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Kunst & Wissenschaft: SEURATs „Pointillismus“ und „Atomismus“ (1. Teil)

Georges Seurat - Erfinder des Pointillismus. a&s-Bild-Mutante nach einem sw-Foto. (a&s-05/01/2010.)
 
Seurat und die Grundfarben (a&s-04/01/10). Pointillismus.
 
SEURAT hätte sich gefreut, den heute als raketenförmig-„vertikale Stadt“ errichteten 828 Meter hohen Turm von Bubai („Bujr Chalifa“) bildnerisch darzustellen. (a&s-W.H.)
 
Seurats "La Grande Jatte" (1884-1885; Ausschnitt mit Skizze aus "Histoire de la Peinture" (1994).
 
1989 malte Seurat – 1 Jahr bevor der Eiffelturm eingeweiht wurde (31jährig starb G.S. 1991) -, das Bild „Der Eiffelturm“. In Zürich 2009, in Frankfurt ab 4.03. 2010 zu sehen (Schirn).
   
Neo-Pointillismus der ars evolutoria - “Evo-devo-art", "science art” mit weißen Punkten auf schwarzem Grund, „Pointillistischer Evolutionismus“ -, hat nichts mit Georges SEURATs Zeichnen (mit Conté-Kreide) zu tun.
 
EVO-Art-Pointillismus/Atomismus: Nachurknall-Seinshaftigkeiten - siehe Hahns Symmetriebuch 1989/98 Fig. 688, 689a, 689b, 689c.
Der Gigant der Malerei Georges Seurat egalisierte in seiner Kunst die Grenzen zwischen Zeichnung, Malerei und Bildhauerei. Der „Chromo-Luminarist“ („Licht-Zergliederer“) erfand den "Pointillismus" und ließ damit die vorgetäuschte Spontaneität des Impressionismus weit hinter sich. Eine farbig und räumlich durchkonstruierte Bildsprache als synthetische Einheit war sein Ziel. Aus Vertikalen und Horizontalen geometrisch aufgebaute Kompositionen haben ihn besonders fasziniert. „Schmutzmalerei“ hat er durch einen „Punktismus“ von sich gegenseitig steigernden und kontrastierenden Komplementärfarben (Rot-Grün, Gelb-Violett, Blau-Orange) reformiert, wodurch innovative Gemälde in optischer Mischung durch die reinen Farben des Prismas erstmals wahrgenommen werden konnten.

Dass ein Maler quasi die Wirkweise des Farben-Fernsehens entdeckt hat, ist sensationell. Nur dumme Kritiker sahen in der Malmethode des Pointillismus’ (nicht witzig) eine „Fliegendreck- oder Punktmanier“. Seurats originelle Auffassung von „Harmonie“ in den „Schönen Künsten“ war einzigartig - ein intellektualistischer Gegenwurf in Theorie und Praxis - wissenschaftlicher Stil - zur etablierten zeitgenössischen Malerei im damaligen Kunstbetrieb. Kunst und Wissenschaft konnten verschmelzen. Ein seit der Ästhetik der Renaissance-Heroen Dürer & Leonardo endlich neuer Evolutionisierungs-Schritt! An die Stelle veralteter akademischer Regeln konnte der Autodidakt Seurat eine naturwissenschaftlich-konstruktivistisch begründete Malerei kreieren. Dass der Pointillismus erst heute eine Mutante im „Atomismus“ der ars evolutoria gefunden hat, soll im vorliegenden Essay mit Bildern – 150 Jahre nach Seurats Geburt in Paris (2.12.1859) und am Ende des Darwinjahres 2009 - nachfolgend erörtert werden.

Der Erfinder und Technik-Freund Seurat, der den 300 m hohen Eiffelturm 1889 zur Einweihung experimentell-pointillistisch in Licht-Auflösung gemalt hat, hätte seine helle Freude gehabt, den heute als raketenförmig-„vertikale Stadt“ errichteten 828 Meter hohen Turm von Bubai („Bujr Chalifa“) bildnerisch darzustellen. Das höchste Weltgebäude – ein Luxustempel für Super-Reiche, -Schöne und –Erfolgreiche - mit riesigen Glasfenstern der Außenfront ist mit dem Turmbau von Babel zu vergleichen: In der Bildenden Kunst diente der damals gigantische Babel-Turm (Höhe „nur“ 77-91 m, umhüllt von glasierten Ziegeln) dem Maler Pieter Breughel d. Älteren als Motiv (1563): für menschliche Überheblichkeit, Größenwahn und Geltungsdrang. (Siehe meine a&s-„Wolkenkratzer“ der Bilderserie.)

