesliga. Darüber hinaus werden die Fohlen Deutscher Pokalsieger und UEFA-Cup-Finalist 1973.

Differenzen mit Hennes Weisweiler, unter dem Michallik nicht mehr zum Einsatz kommt, führten 1974 dazu, dass er den Verein in Richtung Lech verließ, um einen Kontrakt beim Zweitligisten FC Augsburg zu unterzeichnen. Mit dem Vereinswechsel änderte sich auch seine Position auf dem Rasen: Michallik agierte fortan im Mittelfeld. Zwischen 1974 und 1978 kam er beim FCA in der 2. Bundesliga Süd auf stolze 112 Spiele. Dabei erzielte er ein Tor. Noch während er mit Helmut Haller in einer Mannschaft kickte, baute er sich mit zwei Diskotheken und einem Aufstellbetrieb für Automaten eine Existenz neben dem Rasen auf.
Vor seiner großen Karriere lief Michallik für die Bundeswehrnationalmannschaft auf und wurde Westfalenmeister. Nach seiner Glanzzeit schoss er den B-Klassisten TSV Neusäß zusammen mit Richard Kugler zum Aufstieg. Die kommenden Spielzeiten scheiterte der TSV nur knapp am Aufstieg in die Bezirksliga, musste meist erst in der Relegation die Segel streichen. Letztendlich beendete der ehemalige Fußballprofi seine Karriere im unrühmlichen Abstiegsjahr 1984. „Blumen kriegen die auch noch für den Abstieg...“ flachste ein Gästespieler am finalen Spieltag der Schicksalssaison laut Bericht der Augsburger Allgemeinen. Rund 50 Tore erzielte Leistungsträger Michallik in ungefähr 300 Partien für den TSV Neusäß.
Anschließend widmete sich der Mann, der auf dem Rasen praktisch alle Feldspielerpositionen ausfüllen konnte, einem sozialen Projekt namens Kinderkrebshilfe „Urmel“, für das er auch heute noch Spenden sammelt. „Ich habe Millionen Menschen Spaß und Zufriedenheit vermittelt, jetzt möchte ich krebskranken Kindern helfen,“ sagt der ehemalige Fußballer, der mit seinen Projektkollegen schon rund 20.000 Euro für Familien, bei denen ein Kind an Leukämie leidet, aufgetrieben hat. Den Namen URMEL hat die Kinderkrebshilfe von Max Kruse bekommen. Darauf sind Michallik und seine Kollegen Stolz. Mehreren betroffenen Familien konnten sie schon helfen. „Dies ist aber nur mit Unterstützung unserer Mitbürger möglich“, erklärt Michallik. Neffe Dirk starb mit acht Jahren an Blutkrebs. Für Michallik, der sich inzwischen über vier gesunde Enkelkinder freut, ein prägendes Ereignis, das maßgeblich für seinen Einsatz für das "Urmel"-Projekt ist.

Noch heute wohnt Michallik in Neusäß und arbeitet vom Alpenviertel aus. Seinen Sportshop in Stadtbergen gibt es nicht mehr. Auch Bayerns älteste Discothek „Försterkeller“, deren Betreiber er war, ist von der Bildfläche verschwunden. Ob sein drittes Standbein, ein Automaten-Aufstellgeschäft, noch existiert? Nein, denn: "Das Gewerbe ändert sich. Computer ersetzen Automaten", so der Mann mit den vielen Füßen in vielen Türen.
Zuerst hängte der 61-jährige Westfale seine erfolgreiche Fußballkarriere an den Nagel Ein ausgefülltes Berufsleben folgte. Gesundheitliche Spätfolgen seiner Profikarriere verspürt der Familienvater dreier erwachsener Kinder nicht. Dennoch ist auch die Zeit vorbei, in der er Seniorenvereinsmeister im Doppel beim Tennisclub Biburg war. Was ihm, der das Leben eigenen Aussagen zufolge stets genießt, noch bleibt, sind Erinnerungen an eine tolle Fußballkarriere auf höchstem Niveau, seine Familie und die Urmel-Krebshilfe. Hinzu kommt sein Engagement für das soziale Projekt "Wir für Vereine", bei dem es um die Absicherung des Menschen geht, und für dessen Nord-Direktion Per Mertesacker aktiv ist. Aufgaben, an denen Michallik wächst und bei der Langeweile ein Fremdwort bleibt.

Name: Heinz Michallik
Geboren: 21. 7. 1947 in Hamm
Wohnort: Neusäß
Sportart: Fußball
Bis: 1984
Verein: u.a. Borussia Mönchengladbach, FC Augsburg, TSV Neusäß
Größter Erfolg: UEFA-Cup-Finalist und Deutscher Pokalsieger 1973 mit Gladbach
Zusammenfassung: 39 Bundesligaspiele für die Borussia, Deutscher Vizemeister und Drittplatzierter, 112 Zweitligaspiele für den FC Augsburg

Fragen an Heinz Michallik:

Sie haben 1973 in Liverpool in der ruhmreichen Anfield Road gespielt. Wie war es, vor englischem Publikum in dieser traditionsreichen Spielstätte aufzulaufen?

