Der Lebensweg des Friedberger Künstlers Karl Müller-Liedeck (1915 - 2009)

Die Tochter des Künstlers, Frau Ulrike Niederzoll, erklärte Mitgliedern des Heimatvereins ausführlich die Werke ihres Vaters in der Sonderausstellung "Klangwelten".
 
Das Ehepaar Müller-Liedeck. Sein herrlicher Tenor bezauberte einst das junge Chormitglied Regina Stuffer, die nach dem Krieg seine Frau wurde.
Zum 100. Geburtstag von Karl Müller-Liedeck rückte er mit „Klangbildern“ wieder ins Bewusstsein der Friedberger. Die Sonderausstellung in der Archivgalerie bot dem unbefangenen Betrachter keine einfache Kost. So waren die Mitglieder des Heimatvereins dankbar, dass die Tochter des Künstlers, Frau Ulrike Niederzoll, selbst Heimatvereinsmitglied, ihnen eigens ausführlich die Werke ihres Vaters erklärte. Auch sie hatte sich „einarbeiten“ müssen in den mythischen und naturwissenschaftlichen Hintergrund, mit dem sich ihr Vater gründlich auseinandergesetzt und dann in seinen Werken so oft zu einer Gesamtschau verwoben hatte. Es waren letztlich seine hohe Musikalität und sein herrlicher Tenor, die für eine Weichenstellung in seinem Leben sorgten und ihm, der nie eine akademische Ausbildung genießen konnte, dennoch den Weg zu einem freischaffenden Künstler ebneten.

Das spontane Mitsingen im Kirchenchor und seine ungeahnten Folgen

Es begann an einem Sonntagmorgen, als der junge Karl Müller beschloss, von seinem Quartier im oberbayerischen Kolbermoor, wohin er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden war, zum Samerberg zu radeln. Der „Aufstieg“ zu diesem Höhenrücken, der sich parallel zu der Voralpenkette vom Inntal bis zum Aschauer Tal hinzieht, erfolgte von Achenmühle aus hinauf zu dem Dorf Törwang. Dort angekommen hörte er Orgelklänge aus der Kirche. Er ging hinein. Oben auf der Empore sang der Kirchenchor. Kurzentschlossen stieg er die Treppe zur Empore hinauf und stimmte einfach in den Chorgesang mit ein. Seine schöne Tenorstimme gefiel dem Organisten Sepp Stuffer außerordentlich, aber mehr noch bezauberte sie dessen Schwester Regina, die im Chor mitsang.
Das jung verliebte Paar hätte zu gern geheiratet. Doch der Kriegsausbruch hielt sie von einem solchen Schritt ab, da man ja nicht wissen konnte, ob er jemals wiederkehren würde.

Das lange Warten auf die Hochzeit

Als Gefechtszeichner und Kradmelder wurde er im Krieg eingesetzt. Mehrmals wurde er verwundet, erlitt auch einen sehr schweren Motorradunfall, der ihn im späteren Leben veranlasste, nie mehr ein Fahrzeug zu führen. Er erlebte das Grauen von Stalingrad und kam wegen eines Beindurchschusses gerade noch mit dem letzten Transport heraus. Schließlich geriet er in russische Gefangenschaft. So schrecklich für ihn sein Hungerödem und seine Lungenentzündung waren, so waren die schweren Erkrankungen letztendlich sein Glück. Man entließ ihn wegen seines schlimmen Gesundheitszustands vorzeitig aus russischer Kriegsgefangenschaft in die Heimat.
So kehrte er nach Friedberg zu seiner Stiefmutter in der Geistbeckstraße 26 zurück. Der Vater war bereits 1939 gestorben, gerade als Karl seine erste Feuertaufe in Polen erleben musste.

