Geschichte unter dem Brennglas Buchpräsentation: Lexikon schwäbischer Ortsnamen

Zur offiziellen Präsentation seines mittlerweile dritten Standardwerkes zur Ortsnamenforschung kam der Münchner Autor Dr. Wolf-Armin Frhr. von Reitzenstein mit seinem jetzt druckfrisch für Bayerisch Schwaben herausgebrachten "Lexikon schwäbischer Ortsnamen" in die Hauptverwaltung des Bezirks Schwaben nach Augsburg. Grußworte sprachen (v.l. ) Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte mit Sitz in Augsburg, Dr. Richard Loibl und Bezirkstagspräsident Jürgen Reiche
 
Wolf-Armin Frhr. von Reitzenstein

Woher stammen eigentlich die zahlreichen Ortsnamen und welche Bedeutung steckt hinter ihnen? Wie kommt jemand dazu, seinen Ort Todtenweis, Roßhaupten, Kötz oder Gallenbach zu nennen.
Warum gibt es ein Türkheim in Schwaben. Und wie kam der Lech zu seinem Namen. Eigene Vermutungen führen hier meist ins Leere oder, schlimmer noch, in die Irre! Endlich gibt es nun auch für die Herkunft und Bedeutung der Ortsnamen in Bayerisch - Schwaben umfassend und verlässlich Antworten.
Man schlägt dazu „geschwind` beim Reitzenstein“ nach.

Das Lexikon gibt Auskunft über die Entstehung, Herkunft und Bedeutung aller Ortsnamen und wird daher für jeden geschichtlich und kulturell Interessierten ein unentbehrliches Nachschlagewerk bilden.
Es verfolgt in mehr als 1500 Artikeln die Entwicklung von Siedlungs- und Gewässernamen in Bayerisch-Schwaben von der frühesten Nennung bis zur heutigen Schreibform und leitet daraus den Ursprung und die Bedeutung der Namen her.

In Ihren Grußworten anlässlich der Feierstunde der Lexikon-Präsentation, die der Bezirk Schwaben in Augsburg ausgerichtet hatte, stimmten Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert, Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl und als Gast der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, Dr. Richard Loibl, überein, dass die Menschen trotz globalisierter Welt wieder vermehrt nach Identität und Identifikation suchen: „Ortsnamen und Hausnamen schaffen dies unmittelbar“, sagte Reichert, “sie stehen damit für die Verteidigung regionaler Traditionen gegen den globalen Einheitstrend“.
„Mit den Ortsnamen und ihrer historischen Entwicklung erkennen wir wie im Brennglas die schwäbische Geschichte von den Anfängen bis heute“, beschreibt Fassl die Dimensionen dieser Forschungsarbeit.
Und für Loibl sind „Landeskunde, Heimat und Brauchtum längst wieder medienfähig geworden“.

Seit über 40 Jahren ist Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein in der Orts- und Flurnamenforschung tätig, promovierte einst über „Römische Ortsnamen und gilt als „der“ Experte für Ortsnamenforschung in Bayern.
„Es ist ein Glücksfall für Schwaben, dass nach dem fränkischen und altbayerischen nun auch das schwäbische Ortsnamenbuch erscheinen konnte“, freut sich Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl und verweist auf „Reitzensteins ungeheure Arbeitsleistung, für die man dankbar sein muss und die heute gewöhnlich von einem Team erbracht wird.
“ Vier Jahre lang recherchierte der 73 jährige Freiherr europaweit für das Projekt. Fündig wurde er auch im Geheimarchiv des Vatikans sowie im Stockholmer Kriegsarchiv.

„Immer dem Wortlaut der Quelle folgen!“
Über die Jahrhunderte wurde so manches vergessen, falsch wiedergegeben und abgeschrieben. Daher sind sprachwissenschaftliche und archäologische Analysen des Siedlungsgebietes Voraussetzung, um auf der richtigen Spur der Rückverfolgung zu bleiben.
Auch Hinweise auf die geografische Lage (hoch, nieder, ober, unten) oder die Art der Entwicklung (Rodung, Feld, Waldlichtung, Bach und Au) sowie die Besitzverhalte (Hof, Haus, Heim, Zelle) geben dabei beredt Auskunft.
So verdankt Gallenbach im Landkreis Aichach-Friedberg nicht bitterem Wasser, sondern einer gewissen Calmana seine Herkunft.
Sie ließ im 9. Jahrhundert beiderseits eines Baches Wald für ihre Ansiedlung roden, wie Reitzenstein herausfand. Und nicht die Türken verstecken sich hinter dem schwäbischen Türkheim, sondern der germanische Volksstamm der Thüringer.
Ebenfalls sehr häufig finden sich indogermanische, römische oder keltische Sprachwurzeln in den Ortsnamen. Vielfach gehen die Siedlungsnamen auch auf Personennamen und deren Besitzungen zurück, wie jener der Gemeinde Kötz im Landkreis Günzburg, entstanden aus dem römischen Landgut des Catius. Keltischen Ursprungs wiederum ist die Bezeichnung des Lechs und bedeutet so viel wie „der flache, seichte Fluss, der über Steinplatten und steinigen Untergrund fließt“.
Der Ort Roßhaupten im Landkreis Ostallgäu „verweist dagegen auf eine germanisch-heidnische Kultstätte, wo das Heiligtum durch an die Bäume genagelte Pferdeköpfe eingegrenzt worden war“.

Spannend ist auch, wie sich Orte in ihrer Namensgebung selbst neu interpretiert haben. Die Stadt Nördlingen im Donau-Ries-Kreis hat laut Reitzenstein ihre Ursprünge im germanischen Männernamen Nordilo und bedeutet mit dem „Zugehörigkeitssuffix“ -ingen demnach „Bei den Leuten des Nordilo“. Im 15. Jahrhundert schlossen Gelehrte auf den römischen Kaiser Nero als Namenspatron der freien Reichstadt.
Diese und weitere Deutungsvarianten, wie die, jene besonders nördliche geografische Lage oder gar den Nordwind als Patron für den Stadtnamen geltend zu machen, hält Reitzenstein für abwegig.

Die umfangreichen Quellen und Literaturangaben machen das Lexikon zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel für jeden, der sich für schwäbische Lokalgeschichtsschreibung interessiert.
Alle Erläuterungen sind auf dem neuesten Stand der Forschung.
Die flüssige Darstellung und der Reichtum an historischen Informationen - besonders über die skurril-naiven Namenserklärungen aus früheren Jahrhunderten - laden ein zum Blättern und Schmökern.

Bleibt nur noch die Frage offen, wer denn nun der eigentliche Namenspatron von Todtenweis im Landkreis Aichach-Friedberg war?


Nachzulesen im: „Lexikon schwäbischer Ortsnamen“, Wolf-Armin Frhr. von Reitzenstein; C.H.Beck Verlag, ISBN 9783406652080; 29,95 Euro.

Weitere Informationen erteilt Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, Telefon 0821 3101-310; heimatpflege@bezirk-schwaben.de.
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