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Der Schulstandort Groß Lafferde

links: Neue Schule von 1907/1909; rechts: alte Schule von 1891/1892; vorn: Teilansicht desSchulgebäudes von 1799/1800 (ab 1892 Kantor- und Küsterwohnhaus), 1975 abgerissen
 
Die alte Schule um 1900, erbaut 1891-1892
 
Die Schule in Rössing (Nordstemmen) diente als Vorbild für das 1891/1892 in Groß Lafferde errichtete Schulgebäude
Ilsede: Groß Lafferde | Im Mai 1585 wurde in Groß Lafferde die erste Volksschule der näheren Umgebung gegründet. Sie ist die zweitälteste im Kreise Peine.

Das 1. Schulhaus befand sich Im südlichen Bereich des (alten) Friedhofes. Dieser Leichtbau  stand nur etwa 40 Jahre. Dessen Nachfolger existierte bis 1726, dann musste er durch einen Neubau (Hausnummer 163) ersetzt werden. Der hatte einen großen Klassenraum und hieß deswegen "Große Schule". Er  brannte 1799 nieder. Sein Nachfolger war von 1800 bis 1892 in Betrieb, dann diente er als Wohnhaus für Kantor und Küster. Im  Jahre 1975 wurde das Gebäude abgerissen. An seiner Stelle steht jetzt das Feuerwehrgerätehaus (Bernwardstr. Str. 3a).

Als ein 2. Klassenzimmer benötigt wurde, errichtete man gegen 1591 am Opperhof (Opferei) einen Anbau. Der Opperhof hatte die Hausnummer 164 und wurde fortan auch "Kleine Schule" genannt.  Im Jahre 1844 ersetzte man den Anbau durch einen größeren Raum für 144 Kinder. Von jetzt an war der Opperhof die "große" Schule und die ehemalige "Große Schule"  (am Südende des alten Friedhofes) die "Kleine Schule."  
Auf dem Areal des Opperhofes wurde 1891/1892 ein neues, massives Schulgebäude errichtet. Es erhielt, nachdem der Gebäudekomplex des Opperhofes abgerissen war, dessen Hausnummer 164 (jetzt Bernwardstr. 6).
Eine großzügige Stiftung des Kommerzienrates Friedrich E. Behrens ermöglichte es, in den Jahren 1907/1909 ein weiteres Schulgebäude zu errichten (Hausnummer 131, jetzt Bernwardstr. 8). Das ist die jetzige "Neue Schule". Sie galt damals als modernste Schule des Bezirks.

Die 1891/1892 erbaute "alte" Schule wurde nach dem Vorbild der Schule in Rössing (Nordstemmen) errichtet. Im Erdgeschoss waren  4 Klassenzimmer (80 Kinder je Raum!) und  im Obergeschoss  2 Wohnungen vorgesehen. Die Baukosten von 40.000 Mark mussten durch einen Kredit von 36.000 Mark finanziert werden.
Seit nunmehr 125 Jahren werden in diesem Gebäude ohne Unterbrechnung Kinder beschult. Leider hat bisher niemand das Jubiläum  zu würdigen gewusst.
Von 1933 bis zur Fertigstellung des Gemeindebüros im Jahre 1952 befand sich im 1. Raum rechts des Eingangs die Gemeindeverwaltung.

Groß Lafferde war einer der renommiertesten Schulstandorte der näheren und weiteren Umgebung.

Johann Peter Hundeiker betrieb wegen der vorübergehend schlechten Volksschule in den Jahren 1793 bis 1796 eine private Bauernschule, deren Schülerzahl während dieser Zeit auf 60 anstieg.
Das von ihm errichtete Pädagogium, eine Pensionsschule neuen Typs, wurde  u. a. von Schülern aus Schottland, England und Spanien besucht. Kinder von einflussreichen Familien aus Hildesheim und Braunschweig, von Adligen, Bürgern, Diplomaten, Protestanten und Katholiken, wurden gemeinsam erzogen und unterrichtet. Unterrichtsfächer waren: alte Sprachen (Grundkenntnisse), Französisch, Mathematik, Erdkunde, Geschichte, Zeichnen, Religion, Moral, Sport und kaufmännische Berufe (Warenkunde, Buchhaltung).
Im Jahre 1804 verlegte Hundeiker sein Institut in das Schloss Vechelde (abgeworben durch Herzog Karl Wilhelm Ferdinand).

Ab 1890 gaben fortschrittliche junge Lehrer in Groß Lafferde freiwillige Abendkurse von großer Beliebtheit.  Daraus entwickelte sich eine freiwillige Fortbildungsschule, die später zur ländlichen Fortbildungsschule ausgebaut wurde. Ab 1911 war sie eine Pflichtschule.
Unterrichtsfächer waren Deutsch, Rechnen, Raumlehre, Naturkunde, Bürgerkunde, Buchführung und für Handwerkslehrlinge außerdem gewerbliches Zeichnen nach dem Muster der Kunstgewerbeschule in Hildesheim.
Unterstützung erhielt die Schule im wesentlichen durch Kommerzienrat Friedrich E. Behrens, aber auch durch örtliche Handwerksmeister und Gewerbetreibende.
Unterrichtet wurden alle männlichen Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren. Der Unterricht fand in den Wintermonaten statt, an zwei Abenden pro Woche. 1910 wurde die Schule von 58 Schülern besucht, 1922 waren es 22. Wegen der Folgen des 1. Weltkrieges musste die Fortbildungsschule 1928 den Betrieb einstellen.
1929 wurde eine gewerbliche Berufsschule ins Leben gerufen. Ihr gliederte man im Jahre 1930 eine landwirtschaftliche Fortbildungsschule an, die aber bereits im Jahre 1931 aus Geldmangel geschlossen werden musste. 1936 wurde eine landwirtschaftliche Haushaltungsschule eingerichtet, an der z. B. im Jahre 1941  40 Mädchen  aus Groß Lafferde, Klein lafferde und Gadenstedt teilnahmen.

