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Ernst HAECKEL: In der Frankfurter SCHIRN zum 175. Geburtstag als KÜNSTLER geehrt

Tafel 1 der "Kunst-Formen der Natur" von Ernst HAECKEL (Leipzig 1899-1904)
Derzeit feiert man Charles DARWIN, der vor 200 Jahren – am 12.02.1809 - geboren wurde (1). An diesen „Vater der Evolutionslehre“ knüpfte Ernst HAECKEL an und entwickelte die Evolutions-Theorie weiter. Der Zoologe und Naturphilosoph wurde in Potsdam am 16. 2. 1834 geboren, also vor gerade 175 Jahren. Ohne HAECKEL wäre C. R. DARWIN in Deutschland bei Weitem nicht so bekannt. Der Zoologe und Künstler (s.w.u.) verbreitete die EVOLUTIONSTHEORIE und prägte biologische Begriffe wie z. B. „Ökologie" „Biogenetische Grundregel“; das "Biogenetisches Grundgesetz" besagt, dass die Ontogenie eine Rekapitulation der Phylogenie ist. Zweifelhafte gesellschaftspolitische Ansichten schmälerten indessen den Ruf des Naturphilosophen.

Charles DARWIN (1809-1882) wusste die Bedeutung seines deutschen Kollegen zu schätzen. HAECKEL gilt als Vorkämpfer der Evolutionsbiologie auf dem europäischen Festland. Während derzeit groß das DARWIN-Jahr 2009 gefeiert wird, bleibt HAECKELs 175. Geburtstag nahezu unbemerkt. Dass dies 2009 ebenso dem eigentlichen Begründer der Evolutionstheorie – dem Franzosen Jean-Baptiste LAMARCK heute widerfährt, habe ich im Web herausgestellt: Auch Franz M. WUKETITs betonte in der Frankfurter Laudatio-Rede (1), dass C. R. DARWIN zwar die „erste große Synthese in der Biologie als Naturwissenschaftler“ lieferte – wenn auch der Franzose LAMARCK schon im Geburtsjahr Darwins (1809) in seinem Hauptwerk „Zoologische Philosophie“ eine „erste Evolutionstheorie“ bereits präsentiert hatte.
Die erste umfassende Diskussion des Gedankens der EVOLUTON initiierte in der organischen und sozialen bzw. kulturellen Evolution erstmals wissenschaftlich (!) der Pionier der Wissenschaft Jean-Baptiste de LAMARCK.

Von „Transformation“ & „Transmutation“ – sprach C.R.D. später; danach erst benutzte er den Terminus „Evolution“ in seinen Schriften. Vor 200 Jahren hatte J.B.L. als erster Evolutionstheoretiker in seiner „Zoologischen Philosophie“ die Vorstellung vertreten, dass sich die Lebewesen auseinander (nicht einfach nacheinander (!)) entwickelt haben: durch Veränderungen in langen erdgeschichtlichen Zeiträumen und durch natürliche (!) Ursachen dieser Veränderungen. Der wirkliche Durchbruch des Evolutionsgedankens verdankt sich indessen dem Werk DARWINs von 1859 („Entstehung der Arten“).

HAECKELs Rolle bei der Verbreitung der Evolutionstheorie sei „kaum zu überschätzen", sagt heute der Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik an der Universität Jena, Olaf BREIDBACH gegenüber dpa. In Jena war HAECKEL (1834-1919) der erste Professor für Zoologie und auf dem Kontinent der Hauptvertreter für den Darwinismus. Der Zoologe sei in seinen Arbeiten, die sich mit der Systematik beschäftigen, immer noch einer, der Maßstäbe setzt, so BREIDBACH. Über seine Vorstellung, die individuelle Geschichte und die Stammesgeschichte zusammenzudenken, werde heute noch nachgedacht. Leider seien die weltanschaulichen, nicht unproblematischen Auffassungen des Zoologen, vom Nationalsozialismus vereinnahmt worden: etwa als eine wissenschaftliche Basis der perfiden Rassenhygiene.

