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Gersthofer Plaudereien

Alfred Steiner lebt gerne in Gersthofen
 
Steiner findet auch Zeit zum Lesen
Um es vorweg zu sagen: das Gespräch mit Alfred Steiner ähnelte mehr einer Plauderstunde als einem Interview. Der Pressemann kennt ihn schon seit vielen Jahren und bei der Suche nach einem „auffälligen“ Gersthofer fiel seine Wahl auf ihn. Der 69-jährige Gersthofer ist vielen Bürgern unserer Stadt als ehemaliger Postbeamter in Gersthofen, aber auch durch seine Aktivitäten bei Kolping und KOL-LA-Faschingsgesellschaft bekannt.

Steiner ist ein Ur-Gersthofer; in Gersthofen geboren mittels „Hausgeburt“ wie er betont. Er ist Gersthofen bis heute treu geblieben und steckt voller Erinnerungen vom Leben im Dorf, in Marktgemeinde und Stadt, verwoben mit eigenen Erlebnissen. Ein Nachwort zu „40 Jahre Stadt Gersthofen“.

„Zu meinen ersten bewusst erlebten Eindrücken gehört der Luftangriff 1945 auf Gersthofen. Damals vier Jahre alt kann ich mich gut an die Zerstörung des Lebensmittelgeschäftes Kirner erinnern“, erzählt er. Die Nachkriegsjahre waren hart und erforderten viel Improvisation und Mut. „Ich sehe heute noch den Milchmann Scheifele, der mit Anhänger am Fahrrad seine Milchflaschen auslieferte“, so Steiner. Die Straßen waren ungeteert, erst in den frühen 50-Jahren wurde z. B. die Donauwörtherstraße asphaltiert. Die Kinder liefen barfüßig zur Schule und freuten sich über einige „Rädchen Wurst“ die beim Wurstkauf abfielen. Die Steiner-Quelle sprudelt nun. Er war eifriger Kinogänger im Gersthofer Kino, das in den 60-Jahren zugunsten eines Geschäftes weichen musste. Filme mit „Sheriff Fuzzy“ und „Dick und Doof“ waren beliebt. Und besonders „Tarzan“ hatte es den jungen Gersthofern angetan. Im alten Mühlängerle gab es einen „Tarzanbaum“ der zum Klettern und Herumturnen animierte. Ob hier wohl der Grundstein für den „Alpinisten“ Steiner gelegt wurde? Wie mancher anderer Gersthofer Jungbürger sammelte Steiner auch Schrott. „Wir sammelten auf den Lech-Kiesbänken angeschwemmtes Alteisen um es beim Schrotthändler zu verhökern“, verrät er spitzbübisch grinsend. „Das gab immerhin 50 Pfennig oder gar 1 Mark, die wir im nächsten Kinobesuch investierten.“

Da kommt manches dem myheimat-Mann bekannt vor, der ja auch seine Jugend in Gersthofen verbrachte. Er lernte den sympathischen Ur-Gersthofer über die Post kennen, dem gemeinsamen Arbeitgeber. Steiner war am Ende seiner Dienstzeit Betriebsleiter des Gersthofer Postamtes. Die Kunden schätzten sein freundliches Wesen und bedauerten sehr, dass das alte Postamt in der Bauernstraße in den 90-Jahren geschlossen wurde. Hier kommt bei dem Ex-Postler etwas Bitterkeit auf. „Es tat schon weh, als man ungelerntem Personal weichen musste. Wozu hatten wir über 2 ½ Jahre gelernt?“

Er kommt auf die Entwicklung Gersthofens vom Dorf zur Stadt zurück. Ein sichtbares Zeichen der zunehmenden „Industrialisierung“ Gersthofens war, dass die Postfächer im Gersthofer Postamt rar wurden. Jede neue Firma wollte, dass ihre Post in einem eigenen Postfach zur Abholung bereit liegt. „Wir mussten immer wieder anbauen“ schmunzelt Steiner. Als einen Höhepunkt in seinem „Gersthofer Leben“ sieht Steiner die Stadterhebung mit ihren Feierlichkeiten vor 41 Jahren an. „Es war schon ein stolzes Gefühl, Bürger einer Stadt zu sein.“ Und er freut sich heute noch, dass Gersthofen den Eingemeindungsabsichten Augsburgs widerstanden hat.

Gibt’s etwas in unserer Stadt, was nicht so gut läuft? „Natürlich gibt`s auch Schwachstellen“, schränkt Steiner ein. Die Linienbrechung der Busse nach Augsburg ist ihm ein Dorn im Auge. Auch in früheren Jahren gab's Ärger. Er hat die Querelen um den Kolping-Spielplatz in der Kapellenstraße nicht vergessen. Er sollte aufgelöst werden zugunsten eines städtischen Kindergartens. Nur durch massiven Widerstand und viel Überzeugungsarbeit wurde davon Abstand genommen. Der Stadtrat entschied sich schließlich für den Standort nahe der Autobahn.

Viel Überzeugungsarbeit – das klingt nach Diskussion und Auseinandersetzung. Ist der Gersthofer also nicht pflegeleicht? „Er hat eine konservative Grundhaltung, ist zurückhaltend und braucht lange bis er sich für eine Idee begeistert“, klärt Steiner auf und nimmt sich nicht davon aus. Wenn er sich aber engagiert, dann richtig. Ihm fallen dazu die Diskussionen anlässlich des Baues der Aussegnungshalle - wurde von vielen Bürgern als zu groß angesehen- und dem umstrittenen Standort der neuen Feuerwehrwache ein. „Hier zeigten die Bürger viel Einsatz und Leidenschaft“, lobt Steiner. Auch um den Verlauf der Umgehungsstraße B2 wurde heftig gerungen. „Aber letztlich wollten Alle das Beste für Gersthofen“, fügt er nachdenklich hinzu.

In der „Wohlfühlstadt“ lässt es sich also leben. Trotzdem braucht er „Freiräume“ die ihn jährlich für Wochen seinem Haus in der Maienstraße den Rücken kehren lassen. Berge in allen Erdteilen üben eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Kilimandscharo und Himalaja waren nur einige Stationen. Und wenn er nicht in den Bergen „kraxelt“, ist er mit dem Fahrrad unterwegs, auch nicht gerade im Nahbereich von Gersthofen. „Aber ich komme immer wieder gerne nach Gersthofen zurück“, erklärt der umtriebige Gersthofer.

Abschließend erzählt er noch aus seinem abwechslungsreichen Leben, das ihm viele Höhen und Tiefen bescherte. Der frühe Tod seiner Frau Christine war nur schwer zu ertragen. Es hat lange Zeit gedauert, bis er diesen Schicksalsschlag überwunden hatte. Er genießt jetzt „das Hier und Heute“, wobei ihm Freundin Erica hilft. „Durch sie hat mein Leben wieder einen Sinn bekommen“, bekennt Steiner dankbar. Dazu gehören auch seine Enkel Joudeline und Moritz, die der Mehlspeisen-Liebhaber wöchentlich einmal „bekocht“. Der Pressemann spürt es: Steiner steht mit beiden Beinen im „Gersthofer Leben“ und fühlt sich wohl dabei. Da kann er dem rüstigen Senior abschließend nur wünschen, dass dieser Zustand noch möglichst lange andauert...
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin gersthofer | Erschienen am 25.06.2010
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