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Grapentopf und Hirsebrei - Essen und Trinken im alten Peine

Küche Mitte 16. Jahrhundert
 
Peiner Grabungsfund: Grapen Mitte 16. Jahrhundert
 
Leinsamenreste / Grabung Wallstraße
 
Zinnlöffel aus Peiner Fertigung, Anfang 16. Jahrhundert
 
Gemälde "Bauerntanz" 16. Jahrhundert (Löffel steckt am Hut!)
Peine: Forum Peine | Über die enorme Vielfalt unseres heutigen Nahrungsangebotes hätten die einfachen Menschen des Mittelalters sicher sehr gestaunt. Rein vegetarische oder vegane Ernährung hätten sie ebenfalls wohl kaum begriffen, denn sie konnten mehrheitlich froh sein, wenn ein Bissen Fleisch auf ihrem Teller landete. Wir Heutigen haben da eher Luxus-Probleme.
Seit den 1970er Jahren hat sich die Archäologie nicht nur vermehrt der Erforschung der mittelalterlichen Städte gewidmet, sondern auch verstärkt auf interdisziplinäre Forschungen gesetzt, die uns den Lebensalltag unserer Vorfahren bis in die jüngste Vergangenheit erschließen. Das gilt auch für das in den frühen 1220er Jahren gegründete Peine. Aufgrund der rezenten spärlichen Primär-Schriftquellen verdienen die stadtarchäologischen Funde aus Peine eine besondere Beachtung.

 Von Auster bis Zinnlöffel – Archäologische Funde erzählen

Tatsächlich sind Schlachtabfälle oder Essensreste in Form von Tierknochen bei Ausgrabungen in den mittelalterlichen Kulturschichten der Peiner Altstadt nicht besonders vielzählig vorgefunden worden. Das ist nicht ungewöhnlich, denn der „Ernährungsklassiker“ des Mittelalters war der Brei. Zubereitet in Dreibeingefäßen, den sogenannten Grapen (die keramischen Varianten fertigten die Töpfer im Gröpern vor den Toren der Stadt), blubberten sie alltäglich auf den offenen Herdstellen. Grapen, denen im Laufe der Zeit immer höhere Beine „wuchsen“, sind aus dem Mittelalter-Klassiker „Kugeltopf“ entstanden. Wie die Mittelalter-Keramik-Vitrine im Dachgeschoss des Museums zeigt, fanden diese umgedreht auch Verwendung als Fußbodenisolierung. Erstmals in der Region wurde in den 1950er Jahren eine solche Anlage in der Stederdorfer Straße in Peine freigelegt.
Bronzene Grapen waren selten und so wertvoll, dass man sie in alten Erbregistern auflistete. Je nach Vermögen aß man mit Löffeln aus Holz, Zinn oder Silber. Verschleppt mit Erdreich aus der Tiefbaumaßnahme der Kreishauserweiterung von 1988 fand sich in einer Kleingartenkolonie an der Fuhse ein besonders schönes Exemplar eines Peiner Zinnlöffels aus dem 16. Jahrhundert (jetzt Stadtarchiv Peine). Eine seiner drei Punzen zeigt das Peiner Wappen mit dem Wolf, der über zwei Garben springt, und belegt die Fertigung in der Fuhsestadt (Foto). Der Löffel war ein wichtiges Utensil für Suppen und Breispeisen. Der Speiseplan variiert zwar je nach Stand, jedoch waren Breispeisen oder Eintöpfe im Mittelalter weit verbreitet und der Löffel daher ein wichtiger Begleiter, den man sich mitunter auch mal an den Hut steckte (siehe Gemälde „Bauerntanz“). Metall war teuer, und so fand man in einem mittelalterlichen Heim kein Sechs-Personen-Besteck-Set, wie es heutzutage üblich ist. Bei einer Essenseinladung brachte einfach jeder sein eigenes Besteck sowie Trinkbecher und Essschüssel mit. Auf der frühen Burg Peine ging es dagegen wohl recht vornehm zu, wie der Fund eines besonderen Griff-Fragments vom Burgberg beweist. Es gehörte zu einem sogenannten Aquamanile aus der Zeit um 1200, einem Gießgefäß in Tierform. Bei rituellen Handlungen, aber insbesondere auch zu den Mahlzeiten, übergossen Diener damit den hohen Herrschaften die Hände mit frischem Wasser. Feste Speise aß man auch oft nur mit den Händen oder dem (eigenen) Messer. Unter den Seefahrern galten noch Ende des 19. Jahrhunderts Gabeln als „weibisch“ und waren damit verpönt.