Michallik: Dieses Stadion mit der Akustik war zur damaligen Zeit einzigartig, so eine komprimierte Stimmung habe ich selten erlebt. In München habe ich vor 80.000, in Barcelona vor 110.000 Besuchern gespielt, aber die 45.000 Zuschauer in Liverpool haben alles in den Schatten gestellt. Es war ein tolles Gefühl in diesem Hexenkessel zu spielen und den Engländern unsere Spielkultur zu zeigen. Wir wurden auch mit großem und dauerhaftem Applaus verabschiedet.

Was halten Sie von der Praxis vieler Proficlubs, den Stadionnamen zu vermieten?

Michallik: Diese Art der Vermarktung ist eine sehr gute Sache, denn nur so ist es möglich ein tolles Stadion mit allen Möglichkeiten zu bekommen. Durch diese Vielfalt entstehen viele Synergien und Arbeitsplätze.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Fußballs generell, der Bundesliga, des FC Augsburgs und des TSV Neusäß?

Michallik: Jeder Mensch, Beruf oder Sport entwickelt sich generell weiter, denn nur so kann man den Anforderungen gerecht werden. Ein Stillstand wäre ein Rückschritt, da sich die anderen weiterentwickeln und verbessern. Die Großvereine richten schon seit Jahren eigene Kadarschmieden ein und die Erfolge Europaweit geben ihnen Recht. In der Bundesliga wird das Verhältnis zwischen Arm und Reich aber immer krasser, da die FIFA das Geldfüllhorn nur über die Spitzenvereine in Europa ausschüttet, die zudem die hohen Gelder für die TV-Übertragungen bekommen. Allerdings werden durch diese Entwicklung auch neue Arbeitsplätze geschaffen, denn ein Verein ist eine Firma und die kann nicht nur mal so nebenbei geführt werden. Das hat der FC Augsburg auch jahrelang verschlafen, sich nicht um fähige Mitarbeiter bemüht. Als Außenstehender kann ich zum TSV Neusäß nichts sagen, aber sicher muss er wie andere auch noch einiges lernen.

Der schönste Moment in Ihrer Fußballerkarriere:

Michallik: Es gibt viele schöne Momente in meinem Sportleben: Der Pokalsieg 1973 gegen Köln, Europacupendspiel 1973 gegen Liverpool, Gewinn des Internationalen Fußballturniers 1972 im Juan Gamper-Stadion in Barcelona, zwei Aufstiege und Westfalenmeisterschaft mit der DJK Gütersloh, Spiele in der Deutschen Bundeswehrnationalmannschaft, der Aufstieg mit dem TSV Neusäß und beim TC Biburg zwei Vereinsmeisterschaften im Doppel mit Heinz Sigl. Wir waren ein tolles Team.

Vergleichen Sie bitte die Stimmung im Stadion mit der Atmosphäre im Försterkeller. Wie kam es dazu, dass Sie Bayerns älteste Diskothek aufbauten?

Michallik: Je mehr Höhepunkte, desto besser die Stimmung. Genau wie im Fußballstadion. Die Besucher oder Gäste möchten Spaß ohne Stress, dann kommen sie immer wieder gerne. Der Försterkeller war nach 36 Jahren sogar Deutschlands älteste Diskothek! Das zeigt, dass die Atmosphäre gepasst hat.

Inzwischen gibt es weder den Försterkeller, noch Ihr Sportgeschäft in Stadtbergen, noch das Automaten- Aufstellgeschäft. Warum?

Michallik: Das Leben beziehungsweise das Gewerbe ändert sich. Computer ersetzen Automaten und das Internet macht anderen Geschäften das Leben schwer. Steigende Miet-, Lohn-, und Energiekosten gesellen sich zu sinkenden Einkommen. Die Erbengemeinschaft hat das Objekt an Spekulanten verkauft und so ist der Försterkeller nach 38 Jahren gestorben. Das Gebäude steht heute noch leer da.


Wer krebskranken Kindern helfen möchte, kann hier spenden:
Urmel Kinder-Krebshilfe e.V. Konto: 24118820 BLZ: 69050001 www.urmel-kinder-krebshilfe.de
Es ist auch möglich, Patenschaften für Betroffene zu übernehmen!
Für die Vereinszeitschrift, die sich über Anzeigen finanziert, sucht URMEL noch Mitarbeiter. Wer sich für Vereinsmanagement interessiert, kann sich ebenfalls bei heinz.michallik@arcor.de melden.
Die Erlöse der Spenden, Sammlungen und Events kamen dem Kinderkrebszentrum Augsburg und direkt Betroffenen zugute.
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4 Kommentare
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Kurt Aue aus Königsbrunn | 22.11.2008 | 04:51  
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Michael Stauner aus Neusäß | 22.11.2008 | 12:32  
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Karl - Heinz Schultze aus Wuppertal | 01.10.2009 | 03:52  
1.498
Franz X. Köhler aus Gersthofen | 12.04.2015 | 21:51  
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