Anzeige

Philipp Otto RUNGE & Max ERNST (LopLop): Zum (Prä-)SURREALISMUS-Begriff: ARCIMBOLDO etc.

Als pflanzlich-tierische CHIMÄRE ist auch die HKH LopLop-Fassung zu sehen: Kopf ragt aus Blüten-Stempel – PollenKugel – Fuß… BILD Kunsthalle HH ausgestellt, ist untertitelt mit GESCHENK Dieter SCHARF – sfumatage werner hahn.
 
RUNGEs Kleiner MORGEN in der Hamburger Kunsthalle. Bild sfumatage-transportage mit zwei POR-Kennern. Foto & Malerei werner hahn.
 
Was inspirierte den SURREALISTEN Max ERNST dazu, gerade Philipp Otto Runges Bild "Der Morgen" als Hommage zu nutzen? ANTWORT im wh-Artikel. Bild werner hahn Kunsthalle HH.
 
Entdeckt von werner hahn: LopLop in der Hommage zu P.O. Runges "MORGEN" - siehe Artikel.
 
Den Begriff des SURREALISMUS übertrug ich schon auf ARCIMBOLDO – Urahne der Surrealisten, um 1527 in Mailand geboren – siehe Artikel & Bilder im web - PHANTASIE-Stücke-METAMORPHOSE: Hommage an ARCIMBOLDOs Surrealismus. a&s-p-bild.
Vorbemerkung

Der SURREALISMUS - wörtlich „über dem Realismus“ surreal = traumhaft im Sinne von unwirklich – war/ist in Literatur und bildender Kunst eine Bewegung, die in der Nachfolge von Dada um 1920 in Paris entstand. Ziel war es, das Unwirkliche und Traumhafte sowie die Tiefen des Unbewussten auszuloten. Um Erweiterung menschlicher Logik ging es – man wollte den begrenzten Erfahrungsbereich durch das Phantastische und Absurde erweitern.

Bewusstsein und Wirklichkeit global erweitern – RUNGE & SURREALISMUS

Um das Phantastische OHNE Absurdität ging es auch in RUNGEs Werk: Die vom französischen Schriftsteller und Kritiker André Breton seit 1921 in Paris geführte surrealistische Bewegung suchte die eigene Wirklichkeit des Menschen im Unbewussten und verwertete Rausch- und Traumerlebnisse als Quelle der künstlerischen Eingebung und sie bemühte sich darum, das Bewusstsein und die Wirklichkeit global zu erweitern und alle geltenden Werte umzustürzen. KEINE ANARCHIE aber HARMONIE UNIVERSELL kennzeichnen P.O.Runges evolutionäre (revolutionäre) Kunst- und Weltauffassung.

Den Begriff des SURREALISMUS übertrug ich schon auf ARCIMBOLDO – Urahne der Surrealisten, um 1527 in Mailand geboren – siehe Artikel & Bilder in
PHANTASIE-Stücke-METAMORPHOSE: Hommage an ARCIMBOLDOs Surrealismus mit "Das Wasser" - "Der Sommer"/"Vertumnus" - "Der Bibliothekar" und GRÜNEWALD-Monster; 6/1/2011.
Bild 3 aus Beitrag: TRASMUTAZIONE DI FORME (Leonardos Metamorphose-Denken): Schlüsselbegriff für "KUNSTSTÜCKE". Zu Werner HOFMANNs Buch und RUNGE (III)

http://www.myheimat.de/gladenbach/kultur/phantasie...

Artikel: http://www.schirn-magazin.de/kontext/surreale-ding... - Kommentar werner hahn

http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/56... mit Bildern ARCIMBOLDOs: VANITAS-Werke als AUFRUF zum LEBEN (2.Teil): MARBURG aktuell – TOTEN-Kopf-Konjunktur. "Schädelstätte" im KUNSTVEREIN MARBURG und in Paris

Bild-Erfindungen Arcimboldos gaben den Surrealisten des 20. Jahrhunderts Anregungen. So mutmaßlich auch RUNGEs BILD-Erfindungen:

Meine HYPOTHESE

RUNGEs MORGEN-Gemälde: Ein UR-SURREALISTisches Werk!

Drei Fragen:

Hat RUNGEs MORGEN-Gemälde (Kunsthalle Hamburg) etwa kunsthistorisch betrachtet als proto-surrealistisches Bild zu gelten –in prä-surrealistischer Malweise?

