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Südtiroler Glaubenskraft prägt Tränenfest auf der Wies

Programm zum Festgottesdienst
 
Liturgischer Dienst (v. l. n. r.) Mesner Emil Moser, Pfarrer i. R. Lothar Winner, Pater Petrus Adrian Lerchenmüller OPraem, S. E. Bischof Dr. Ivo Muser, Monsignore Gottfried Fellner, Diakon Gerhard Kahl, Mag. Michael Horrer
 
dicht gedrängt die Gläubigen und auf der Empore brillieren Chor und Organist
 
Altarbild Geißelheiland auf der Wies
 
Geißelheiland auf der Wies und Tagesevangelium
Steingaden: Wieskirche |

Ein Pontifikalgottesdienst am 17. Juni 2018, 10.00, mit S. E. Dr. Ivo Muser, Bischof von Bozen und Brixen, als Hauptzelebrant und Festprediger war Höhepunkt der Feierlichkeiten zur 280. Wiederkehr des Tränenwunders am Gegeißelten Heiland auf der Wies am 14. Juni 1738.
Diese begannen am 16. Juni um 16.30 Uhr mit dem Empfang der Wallfahrer der Männerseelsorge der Diözese Augsburg, sowie um 19.00 Uhr der Feier einer Hl. Messe mit Krankensalbung. Anschließend bestand die Möglichkeit zur Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Damit verbunden auch die Möglichkeit zu Gespräch, Handauflegung und Einzelsegen. Ab 21.00 Uhr lud die KLB im ehemaligen Dekanat Schongau zu einem Lobgebet ein und ab 22.00 Uhr waren alle Jugendlichen und Junggebliebenen zum Jesus-Nightprayer herzlich willkommen.

Der Kirchenchor Peißenberg brillierte unter Leitung von Thomas Bodenmüller mit der Krönungsmesse von W. A. Mozart und Wies-Organist Franz Brannekemper schlug in bewährter Manier dies Instrument.
Bei Kaiserwetter manifestierte sich, was in dem, als schönster Rokoko Kirche der Welt geltendem UNESCO-Weltkulturerbe ohnehin gilt: Himmel und Erde berührten sich in einzigartiger Weise.

Ob er an das Wunder auf dem Lorihof glaube, wird Hausherr und Wallfahrtspfarrer Msgr. Gottfried Fellner oftmals gefragt und er hat die ihm eigene Antwort parat: wenn es kein Wunder gewesen sein sollte, dann ist es zumindest wunderbar, was daraus an Pilgerbewegung entstand. Neben Millionen an jährlichen Besucherströmen sind weltweit 4.500 Kapellen und Kirchen mit dem Inbegriff bayerischen Glaubens in Verbindung.

Die wortgewaltigen und aussagestarken Predigten des Wiespfarrers sind überaus geschätzt und der Festprediger, S. E. Dr. Ivo Muser, Bischof von Bozen und Brixen gab mit der seinen, sowie seiner gesamten Ausstrahlung glaubwürdigster, Südtiroler Frömmigkeit eine zutiefst beeindruckende Bereicherung.

Mit seinen Schluss- und Dankesworten an den liturgischen Dienst: Pater Petrus Adrian Lerchenmüller OPraem, Pfarrer Steingaden; Pfarrer i. R. Lothar Winner; Diakon Gerhard Kahl, Leiter der Männerseelsorge Diözese Augsburg und Bischofssekretär Mag. Michael Horrer übergab Monsignore Gottfried Fellner, an S. E. Bischof Dr. Ivo Muser eine Replik des Spruches, wie er sich in einem Fenster des Prälatensaales – wohl vom Erbauer Dominikus Zimmermann selbst stammend – findet: “Hier wohnt das Glück, hier findet das Herz Ruhe!“.
Nicht wenige, der zahlreich versammelten Gläubigen fragten sich, wann es wohl bessere Gelegenheit gegeben hätte, als zur Feier der 280. Wiederkehr des Tränenwunders am Gegeißelten Heiland auf der Wies am 14. Juni 1738, neben dem Prälatensaal auch einen Prälaten auf der Wies zu wissen und das außergewöhnliche Wirken des Wiespfarrers zu würdigen..

Diesen Spruch ziert auch das Kreuz einer Pilgergruppe, welche sich seit Jahren von Lindau, durch das ganze Idyll der Voralpenregion, zu Fuß auf die Wies zum Tränenfest begibt, um dem Geißelheiland ihre treue Aufwartung zu machen.