Der Pointillismus (von französisch "point" = Punkt) ist eine etwa 1883 entwickelte, stilbildende Mal-Technik. Bei dieser synthetischen Malerei – Gigant Georges Seurat nannte seine wissenschaftliche Methode/Theorie „Chromo-Luminarismus“ -, wird die Farbe in Punkten und Strichen, statt in Flächen auf die Leinwand gebracht. Es werden im Verfahren nur die Grundfarben verwendet. Seurats künstlerisches Credo lautete u.a. „Kunst ist Harmonie. Harmonie ist die Analogie gegensätzlicher und ähnlicher Elemente, des Tones, der Farbe und der Linie (…) Gegensätze sind für die Farbe die Komplementärfarben, d.h. ein gewisses Rot wird seiner Komplementärfarbe gegenübergestellt usw. (Rot-Grün, Orange Blau; Gelb-Violett). Für die Linie diejenigen, die einen rechten Winkel bilden.“ Seurat - 1859 im Jahr der Veröffentlichung von Charles Darwins Buch zur Evolutionstheorie geboren -, entwickelte eine synthetische Malerei, ein wissenschaftliches Verfahren, das er „Chromo-Luminarismus“ genannt hat. Die Punkte-Methode, die man als eine Art flächen- und hohlraumbildende „Collage“ betrachten kann (Meyer Schapiro), führt als Stil das impressionistische Anliegen der Wiedergabe von Atmosphäre und Licht weiter und beruft sich für seine Methode auf wissenschaftliche Erkenntnisse der Wahrnehmung, auf die Gesetze von Optik und Farbenlehre, sowie auf die Psychologie des Sehens.

Im Visier der Kunst: Dialog mit den Naturwissenschaften

Jede einzelne Motiv-Farbfläche wird also bei Gemälden Seurats in kleinste Partikel zerlegt (siehe Bildergalerie – z.B. „Der Eiffelturm“), so dass sich die komplementären Kontraste im Auge des Betrachters aufheben und zu abgestuften Farbtönen verschmelzen. Kollege Paul Signac betonte zur Methode Seurats: „Harmonie (…) durch die optische Mischung ausnahmsweise reiner Farben (aller Farben des Spektrums und aller Zwischentöne)“. Die Punkte sind so klein, dass sie aus der Ferne nicht mehr oder kaum noch zu erkennen sind.

Seurats Räume sind wie „Atomismus“-Räume der ars evolutoria (Bilder/Theorie-Vergleich siehe weiter unten) nach wissenschaftlichen Gesetzen aufgebaut. Der französische Neuerer der Malerei, der gern als „Unhabhängiger“ ausstellte (Mitbegründer der „Société des Artistes Indépendants“) und zu seinen Lebzeiten nur wenige Bilder verkauft hat, hatte es anfangs sehr schwer, sich gegen Kritiker zu behaupten; von "Fliegendreckmalerei" und "Erbsenzählerei" wurde gesprochen. Das große Kunstpublikum liebte Seurat nie, stets wiederholte sich der Vorwurf einer „trockenen Wissenschaftlichkeit“ oder der „Kopfkunst“. Das bahnbrechende Werk seines kurzen Lebens lieferte später eine opulente Beute für Kunsthändler.

Heftige Kritik löste der französische Maler und Zeichner mit seiner pointillistischen Malweise aus, die Ende des 19. Jahrhunderts etwas völlig Neues in der Entwicklungsgeschichte der Malerei darstellte. Die Impressionisten hatten Licht und Farben in der Natur studiert. Die Pointillisten und Divisionisten widmeten sich dieser Aufgabe auf wissenschaftliche Weise: Sie bauten Licht und Farbe auf Leinwand und Papier besonders in ihren Ateliers auf. Zu einem innovativ-originellen „Atomismus“ entwickelte mein ars-evolutoria-Neo-Pointillismus SEURATs Kunst weiter: zu einem Evo-Devo-„Atomismus“ mit Urform-Theorie und -Lehre und einem LICHT-MATERIE/ANTIMATERIE-ENERGIE-Urform-Modell (deutsch 1989, englisch 1998; vgl. (1)).