Was inspirierte den SURREALISTEN Max ERNST dazu, gerade Philipp Otto Runges Bild "Der Morgen" als Hommage zu nutzen (z.B. nicht C.D. Friedrichs Werke in HKH) nahezu „abstrakt“ zu malen?

JA: Bei Erkundung der "Protosprache der KUNST" ist das exemplarisch vorbildlich gemalte RUNGE-Haupt-Werk als ein prä-modernes Werk zu verstehen: Kann es wissenschaftlich als ein universal-„symbolistisch-surrealistisches“ Bild interpretiert werden? Im Gegensatz zu Max ERNSTs „antiphilosophischen“ Interessen als Moderne-Surrealist.

VERSUCH einer Antwort:

An anderer Stelle sagte ich: Das Thema ERNSTs MORGEN-Abstraktion & RUNGEs MORGEN interessiert sehr. Habe von Werner SPIES (FAZ, Kenner des ME-Werkes) Bücher zu ME, die ich mir noch einmal genauer ansehen habe. „Nichts zu finden; auch beim Googeln nicht.“ – Nunmehr – nach dem Veröffentlichen des Artikels – entdeckte ich Neues:

Mein FAZIT zu Max ERNSTs Gemälde „Ein schöner Morgen"

- HOMMAGE zu Philipp Otto RUNGEs Motiv des „Morgen": GRATTAGE mit LopLop …:
- http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/57...

Der Surrealist Max Ernst realisierte seine Assoziationen zu RUNGEs MORGEN in einem bewussten (!) und gezielten (!) malerischen Eingriff. In einem ersten Schritt teilte er das Bild in eine obere GELB- und eine unter ORANGE-Hälfte. In RUNGEs Bild sehen wir oben BLAU und unten GELB-ORANGE. Er integrierte wie in einer Frottage Geflecht-Formen/Strukturen in teilweise amorphen Zufallsstrukturen in das Grattage-Gemälde.

In den symmetrisch angelegten Bereich HIMMEL (bilateral: oben gelb & unten orange) legte er bewusst ein Vier-Eck-Blau-Fenster mit installiertem LopLop. Der M./.E./LopLop täuscht den Charakter einer Zufalls-Struktur nur vor. Der Vogel-Figur gibt er im Fenster-Kleinen eine mehr oder weniger prägnante und plastische Gestalt, wie z.B. dem Vogelkopf mit SYMBOL-Dreieck-Auge als Emblem „Vogelobere Loplop“ (Superior of the Birds). Man muss schon genau hinsehen, um zu verstehen, was im Fenster überhaupt zu entdecken ist.

Fazit: Max ERNST hat sich in der bewussten ästhetischen bzw. inhaltlichen Auswahl subjektiv mit RUNGEs Werk auseinandergesetzt; siehe auch die SYMMETRIE-betonten Verzierungen des Rahmens.

Dass Zufalltexturen nur nebenbei eine Rolle in der surrealen Bild-Erfindung Max ERNSTs spielen, zeigen auch die Gemälde in der Galerie; siehe Artikel GZ – Link.

Max ERNST sagte:
„Frottage ist nichts anderes als ein technisches Mittel, um die halluzinatorischen Fähigkeiten des Geistes zu steigern, damit Visionen sich automatisch einstellen ein Mittel, sich seiner Blindheit zu entledigen.“

GRATTAGE ist für ERNST
ebenfalls nichts anderes als ein technisches Mittel, um die halluzinatorischen Fähigkeiten seines Geistes zu steigern, damit Visionen sich automatisch einstellen ein Mittel, sich seiner Blindheit zu entledigen. Bei der Grattage wird sehr BEWUSST ein mehr oder weniger dicker Farbauftrag wieder von der Leinwand heruntergekratzt, so dass ein Negativbild entsteht.

Die Figur, die den Namen Loplop trägt, ist winzig in der GRATTAGE erkennbar; nur der Kenner des Werkes von M.E. kann sie deuten: Dahinter verbirgt sich der Künstler selbst.

„Nachdem ich 1930 mit Ausdauer und Methode meinen Roman ‹La femme 100 têtes› fertiggestellt hatte, bekam ich fast täglich den Besuch des Vogelobren Loplop, eines Privatphantoms, das überaus treu war. Es war mir fest verbunden“ (Ernst).