Das Bischöfliche Ordinariat Bozen-Brixen hat – herzlichstes Gelt’s Gott dafür – den Text der Festpredigt von S. E. Dr. Ivo Muser, Bischof von Bozen und Brixen zur Veröffentlichung frei gegeben, welche nachstehend erfolgt:

Lieber Herr Wallfahrtspfarrer und liebe Mitbrüder, liebe Wallfahrtsgemeinschaft, verehrte Schwestern und Brüder im Glauben!
“Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte“ (Hebr 5,7). Diese starke Aussage stand in der 2. Lesung, die uns heute verkündet worden ist. An kaum einer anderen Stelle des Neuen Testamentes wird uns Jesus so radikal menschlich dargestellt.
Jesus war ganz und gar Mensch! Er ging auch als Gottessohn keinen billigen Sonderweg. Keine Privilegien waren für ihn vorgesehen. Er teilte die dunkelsten Stunden, die schwersten Erfahrungen, die tödliche Einsamkeit mit allen anderen Menschen.
Ganz wörtlich heißt es im griechischen Urtext dieser Stelle: “In den Tagen seines Fleisches hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte.“
Da werden wir erinnert an die gewaltige Aussage am Beginn des Johannesevangeliums, die uns jedes Jahr am Weihnachtstag verkündet wird: “Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14).
Das Geheimnis der Menschwerdung Jesu ist ungeheuer konkret. Da geht es nicht um eine Idee oder um eine Theorie, da geht es um ein geschichtliches Ereignis, da geht es um eine Tat Gottes, die unser “Fleisch“, unser Menschsein von innen her betrifft. Gott wird im Juden Jesus "Fleisch", Mensch mit allen Konsequenzen. Das gibt es in keiner anderen Religion! Das ist das entscheidend und unterscheidend Christliche. Christen glauben nicht an irgendeinen Gott, an einen fernen, weltabgewandten Gott; auch nicht an einen Gott, der in reiner Innerlichkeit erfahren würde, sondern an einen Gott, der sich nicht heraushält, der nicht in seinem Himmel bleibt, sondern der herab steigt und uns Menschen dort begegnen will, wo wir sind: mit unserer Größe, aber auch mit unserer Not, mit unserem Schreien und mit unseren Tränen. Dafür stehen seine Krippe und sein Kreuz. Dafür steht der weinende, gegeißelte Heiland hier in der Wieskirche!
Und der Hebräerbrief sagt dann weiter: “Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8). Er war der Sohn, aber auch er musste diesen schwersten Weg des Menschseins lernen und gehen.
Ist nicht das die Glaubenserfahrung, die Menschen seit Jahrhunderten auch hier in der Wieskirche machen dürfen vor dem Bild des weinenden, gegeißelten Heilands? Wir dürfen mit unseren inneren und äußeren Tränen zu ihm kommen, der selber “mit lautem Schreien und unter Tränen“ den Gehorsam gelernt hat und gerade so zum Trostgeber, zum Erlöser, zum Heiland geworden ist.
Mich berührt wirklich das Bild dieser Wallfahrtskirche: Der gegeißelte Heiland weint. Aber er weint nicht seine Tränen, er weint unsere Tränen. An seinem Kreuzweg sagt er zu den weinenden Frauen von Jerusalem: “Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder!“ (Lk 23,28). Deshalb kommen wir hierher: Mit unseren Tränen und mit den Tränen der Menschen, die uns nahe stehen; wir wissen uns mit unseren Tränen von ihm verstanden, von ihm angeschaut, mit ihm verbunden und bei ihm aufgehoben.
Der Apostel Paulus sagt einmal: “Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden (Röm 12,15)“. Mit anderen Worten: Nehmt Anteil am Leben der Menschen in eurer Umgebung. Die Menschen, die Nahen und die Fernen, dürfen euch nie gleichgültig sein! Und Jesus sagt in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums: “Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5,4).
Papst Franziskus spricht sehr oft davon: Wir sind eine Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens, des “Mit-Leidens“ vergessen hat. Die Globalisierung der Gleichgültigkeit hat uns die Fähigkeit zu weinen genommen. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!
Wer hier an diesem Ort die Solidarität des weinenden, gegeißelten Heilands mit den Weinenden erfahren hat – vielleicht sogar mit seinen eigenen Tränen erfahren hat – der kann, der muss diese weltumspannende Gleichgültigkeit verlassen und in die Nachfolge dieses menschgewordenen, zärtlichen, weinenden Gottes eintreten, der anderen die Tränen trocknet.
Und so wird die Begegnung mit dem weinenden, gegeißelten Heiland, aber auch das Zulassen der eigenen Tränen zu einem Auftrag, die Unempfindsamkeit, die Gleichgültigkeit, die Selbstbezogenheit aufzusprengen und sich als Christen und Christinnen einzusetzen für eine Kultur des “Mit-Leidens“, der Achtsamkeit, der Anteilnahme. Oder noch einmal anders gesagt: Christen ist eine “Kultur des Lebens“ aufgetragen.
