Hase und Igel / Das Wettrennen aus der Sicht des Hasen

Inspiriert durch einen Beitrag von Karin Kirchhain (http://www.myheimat.de/marburg/kultur/mein-maerche...) habe ich mir die Geschichte vom Hasen und Igel einmal vorgenommen und habe versucht sie mit den Augen des Hasen zu betrachten. Das ist dabei herausgekommen:

Ja, ich sehe es ein. Ich war hochfahrend und eitel. Doch den Tod habe ich nicht dafür verdient. Doch will ich von Anfang an erzählen.
Es war an einem Sonntagmorgen als ich mir, wie jeden Morgen, den Kohl von Bauer Rübsam besah. Ich sah ihn als meinen eigenen an, da ich doch jeden Tag davon verzehrte.
Die Sonne sandte ihre ersten wärmenden Strahlen zur Erde nieder, die Lerchen und Finken sangen ihre fröhlichen Lieder, es schien ein paradiesischer Tag zu werden.
Da sah ich auf dem Feld neben dem meinen, hier wuchsen die größten Rüben in der Gegend, Nachbar Igel die Ackerfrüchte begutachten.
„Ah, der Herr Igelmann kontrolliert seine Rüben, ob sie reif für den Verzehr sind. Habt Ihr es denn schnell genug auf Euren kurzen, krummen Beinen hierher geschafft?“
Entrüstet schaute mich Nachbar Igel an. „Was heißt hier auf meinen kurzen, krummen Beinen? Meine Beine sind genau so gut als die Euren.“
Ich musste herzhaft lachen. „Nun seht. Meine Beine sind länger und schöner von Gestalt als die Euren. Ich kann mich auf ihnen schneller fortbewegen als Ihr. Wollt Ihr dies etwa bestreiten?“
Herr Igelmann schaute mir sinnend ins Gesicht. Dann antwortete er: „Ja, das will ich bestreiten. Ich wette sogar mit Euch um einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein, dass ich schneller rennen kann als Ihr.“
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Was bildete sich dieser kleine Stachelhäuter eigentlich ein? Nie würde er mich schnellsten aller Läufer in einem Wettkampf besiegen können. Aber bitte, wie er wollte.
„Gut“, sagte ich, „wie du willst. Dann lass uns gleich beginnen. Auf dem Kartoffelacker dort nimmt jeder eine Furche als Bahn zum Laufen. Wer als Erster am Ende seiner Furche angekommen ist, der ist Sieger.“
„Nur keine Eile“, sagte Herr Igelmann. „Ich will erst nach Hause gehen und frühstücken. In einer Stunde bin ich zurück.“
Ich willigte ein. Auf eine Stunde mehr oder weniger bis zu meinem Sieg kam es mir nicht an. Ich ging noch eine Weile spazieren und fand mich nach einer Stunde wieder beim Acker ein. Meister Stachelhaut war auch schon da, unserem Wettlauf stand also nichts mehr im Wege.

Wir stellten uns beide in unserer Furche auf, ich zählte: „Eins, zwei, drei“, und lief wie ein Sturmwind den Acker hinunter. Als ich aber am Ende meiner Furche ankam, saß dort schon der Igel und rief mir entgegen: „Ich bin schon da!“
Ich dachte ich sehe nicht richtig. Das konnte doch nicht sein! Wie sollte der Igel schneller gewesen sein als ich? Es war aber so. Ich konnte ihn mit eigenen Augen sehen. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Wenn sich das herumsprach, wurde ich zum Gespött aller ansässigen Tiere.
„Lass uns noch einmal laufen. Diesmal anders herum.“ Der Igel nickte nur und auf mein Kommando ging die wilde Jagd von vorne los. Als ich am Ziel ankam, war der Igel aber schon wieder da und es tönte mir wieder entgegen: „Ich bin schon da!“
Ich dachte, ich müsste vor Wut zerplatzen. Ich schrie: „Wir laufen noch einmal!“
Der Igel antwortete nur: „Sooft du willst.“
Wir liefen dreiundsiebzig Mal, aber immer war der Igel vor mir am Ziel. Ich hatte schon keine Puste mehr, mein Hasenherz schlug bis zum Hals, doch war ich vom Ehrgeiz so zerfressen, das ich noch mal laufen wollte. Es sollte das letzte Mal sein. Als ich die Mitte der Furche erreicht hatte, meine Schritte schon langsamer wurden, spürte ich ein heftiges Stechen in der Brust, ich holte tief Luft … und stürzte dann tot zu Boden.
Ich spürte wie mir leicht wurde, ich mich von meinem Körper löste und aufwärts zum Himmel in ein helles Licht schwebte. Von hier konnte ich meinen leblosen Körper auf dem Acker liegen sehen. Dann sah ich von jeder Seite des Ackers einen Igel auf meinen Leichnam zukommen. Zwei Igel! Den Wettlauf hatten also zwei Igel bestritten! Ich war schmählich betrogen worden!
Es war der Igel und seine Frau, die mir diesen tödlichen Streich gespielt hatten.

Was ich nicht verstehen kann, wieso ich sterben musste? Hatte ich den Igel und seine Familie so durch meine Dünkelhaftigkeit gekränkt, dass ich den Tod verdient hatte? Nicht vorstellbar. Oder war ihre Rachsucht so maßlos groß? Oder war es nur Dummheit? Ich weiß es nicht zu sagen.
Die Igelfamilie hat mein Mitleid. Wer sich so anderen Lebewesen gegenüber verhält, kann einem nur leid tun. Ich kann das ohne Ressentiments sagen, denn der Tod ist das Angenehmste was ich je erlebt habe. Doch das konnten Igelmann und Igelfrau nicht wissen.

© R. Güllich

Bürgerreporter:in:

Rainer Güllich aus Marburg

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