In den Arbeiten mit LOPLOP wird die Stellung des Künstlers zum Surrealismus thematisiert. Werner SPIES - der beste Kenner der Materie - untersucht in einer tiefgründigen Analyse unter Einbezug von Freuds Leonardo-Aufsatz die Identifikation von Ernst mit der Kunstfigur «Loplop» und ermöglicht so dem Leser, ein Kapitel Kunstgeschichte mit neuen Augen zu sehen. (Siehe a.a.O. Literaturhinweis)

Der rätselhafte Vogelmensch mit dem Phantasienamen Loplop - eine Gestalt aus Ernsts Privatmythologie - führt eine Existenz mit vielen Facetten: Er ist einerseits Alter ego des Künstlers, aber auch eine Figur, die an seiner Statt ironische Bildinhalte präsentiert.

Meine FRAGE war:

Ob Werner SPIES den LOPLOP in Max ERNSTs Gemälde „Ein schöner Morgen" - die

HOMMAGE zu Philipp Otto RRUNGEs Motiv des „Morgen": GRATTAGE mit LopLop – kennt ???

Werner SPIES hat als COVER zu einem Buch den LopLop-Vogel-Kopf als Detail ausgewählt: Ausschnitt aus dm Gemälde „FIGURE HUMAINE“ um 1930. Das Gemälde fotografierte ich beim HKH-Besuch (ohne Erinnerung an das Buch von W.S.): Im Buch von SPIES: „Max Ernst – Loplop – Die Selbstdarstellung des Künstlers“ (DUMONT 1998) – bildet der Kunstexperte auf Seite 124 als Abb. 109 die „Menschen-Figur“ ab; vermerkt in der Legende zum sw-Bild: Privatsammlung Hamburg.

Das Gemälde – siehe a&sGalerie – in der Kunsthalle HH ausgestellt, ist untertitelt mit GESCHENK Dieter SCHARF – Hamburg 1998 - „FIGURE HUMAINE“ 1930 – Human Figure. Auch eine andere Fassung von FIGURE HUMAINE (1931 SPIES a.a.O. S. 100 Abb. 92 – mit Frosch-Armen/Händen, Blumen/Blüten Organen) zeigt, dass das bedrohlich Misch-Wesen krakenhaft-apokalyptische Visionen verkörpert. Als pflanzlich-tierische CHIMÄRE ist auch die HKH LopLop-Fassung zu sehen: Kopf ragt aus Blüten-Stempel – PollenKugel – Fuß… Siehe auch bei SPIS Abb. 107/108 (S. 123 – loplop-Chimaera). Dazu auch FLORALE ARABESKEN: S. 130 Abb. 116 und besonders 117 – Studie von 1931 zu HKH-Gemälde: „Je t’imagine en présentante une autre. Ein BLÜTE-Füßler, der an RUNGES SCHAFFEN STARK erinnert – besonders eben auch an PORs MORGEN!

Wissenschaft von der EVOLUTION der Natur & KUNST-Relevanz (RUNGE – ERNST – ARS EVOLUTORIA

Eine Werkgruppe von Max Ernst entstand 1920 bis 1922: Ernst fiel ein naturwissenschaftlicher Lehrmittelkatalog in die Hände, der ihn begeisterte. "Ich fand dort so weit voneinander entfernte Figurenelemente vereint, dass die Absurdität dieser Ansammlung eine plötzliche Intensivierung der visionären Fähigkeiten verursachte und eine halluzinatorische Folge von widersprüchlichen Bildern hervorrief."

Manche dieser Bildelemente verarbeitete ERNST zu Collagen, in anderen Fällen benutzte und übermalte er die Lehr-Tafeln direkt. Künstlerischer Perspektivenwechsel: Darwins Lehren bewirkten endlich, dass nicht mehr die NATUR naturalistisch zum zentralen Gegenstand der Malerei gemacht wurde (abstrakt – konkret – surreal …), sondern stattdessen die Wissenschaft von der EVOLUTION der Natur.