Unsere Einstellung zum Leben zeigt sich vor allem, wenn es um den Wert und die Würde des menschlichen Lebens geht. Heute wird uns oft ein verzerrtes Bild vom Leben und vom Menschen gezeigt: Nur der gesunde, der attraktive, der sportliche und leistungsfähige Mensch ist “in“. Der Wert des Lebens und des Menschen wird nicht selten danach bemessen, was Menschen haben und können, was sie bieten, was sie aufweisen und was sie leisten.
Der christliche Glaube sieht das Leben aber zuerst als ein Geschenk und als einen Auftrag Gottes an. Das Sein ist immer wichtiger als das Tun, als das Leisten und das Haben. Das menschliche Leben ist heilig, weil es immer mit Gott zu tun hat.
Die Sorge für das Leben gilt heute in besonderer Weise dem ungeborenen, menschlichen Leben, dem unsere moderne Gesellschaft und Gesetzgebung nicht mehr den nötigen Schutz gewähren. Das Leben eines alten oder schwerkranken Menschen muss unantastbar bleiben wie auch das behinderte Leben. Wir tragen Verantwortung für das Leben der Menschen in der eigenen Umgebung, wie wir auch dafür verantwortlich sind, dass kommende Generationen eine Umwelt vorfinden, in der sie noch leben können. Es braucht ein Klima, in dem Kinder willkommen sind und wo jungen Paaren mit Kindern ausdrücklich gedankt wird für ihren Mut, Kindern das Leben zu schenken.
Es braucht heute ein ausgeprägtes Gespür für all jene Menschen, die nicht nur als finanzstarke Gäste kommen, sondern als Menschen, die an die Türen Europas, und damit auch an die Türen von Südtirol und von Bayern, als Hilfesuchende klopfen. Unsere Einstellung zu einzelnen Menschen und zu Menschengruppen, ja oft sogar zu ganzen Völkern, beginnt immer in unseren Köpfen. Es ist nicht neutral, wie wir über andere denken und reden. Unser Denken prägt uns und unsere Sprache verrät uns immer.
Wo Kinder das Teilen lernen; wo Kinder schon in der eigenen Familie lernen, Konflikte gewaltlos zu lösen und dass das oberste Gesetz menschlichen Lebens nicht darin besteht, Härte zu zeigen und sich um jeden Preis durchzusetzen; wo junge Menschen bei ihren eigenen Eltern die Erfahrung machen dürfen, dass es auch noch andere Werte gibt als den Betrieb und das Geld; wo junge Menschen erleben dürfen, dass es sich lohnt, eine Familie zu gründen und Kindern das Leben zu schenken; wo Menschen bereit sind, auch Berufe zu wählen und auszuüben im sozialen und karitativen Bereich; wo geistliche Berufe gewollt und gefördert werden; wo alte und kranke Menschen erfahren dürfen, dass sie noch wertvoll sind für ein Haus und die menschliche Gesellschaft; wo Ehen und Familien in Krise gestützt werden; wo Menschen mit gescheiterten Beziehungen nicht allein gelassen werden; wo schwierige Menschen ausgehalten werden; wo Menschen füreinander Worte der Lebensbejahung und der Lebensermutigung haben – dort entsteht in Ansätzen eine Kultur des Lebens, die die Gleichgültigkeit überwindet, in der das Leben in all seinen Formen und in all seinem Reichtum gewollt, geschützt, gefördert und geliebt wird.
Fragen wir uns vor dem Bild des weinenden, gegeißelten Heilands ganz persönlich: Bin ich imstande zu weinen mit den Weinenden? Bin ich ein Mensch, der sich berühren und betreffen lässt von den inneren und äußeren Tränen der Menschen in meiner Umgebung? Mache ich mich hart, gleichgültig und unangreifbar? Kann ich bitten um ein “Herz aus Fleisch“, das wie das verwundete, durchbohrte Herz Jesu schlägt für Gott und für die Menschen?
Liebe betende Gemeinschaft, lassen wir uns an diesem Tränenfest wie Maria aus Magdala, von der uns das Osterevangelium heute erzählt hat, vom Auferstandenen selber mit unserem Namen ansprechen.
Lassen wir uns von ihm, dem Lebendigen, von diesem Ort aus auch zurücksenden in unseren eigenen Alltag: Du bist gemeint. Mein Weg durch Tränen und Tod hinein ins Leben ist auch für dich geschehen. Heute brauche ich dich als meinen Zeugen und meine Zeugin für eine Kultur des Lebens! Und gehe von hier weg mit der österlichen Zusage: Jesus ist ganz Mensch geworden; er kennt die dunklen Stunden des Menschseins aus eigener Erfahrung. Doch er hat gerade so für jeden Menschen das Tor geöffnet, das über den Tod hinausgeht. Er verspricht dir und auch mir: Kein Schmerz, keine Träne wird vergessen.
Das letzte Wort hat Ostern – im Leben Jesu und im Leben aller, die sich auf ihn einlassen, den ganz Menschgewordenen, den Weinenden, den Gegeißelten, den Gekreuzigten, den Auferstandenen.


Erich Neumann, freier investigativer Journalist
über DFJ Deutsche-Foto-Journalisten e. V. www.dfj-ev.de
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© Bild: www.cmp-medien.de CC – Kreuzträger der Fußwallfahrer aus Lindau
© Bild: www.cmp-medien.de CC – Alpenländisches Idyll, wie auf der Wies, säumte den Wallfahrerweg
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