HAECKEL hatte eine besondere Passion: die KUNST. Der talentierte Zeichner spielte anfangs gar mit dem Gedanken, Landschaftsmaler zu werden, doch seine Faszination für die Formen der Natur hielt ihn in der Forschung. Besonders begeisterten ihn die streng symmetrischen Radiolarien: Einzeller mit bizarrem Skelett und geometrischen Formen.
Der streitbare Biologe wollte DARWINs Lehre auch mit den Mitteln der Bildenden Kunst unter die Leute bringen. Zudem hielt er Vorträge über seine Weltanschauung, die er 1899 in seinem Buch „Die Welträtsel" formuliert hatte: den MONISMUS. Er predigte eine pantheistische Lehre von der Einheit von Materie und Geist, die stark von den Vorstellungen des Dichters und Naturwissenschaftlers Johann Wolfgang von GOETHE (1749-1832) beeinflusst war.

Der „deutsche Darwin“ HAECKEL war es, der noch im Bann Goethescher Naturbetrachtung mit ihrer Passion für organische Einheit und Morphologie stand. Wie der Erfinder von Urpflanze & Urtier ((2) 6.1.1.) war HAECKEL früh einer einzigartigen Vision gefolgt: Die Zauberformel, mit der NATUR gebannt werden sollte, „heißt Kristallisation, ihr verblüffender Spiegeleffekt Symmetrie“. Die unendliche Reihe der Merkwürdigkeiten in Fauna und Flora „zieht sich zusammen zur Arabeske“, kritisiert der Poet Durs GRÜNBEIN den HAECKELschen Ansatz eines angeblichen „Wunschbildes dekorative Natur“ (Bilderatlas „Kunstformen der Natur" als ästhetische Gesamtschau). (3)

Wer HAECKELs Natur-Atlas als „ein Meisterwerk visueller Täuschung“ diffamiert, in dem „jedes Exemplar“ von Flora und Fauna „noch einmal aufs Archetypische und stiltechnisch Allgemeine reduziert“ werde (so GRÜNBEIN in der FAZ), hat HAECKELs neue Natur-Sicht nicht verstanden. (Vgl. (2) Kap. 3.2.1.) Die Kritik zielt auf das Reizwort „MONISMUS“: HAECKELS Gesamtentwurf –„unter dem Namen Monismus (….) mit imperialer Geste“ stellte mit den „Kunstformen“ angeblich „die Fiktion eines Gestaltensehers“ dar: „Sie alle sind Bruchstücke desselben euklidischen Traums, der die Gestalten entlang gedachter Achsen spiegelt, sie radiär entfächert, rotieren lässt, zu Spiralen verschraubt, parallel verschiebt, von einer Gattung zur nächsten, kreuz und quer durch das gesamte Tier- und Pflanzenreich. Das Phantastische entspringt unmittelbar der zum Ornament stilisierten Form. (…) Es sind strahlende Kirchenfenster im Theoriegrau, das nach ihnen zu dämmern begann. Noch einmal geht es um Anschauung, doch wie zum Abschied ist sie sich selbst nun genug, scheint sie, in einem großartigen Finale, im Gesamtkunstwerk stillgestellt.“

Diffamiert werden die „Kunstformen“ mit Worten wie „Naturpropaganda“, „Protagonisten eines neuen Weltanschauungskults“, „esoterikverdächtig“; Stammesgeschichte habe angeblich „wiederum ganz entwicklungslogisch, einen ihrer höchsten, wenn nicht den Gipfel in den Deutschen erreicht“; etc.

Hätte der Rezensent GRÜNBEIN meine Werke ((2) & (5)) gekannt (in vielen Uni-Bibliotheken einsehbar/ausleihbar), hätte diese negative Feuilletonisten-Rezension über HAECKELs Kunstformen so nicht passieren dürfen! Und: der Autor kannte sie sicher nicht, da er schreibt: „Heute, im Abstand eines Jahrhunderts, lässt sich nun prüfen, ob das alte Naturkaleidoskop immer noch funktioniert. Es ist keine Frage, einem Publikum, das sich an neuen Mustern ebenso fröhlich ergötzt, können Haeckels Kunstformen nicht völlig fremd sein. Wer an Apfelmännchen und anderen Mandalas der Chaosanbetung seine Freude findet, wird auch diese Darstellungen genießen können.“