In dem viel gelesenen (angeklickten) ARTIKEL: Wie Künstler EVOLUTION malen: Zur Ausstellung „DARWIN – KUNST UND DIE SUCHE NACH DEN URSPRÜNGEN“ (Teil 2) – 34 Bilder vom 28.4.09 – befasste ich mich mit
Max ERNST & Ernst HAECKEL

Max ERNST war „sicherlich vertraut mit HAECKEL, dem großen Verfechter Darwins in Deutschland“, schreibt Pamela KORT in der FAZ. Der Zoologe HAECKEL sei „ein talentierter Künstler“ gewesen. Das stimmt!

Erstaunlich: „DARWINISMUS IST EINE KUNSTEPOCHE“, titelte die FAZ; Cord RIECHELMANN v. 5.02.09 (Feuilleton S. 31).

Zum Artikel in FAZ.Net ebenda eine 6-teilige sowie 12-teilige Bilderstrecke. Ein für mich auch wegen der Zellen-&-Gewebe-Strukturen mit „Zell-Teilungen“ und Kopf-Körper-Assoziationen interessante prozesshafte Gemälde von Max ERNST der Ausstellung ist ebenda im WEB wiedergegeben worden:

„La bicyclette graminée garnie de grelots les grisons grivelés et les échinodermes courbants échine pour quêter des caresses“ von 1921 (Museum of Modern Art, New York). Eine mit Gouache überarbeitete „botanische Illustration“, so die FAZ in der Bildlegende zum pflanzenartigen „Fahrrad“.
Das „Grasfahrrad“ (siehe Link Abb.) könnte als surrealer Ahne (Vorfahre) der ars-evolutoria-Geschöpfe interpretiert werden, denn meine neue Malerei hat mit Max ERNSTs Collage- und Frottage-Technik insofern zu tun, als hier gesetzmäßige „Durchreibungen“ (evolutionäre transmutative Spiegelungen & Asymmetrisationen) in halbautomatischer TECHNIK mutativ-gesetzliche Formen-Bildung ermöglichen.

Sie lassen in evolutionärem BIFURKATIONs-&-Prozess-Geschehen VERWANDTSCHAFTs-Ketten (stammbaumartig verzweigte biomorph-anthropogene Ableitungen, EVOLUTIONäre VARIATION) entstehen. Zu „Collage-Montage“-Anwendungen kommt es, wenn im Kopf-Körper/Beine-Schaffen KUNSTORGANISMEN-Teile kombiniert werden. Zur Bild-Koppelung in der ars evolutoria vgl. Kap. 5.4 in meinem SYMMETRIE-BUCH (SB 1989 deutsch, 1998 & 2011 ebook; Englisch) – Kontakt zum renommierten Kunstwissenschaftler Werner HOFMANN; Autor zahlreicher Bücher zur bildenden Kunst.

WELT-Erkennen in der ars evolutoria ist nicht Welt-Ablehnen; die Logik des Wahren/Schönen/Guten wird reanimiert - vgl. mehr im Essay der Anthologie EST (in Hahn/Weibel – S. 257 ff.): „Evolutionäre Natur-und-Kunst-Ästhetik (…)“, S. 279.
Organische evolutionäre Formbildung entzieht sich nicht dem kausalen Erfassen; ist nicht „banal“ & „belanglos“, nicht sinnlos – macht indessen „SINN“ (vgl. w. u. GOMBRICH über „Sinn“). Eine Realisierung von noch unbewusstem Inhalt erlaubt die Technik der ars evolutoria auf GESETZLICH-(!)-automatistische Art und Weise, was kunsthistorisch als innovativ-originell zu bewerten ist. Zum natürlichen Weiterleben von REALISMUS (Denken), SURREALISMUS, (Fühlen), EXPRESSIONISMUS (Empfinden) und KONSTRUKTIVISMUS (Intuieren) als „Spiegelbilder psychosomatischer Grundstrukturen“ in der ARS EVOLUTORA siehe SB Kapitel 2.2.4.. Über „Zusammenklänge des Abstrakten mit dem Realen“. Zu KANDINSKY und die Verbindung von „Spontaneität und Formstrenge“ (HOFMANN) ebenda weiter Ausführungen.

Das Evolutionsprinzip des unablässigen Wandels wird in der ars evolutoria aufgegriffen um eine harmonische PARALLELWELT hervorzubringen, die es so in der bildenden Kunst noch nicht gegeben hat. EVOLUTIONISIERUNG nicht (!) als herkömmliches „Metamorphose“-Denken.