Siehe aktuell zur Jagd auf „Gottesteilchen“ und Urform-Modell: „gottesteilchen und werner hahn“ googeln – mit zahlreichen Ergebnissen: z.B. 30.11.09: „Gottesmaschine“ (CERN-Riese LHC) – „Gottesteilchen“ im Mini-Urknall gesucht“ in: (Ebenda 25 lehrreiche Bilder und weitere Links.)

Der Hauptvertreter der Gruppe des „alten“ Pointillismus - Georges SEURAT (1859-1891); siehe die Retrospekive-Ausstellung in Zürich (2009) & Frankfurt (Schirn 2010) - kreierte die neue Mal-Technik: Er zerlegte - wie gesagt - jeden Farbton in kleine Punkte aus Komplementärfarben, Blau neben Orange, Rot neben Grün und Gelb neben Violett. Mit diesen Kontrasten erzeugte er ein vibrierendes Licht und verstärkte damit seine strahlende Wirkung. Die Grundfarben-Kontraste verschmelzen aus der Ferne betrachtet auf der Netzhaut des Betrachters und erscheinen gleichförmig, jedoch auf eigenartige Weise tanzend und bewegt. Mit schwarzem fettigen conté crayon zeichnete G.S. auf geriefeltes, unebenes Michallet-Papier seine subtilen Helldunkelstudien, erlesene Meisterwerke moderner Zeichenkunst. (Vgl. Bilderserie, ebenda „Fünf Affen“ (1884/85) von G.S. – siehe Affe in „La Grande Jatte“.)

EVO-DEVO-„Elementarteilchen-Kunst“ – Atomismus als „evo-devo-particle-art”

Neo-Pointillismus der ars evolutoria - “Evo-devo-art", "science art” mit weißen Punkten auf schwarzem Grund, „Pointillistischer Evolutionismus“ -, hat nichts mit Georges SEURATs Zeichnen (mit Conté-Kreide) zu tun. Vgl. mehr in Hahn (1) a.a.O. Abschnitt 12.7.. Auf mutierte weiße Punktmengen habe ich auch in einem Internet-Beitrag mit mehreren Bild-Beweisen hingewiesen: EVO-Art-Pointillismus/Atomismus: Nachurknall-Seinshaftigkeiten - siehe Hahns Symmetriebuch 1989/98 Fig. 688, 689a, 689b, 689c und neu auch „Kristallisationen zur ars evolutoria“ (EVO-Art, evo-devo-art) in: http://www.myheimat.de/gladenbach/darwin-jahr-2009... .

Hier wurde erörtert, dass und „warum Victor Vasarely nicht als Vertreter von „EVO-DEVO“-Kunst zu sehen ist“. In (1) sprach ich davon, dass die kleinsten „scheinbar ‚unteilbaren’ (…) Punktelemente“ – „’Quanten’, ‚Kraftteilchen’, ‚Atome’, ‚Zellen’ …“ als „Aposteriori-Bildwelten“ des ars evolutoria-„Atomismus“ zu verstehen sind. Die „exakt angeordneten“ Tuschestift-Punkte modellieren ein rasterartiges Partikelgewebe in lebendiger „Lichtmalerei“, das fokales Sehen in einem zurückeroberten, „zentralperspektivischem“ Bildraum mit evolutionären Symmetrien als „rotem Faden“, ermöglicht. "Energie/materie“-artige symbolhaltig-vieldeutige „Nachurknall-Seinshaftigkeiten“ werden evoziert. (Mehr in (1) – 12.7.)

