Anzeige

Tiroler Palmesel

Friedberg: Bei Fischers | . Tiroler Palmesel

Palmsonntag ist's. - Bumm! Das ist der erste Böllerschuß. Die Hühner fliegen gackernd kreuz und quer. - Bumm! Der zweite Knall. Die Fensterscheiben klirren, die Erde dröhnt, und das Echo hallt zwischen den Bergen. Heute ist der ganze Tag ein Fest. Alles, was junge Beine hat, kommt von den fernsten Höfen zum Ort, um ja nichts zu versäumen. - Bumm! Der dritte Schuß verhallt ...

Wer beim dritten Krachen noch nicht mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett ist ... o je, das ist heute der Anderl! ,,Palmesel! Palmesel!" schreien die Geschwister und lachen ihn gründlich aus. Schnell schlupft der Palmeselsbruder in die Hosen und wäscht sich am Brunnen drunten den Schlaf aus den Augen. ,,Schick dich! Sonst wirst drunten im Dorf auch noch einmal Palmesel, wenn du als letzter daherkommst mit deinem Palmbusch." Das will der Anderl freilich nicht! Daheim Palmesel heißen ist gerade Schand genug. Im Dorf unten, wo er sicher obendrein der allerkleinste Palmbuschenträger ist, da dürfen sie ihn nicht verspotten. Aber der große Bruder, der Jockl, der hilft ihm schön, dass er fertig wird. Er trägt ihm auch seine Stange bis vor die Kirche, denn er ist halt noch ein winziges Bürscherl, der Anderl, und der Palmbusch, der ist groß!

„Bin neugierig, wer heuer den höchsten hat!" sagt Toni. -,, Voriges Jahr war dem Konstanzer der seinige vier Meter hoch", meint der Jockel, ,,der war aber auch schwer!"

„J a, hoch und schwer schon. Aber sonst war der unsere schon schöner mit all den Brezen und ausgeblasenen Eiern. Und der vom Nachbarn war schier der allerfeinste mit dem gebackenen Hasen, dem Zuckerlamm und dem großen Kranz von Schlüsselblumen."

Die Mutter ist jetzt aus der Küche gekommen und will die Palmbuschen der Buben bewundern. ,,Was meinst - Mutter?" -,, Schön sind's!" lobt sie. ,,Aber halt, ich hab' noch was!" Und die Mutter läuft schnell um ein Beutelehen Salz, das der Jockl am Palmbusch befestigen muss - und das später gut dem Vieh gegen allerlei Krankheit helfen kann.

Die Großmutter hat gestern Abend schon heimlich ein schwarzes Samtband zwischen all die bunten Seidenschleifen gesteckt. Wenn dann der Jockl heimkommt vom Umgang mit dem geweihten Palmbuschen, dann nimmt sie ihr Band und hebt es sorgsam auf, weil es nun schmerzstillend gegen Kopfweh geworden ist. Die Jungen lachen sie ein bisschen aus wegen dieses Aberglaubens, aber wenn sie selber einmal arg Schädelbrummen haben, dann versuchen sie es doch auch damit. Und sie schlucken auch schnell und heimlich drei kleine Palmkätzchen von dem Sträußl herunter, wenn die auch noch so pelzig sind. Es heißt, dass man da das ganze Jahr nicht krank wird. ,,Und hat schon manchem g'holfen!" lacht die Großmutter. Selbst der Vater hat seinen geheimen Zauber. Er gibt eine Handvoll Körner von jeder Getreidesorte in ein Leinensackerl und hängt es hübsch versteckt mitten in die Blumenbuschen hinein, damit es auch mitgesegnet wird; Nach der Weihe sortiert er jedes Körnchen sauber wieder aus und wirft es in die neue Saat hinein. ,,Jetzt mag's wachsen und gute Ernte bringen!" sagt er dann. Die Zweige aber mit dem Immergrün und den Palmkätzchen hebt man gut auf. Da wirft der Vater dann bei schwerem Gewitter einen Zweig ins Feuer, damit der Blitz nicht einschlägt.

Drunten im Dorf vor der Kirche, da versammeln sich alle. Es ist ein buntes Bild - all die langen Stangen mit den wehenden Bändern, den lustigen Fahnen, dem Backwerk, den Eiern, den Palmkätzchensträußen und Frühlingsblumen. Der Stolzenberger trägt gleich drei Kränze übereinander. Sein Palmbuschen ist schier noch länger als der höchste vom vorigen Jahr. ,,Stolzenberger", schreien sie alle, ,,Stolzenberger!" Aber der hört und sieht nichts, nur seine lange Stange. Er ist schon immer ein besonders Feiner und heißt grad zu Recht Stolzenberger.

Er muss ganz langsam gehen, denn sein hoher Palmbusch schwankt und wankt.

Und wie die ganze Gesellschaft sich aufstellt zum Rundgang durch den Friedhof, da ragt er wirklich weit über die andern hinaus, und der eingebildete Bub bläht sich ordentlich vor Stolz. Wer heuer der Palmesel vom Dorf ist, weiß man noch gar nicht, denn die letzten sind alle beinahe gleichzeitig angesaust gekommen. Aber da geschieht es, dass einer den Titel „Palmesel" bekommt, dem es alle von Herzen gönnen. Wie nämlich der Stolzenberger mit seinem eigens hohen, schlanken Buschen dahersteigt, da stolpert er unversehens über einen dicken Stein und fällt mitsamt seinem üppig aufgeputzten Baum auf die Nase. Und damit nicht genug - der zünftige Palmbusch erweist sich als ein ganz großer Schwindel: Der Stolzenberger hatte nämlich zwei Tannenstämmchen übereinander gebunden und damit eine solch ungewöhnliche Höhe erreicht wie sonst keiner.

Das gilt aber nicht, und jetzt bleibt ihm halt bis zum nächsten Palmsonntag der Spottname: Palmesel!".
Rotraut Hinderks- Kutscher
Aus meinem alten Lesebuch für das 5. Und 6. Schuljahr
15
Diesen Mitgliedern gefällt das:
7 Kommentare
33.131
Peter Perrey aus Neustadt am Rübenberge | 09.04.2019 | 16:18  
50.249
Christl Fischer aus Friedberg | 09.04.2019 | 16:41  
67.343
Ingeborg Behne aus Barsinghausen | 09.04.2019 | 18:01  
9.166
Francis Bee aus Hannover-Südstadt | 10.04.2019 | 00:09  
1.872
Dieter Elmer aus Bobingen | 10.04.2019 | 10:28  
33.131
Peter Perrey aus Neustadt am Rübenberge | 10.04.2019 | 11:17  
3.449
Roswitha Bute aus Soltau | 14.04.2019 | 07:15  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.