German Wings

Wenn nichts mehr bleibt vom stolzen Traum, zu fliegen;
wenn alles, was ich bin, mir nicht mehr möglich ist:
Dann will ich gehn, doch will im Gehen siegen,
will, dass die ganze Welt mich ewig nie vergisst
und dass die Welt, die mir den Schmerz bereitet
denselben Schmerz - und noch viel mehr - erleidet.

Dies sind nicht die Gedanken eines depressiven Menschen. Wenn ein depressiver Mensch sich das Leben nimmt, tut er dies für sich allein. Natürlich tut er auch den Menschen, die ihn lieben, bitter weh. Aber seine Gedanken sind eher, sie von sich zu befreien und nicht mit der ihm aussichtslos erscheinenden Situation weiter zu belasten. Er lässt ihnen auf jeden Fall die Chance, weiter zu leben und ihr Leben nach dem Verlust neu zu ordnen. Den oder die anderen zu töten gehört nicht zur depressiven Handlung, sondern ist ein Motiv des gekränkten und gleichzeitig überhöhten Selbst - also einer narzisstischen Störung. Ein Mensch mit krankhaftem Narzissmus sieht sich selbst grandios, und wenn ihm etwas nicht gelingt, liegt die Schuld bei anderen, nicht bei ihm selbst. Er erlebt eine immer größer werdende Wut und es kann geschehen, dass sich diese Wut in einem Amoklauf entlädt. Der vom Co-Piloten wohl absichtlich herbeigeführte Absturz der germanwings-Maschine ist nichts anderes gewesen als ein Amoklauf - eben mit den Mitteln eines Verkehrspiloten.
Man tut depressiv erkrankten Menschen bitter unrecht, wenn man in den Medien immer wieder hört oder liest, dass der Copilot depressiv gewesen sei. Ich arbeite seit mehr als 40 Jahren intensiv mit depressiven Menschen. Ich würde mich bedenkenlos von einem depressiven Piloten fliegen lassen, wenn ich sicher bin, dass er körperlich und geistig dazu in der Lage ist. Ein depressiver Mensch ist eher übergenau und versucht, alles richtig zu machen; wenn er an Schuld denkt, dann ist es immer die eigene und nicht die Schuld der Welt.
Narzisstische Menschen wählen häufig Berufe, die auch etwas mit Macht und Einfluss zu tun haben - Ärzte, Juristen, Politiker, aber auch Schauspieler und Sportler haben häufig einen ausgeprägten, aber gesunden Narzissmus. Auch viele Piloten wählen ihren Beruf, weil er ihren Narzissmus befriedigt. Diese Menschen bereichern unsere Welt und können tatsächlich auch viel in Bewegung setzen. Aber wenn sie ihrem persönlichen narzisstischen Ziel alles andere - auch das Leben anderer - unterordnen, werden sie gefährlich. Das schlimmste Beispiel eines pathologischen, aus dem Ruder gelaufenen Narzisssmus hat Europa von 1933 bis 1945 erleben müssen. Für seine narzisstische Störung kann ein Mensch in der Regel nichts. Aber er macht sich schuldig, wenn der die Allmachts- und Vernichtungsfantasien weiter nährt und sich nicht Hilfe sucht. Wenn er erst einmal im pathologischen Allmachts- und Vernichtungsrausch ist, ist es meist zu spät.
Warum ich dies schreibe? Ich bitte Sie, liebe Leserin, lieber Leser, darum, die falsche Aussage vom depressiven Piloten nicht selbst weiter zu verfestigen, sondern dort, wo es möglich ist, richtig zu stellen. Depressive Menschen haben es schon schwer genug. Sie sollten nicht noch zusätzlich als gefährlich und unberechenbar stigmatisiert werden, Immerhin ist die Suizidrate in der BRD in den letzten 20 Jahren um ein Drittel zurückgegangen. Wenn depressive Menschen wieder unter das Stigma der gefährlichen Geisteskranken fallen, wird es wieder mehr Enkes geben, weil sich niemand wagt, von seiner Depression zu sprechen.
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2 Kommentare
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Karl-Heinz Töpfer aus Marburg | 07.06.2015 | 01:46  
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Reinhard Naumann aus Marburg | 07.06.2015 | 09:07  
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