EVO-DEVO-„Elementarteilchen-Kunst“ (evo-devo-elementary-particle-art; kurz: “evo-particle-art”) könnte mein ATOMISMUS der ars evolutoria auch genannt werden:

Durch „mutierende“ (evolutionär-bifurkative) Ordnungs-Prinzipien entstanden Bild-„Mutationen“, in denen sich potentielle Bifurkationen als echte „EVO ART“ (evo-devo-art; evolutionary-developmental-art, R/Evo-Art) weiterentwickelt haben. Zur Begriffsbildung sollte man wissen: In der Biologie ist jüngst eine neue Disziplin entstanden, die zwischen der Entwicklungs- und der Evolutionsbiologie eine Brücke schlägt: „Evo Devo“ - ein Begriff aus dem Englischen für evolutionäre Entwicklungsbiologie, den ich in diesem Artikel erstmals in den Bereich KUNST transponierte. Vgl. auch im Internet: 1053 mal gelesen wurde http://www.myheimat.de/gladenbach/beitrag/71257/da... UND 326 mal wurde (bis 6.01. 2010) http://www.myheimat.de/gladenbach/beitrag/100575/d... gelesen.

Berühmt sind Seurats Gemälde-Hauptwerke – das erste große Bild „Badeplatz in Asnières“ (1883-84), die Seine-Insel „La Grande Jatte“ mit Ausflüglern (1884-86, Phantasiebild 207 x 308 cm, Chicago; vgl. Galerie der Bilder, Ausschnitt mit Affe) oder „Der Zirkus“ (Le Cirque 1890-91; blieb unvollendet). Grossbilder, die ausnahmsweise noch an der Retrospektive in Paris 1991 zu sehen waren, dürfen aus konservatorischen Gründen ihre Heimatadresse heute nicht mehr verlassen.

Wie betont: Die Farb-Bilder Seurats bestehen aus unzähligen kleinsten Farb-Fragmenten, die über das (Doppel)Auge aufgenommen und durch die sensorische Fähigkeit der menschlichen Farbwahrnehmung wieder zusammengesetzt werden. Um eine geordnete harmonische Welt zu zeigen, setzte Seurat seine Farbtheorien und Erkenntnisse über die symbolische Bedeutung der Linienführung („geometrisches“ Gerüst aus horizontalen und vertikalen Komponenten – Raumgliederung; siehe Bildserie, Bild mit Skizze) , in seinen Gemälden konsequent um.

Seurats EIFFELTURM-Gemälde

1889 malte Seurat – 1 Jahr bevor der Eiffelturm eingeweiht wurde (31jährig starb G.S. 1891) -, das Bild „Der Eiffelturm“. Das kleine Gemälde („La Tour Eiffel“, ca. 1889 Öl auf Holz, 24,1 x 15,2 cm - Fine Arts Museums of San Francisco, in Zürich & Frankfurt zu sehen) dokumentiert bestens Seurats farbenprächtige Tupfen-Technik. Sie passte gut zum Motiv des Turmes aus bunten Emaille-Farben; vgl. Bilder-Galerie. Im Bild ist der Turmbau noch nicht abgeschlossen gemalt und die Zukunft "offen". Mein Turm-Ausschnitt-Bild offenbart: Punkt für Punkt setzte der innovative Maler auf kleine Flächen Farbtupfer. Bei großen Gemälden musste Seurat auf einer Leiter stehend Punktieren, so dass die unzähligen winzigen „Punkte“ das Bild immer mehr verdichteten.

Kein besseres Emblem als das Gemälde des Eiffelturms konnte die Seurat-Ausstellung des Kunsthauses Zürich im Jahr von Seurats hundertfünfzigstem Geburtstag (2009) wählen. Das aus San Francisco nach Zürich gekommene kleine Gemälde ist in Frankfurt ab 4. Februar 2010 in der Schirn Kunsthalle zu bewundern. Der 300 m hohe Eiffelturm aus 12000 Metallstücken - für die Weltausstellung von 1889 gebaut, die zur Feier des hundertsten Jahrestages der Französischen Revolution stattfand -, war von Gustave Eiffel als Monument des wissenschaftlichen Zeitalters gedacht.