In einem FAZ-Kommentar habe ich mich zu HAECKELs Werk geäußert: Als früher Verteidiger der Evolutionstheorie (und Abstammung des Menschen) ist der „deutsche Darwin“ Haeckel in den Ring gestiegen. Der Zoologe und Naturphilosoph Ernst Haeckel (1834 – 1919) propagierte, dass er mit dem „Affen“ verwandt sei: Der „Descendenztheorie entsprechend (…) müssen wir nothwendig zu dem unabweislichen Schlusse kommen, daß das Menschengeschlecht ein Aestchen der Katarrhinengruppe ist, und sich aus längst ausgestorbenen Affen dieser Gruppe in der alten Welt entwickelt hat“, betonte Haeckel. Und: „Die völlige Uebereinstimmung aller Menschen mit den Katarrhinen in Bezug auf die charakteristische Bildung der Nase und des Gebisses beweist deutlich, daß sie eines Ursprungs sind, und sich aus einer gemeinsamen Wurzel erst entwickelt haben, nachdem die Platyrrhinen oder amerikanischen Affen sich bereits von dieser abgezweigt hatten.“

Die „menschenähnlichsten Katarrhinen (Orang, Gorilla, Schimpanse)“ sind also keine Menschen-Vorfahren. (Haeckel: „Ursprung und Stammbaum des Menschen“ – „Natürliche Schöpfungsgeschichte“.) Haeckels evolutionäre „Natur-Ästhetik“ („Ästhetisierung der Natur“ - Breidbach: „Natursicht“ als „Kultursicht“) unterstreicht die Bedeutung von Symmetrie-Prinzipien im Organischen und Anorganischen. (Vgl. FAZ-Artikel v. 16.09.2008: „Sorry Darwin“ – Julia VOSS.)

An anderer Stelle im www stellte ich zu HAECKEL klar (Artikel: „Weltformel von Allem (TOE) und EVOLUTION? JA: Aber … - Ein Beitrag zum Darwinjahr 2009 (19.11.2008)):
Der Autor Olaf BREIDBACH (Direktor des Jenaer Museums Ernst-Haeckel-Haus, Leiter des Bereichs Theoretische Biologie) verweist – ganz im Gegensatz zur DÜRRBEIN-Kritik (3) - auf die „Idee einer Evolution der Kunst neurobiologisch durchzudeklinieren“ - Ästhetik im Sinne von Aisthesis – einer Wahrnehmungslehre –, könnte als eine „Art von Neuroevolution“ gezeichnet werden (vgl. www-Debatte um Neuro-Ästhetik). Zu Alois RIEGL (Geschichte der Ornamentik von 1893) schreibt BREIDBACH: „Dieser Idee zufolge war der Stil der Kunst nichts anderes als die Festschreibung eines bestimmten ornamentalen Gestus, und dieses Ornament war eine Fortführung dessen, was in der Natur angelegt war. Ästhetik wäre demnach als Naturästhetik zu schreiben. Die Formvielfalt des Naturalen fände sich in den Symmetrien angelegt, die wir dann auch als ästhetisch betrachten.“ Ernst HAECKEL habe in seinen „Kunstformen der Natur“ von 1899 – 1904 „diese Idee einer evolutionären Ästhetik zu einer Darstellung der Formevolution des Naturalen selbst genutzt“. Ihm zufolge war die Darstellung des Naturalen in der Evolution als eine Art von „Selbstästhetisierungsprogramm“ zu begreifen: „Die Diversifizierung der organischen Gestalten schrieb sich bei ihm in einer immer weiter führenden Differenzierung von Symmetrien, einer fortlaufenden Spezifizierung von Blaupausen, worunter sich dann auch im kompliziertesten Naturalen nur die Fortführung in ein im Letzten ästhetisch zu konnotierendes Programm verstand. Haeckel versuchte denn auch aus dieser Perspektive Darwin mit Goethe zu vereinen.“

Nicht diffamiert wird HAECKEL momentan in einer SCHIRN-Ausstellung:

