Kellner werden war nicht schwer, in der sogenannten DDR (2)

  Kommen wir nun zur vierten, aber undankbarsten Möglichkeit aus einem Menschen einen Kellner zu machen, nämlich die Lehre zum Gaststättenfacharbeiter. Da bewarben sich junge, Berufsausbildung suchende Schulabgänger bei der HO, wurden immer angenommen, egal wie das Abschlusszeugnis aussah und mussten in der Regel drei Jahre für einen Hungerlohn alles das machen, was dem anderen Personal nicht zustand.

Zugegeben, sie lernten natürlich auch ordentliche Dinge. Perfektes Eindecken von Festtafeln und Tischen stand genau so auf dem Programm wie der Service am Platz, Lebensmittel- und Getränkekunde. Die Arbeit an der Annonce, an der Bar und am Tresen wurde ebenso gelehrt wie das Verkaufsgespräch und die psychologische Verhaltensweise der Gäste und das Entgegenwirken durch den Servicebeauftragten. In einer berufsschulischen Ausbildung wurden die Kenntnisse im Mathematik, Deutsch, Russisch und dem Umgang mit der Sprache, also Kommunikation vertieft und erweitert. Das alles taten sie für eine Anfangsentlohnung von 85 DDR-Mark im Monat. In diesen drei Lehrjahren hatte der als "Ungelernter Kellner" eingestellte Mitbürger bereits eine Menge Geld verdient und konnte im Prinzip die gleichen Arbeiten verrichten wie die gelernten Kräfte. Da hatte es nämlich die Praxis gebracht. Umgekehrt war es schon schwieriger. In unserem Städtchen beispielsweise wurde in zwei Großgaststätten ausgebildet. Es waren die besten Häuser am Platz, hatten die Preisstufe IV und waren für unsere damaligen Verhältnisse exklusive Einrichtungen. Es wurden aber viel mehr Lehrlinge in das Berufsleben entlassen als man in diesen Gaststätten brauchte und da in den Arbeitsverträgen der HO wohlweislich kein bestimmter Arbeitsplatz festgelegt war, konnten alle Mitarbeiter jederzeit auch in andere Gaststätten versetzt werden, also auch die ehemaligen Lehrlinge. Sie hatten kein Anspruch auf eine bestimmte Preisstufe oder ein bestimmtes Gaststättenniveau. So konnte es passieren, dass in einer Ausflugsgaststätte plötzlich ein junger Kollege mit schwarzem Anzug, Lackschuhen, weißem Hemd und Fliege auftaucht, dem Kneiper mitteilte in dieses Lokal für den Sommer versetzt worden zu sein, drum bitte belehrt zu werden und ein Revier zugewiesen zu bekommen. Allgemeine Heiterkeit bei den anderen Saison erfahrenen Kollegen war die Folge. Keiner konnte sich vorstellen, dass der junge Kollege lange in diesem Aufzug durchhalten würde. Leichte Stoffschuhe, Niethosen, ein offenes Hemd ohne Fliege und eine weiße Jacke, meist noch vom Vortag besudelt, war die richtige Anzugsordnung, um diesen Wahnsinn ohne Hitzschlag zu überstehen. Dazu kam die zwar recht gute, aber für diese Zwecke nutzlose Ausbildung. Er, der ehemalige Lehrling hatte mal gelernt und es auch nie anders in seiner noch jungen Praxis erlebt, dass ein Kellner maximal sechzehn Personen zu bedienen habe, ständig in der Nähe des Gastes verweilen müsse um ihm, dem Gast, jeden Wunsch von den Augen ablesen zu können. Wie wollte er das gelernte umsetzen wenn er sich plötzlich einer Menschenmasse von 100 Personen gegenüber sah, die er allein bewältigen sollte? Dazu kam die körperlich anstrengende und ungewohnte Arbeit. Als Lehrling und kurz danach war ihm die Arbeit noch recht angenehm erschienen. Hier mal ein Bierchen, dort eine Flasche Wein, ein Saft oder Wasser, hier und da ein Essen und jedes mal vorher schön fragen was der Herr oder die Dame denn für Wünsche haben, das war schon ein gutes Leben. Nun plötzlich diese vielen Leute. Keiner hatte Zeit, keiner wollte warten und es war nur eine Frage von Tagen bis der Eleve von seinem Bestellsystem abkam und die Ware, welche verkauft werden sollte, pauschal in sein Revier trug. Auch ging das mit dem Essen viel zu langsam. Er hatte gelernt maximal drei Teller zu transportieren, zwei in der linken und eine in der rechten Hand. Das sah standesgemäß aus, beschmutzte den Anzug nicht und man lief auch nicht Gefahr, dass die Unterseiten der Porzellanplatten beschmiert und auf der Tischdecke des Gastplatzes einen hässlichen Fleck produzierten. In so einem Ausflugslokal mussten aber mindestens sieben Plastikplatten, fünf in der linken und zwei in der rechten Hand transportiert werden und es war auch irgendwie egal ob auf der Unterseite Soße oder Gemüsereste waren, die auf der Tischdecke landen konnten. Es dauerte meist nur eine Woche bis sich so ein Neuling den Gegebenheiten angepasst hatte und nun seine Arbeit saisongerecht verrichten konnte. Eines hätte er sich aber mit Sicherheit sparen können, nämlich seine Lehrzeit, denn von dem was er dort gelernt hatte, konnte er in der Praxis nichts, aber auch gar nichts, gebrauchen, zumindest nicht in Saisonkneipen.
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4 Kommentare
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Werner Szramka aus Lehrte | 21.02.2015 | 13:13  
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Peter Perrey aus Neustadt am Rübenberge | 21.02.2015 | 13:45  
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Kornelia Lück aus Zeitz | 21.02.2015 | 13:55  
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Peter Perrey aus Neustadt am Rübenberge | 21.02.2015 | 14:04  
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