Unter „Forschung und Lehre“ veröffentlichte die FAZ zum DARWIN-JAHR schon am 14.12.08 einen wichtigen Beitrag von Pamela KORT zur Schirn-Ausstellung „Darwin und die Kunstgeschichte: Die überleben werden – ein Blick ins Jahr 2005“. Siehe den Artikel auch in FAZ.Net mit 3 Bildern; ebenda auch das laut FAZ „botanische“ Bild. Zum ERNST-Werk über das „Grasfahrrad“ von „um 1921“ – 74,3 X 99,7 cm; KAT. 19 – vgl. auch (1)): In deutscher Übersetzung heißt der Titel so: „Das mit Glöckchen geschmückte Grasfahrrad, die gesprenkelten Grauköpfe und die sich krümmenden Stachelhäuter / katzbuckelndes Begehr um Liebkosungen“ (a.a.O. S. 266.).

Das zitierte Bild offenbart exemplarisch den UMGANG des Surrealisten ERNST mit der EVOLUTIONstheorie: In meinem Symmetriewerk (SB) befasste ich mich auch mit Max ERNST und bildete dort in Abb. 250 eine Mensch-Blumen-Zeichnung des Künstlers ab:

„First Visible. Poem No. 1“ von 1934,

in dem organisch nicht zusammengehörige Gebilde (Armskelett, Fruchtblatt in Übergröße und gegabelter Blütenstand) kombiniert sind. In der Legende zum Bild formulierte ich vorsichtig kritisch: „Die biologisch gesehen künstlich-absurde, nicht homologisierende surreale (d. h. paradoxe ‚überwirkliche’) Gruppierungsmethode lässt zwar kaum Deutungen zu, vermag aber eine hintergründige und poetische magische Qualität zu evozieren.“ Ernst GOMBRICH fragte einmal: „Wieviel Sinn hatte der Künstler im Sinn?“ („Ziele und Grenzen der Ikonologie“, in: Bildende Kunst als Zeichensystem, Köln 1979, S. 379.)

„Vogel-Menschen“ & Max ERNSTs LopLop

In einem „physiomythologischen Diluvialbild“ von 1920 (entstanden in ERNST-ARP-Zusammenarbeit) benutzte ERNST seine Version eines MISCHWESENs in mythischen Augenblicken der Zeit (vgl. KORT-Beitrag in (1); Abb. 12, S. 42): Eine surreale biomorph-anthropomorphe GESTALT als dadaistisch kombinierte Kopf-Rumpf-Beine-Figuration. Sie setzt sich zusammen aus teils VOGEL (so der Kopf und ein gekrümmtes Vogelbein), teils MANN (Menschen-Körper mit Hals). Die surreale Figur steht in einer Wassermasse, in die ein aus einem Lehrmittel-Katalog ausgeschnittener Brontosaurus zu versinken droht.

Diesen grotesken „Vogel-Menschen“ mit einer Ästhetik der Formfindung als einer „gewaltsamen Kopplung von Bildern und Strukturen/Texturen“ (so SPIES) ließ ERNST in den nächsten beiden Jahrzehnten in verschiedenen Versionen mehrmals in seiner Kunst wiederauftauchen. Auch als das VOGELWESEN „Loplop“, der „Vogelobre“, der ganz offensichtlich „von Anfang an ein Wesen“ war, „mit dem sich Max Ernst identifiziert“ hat. Ein „Privatphantom“ nannte er das irritierende Misch-Wesen „Vogelmensch“: „Maler, Dichter und Theoretiker des Surrealismus“. (Vgl. Werner SPIES: Max Ernst – Loplop. Die Selbstdarstellung des Künstlers. Köln 1998 S. 9 ff.)

Über das Vogel-Mensch-Wesen referiert Pamela KORT im FAZ-Artikel sowie im Katalog SCHIRN-Schau. Bis 1925 hatte Max ERNST ein von ihm surreal erfundenes Repertoire unterschiedlicher Arten von „Lebewesen“ geschaffen, die seine in Köln und später in Paris geschaffenen Collagen und Gemälde bevölkerten. Der Surrealist erdachte schon früh „neue ‚Arten’ pseudomythologischer Wesen“, schreibt die Kunsthistorikerin.