Frankfurts Schirn ergründet DARWINs Einfluss auf die KUNST. Das Thema EVOLUTION ist auch für die bildende Kunst nicht mehr zu verdrängen; jedenfalls nicht im Darwin-Jahr 2009. Ihrem Widerwillen gegen die neuen naturwissenschaftlichen Ideen DARWINs machte man sich nach der Veröffentlichung des Buches von der „Entstehung der Arten“ (1859) mit bitterbösen Karikaturen in den illustrierten Zeitschriften Luft. In jedem Falle, so Kunsthallendirektor Max HOLLEIN, war es die visuelle Kultur, die die Auswirkungen von DARWINs Theorien transportierte. „Die Reaktion auf die Verbreitung des Darwinismus innerhalb der Kunst fand aber bis heute relativ wenig Beachtung. Unsere Ausstellung möchte diese Lücke schließen", so der Österreicher. Die Schirn zeigt daher auch besonders Karikaturen, die DARWIN in der Öffentlichkeit bekannt gemacht haben: Besonders nach dem Werk von 1871: Sechs Monate nach dem Erscheinen seines Buchs "The Descent of Man" spielte eine Karikatur auf DARWINs typische schlaksige Körperhaltung an. Der lange Bart, den er sich als 55-Jähriger wachsen ließ, wurde zu dessen Markenzeichen. Seine starke Behaarung lud dazu ein, ihn als fellbesetztes Tierwesen zu zeichnen.

Der alte Darwin, mit weißem Rauschebart, tiefliegenden Augen und enigmatischem Blick wurde schon zu Lebzeiten zu einer Ikone. Tausendfach fand seine Porträts Verbreitung – so auch im Darwin-Jahr in den Massenmedien. Schon seine Freunde scherzten über den neuen Moses, der dem Volk die Gesetze der Natur gebracht hat.

Es war der beliebte Zoologe und Volksschriftsteller Alfred BREHM (1829 - 1884) – er suchte die Seele der Tiere, begründete die Verhaltensforschung -, der viele seiner Zeitgenossen mit der Feststellung schockierte, dass auch der Mensch nur ein Säugetier unter anderen sei. Je tierischer der Mensch, umso menschlicher - zumindest in Brehms Tierleben - die Tiere. Hierzu zeigt die SCHIRN in einer Vitrine Belege. Beweisstücke in einer anderen Vitrine belegen, dass Gabriel von MAX Kontakt zu dem 1919 in Jena gestorbenen Naturwissenschaftler Ernst HAECKEL gesucht hat, der auch als der „deutsche Darwin“ bezeichnet worden ist.

Dass Kunst und Wissenschaft damals zusammenrückten, demonstriert ein Kabinett zu von MAX - inmitten der Ausstellung: Vitrinen voll mit Totenköpfen, Knochen, Steinen, prähistorischem Werkzeug, Masken, seltsamen Kultfiguren und Tierpräparaten; die Studierstube von Gabriel von MAX. Den Maler, Kunstprofessor und passionierter Sammler hatten Affen, die er auch fotografiert hat (zum Malen nach Fotos), besonders fasziniert. Eine ganze Affen-Herde beherbergte der Maler zeitweise in seinem Sommerhaus. Er beobachtete und malte die Tiere, sezierte sie, wenn sie gestorben waren. Seine Bilder in der Frankfurter Ausstellung zeigen die Affen in menschlichen Rollen - am Klavier, lesend, als Theatertruppe und als Kunstrichter vor einem Gemälde.

Natürlich hat man in Frankfurt dem Zeichner & bedeutenden Evolutionsforscher HAECKEL in der SCHIRN zwei Ausstellungswände und eine Vitrine widmen müssen: Seine vordergründig gesehen „ornamental“ wirkenden zoologischen Zeichnungen, die „Kunstformen der Natur“, sollen den Jugendstil und den Symbolismus beeinflusst haben. Die akribischen Naturzeichnungen des Naturwissenschaftlers HAECKEL mit den vielen Symmetrien beweisen ohne Frage das große zeichnerische Talent des Verfechters der Darwin’schen Theorie.