Fisch - Das Fleisch der Armen

Der vermehrte Konsum von Fisch im Mittelalter ist archäologisch zwar kaum nachweisbar, - was übrig blieb, war den Katzen vorbehalten, und dünne Gräten erhalten sich nur unter bestimmten Bedingungen. Die Fuhse galt lange als fischreicher Fluss. Nicht nur ein alter Steinanker, als ein Beleg für Schiffsverkehr, befand sich jahrelang unbeachtet in der archäologischen Sammlung der Stadt Peine, sondern im Nordkreis endete die Flussfischerei erst in den 1950er Jahren. Fisch war wichtig, und zudem auch preiswert. Im Heller, einem flachen Teich nördlich des Burgberges, wurde früher Fischzucht betrieben. Zur Fastenzeit war Fisch als Fleischersatz den Gläubigen gestattet. Gesalzen landete konservierter Meeresfisch in Fässern transportiert auch auf den hiesigen Märkten. Alte Chroniken berichten über einen einstigen Überfluss an Fischen an der Ostseeküste, der die Bauern nicht selten dazu brachte, ihre Felder damit zu düngen!

Ackerbürger oder doch eher Handwerker?

 Die Aufteilung der mittelalterlichen Parzellen in Peine verlief besonders bei Grundstücken am Altstadtrand stereotyp. Es waren sehr schmale Streifen, die an Wall und Graben endeten. Dort wuselte wohl etwas Federvieh und wenige Schweine herum. Auch dürfte Platz für 2-3 Obstbäume gewesen sein, für echte Nutztierhaltung oder Ackerbau aber waren diese Areale hinter den kleinen Handwerkerhäusern nicht geeignet. Wer keine Agrarfläche („Garten“) vor der Stadt hatte, war auf die Versorgung über Märkte angewiesen. Um 1700 zog man u.a. mit bauchigen Feldflaschen aus Duinger Steinzeug auf diese Äcker, wie ein Fund aus der Abfallschicht in der ehemaligen Schulgasse beweist.
In dem Zusammenhang kann man darauf hinweisen, dass im alten Peine überdurchschnittlich viel Bargeld im Umlauf war; die reichen Silber-Hortfunde sprechen dafür. Das würde bedeuten, dass man als wohlhabender Handwerker mit seinem verdienten Geld einkaufte, fast wie heutzutage.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich die große „Schwester“ Braunschweig einst einen größeren Geldbetrag bei der kleinen Stadt Peine lieh.
Das Peiner Polizeistatut aus dem Jahre 1597 wurde nach dem verheerenden Stadtbrand von 1557 erlassen. Es regelt sozusagen die Dinge des täglichen Zusammenlebens in der neu erbauten Stadt. Es enthält u.a. Vorschriften für den Bierhandel, Viehhaltung, den Getreide-Anbau, die Einfuhr von „fremdem“ Korn und erlässt eine Ordnung für die „Gärten vor der Stadt“. Es verkündet weitere Vorschriften für die Knochenhauer, Brotverkäufer und Rübenverkäufer.
Während man früher einem Pfälzer Landarbeiter vertraglich seinen täglichen Schoppen Weißwein zusicherte, war es in hiesigen Gefilden doch eher das überall verfügbare Bier, welches man täglich konsumierte. In Braunschweig existierten im Spätmittelalter Hunderte von kleinen und größeren Brauereien, bei denen sich die Bevölkerung mit Bier versorgte. Ungeachtet dessen versuchte man auch bei uns, Weinbau zu betreiben; vermutlich wirkten sich die langen Transportwege für Südwein doch ziemlich drastisch auf die Preise aus. Besonders nach 1648 wollte jeder Fürst auch hier gern einen Weinberg sein Eigen nennen. Der Weinliebhaber und Herzog Carl I. warb dafür gezielt Pfälzer an, die zwar in Sachen Weinbau „versagten“, aber immerhin erstmals Spargel beim heutigen Ort Veltenhof erfolgreich anbauten.
Um 1300 trank man in Peine Bier aus kleinen keramischen Krügen in Röhrenform, den sogenannten Schnellen. Auch hierbei fertigten die Töpfer im Gröpern nachweislich das benötigte Trinkgeschirr - wie neue Befunde ergaben - sogar das hochwertige Steinzeug. Die Luxusvariante einer Schnelle aus weißem Siegburger Steinzeug, gefunden in einem Aushub der Peiner Altstadt, deutet aber auch auf Wohlstand und Fernhandel mit rheinischen Töpfereien hin. Dazu zählen auch die Fragmente sogenannter Jacoba-Kannen aus der Zeit der Hochgotik. Als Trinkgeschirr schätzten die Peiner des 14. Jahrhunderts die sogenannten Mehrpasskrüge aus blau-grauer Irdenware, wie viele Fragmentfunde aus Altstadtgrabungen beweisen. Ihre Kleeblatt-Mündungen waren dabei Ausdruck der Formensprache der Gotik.
Die erwähnten Gefäßfunde sind in der Dauerausstellung im Dachgeschoss des Museums ausgestellt, ferner ist ein Peiner Säulenofen aus dem Töpferviertel Gröpern nachgebildet, dessen Reste einst auf dem Härke-Gelände geborgen wurden.

