E. W. Happel: "Die oft wiederholte Ehe"

Wohratal: Halsdorf | „Viele halten die Wittiben, welche sich um andern und dritten Mal wieder verheuraten, für scheltwürdig, ja die Physici und sogar die Legisten ( = Rechtsgelehrten) halten die andere Ehe vor ein Signum incontinentiae. Aber es ist nicht wohlgetan, dass man eines andern Gewissen richte und beurteile. Der Ehestand ist ein heiliges und zulässiges Werk, welches kein Mensch schelten oder tadeln soll, ob man gleich sagen will, daß der Coelibatus oder keusche Jungfernstand vollkommener, besser und dahero vor jenem zu erwählen sei. Ein Ding ist oftmalen besser als das andere, darum aber folget nicht, dass ein anders böse und dahero zu verachten sei. Dann, Bonitas habet suos gradus, ein Ding ist wohl besser als das andere, dennoch sind sie (coeteris paribus) alle gut.

Daß eine Wittibe wieder freiet, ist vor Gott an sich selber keine Sünde, vor der Welt aber möchten einige sagen, es sei einer von den geringsten Fehlern, die ein Mensch begehen könne. Damit aber niemand dasjenige, das ich jetzund erzählen will, unglaublich vorkomme, so soll man wissen, daß nachfolgende Historiam der heil. Hieronymus beschreibet, deme man wegen seines guten Wandels, Ansehens, Frömmig- und Heiligkeit billig großen Glauben zustellen muß.

Er meldet aber, daß er zur Zeit Damasi zu Rom ein Weib gesehen und gekannt habe, welche rechtmäßigerweise nach und nach mit 22 Männern verheuratet gewesen, und als sie der letzte abermal als eine Wittibe hinterlassen, habe sich ein Mann gefunden, welcher ebenfalls nacheinander 20 Eheweiber gehabt, der dann auch gleich damals, nach Absterben seiner letzten Frauen, ein Witwer geworden.

Indem sich nun diese beiden freisüchtigen Leute solchergestalt wieder im ledigen Stande befunden, auch von gleichem und zwar geringem Stande waren, da nahmen sie (spricht ermeldter Autor) einander zur Ehe, welches dann, wie billig, in der Stadt Rom vor eine sonderbare Rarität gehalten wurde, dannenhero wartete jedermann mit höchstem Verlangen, welcher von diesen beiden den Preis des Uberlebens davontragen würde.

Endlich klopfete der Tod bei dem Weibe am ersten an, führete es an seinen Reigen und machte den Mann zu einem Uberwinder über seine Frau.

Wie nun derselbe in seinem Trauerstande der Leiche nachfolgete, da drung das Volk hinzu, setzete dem Mann einen Lorbeerkranz auf, als wann er tausend Feinde erschlagen hätte, und musste er, wie bekümmert er auch immer war, mit einem Palmzweig in der Hand hinter der Totenbahr einhertreten zum Zeichen seiner Viktorie, und bei diesem Aufzug bekam er von dem Pöbel ein großes Geleite und seine abgestorbene Frau ein herrliches Leichenbegräbnüs. (…)"



(Quelle: Eberhard Werner Happel: „Größte Denkwürdigkeiten der Welt oder Sogenannte Relationes Curiosae, Seite 138)

Meinen Beitrag über Eberhard Werner Happel kann man hier nachlesen:
http://www.myheimat.de/wohratal/kultur/eberhard-we...

Weitere Beiträge aus dem erwähnten Buch von von Eberhard Werner Happel:
"Der verdächtige Theophrastus": http://www.myheimat.de/wohratal/kultur/e-w-happel-...
"Das prophezeiende Licht": http://www.myheimat.de/kirchhain/kultur/e-w-happel...
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Volker Beilborn aus Marburg | 31.10.2015 | 15:39  
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Horst Becker aus Wohratal | 31.10.2015 | 15:48  
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Werner Szramka aus Lehrte | 31.10.2015 | 17:12  
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Wilhelm Heise aus Ilsede | 01.11.2015 | 09:47  
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Horst Becker aus Wohratal | 01.11.2015 | 14:33  
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