Das "Lied-Eck" Haus in Friedberg

Vater Ludwig Müller, ein gebürtiger Dasinger, war Bahnbeamter bei der Reichsbahn. Als Sohn Karl als jüngstes von 12 Kindern am 9. Oktober 1915 im niederbayerischen Mauern zur Welt kam, lebte die Familie im dortigen Bahnhofsgebäude. Nur 5 Jahre war der Bub alt, als seine Mutter starb. Im Ruhestand zog Ludwig Müller 1932 nach Friedberg. Der jüngste Sohn Karl zog mit. Man wohnte zunächst in der Schlossstraße; Ludwig Müller kaufte im gleichen Jahr das Haus Geistbeckstraße 26 an der Ecke zum Bahndamm. Es wurde viel musiziert und gesungen. Bald wurde dieses Eckhaus nur noch „Liedeck (Lied-Eck)“ genannt. Karl Müller, der einen mittleren Schulabschluss am Gymnasium erworben hatte, erhielt nun in Augsburg eine Lehrstelle als technischer Zeichner bei der Heizungsbaufirma Haag.
Während des Krieges und danach stand er stets brieflich im Kontakt mit seiner Freundin Regina Stuffer. Diese hatte die schwere Aufgabe, den elterlichen Hof am Samerberg eigenständig zu führen, während ihre Brüder im Krieg waren.
1947 konnten sie endlich in Herrgottsruh in Friedberg heiraten, und Karl zog zu seiner Frau Regina auf den Samerberg. Obwohl er auf dem Hof mitarbeitete, konnte er sich gut erholen. Nebenbei ging er seiner Leidenschaft nach: Er malte und zeichnete.

Hervorragende Lehrmeister auf dem Samerberg

So blieb es nicht aus, dass er Kontakt zu zwei hervorragenden Künstlern fand, die seine Lehrmeister wurden. Es waren dies der seit 1932 in Törwang lebenden Münchner Akademieprofessor Constantin Gerhardinger und der freischaffende Künstler Johannes Schmid-Schilding. Vor allem letzterer förderte Karl Müller künstlerisch zwischen 1947 und 1957 enorm und bestärkte ihn in seinem Wunsch, ein freischaffender Künstler zu werden. Um seinen Nachnamen Müller für die Zukunft einzigartig zu machen, legte er sich den Künstlernamen Müller-Liedeck zu.
Erste Erfolge stellten sich ein bei den Ausstellungen in München im Haus der Kunst und der Münchner Künstlervereinigung mit naturalistischen Chiemgaulandschaften und Blumenbildern in Aquarell oder altmeisterlicher Mischtechnik.

Kirchliche Aufträge und Umschwung im künstlerischen Schaffen

1958 zog die Familie nach Friedberg in das „Liedeck“-Haus. Er bekam Aufträge von der Kirche. So schuf er für die Stadtpfarrkirche die Bilder des auch in Friedberg weilenden Jesuiten Canisius und der Hl. Afra, das Ulrichsbild im Haus St. Ulrich in Augsburg, das Marterl des Hl. Tobias zwischen Friedberg und Wulfertshausen, den Kreuzweg in der Friedberger Krankenhauskapelle. In Herrgottsruh restaurierte er die Votivtafeln. Es kamen Aufträge aus Schüttentobel im Allgäu für einen Kreuzweg. Er bemalte für Privatleute Möbel, Türen oder Cembali, erhielt auch Themaufträge wie Blumenbilder. Am Samerberg verzierte er Häuser mit Lüftmalerei.
Mit den Kirchenaufträgen erfolgte ein Umschwung in seinem künstlerischen Schaffen. Er nahm Abstand von realistischen Darstellungen. Es entstanden symbolhafte Figurenbilder mit einer Hinwendung zum Surrealen. Seine Vorliebe für Gold hängt sicherlich damit zusammen, dass sein Lehrer Schmid-Schilding ihm auf dem Samerberg das Vergolden beigebracht hatte.
Ausstellungen in Friedberg, Augsburg, München, Bonn, Mainz, Berlin, Straßburg, Nancy, Paris und London stellten die Krönung seines Schaffens dar. Mit dem Tod seiner Frau Regina 1996 hatte er wohl den Höhe- und Endpunkt seines schöpferischen Wirkens erreicht. Als gegen Ende seines Lebens die Kräfte nachließen, zog er zu seiner Tochter Ulrike nach Augsburg. Dort starb Karl Müller-Liedeck am 17. Februar 2009 in Augsburg.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.