Was schmeckte einem echten Landsknecht?

Was „Mann“ um 1630 in Peine gern zu sich nahm, erläutern repräsentativ die originalen Kämmerei-Register der Stadt Peine. Es galt die plündernden Belagerer im Dreißigjährigen Krieg zu versorgen, auch damit sie nicht noch mehr Unheil anrichteten. Die Register der Jahrgänge 1633-35 listen auf, was die Stadt den Truppen u.a. lieferte: Speck, Butter, Broyhan (Bier), Essig, Petersilie (auch einst zur Zahnpflege verwendet), Schinken, Brot, Meerrettich, Rüben, Grütze, Hühner, Gewürz, Stockfisch, Wein, Eier, Würste und ganze Rinder. Diverse gelochte Scherbenfunde von einstigen Siebgefäßen bezeugen ferner, dass man in Peine, wie auch andernorts üblich, Käse damals häufig selbst herstellte.

Prosit Peine – Der Oberst, der Amtmann und die vom Adel

Als aus der zerstörten Burg Peine in den 1660er Jahren ein Schloss wurde, hat man auch in Peine begonnen, barocke Lebensart zu pflegen. Hauchdünne Trinkglasfragmente hoher Biergläser, zum Teil mit plastischem Dekor, tauchen vermehrt aus dieser Epoche im Fundspektrum auf. Eine überlieferte Episode um die silberne Eule von Peine ergänzt die Befunde sehr treffend: „Im Monat September 1661 wurde wieder einmal beim Bürgermeister ein Zechgelage veranstaltet, zu welchem sich der Oberst mit seinen Offizieren, der Amtmann und aus der Nachbarschaft die vom Adel eingefunden hatten. Bei dieser Gelegenheit hat der Bürgermeister dem Obersten den Eulenpokal im Namen der Stadt feierlich überreicht.“