Erstmals macht eine zeitgenössische KUNST-Ausstellung (!) die Bedeutung des Zoologen HAECKEL als KÜNSTLER deutlich. Der Naturforscher trug auch auf diese Weise zur weltweiten Verbreitung von Darwins Theorien bei. Seine Zeichnungen und Illustrationen dienten Künstlern als Vorlage und Inspirationsquelle. Eine ganze Wand wurde für die Schau der Schirn mit 90 kleinformatigen Naturstudien von Haeckel, der 1864 eine Korrespondenz mit Darwin aufnahm, dicht an dicht gehängt, versehen: „Kunstformen der Natur" ohne Affen-Bildnisse oder „Nereiden und Tritonen“ beim „Kampf ums Dasein“ (BÖCKLIN) oder Steinzeitbilder mit vollbrüstigen Höhlenfrauen (FAIVRE) und bedrohliche skurril-unheimlichen Mischwesen (KUBIN).

BÖCKLIN schuf 1880 mehrere Meeres-Szenen, in denen Seejungfrauen und andere Meeresgeschöpfe mit menschlichen Zügen und Merkmalen ausgestattet sind. Auf dem Bild „Triton und Nereide", das die Schirn-Ausstellung zeigt, ist eine mythologische Szene abgebildet: der Meeresgott Triton mit der Nymphe Nereide. Die Kuratorin Frau Pamela KORT meinte dazu: Ein Bild wie „Triton und Nereide" sei „kein richtiges mythologisches Bild. Es ist eher ein Bild von einem verschwundenen evolutionären Moment.“ (Kunst Magazin „art“ – Interview Sandra DANICKE).

C.R. DARWIN beschäftigte sehr den am Anfang der Schirn-Ausstellung auf einem Sockel postierten ARGUS-FASAN: Nicht in jeder Kunstausstellung begrüßt die Besucher Argusianus argus. Doch dieses prachtvolle ausgestopfte Exemplar aus dem Besitz des Zoologischen Museums in Zürich mahnt die Besucher der Schau anlässlich des Charles Darwin'schen Doppeljubiläums - 200. Geburtstag und 150. Jahrestag der Veröffentlichung von „Über die Entstehung der Arten“ - an ungelöste RÄTSEL der GESTALT-Bildung. HAECKELs Kunstformen fehlt eine Darstellung dieser Tierart (von Pfauen allgemein; Kolibris malte er (Tafel 99) – vgl. Katalog zur Ausstellung S. 122). Über „Ästhetik und Wissenschaft“ lesen wir in einem Katalog-Artikel zu HAECKEL - „Die tragische Seite Ernst Haeckels: Sein wissenschaftliches und künstlerisches Ringen“ (Robert J. RICHARDS) –, dass HAECKELs künstlerische und wissenschaftliche Arbeiten „in mehrerer Hinsicht eng miteinander verbunden“ waren (S.97). Der Autor stellt klar, dass die Symmetrie in Haeckels Radiolarien-Darstellungen (entgegen anderer Meinungen) „schlicht und einfach der Wirklichkeit“ entsprechen; den Einzellern sei „tatsächlich eine tiefe Symmetrie eigen“! (S. 98/99.). Der Künstler & Naturforscher schrieb: „Die Natur erzeugt in ihrem Schoße eine unerschöpfliche Fülle von wunderbaren Gestalten, durch deren Schönheit und Mannigfaltigkeit alle vom Menschen geschaffenen Kunstformen weitaus übertroffen werden“ (a.a.O. S. 99). C.R. DARWIN muss ähnlich gedacht haben (s.w.u.).

Der von DARWIN mit viel Bildmaterial diskutierte Fasan locke „den weiblichen Blick durch eine augenförmige Ganzkörper-Ornamentierung auf sich“ – der „ungefiederte, quasi unbehaarte Mensch“ komme hingegen „als vergleichsweise ‚nackte Tatsache’ daher.“ Und: „Gerade in seiner Nacktheit aber vollendet sich das Ornamentale, das ja auf die Auslöschung des Signifikats abzielt.“ Diese Formulierungen hörte man auf einer Tagung (6). Julia VOSS sprach hier über „Die Ästhetik des Zufalls. Sexuelle Selektion bei Charles Darwin“.