Der vor einem hellblauen Himmel rötlich flimmernde Eiffelturm schmückt die Vorderseite des Katalogs und ist das einzige der in Zürich & Frankfurt ausgestellten Werke, das mit einer eigenen Beschreibung gewürdigt wird. Das Kunsthaus Zürich schreibt zur Seurat-Schau: „Der Weggefährte von Cézanne und van Gogh erfüllte die vom freien Farbauftrag lebende Malerei mit wissenschaftlicher Präzision. Wo nichts war als Licht und Atmosphäre schuf er rationale Dialoge zwischen Figuren und dem sie umgebenden Raum. Von dieser Leistung zeugen die mehr als 70 hochkarätigen Gemälde und Zeichnungen, die aus bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen aus London, Paris, New York und Washington den Weg ins Kunsthaus Zürich angetreten haben.“ (http://www.kunsthaus.ch/de/ausstellungen/aktuell/.) Für Frankfurt (Schirn) siehe Presse-Text und Download-Bilder in http://www.schirn-kunsthalle.de/index.php?do=press... Zum Katalog der Ausstellungen siehe (3).

Der originellste Meister des Pointillismus sei in europäischen Museen kaum vertreten, ist zu lesen. Seurat ist einer der 4 Väter der Modernen Kunst - so Werner Hofmann: „vier patres des 20. Jahrhunderts“ (neben Gauguin, van Gogh, Cézanne (2)). Mit 31 Jahren gestorben, hinterließ der Kunst-Gigant nur wenige Werke, von denen die Besten dazu noch selten reisen dürfen. Die rund 70 Gemälde und Zeichnungen hat das Kunsthaus Zürich nach dem Thema "Figur im Raum" ausgewählt. Zur wissenschaftlichen Präzision: „Wo nichts war als Licht und Atmosphäre schuf er rationale Dialoge zwischen Figuren und dem sie umgebenden Raum. Van Gogh, Gauguin und viele andere Maler seiner Generation waren von Seurats Farbpalette und pointillistischen Technik fasziniert. Später schwärmten die Künstler des Bauhauses von diesen ungewöhnlichen Bildkompositionen, den Geometrisierungen der Figuren wie der Landschaft. Aus dem großen Kreis der impressionistischen Künstler hat Seurat wie kein zweiter die Kunst und ihre Rezeption beeinflusst.“ (Kunsthaus).

Der Text des Ausstellungs-Kataloges enthält vier Aufsätze, die auch kritisiert wurden: „ Sollte eine solche Zusammenführung erlesener Leihgaben nicht Anlass für eine Zusammenschau und Revision des Wissens über den Künstler sein - zumal die Kunstwissenschaft in der Beschäftigung mit Seurat sich selbst begegnet, in der problematischen Gestalt einer Naturwissenschaft des Sehens, einer Physiologie der rezipierenden Bildkonstituierung?“, fragt die FAZ. Man bekommt in Zürich „keine Vorstellung vom philologischen Aufwand der Seurat-Forschung, der gerade im Erfolgsfall vor die Frage führt, was der Nachweis des Studiums optischer Traktate für das Verständnis der Bilder erbringt“, wird kritisiert.

Der Eiffelturm eignet sich „prächtig zur Demonstration von Seurats Verfahren, dem sogenannten Pointillismus. Aus reinfarbigen Punkten setzt sich die Bildfläche zusammen. Hier scheint ein Descartes des Sehvermögens am Werk, der die Wahrnehmung des Bildes in elementare Operationen zerteilt. Tatsächlich brachte Seurat sein Vorgehen auf den denkbar einfachsten, cartesischen Begriff: „ma méthode“. Erst im Auge des Betrachters verbinden sich die Farbflecken zu Linien.“ (So Patrick Bahner, 02.12.09 - ein FAZnet-Beirag mit Bilderserie.)