Nach dem Schülerboom der 1940er Jahre (entstanden durch Kinder von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen), gingen die Schülerzahlen ab Mitte der 1950er Jahre wieder zurück. Eine wesentliche Ursache war das Streben nach besserer Schulbildung (Besuch von Mittelschulen und Gymnasien, Fortfall des Schulgeldes an diesen Schulen). Einen letzten Aufschwung erlebte die Volksschule Groß Lafferde in den 1960er Jahren, als die Gemeinden Groß- und Klein Lafferde eine Mittelpunktschule betrieben, die aber mit dem Entstehen der Gemeinde Lahstedt wieder aufgelöst wurde.

Seitdem ging es mit dem Schulstandort Geoß Lafferde nur noch bergab. 1981 löste  die Gemeinde Lahstedt die Hauptschule auf, so dass nur noch die Grundschule übrig blieb.

Als die ersten Schulzentren errichtet werden sollten, hat man in Groß Lafferde die Zeichen der Zeit nicht erkannt (das war leider in andereren Dingen auch der Fall). Die Lokalpolitiker versäumten es, sich engagiert für einen attraktiven Schulstandort Groß Lafferde einzusetzen. Edemissen, Hohenhameln, Groß Ilsede, Lengede, Vechelde und Wendeburg waren da kleverer. Inzwischen ist der Zug abgefahren, Groß Lafferde abgehängt. Von Realschule, Gymnasium, Gesamtschule, Oberschule und sonstigen Bildungsstätten kann der Ort nur noch träumen. Selbst bei der Ganztagsgrundschule musste erst Oberg den Vorreiter spielen, bevor man in Groß Lafferde wach wurde.

Jetzt ist sogar die örtliche Grundschule in ihrer Existenz bedroht. Die Gemeinde Ilsede will sie, zusammen mit der adenstedter Grundschule, auflösen.  Dafür  soll in Gadenstedt eine neue Schule auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft werden. Die hohen Kosten von ungefähr 9 Millionen Euro, die Folgekosten, der Verbrauch von Ackerland, der Schülertransport und der damit einhergehende Schulausfall bei schlechter Witterung, die Vermassung kleiner Kinder an einer großen Schule, der Identitätsverlust in den Ortschaften, die Unterhaltskosten der leerstehenden, denkmalgeschützten Schulgebäude, scheinen nicht zu interessieren.

Da allgemein bekannt ist, dass öffentliche Bauten stets erheblich teurer werden als ursprünglich geplant, darf man davon ausgehen, dass die 9 Millionen Euro bei weitem nicht ausreichen. Wenn man die Hälfte dieses Betrages in den Erhalt und in die Modernisierung der bestehenden Schulgebäude investieren würde, könnte man schon viel erreichen und gleichzeitig den Steuerzahler ganz erheblich entlasten.

Wodurch ist erwiesen, dass große Schulzentren kostengünstiger und besser arbeiten, als örtliche Grundschulen?
Warum muss man Kinder im Grundschulalter in Schulzentren pressen?  Sinnvoller sind kurze Wege für kurze Beine. Außerdem ist es kostengünstiger und umweltverträglicher, wenn Lehrkräfte zu den Schülern fahren als umgekehrt. Das Argument, Lehrer würden in kleinere Schulstandorte nur schwer zu vermitteln sein, zählt nicht. Lehrer sind Landesbeamte und haben dort zu unterrichten, wo sie vom Dienstherrn hinbeordert werden.

Die größeren Gemeinwesen klagen über mangelnde ehrenamtliche Tätigkeit und mangelndes Bürgerinteresse; Ortschaften klagen über Identitätsverlust. Das wird nicht besser, wenn Ilsede über die Köpfe der Bürger hinweg zweifelhafte Schulpolitik betreibt.

Schließt man gegen jede Vernunft die Grundschule Groß Lafferde, dann verkommt das Dorf, in dem schon so viel verschlafen worden ist, endgültig im Dornröschenschlaf. 
Dem selbstgefälligen Bauernding-Spruch "in Gruden Laffer is alles in Arnunge" wären Dr. Margot Käsmanns Worte "Nichts ist in Ordnung" entgegenzuhalten.
Groß Lafferde, "das Dorf mit Tradition", würde in Abwandlung der Traditions-Definition des Thomas Morus endgültig "ein Ort, in dem nicht die Flamme weitergereicht, sondern lediglich die Asche bewahrt wird". Um das zu vermeiden, muss die Schule, ebenso wie die Kirche, im Dorfe bleiben.

Quellen zu den geschichtlichen Daten: Aufzeichnungen von Adolf Nülle und Richard Wolf;   Chronik 1175 Jahre Groß Lafferde S. 463 ff.
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2 Kommentare
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Karl-Fr. Seemann aus Ronnenberg | 16.11.2017 | 02:18  
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Wilhelm Heise aus Ilsede | 16.11.2017 | 07:51  
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