SCHÖNHEIT erzeugten die Tiere nach Charles DARWIN selbst (durch „sexual selektion“). Sie sei nicht als Zeichen eines Schöpfergottes anzusehen. Vögel beispielsweise „haben scharfes Beobachtungsvermögen und scheinen einen gewissen Geschmack für das Schöne sowohl in Bezug auf die Farbe als auf Töne zu besitzen“, meinte Darwin. Variation besorgte der Zufall in der Natur – obgleich Darwin auch schon von „Gesetzen der Symmetrie“ gesprochen hat, als Abänderungen ohne Selektionsvorteil. (Hahn (2) Symmetriebücher von 1989 & 1998: 7.1.5.) Der Argusfasan mit Ocellen-Ornamenten (die Gefieder-„Augen“-Pracht beim Radschlagen) war nach Darwins Sicht so schön, weil der männliche Vogel der wählerischen Henne bei der Balz über Generationen hin so gefallen hat.

Der Argusfasan war für den Evolutionsforscher „schön, wenn auch nicht vollkommen“; das menschliche Auge „erstaunlich, aber fehlerhaft“. (VOSS) Dass Darwins Selektions-Theorie nicht (!) für die jeweils „erste Entstehung“ der so zahlreichen vielfältig-symmetrischen Pflanzen- und Tierformen zutreffen kann, hat schon der Zoologe Adolf PORTMANN (wie später ich im Symmetriewerk) ausführlich dargestellt. Portmann sprach von „unbekannten Schaffenskräften“ – „Formgesetzen“; dem ungelösten „Faktorenproblem“.

Die Entstehung von (schönen) Natur-Formen wird durch die (zu reformierende) Theorie Darwins (seit Haeckel „Darwinismus“ genannt) nicht erklärt, sondern vorausgesetzt. SELEKTION ereignet sich stets NACH einer mutativen Veränderung – sie kann erst am bereits Vorhandenen (sekundär) wirksam werden! (Hahn 1989 & 1998: 4.1., 7.1.4.) Im Jahre 1860, also ein Jahr nach der Publikation seiner Evolutionstheorie, sagte Darwin: „(…) die Sicht einer Pfauenfeder, wo ich auch auf sie stoße und auf sie hinschaue, macht mich krank“. Und: „Beim Anblick eines Pfauenschwanzes, wann immer ich ihn sehe, wird mir schlecht!“ (Im Original ist zu lesen: “The sight of the peacocks’s tail, whenever I gaze it, makes me sick!” (Zitat nach Julia VOSS.)

Dass das kunstvolle Ornament des Pfauengefieders mit Darwins Theorie nicht erklärbar sei, haben schon damals mehrere Kritiker-Zeitgenossen dem Evolutionsforscher Darwin vorgeworfen. Sie postulierten einen „inneren Bildungstrieb“ oder Neuschöpfungen; von Gott gesteuerte, planvolle „creation by law“. Darwin glaubte zur Augenflecken-Entwicklung beim Argusfasan, wir könnten „auf keine lange Reihe von Urerzeugern blicken“; in den Flügel-Federn sah er Beweise für Entwicklung: Fleck-Abwandlung zu einem „vollendeten Kugel- und Sockel-Ocellus“. (Mehr hierzu vgl. VOSS (7) S. 178; meine Erklärung der „Pfauenaugen-Entstehung“ siehe a.a.O. 7.1.4. mit Abb. 193.) Der Herzog von Argyll z. B. sah in Darwins Werk On the Origin of Species (ins Deutsche übertragen nicht als „Ursprung der Arten“ sondern „Die Entstehung der Arten“) „keinen „Ursprung“, das heißt „origin“ der Arten dargestellt - nur Variationen (!) und Selektion. In seiner „Abstammung des Menschen“ hat Darwin zehn verschieden ornamentierte Pfauen abgebildet, mehr Illustrationen als zu irgendeiner anderen Art.