Das Farbfernsehen - Seurats wegweisende Erkenntnisse

Zum Bild des Eiffelturms von Seurat habe ich in der Bilder-Galerie eine Aufnahme des nächtlich beleuchteten Las-Vegas-Eiffelturms abgebildet: In einer Ausschnitt-Vergrößerung zu diesem Bildschirm-Foto zeige ich, dass die Farbwahrnehmung beim Farbfernsehen auf einer additiven Farbmischung von drei Farbpunkten bzw. Rechtecken – Rot, Grün, Ultaramarinblau (Phosphortripel verteit über den gesamten Bildschirm) – beruht; im Gegensatz zur Farbmischung bei einem Farbdruck/Farbfilm (= subtraktiv; siehe dazu viel mehr in (1) – 11.6.8. („Zur polaren Struktur der Farbwahrnehmung“ – ebenda zu 3 opt. Grundfarben, den paarigen Mischfarben gelb, purpurrot und cyanblau sowie zum ars-evolutoria-Farbenkreis, Fig. 511; vgl. Galerie-Bilder. In (1) auch mehr zu Goethes Farbenlehre mit „richtigem“ Farbkreis, Kanten-Spektren-US von Goethe und mir im Experiment. Zur Evolution des Farbensehens 11.6.9. und 11.7. mit Experimenten, die auf das Symmetriegerüst des weißen Lichtes schließen lassen. Kapitel 5.4. dokumentiert a.a.O. die Farbgebung in ars-evolutoria-Bildern (Brief an Werner Hofmann v. 7.8.1975: Farbenklänge – Farbkonstellationen mit 5 Abb.) und mit zahlreichen symmetrischen Farbenkreis-Varianten.

Während die Pointillisten mit dem Pinsel einzelne Farb-Punkte komplementärfarben oder kontrastierend nebeneinander fügten, gliederten die Divisionisten (z.B. Giovanni Segantini (1858-1899, der „Dichter“ alpiner Landschaften) die Farbflächen eher durch einzeln nebeneinander gesetzte Striche und Linien (weniger auch Punkte) auf.

(Neo)Pointillismus (innovativer Atomismus) und veralteter Taschismus – EVO-DEVO-Taschismus?

„Pointillismus“ heißt Punkt-um-Punkt-Malerei, „Tachismus“ Fleckenmalerei. Während der Pointillismus ein alter, historischer Ismus ist und der Tachismus ein eher neuer, noch nicht historischer, aber antiquierter Ismus ist, stellt der „ATOMISMUS“ der ars evolutoria in Syntax und Semantik eine völlig neue Malweise dar:

Während der Tachismus ein Äußerstes an Freiheit oder Disziplinlosigkeit, Spontaneität, Temperament, Subjektivität oder Unbewusstheit beinhaltet, bedeutet/e (war) der alte Pointillismus und ist der neue atomistische "Neopointillismus" zu all den genannten Eigenschaften weitgehend - die Farben-Setzung/Wahl betreffend - das Gegenteil. Auch im Tempo des Malens unterscheiden sich die Ismen. Das tachistische Bild entsteht in Stunden, Minuten oder Sekunden. Alter und „Neuer Pointillismus“ (ars-evolutoria-Atomismus) kann in derartiger Kürze der Zeit nicht entstehen. Beweis: Bild „Nachurknall-Seinshaftigkeiten“ – (1) Abb. 688-689c (1985).

In einer demonstrativen a&s-Bild-Beispiel-Reihe wird in Mutanten doziert, dass „EVO-DEVO-Taschismus“ eine Stil-Variante der ars evolutoria sein kann. Auch ein EVO-DEVO-Futurismus (Neo-Futurismus neben Neo-Taschismus) kann kreiert werden. Siehe im WEB und auf meiner Homepage auch zum a&s-Stil-Terminus „Neo-Expressionismus“, der EVO-DEVO-Expressionismus („Expressionistischer Evolutionismus") genannt werden kann (bitte googeln). (Siehe z.B. dazu Bilder im Link mit 43 Bildern: http://www.myheimat.de/gladenbach/darwin-jahr-2009... .)

Der Erfinder Georges Seurat brauchte für ein Gemälde normalerweise ein Jahr, manchmal etwas mehr; Atomismus-Bider entwickeln sich Punkt-um-Punkt (nach Vorstudien) in Wochen und Monaten. (Siehe dazu Bildbeispiele.) Der neue "ATOMIST" pünktelt wie der "alte Pointillist" aus Gründen einer streng wissenschaftlich orientierten und logisch durchdachten Theorie.