In einer Collage („Jimmy Ernst“ von 1920 (KAT.47, S. 41 a.a.O.) kombinierte ERNST einen Anzeigen-Ausschnitt (mit Saurier-Zeit-Landschaft) zusammen mit davor integrierten zwei im Dinosaurier-Kampf befindlichen Tieren (Katalog-Ausschnitt). ERNST collagierte dies zusammen mit einem Kopf-Bild seines kleinen Sohnes „Jimmy“, der in einer „Kiste“ sitzt. KORT verrät: Auf der Rückseite der Collage, die an Ernst HAECKELs „biogenetisches Grundgesetz“ erinnere, steht geschrieben: „antithetisch wie immer: ‚dadafex minimus le plus grand antiphilosophe du monde 1920 max ernst’“ (ebenda S. 41).

Einen weiteren Aspekt des „antiphilosophischen“ Interesses des Surrealisten ERNST ist das „Frottage“-Schaffen; Durchreibungs-Ergebnisse verwandt dem Seurat’schen Prinzip des Crayon-conté-Kreide-Zeichnens, „die Fossilien ähnelten“ (KORT). (Zu Georges SEURAT vgl. auch mein SB Abb. 689a mit Legende.), „die Fossilien ähnelten“ (KORT). Diese Frottage-„Fossilien“ „dokumentierten“ ERNSTs Vorstellungen von URSPRUNG, EVOLUTION und Verfall des Lebens auf der Erde („Histoire Naturelle“). Hierbei gehe es mit ERNSTs „Artefakten“ („falschen“ Fossilien) nach KORT um das „Darwinistische Dilemma, das Böcklin fast 50 Jahre zuvor beschäftigt hatte: Wie kann dem Kontinuum der Natur angesichts all ihrer Abweichungen Form gegeben werden?“

Die bis Ende 1925 fertiggestellten 134 Frottagen zeigten, dass das evolutionäre Kontinuum („Leben auf der Erde“) hier mit Bildern visualisiert werden sollte, „nachdem das Leben auf der Erde erloschen war“. (S. 42.)

HAECKELs „Kunstformen der Natur“ (1899 bis 1904)

„scheinen nach Format und Zielsetzung die unmittelbarsten Vorläufer von Ernsts Werk gewesen zu sein“, meint die Kunsthistorikerin. „Die einhundert großformatigen, mehrfarbigen Tafeln in den Kunstformen der Natur waren von solcher Qualität, dass sie die Ästhetik zweier Generationen von Künstlern beeinflussten, darunter Hermann Obrist und Paul Klee. Die schönen, kunstvollen Drucke, die das Wesen der darwinistischen Anschauungen deutscher Wissenschaftler zu den Naturformen und ihren Bauprinzipien verdeutlichen sollten.“ (KORT im FAZ-Artikel; analog in Katalog, S. 43.)

Wissenschaftliche Wandtafeln, die HAECKEL gelegentlich in seinen Vorlesungen benutzt hat, fügte ERNST in einige seiner Collagen ein. Aber:

„Die mutierten, abartigen Lebensformen, die Max Ernsts ‚Histoire Naturelle’ beherrschen, stehen im Widerspruch zu Haeckels Drucken, in denen die Natur als Künstlerin gefeiert wird. Ernst dagegen setzt sich für die Fähigkeit des Künstlers ein, Naturformen zu ersinnen, nachdem die Natur, wie wir sie kennen, verschwunden sein wird.“ Die Lichtdrucke ERNSTs seien ohne „akademische Strenge des nachdarwinschen Naturverständnisses, wonach Naturwissenschaftler versuchen, Naturgesetze zu rekonstruieren, die sich angeblich nicht mehr veranschaulichen ließen“, sagt die Kunsthistorikerin.

Während der 1930er Jahre kehrte Max ERNST wieder zu den Motiven seiner „Histoire Naturelle“ zurück und steigerte deren katastrophale Bedeutung. Im großen Gemälde der SCHIRN-Schau „Europa nach dem Regen“ (1940-1942; 55 X 148 cm, KAT. 29) schuf ERNST ein Gemälde, „das mit seinen tropfenden geologischen Formen - fossilisierten Überresten - und seinen rauchgeschwärzten, geschmolzenen, felsartigen Spitzen nicht nur an die Konsequenzen eines möglichen Zusammenstoßes der Erde mit einem Kometen denken lässt, sondern an die tatsächlichen Folgen der damals in Europa von den Nationalsozialisten angerichteten Verwüstungen“ (KORT). Der Titel verweise auch auf das Thema seines physiomythologischen Diluvialbildes.