Die Augenflecken, die der Fasanenhahn in einer Fächerbewegung des Flügels während der Balz den Hennen zeigt, waren es, mit denen Charles DARWIN in seinem 1871 erschienenen Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ die Wirkung der sexuellen Selektion illustriert hat. Die Federfarbmuster und die langen Schwanzfedern wurden zu auffälligen Merkmalen von Fasanen und Pfauen: schwer zu tragen und eine schlechte Tarnung, also eigentlich bloß ein Nachteil. Dass aus dem durch Asymmetrisation & Symmetrisationen nicht (!) zufällig entstandenen Muster (vgl. (2)) ein Vorteil wurde, lag wohl daran, dass es gefiel: Sie konnten sich offensichtlich auf den Federn der Flügel der Argushähne zu so kunstvollen Ornamenten entwickeln, weil sie (nach deren primärer Entstehung) den Hennen gefielen (= sekundäre Selektion). Das Muster diente zu nichts, außer zu gefallen; es soll angeblich (wie heute noch zu lesen) „zufällig“ entstanden sein.
Das ist heute noch immer die frohe Botschaft des sog. „Darwinismus“. „Survival of the fittest" heißt es – es überlebt der Bestangepasste, der über zufällige Mutations-Fehler emergiert.

So viel SCHÖNHEIT, wie sie Pfauen & der Argusfasan auf ihren Flügeln zeigen, konnte kein Werk des „Zufalls“ sein – dies muss schon C.R.D. geahnt haben, als er über „Gesetze der Symmetrie“ nachgedacht hat. Mit dem Argusfasan-Gefieder-Problem ist man mittendrin im Spannungsfeld der Ausstellung „Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen“.

DARWIN sprach einmal davon, „fast zur Gänze jeden Geschmack für Bilder oder Musik verloren“ zu haben. An Bildern interessierte ihn nicht der künstlerische, sondern der Informationsgehalt bzw. die SCHÖNHEIT der Natur, die „tausend Details in jeder Blüte und jedem Insekt, an denen einzig der Naturforscher und der wahre Künstler die gleiche Freude haben können“. „In allen Angelegenheiten der Kunst betrachtete er sich als Ignoramus“, erinnerte sich einer seiner Söhne. (Quelle: „Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2009. )

Literatur

(1) HAHN, Werner (ZEIT Online v.15.02.09): Zum Darwin-Jahr: DARWIN-GEBURTSTAG: EVOLUZZER und REVOLUZZER (?) in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt – DENKWÜRDIG.

(2) HAHN, Werner (1989): Symmetrie als Entwicklungsprinzip in Natur und Kunst. Königstein. Gladenbach: Art & Science, 1995. (HAHN, Werner (1998): Symmetry as a developmental principle in nature and art. Singapore. (Übersetzung des Originalwerkes von 1989, ergänzt durch ein 13. Kapitel – mit erweitertem Sach- und Personenregister sowie Literatur- und Abbildungsverzeichnis.))

(3) GRÜNBEIN, Durs (1998): Kirchenfenster im Theoriegrau. Rezension Sachbuch: Ernst Haeckel: "Kunstformen der Natur". Vollständiger Nachdruck. München 1998. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.1998, Nr. 212 / Seite V.

(4) RÜSCHEMEYER, Georg (2009): Evolutionstheorie. Wer Augen hat, zu sehen … . In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.01.2009.

(5) HAHN, Werner / WEIBEL, Peter (Hrsg.) (1996): Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme. Stuttgart. (Anthologie mit Beiträgen von 19 Autoren.) (Kurz: EST.) Darin: HAHN, Werner: Evolutionäre Symmetrietheorie und Universale Evolutionstheorie. Evolution durch Symmetrie und Asymmetrie. (S. 255 bis 284 mit 11 mehrteiligen Abbildungen. Lesbar im www unter art-and-science-de. Ebenda auch zum Pfauenrad Abb. 6.)

(6) HAHN, Werner (ZEIT Online v. 14.11.2008): Kultur der Evolution: Anmerkungen zur Jahrestagung 2008 des ZfL Berlin.

(7) VOSS, Julia (2007): Darwins Bilder: Ansichten der Evolutionstheorie 1837 bis 1874. Frankfurt am Main.
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2 Kommentare
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Nicole Henshke aus Marburg | 18.02.2009 | 10:26  
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W. H. aus Gladenbach | 28.08.2012 | 12:33  
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