Weder Heim noch allein: Warum geht kaum jemand zur Tagespflege?

Die Tagespflege vereint viele Dinge, die Pflegebedürftigen wichtig sind. In den eigenen vier Wänden bleiben, in Gesellschaft samt pflegerischer Betreuung sein und den Angehörigen ein Stück Belastung nehmen. Doch das Modell bleibt eine Seltenheit in der Pflegelandschaft.

Friedel Meyer war einer der Ersten, der vorbeischaute. Die neuen Mieter in dem Haus in Osnabrück hatten das Interesse des 96-Jährigen geweckt. Da, wo seine Eltern vor rund 90 Jahren ein Haus bauten, zieht es ihn wieder regelmäßig zum neu errichteten Gebäude. Friedel Meyer besucht seit kurzem den Seniorentreffpunkt Hellern in Osnabrück, an mehreren Tagen in der Woche. Von seiner eigenen Wohnung sind es nur ein paar Schritte.

Hier kann er mit anderen Senioren den Tag verbringen, bekommt Frühstück und eine warme Mahlzeit, es gibt Ruheräume und sportliche Angebote. Sie lesen Zeitung, schwelgen gemeinsam in Erinnerungen, verbringen den Tag so, wie sie es für richtig halten. Alle Angebote sind freiwillig. „Ich habe keinen Grund zu klagen“, sagt Meyer grinsend. Er besucht nicht das erste Mal eine Tagespflege, aber so nah an seiner eigenen Wohnung war sie nie.

Auch in der Tagespflege gelten strenge Vorgaben

Erst im vergangenen Oktober hatte die Domizil Tagespflege GmbH hier die neuen Räume eröffnet. Noch ist der große Balkon nicht bepflanzt, die Leseecke soll auch noch kommen, aber zumindest ist man gestartet. Das Unternehmen betreibt bereits drei Einrichtungen südlich von Osnabrück; zwei in Hasbergen, eine in Hagen am Teutoburger Wald.

Trotz dieser Vorerfahrung war die Eröffnung in Osnabrück ein schweres Stück Arbeit, wie Geschäftsführerin Jacqueline Hamilton erzählt. Als teilstationäre Einrichtung ist die Tagespflege so streng überprüft wie auch das klassische Pflegeheim. Schlösser mussten an die Fenster, Verbrühschutz an die Waschbecken. Und mehr als zwölf Besucher dürfen sich in den Räumen gar nicht aufhalten, 20 Quadratmeter pro Pflegeplatz sind vorgegeben.

Der Zeitpunkt für eine neue Einrichtung scheint günstig. Denn die Zahl der Pflegebedürftigen, die zu Hause bleiben, steigt – zudem haben Bund und Länder längst die Losung „ambulant vor stationär” bei der Pflege ausgegeben. Die Tagespflege gilt als perfekter Mittelweg. Die pflegebedürftigen Menschen haben am Tag Gesellschaft und können dennoch zu Hause übernachten. „Die Angehörigen werden dadurch enorm entlastet”, sagt Margret Breiwe-Trienen. Die 63-Jährige hat schon die anderen Einrichtungen aufgebaut und wirkt in Osnabrück nun als Pflegedienstleitung.
So viel zahlt die Pflegekasse für die Tagespflege dazu

Generell sei die Tagespflege gut finanziert. Je nach Pflegegrad übernimmt die Kasse 689 bis knapp 2.000 Euro. Und auch der 125-Euro-Entlastungsbetrag kann verwendet werden.

Pflegegrad 1: Keine Auszahlung für teilstationäre Pflege -
Pflegegrad 2: 689 Euro Auszahlung für teilstationäre Pflege
Pflegegrad 3: 1298 Euro Auszahlung für teilstationäre Pflege
Pflegegrad 4: 1612 Euro Auszahlung für teilstationäre Pflege
Pflegegrad 5: 1995 Euro Auszahlung für teilstationäre Pflege

Daher sind die Zuzahlungen für die Besucher hier überschaubar. Je nachdem, wie viele Tage in der Woche die Einrichtung besucht wird, beläuft sich der Eigenanteil auf wenige oder mehrere Hundert Euro. Verglichen mit dem Pflegeheim, wo die Bewohner mittlerweile mehr als 2500 Euro durchschnittlich zuzahlen müssen, ist das ein Bruchteil.

Tagespflege: Bundesweit steigt die Zahl der Angebote

Gute Gegenfinanzierung, ein umfassendes und unkompliziertes Angebot, Verpflegung und Gesellschaft. Die Parameter von Tagespflegeeinrichtungen wie dem Seniorentreff Hellern klingen bei der bundesweit herrschenden Pflegenot durchaus gut. Umso irritierender, dass sie in Osnabrück wenige Monate nach dem Start nicht einmal die zwölf Plätze belegt bekommen, wie Breiwe-Trienen einräumt. „Das Angebot der Tagespflege ist immer noch ziemlich unbekannt. Es mussten auch schon viele Anbieter schließen, weil es zu wenig Menschen genutzt haben.”

Bundesweit gilt die Tagespflege aber als Wachstumsmarkt: Das Portal pflegemarkt.de zählte mehr als 500 Neueröffnungen in den vergangenen beiden Jahren. Besonders in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Hamburg verzeichnen die Einrichtungen eine hohe Auslastungsquote.

Keine Konkurrenz zur ambulanten Pflege

Es bleibt jedoch ein Wachstum auf geringem Niveau, bundesweit gebe es viel zu wenige Einrichtungen, wie die Interessenvertretung der pflegenden Angehörigen „wir pflegen“ zum Jahresbeginn beklagte. Rund 4,1 Millionen Pflegebedürftige werden derzeit zu Hause betreut, könnten theoretisch zusätzlich zu einem ambulanten Pflegedienst auch die Tagespflege nutzen.

„Wir stehen nicht in Konkurrenz, es sind zwei unterschiedliche Töpfe, auf die die Pflegebedürftigen zugreifen können”, sagt Breiwe-Trienen. Wer zur Tagespflege geht, muss also nicht befürchten, dass ihm dann Geld der Pflegekasse für den ambulanten Pflegedienst fehlt.

Doch auf diese 4,1 Millionen Menschen kommen bundesweit keine 100.000 Plätze. Nicht einmal drei Prozent der Pflegebedürftigen können die Tagespflege nutzen. Milliarden Euro an Leistungsansprüchen verfallen.

Wo die Tagespflege Hilfe braucht

Die Konsequenzen tragen die Angehörigen. Sie müssen etwa ihre Arbeit verringern, um tagsüber bei ihren Partnern oder Eltern zu sein. Dabei könnten auch Anbieter von Tagespflegeeinrichtungen weit mehr Unterstützung vertragen. Besonders bei der sogenannten Fehltageregelung wünscht sich Breiwe-Trienen mehr finanzielle Flexibilität durch die Kassen. Wenn ein Tagespflegebesucher längere Zeit, etwa wegen eines Krankenhausbesuches nicht kommen kann, ist der Platz zwar besetzt, Geld von den Kassen gibt es aber nicht.

Besonders in der Anfangszeit, wenn das Angebot noch nicht bekannt ist, die Ausgaben aber längst da sind, brauchen Tagespflegeeinrichtungen einen langen Atem, um mehr Menschen zu erreichen. Zumindest den 96-jährigen Friedel Meyer muss niemand mehr von der Tagespflege überzeugen. Jüngst hat er hier sogar eine Klassenkameradin wieder getroffen. „Aber ein paar mehr könnten wir hier schon noch werden“, sagt er.

Bürgerreporter:in:

Simon Brinkmann

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