Die Kartoffel – Ein Spätzünder

Wer glaubt, dass mit der Entdeckung Amerikas 1492 umgehend auch die essbare Knollenfrucht Kartoffel in Europa einzog, der irrt ebenso wie der Entdecker Kolumbus, der bis zu seinem Tode glaubte, er habe den kürzesten Seeweg nach Indien gefunden! Unter den gekrönten Häuptern Europas war es bald üblich, sich die „neuen“ Kartoffeln zu schenken. Die britische Queen war damals der Legende nach nicht besonders angetan von den harten, rohen, ungenießbaren Früchten und befahl ihrem Gärtner, diese doch zu verbrennen. Dieser tat wie ihm befohlen und empfand alsbald einen Wohlgeruch, der in ihm ein Hungergefühl auslöste. Er kostete die gerösteten Kartoffeln und ihm wurde klar: Die Knollen müssen nur erhitzt werden! Fünf Exemplare sandte die Queen darauf 1586 auch an den Herzog von Braunschweig. Doch wie üblich wurden sie anfangs nur wegen der schönen Blütenpracht als Zierpflanze gehalten. Erst um 1770 erkannte man endlich ihre Qualitäten als günstiges Nahrungsmittel vollständig und baute sie in der Region vermehrt an. Danach wurde sie die Basis der täglichen Volks-Ernährung.

Pyrmonter Wasser und Porzellan aus China

Abfallschichten vom Schleifmühlenweg bewahrten u. a. frühe Weinflaschensiegel aus herzöglich-Braunschweiger Fertigung um 1666-85. Dort fand sich aber auch eine seltene innen-glasierte Grapenpfanne mit mehreren Näpfen. Sie wird vermutlich zur Zubereitung von Eier-Süßspeisen gedient haben, sie ist ein eher typisch süddeutsches Koch-Gerät. Fundschichten des frühen 18. Jahrhunderts um den Burgberg enthielten Austernschalen-Reste als Speise-Abfall und Marken-Fragmente von Mineralwasserflaschen. Die berühmten Kur-Orte, in denen man Heilquellen entdeckt hatte, luden nicht nur zu Trinkkuren ein, auch betrieb man einen schwunghaften Handel mit dem Heilwasserversand in Glasflaschen oder Steinzeug-Krügen. Per Zeitungsinserat bildeten sich in den Städten sogenannte „Brunnengesellschaften“, bei denen man sich zum geselligen Genuss des Mineralwassers zumeist abends verabredete. Um 1800 versorgten sich Peiner Wirtshäuser und Kellerwirte dann bevorzugt mit den vorgeschriebenen kurhannoverschen Wein-Bouteillen, wie Glasmarkenfunde verraten. In diesem Zusammenhang sei auf die alte Peiner Anekdote über den sogenannten „Heiland von Damm“ verwiesen, einem Wirt, dem man nachsagte, er habe zu später Stunde Wasser zu Wein verwandeln können! Ein Teetassen-Tellerfragment aus echtem China-Porzellan aus dem frühen 18. Jahrhundert ist ein seltener Belegfund aus dem Umfeld des Peiner Schlosses. Der Luxusartikel dürfte über die Niederlande importiert worden sein.
Am Pulverturmwall ausgegrabene Flussmuschelschalen könnten einst geknackt worden sein, um nach Perlen zu suchen. Das Muschelfleisch wurde aber auch von armen Leuten verzehrt.

Verwendete Literatur:

Hamm, F. : Naturkundliche Chronik Nordwestdeutschlands. Hannover 1976
Kämmereiregister der Stadt Peine. Peine 1633-35
Koch, Jens: Glassiegel mit königlichen Monogrammen. Peine 1995
Koch, Jens: Grabungsfunde aus der Peiner Altstadt. Peine 1997
Lutz, Dietrich (Red.): Vor dem großen Brand. Heidelberg. Stuttgart 1992
Meckseper, Cord (Hrsg.), Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150-1650. Bd. 3. Stuttgart-Bad Cannstatt 1985
Menge, Wolfgang: So lebten sie alle Tage. Berlin 1984
Müller/Zechel: Geschichte der Stadt Peine. Peine 1972 u. 1975, Bd. 1 u. 2
Pape, Fritz: Der Weinbau im ehemaligen Land Braunschweig. Wolfenbüttel 1995
Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch. Die Stadt um 1300. Katalog. Zürich 1992

 
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