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„Du“ ist ein raffiniert komponierter Thriller mit ungewöhnlicher Perspektive

„Massenmord auf der A 4“ lautet die Schlagzeile der Zeitung – ein furchtbares Verbrechen erschüttert Deutschland im Jahr 1995. In einem nächtlichen Schneesturm stehen die Reisenden im Stau auf der Autobahn irgendwo in Thüringen.
Unter ihnen ein Mann, der von Fahrzeug zu Fahrzeug geht und offenbar wahllos 26 Menschen tötet. Ein Amoklauf? Über das Motiv herrscht
Rätselraten. Zwei Jahre später zeigt sich der unbekannte Täter erneut. In einem Motel erwürgt oder erschlägt er 36 Opfer. Nicht Rachsucht, nicht Hass, nicht Verzweiflung treiben diesen Mörder an, sondern: „Dass du auf der Suche bist, dass du die Dunkelheit erforschen musst.“ Auch das dritte Massaker entzieht sich jedem Deutungsmuster, denn sechs Jahre später werden
über Nacht 59 Menschen in einem Dorf in Brandenburg getötet: „Du lässt keine lebende Seele zurück.“
Die Fahnder sind ratlos, kommen der Identität des Täters nicht auf die Spur. Er verbirgt sich in unauffälligen, bürgerlichen Verhältnissen.
In der Gegenwart angekommen, kreist die Haupthandlung von Du um eine verschworene Clique von Berliner Mädchen: Stinke, Rute, Nessi, Schnappi und Taja. Sie sind 16 Jahre alt, haben die Schulzeit vorzeitig beendet, treiben zwischen sorglosem Ausprobieren und vagen Zukunftsträumen. Doch ihr Bund wird auf die Probe gestellt, als Taja ohne jede Nachricht verschwindet. Die Freundinnen finden Taja erst nach Tagen in ihrer Wohnung wieder. Bei ihr
eine große Menge Drogen und ihr ermordeter Vater. Die Mädchen wollen nun das Heroin zu Geld machen. Doch Tajas Onkel Ragnar trachtet nach dem kostbaren Heroin. Außerdem will er den Mord an seinem Bruder Oskar sühnen. Eine Verfolgungsjagd in Richtung Norden beginnt.
Zoran Drvenkar hat für seinen zweiten Thriller eine ungewöhnliche Erzählperspektive gewählt: Alle tragenden Figuren werden in der Du-Form präsentiert, so dass der Leser geradezu in deren Gedanken und Beobachtungen hineinkriecht. Sogar der tote Oskar hat noch
eine Restlaufzeit von verglimmender Wahrnehmung der Ereignisse um ihn herum. In Rückblenden enthüllt der Roman subtil und ambivalent die verwinkelte Geschichte von Tajas Eltern, deren Ausgangspunkte ein einsames Hotel in Norwegen, eine außereheliche Affäre und ein mysteriöser Autounfall sind. Während die fünf Mädchen durch Leichtsinn und Selbstüberschätzung in einen Höllentrip geraten, den sie nur mit größter Tapferkeit überstehen können, treten zwei Prinzipien des amoralisch Bösen hervor: einerseits jene
Menschen „ohne Herz“ und andererseits jene „ohne Seele“. Neben das hochspannende Roadmovie stellt Du eine reizvolle philosophische Auseinandersetzung.

„Du“, der neue Thriller von Zoran Drvenkar, der im Oktober bei Ullstein erschienen ist, stieg auf Platz 2 der KrimiWelt-Bestenliste für den Monat November ein.
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