Linien statt Pixel – weiße Lichtpunkte im „Atomismus“

Divisionismus, so lässt sich verkürzt sagen, war eine dem französischen Pointillismus verwandte Malweise. Während die Franzosen um Georges Seurat und Paul Signac (1863-1935; mit deutlicher sichtbaren Farbpunkten auf Gemälden!) die Farben in Punkte – vergleichbar einem Raster oder Pixeln – auflösten, arbeiteten die Italiener mit feinen, eng aneinander gelegten Linien. In beiden Fällen stützten sich die Künstler auf naturwissenschaftliche (!) Farb-Theorien – und sie gingen davon aus, dass das Auge der Betrachter die Farben richtig mischen würde. Genau deswegen sind viele dieser Gemälde derart flimmernd und lichtdurchflutet. Allein diese neue Ästhetik war eine Revolution in der Tradition der Malerei, ein neuer Umgang mit den Phänomenen und dem Abbild der Wirklichkeit.

Dass sich für eine solche Malerei die Motive der Landschaft mit ihren wechselnden Atmosphären und Licht-Erscheinungen geradezu aufdrängte, liegt auf der Hand. Dass die reale Landschaft dann oft auch symbolisch überhöht wurde, ist aus dem Werk von Giovanni Segantini bekannt, der in einer Divisionismus-Ausstellung (4) im Kunsthaus Zürich kürzlich prominent vertreten war. Segantini, seinerseits Inspirator von Giovanni Giacometti, war nicht der einzige divisionistische Symbolist. Die italienischen Divisionisten flüchteten gerne, resigniert, in das Idyllisch-Symbolische. Darauf reagierten – mit dem Schlachtruf «Rivoluzione, rivoluzione!» – andere Künstler.

Damals veröffentlichte Filippo Marinetti das erste „Manifest des Futurismus“, in dem Gewalt und Krieg verherrlicht werden, die „einzige Hygiene der Welt“. Marinetti lobt auch die anarchistische Tat, die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag. Eine neue, radikale avantgardistische Bewegung wurde geboren. Viele Divisionisten schlossen sich ihr an. „Rivoluzione“ (in Zürich von Tobia Bezzola kuratiert) relativierte und reflektierte die Gradlinigkeit der Kunstgeschichtsschreibung: Die Moderne entstand nicht aus einer Tradition, sondern aus verschiedensten Wurzeln. Eine davon war der Divisionismus, schrieb die NZZ kritisch.

LITERATUR & Anmerkungen

(1) HAHN, Werner (1989): Symmetrie als Entwicklungsprinzip in Natur und Kunst. Königstein. Gladenbach: Art & Science, 1995. HAHN, Werner (1998): Symmetry as a developmental principle in nature and art. Singapore. (Übersetzung des Originalwerkes von 1989, ergänzt durch ein 13. Kapitel – mit erweitertem Sach- und Personenregister sowie Literatur- und Abbildungsverzeichnis.) HAHN, Werner / WEIBEL, Peter (Hrsg.) (1996): Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme. Stuttgart. Anthologie mit Beiträgen von 19 Autoren; mit Essay von Werner Hahn: „Evolutionäre Symmetrietheorie und Universale Evolutionstheorie. Evolution durch Symmetrie und Asymmetrie“.

(2) HOFMANN, Werner: Grundlagen der modernen Kunst. Eine Einführung in ihre symbolischen Formen. Stuttgart 1966. Zu Seurat: S. 190 – 196.

(3) Georges SEURAT - Figur im Raum. KATALOG-Publikation anläßlich der Ausstellung "Georges Seurat. Figur im Raum", Kunsthaus Zürich, 2. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 4. Februar bis 9. Mai 2010. Hrsg.: Zürcher Kunstgesellschaft, Kunsthaus Zürich]. - Zürich [etc.] : Kunsthaus Zürich [etc.], c2009. - 151 S. : Ill., z. T. farbig ; 28,5 cm.

(4) «Rivoluzione – Italienische Moderne von Segantini bis Balla», Kunsthaus Zürich. Ausstellung bis 11. Januar 2009 (www.kunsthaus.ch). Vgl. NZZ v. 27.09.08 (Konrad Tobler)
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Wochen-Info "win" | Erschienen am 09.01.2010
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W. H. aus Gladenbach | 13.01.2010 | 18:06  
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W. H. aus Gladenbach | 04.02.2010 | 10:36  
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W. H. aus Gladenbach | 04.02.2010 | 11:33  
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