Die Ausstellung zeigt auch ERNSTs nach dem Krieg (1947) entstandenes Gemälde „Design in Nature“ (übersetzt „Zeichnen nach der Natur“; 50,8 X 66,7 cm, S. 90 KAT.30). Von „Naturformen“ sprach SPIES, der das Bild in „Max Ernst 1950-1970: Die Rückkehr der Schönen Gärtnerin“ (Köln 2000, S. 89) abgebildet hat. Figuren in skulpturalem Design hat ERNST modifiziert auch in seinem 1948 entstandenen Bild mit besonderer neuer Maltechnik auftauchen lassen, das ich in WIEN sehen konnte („Götter-Festmahl“, bei SPIES nicht abgebildet).

ARS EVOLUTORIA & „Festmahl der Götter“ von 1948 (Max Ernst)

SPIES sprach im Zusammenhang mit dem „Naturformen“-Gemälde von einer „Verleugnung des Malaktes durch Max Ernst“ (S. 89). Zu Maltechnik & Theorie der ARS EVOLUTORIA ergeben sich besonders im Götter-Bild Verwandtschaftsbeziehungen. In dem „Festmahl der Götter“ von 1948 (153 x 107 cm) – aus monochromen Farbflächen in strengen Symmetrien komponiert - mit 4 frontal bilateral-symmetrisch eingebundenen biomorphen surrealen „Köpfen“ – drückt sich ERNSTs ernstes Interesse an GESETZlichem in der Natur aus. Im Bild „Design in Natur“ ist ein den symmetrischen „Göttern“ analoger gehörnter Kopf zu sehen. Das Götter-Festmahl hätte meines Erachtens ein wichtiger Bestandteil der DARWIN-Schau in der SCHIRN sein können! Beziehungen zu HAECKELs Symmetrien-Denken ergeben sich durchaus. Die beiden kleinen biomorph-anthropomorphen „3-Füßer“, die asymmetrisch im Bild querliegend auftauchen, sind evolutionär als „Götter-Abkömmlinge“ zu deuten. Das Götter-Festmahl ist im Katalog der Ausstellung „Genau und anders: Mathematik in der Kunst von Dürer bis Sol LeWitt“ (Museum Moderner Kunst in Wien, 2008) abgebildet (S. 57).

Siehe WEB: http://www.kultur-online.net/?q=node/3146 . Das Werk in Großabbildung in: http://www.mumok.at/fileadmin/files/Downloads/insi...

„Beeindruckend und farbenprächtig zieht es jeden Besucher mindestens einmal an. Mit größtenteils geometrischen Figuren und teilweiser Symmetrie ist es eines der besten Stücke der Ausstellung“, konnte man zum ERNST-Werk „Le régal des dieux“ im WEB lesen. Schüler sahen in dem Götter-Bild eine Katze, einen Affen, einen Frosch und eine Fledermaus. Andere hingegen haben darin Menschen gesehen. Wenn auch jeder etwas Anderes in diesem Bild sehen kann, steht doch fest, dass das Bild aus vielen einzelnen geometrischen Figuren besteht: aus Dreiecken, Kreisen & Ellipsen (für die vier Doppelaugen); insofern sind Assoziationen zu Franz MARC und seinen „Schöpfungsgeschichte“-Bildern gut möglich; auch von der intensiven harmonischen Farben-Wahl, die prismatisch-regenbogenartig ins Bild gesetzt wird.

„Auch Surrealisten wie Max Ernst waren der optischen Faszination der exakten Formen verfallen. Das kann man an seinem wunderbaren Bild „Festmahl der Götter" studieren“ (so Hans-Peter RIESE in der FAS v. 5.5.08, S. 40 zur MUMOK-Schau). Dass Max ERNST - im Unterschied zu HAECKEL, „der die Menschheit für die Krönung der Evolution hielt - sich zu fragen begonnen hatte, ob der zivilisierte Mensch das Leben am Ende nicht ausrotten werde“, gibt KORT zu bedenken. ERNST stellte mit seinem Werk eine „Frage, die Darwin im Wesentlichen offen gelassen hatte: Wenn die Evolution kein Ziel hat, bedeutet sie dann notwendig Fortschritt?“
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.