Der Brötchendieb

Eigentlich ist es ein Samstagmorgen wie jeder andere. Auf dem Weg zur Bäckerei mischt sich die kühle Morgenluft mit den ahnungsvollen Düften des nahen Frühlings. Der Schritt ist beschwingt, die Gedanken fliegen.Wie jeden Samstag, an dem alle frische Brötchen wollen, stehen im Laden die Leute schon in mehreren Reihen vor der Theke. Sie sind guter Stimmung. Es werden nicht nur die Bestellungen aufgegeben sondern auch die Neuigkeiten der Woche ausgetauscht. Zwischen den Bäckersleuten und den Kunden fliegen die Worte hin und her. Auch untereinander ist die Kundschaft in reger Unterhaltung. Tüten wandern über die Theke.Der Laden ist durchströmt von frischem Backgeruch. Oh, wie ich diesen Duft liebe. Schon in einiger Entfernung zum Laden wird man vom Duft der Backstube empfangen, der die Straße entlang zieht. Als junger Student hatte ich einmal ein Zimmer in so einem Bäckerhaus. Bei Bäcker Wellbrook nahe der Nordseeküste war das. Dick und wortkarg war er, aber in seinem Hause wehte dieser unvergleichliche Duft. Hier aber stehen vor mir junge Bäckersleute, schlank und gesprächsfreudig. Doch dieser wunderbare Duft, der ist der gleiche.Während ich so vor mich hin träume, rücken die Reihen langsam nach vorne, bis ich meine Bestellung loswerde. Ich vergewissere mich noch kurz auf dem Einkaufzettel, der mir zuhause immer mitgegeben wird, – sicher ist sicher.„Zwei Spitzbrötchen und zwei Weltmeister wie immer und heute noch zusätzlich: zwei Hornspitz, eine Platte Johannisbeerstreusel, ach ja, und noch einen großen Elsässer“. Noch während ich bestelle, greifen flinke Hände schon in die Regale. Alle feinen Sachen wandern nach und nach in verschiedene Tüten, die sich auf der Theke vor mir sammeln. Zwischendurch hole ich noch kurz einen Quark aus dem im hinteren Ladenteil stehenden gekühlten Schrank mit Glastüre. Zurück an der Theke verschwindet schon mal ein Teil der Tüten in meine Einkaufkaufsbeutel. Alle im Laden sind in Aufbruchstimmung für ein schönes Wochenendfrühstück. Schnell noch bezahlen, die Kunden drängen schon nach, auch neben mir stehen ja noch zwei, die parallel bedient werden. „Danke, ein schönes Wochenende“. „Ja danke, Grüße an ihre Frau, es geht ihr wieder besser?“ „Ja, danke! Tschüß“. Ich bin mit meinen Beuteln wieder draußen.Flott geht der Weg zurück, den Berg hinauf. Drinnen wird schon auf mich gewartet. Der Kaffee steht auf dem Tisch. Die Brötchen- und Kuchentüten landen in der Küche. Das Frühstück kann beginnen.Die ganze duftende Pracht liegt nun im Körbchen: zwei Spitzbrötchen, zwei Weltmeister, drei Brötchen, die wir „normal lang“ nennen. „Du meinst es heute aber gut mit uns“, lächelt sie zu mir herüber. Meine Frau hat zu den Brötchen ganz sicher eine fast liebende Beziehung. Sie hält sie gerne vor dem Aufschneiden an die Wange, wenn sie noch warm sind. „Wieso?“, frage ich zurück; ich habe doch nur nach dem Zettel eingekauft, denke ich verwundert.„Nein, nein“, sagt sie, „die drei hier standen nicht drauf. Hast du die zusätzlich mitgebracht?“„Zusätzlich?“, verwundert geht mir alles durch den Kopf, was sich da heute Morgen im Laden abgespielt hat. Da schießt mir plötzlich in meine Erinnerung, dass neben mir ein Mann ebenfalls bedient wurde und auch in der Gegend herumschwätzte wie ich.„Upps, ich glaube ich habe die Brötchen vom Nachbarn mit eingepackt“, gestehe ich mit leicht rot werdendem Gesicht ein.„Brötchendieb“, stellt sie kurz mit verschmitztem Grinsen fest. Das Diebesgut lag schon auf dem Teller, in der Mitte durchschnitten, mit Marmelade versüßt, und ein deutliches Knuspern und Schlecken macht jetzt alles endgültig.„Da komme ich nicht mehr raus“, stelle ich resignierend fest, „gut, dann frühstücken wir erst mal, und dann muss ich wohl beichten.“Kein Gedanke heute an eine Zeitung, in der sowieso nur wieder über die Steuersünder berichtet wird. Selbstanzeige, schießt es mir durch den Kopf. Möglichst schnell und bevor erste Fahndungen laufen.Mit einem Satz bin ich am Telefon und rufe den Bäcker an, beichte meine unfreiwillige Missetat und sehe ihn auch durch das Telefon breit grinsen. „Selbstanzeige?“, meint er, „die kommt wohl zu spät. Die Ermittlungen laufen schon!“ Der andere Brötchenkunde habe ganz verdutzt plötzlich gefragt, wo denn seine Brötchen geblieben wären. Der Bäcker erspart mir hier am Telefon nähere peinliche Erörterungen und Mutmaßungen der Kundschaft. Er habe einfach drei neue eingepackt und so die Sache geregelt.„Am Montag“, so versichere ich, „werde ich die drei Brötchen natürlich sofort bezahlen. Und wenn ich mit einem gemeinnützigen Dienst in der Backstube davon komme, dann ist mir das nur recht.“Dass ich nichts lieber hätte als eine solche Verurteilung, sage ich natürlich nicht, denn schon wieder zieht mir dieser unvergleichliche Duft der Backstube durch die Nase.

(aus "Lesebuch - Nicht nur für Erwachsene, Gerhard Falk, Engelsdorfer Verlag 2008)
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2 Kommentare
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 28.11.2015 | 07:22  
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Fred Hampel aus Fronhausen | 28.11.2015 | 09:16  
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