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Ein feucht-fröhliches Silvester / Kurzgeschichte

Ein feucht-fröhliches Silvester

Paul war am Silvestermorgen früh erwacht. Er saß am Kaffeetisch und dachte an vergangene Silvestertage. Es fiel ihm eine Silvesterfeier ein, die er in seiner Kindheit mit seiner Verwandtschaft erlebt hatte.
Als er noch ein Kind war, wurde Silvester traditionsgemäß im Haus seiner Großeltern gefeiert. Alle Verwandten wurden zu diesem Fest eingeladen, für das Essen waren seine Großeltern zuständig, für die Getränke sein Patenonkel, der mit Frau und Sohn ebenfalls im Haus wohnte. Für etwaige Feuerwerkskörper waren die jeweiligen Sippenteile selbst verantwortlich.
Seinem gleichaltrigen Cousin und ihm war natürlich das Feuerwerk das Wichtigste. Sein Patenonkel ging mit ihm und seinem Cousin vormittags in den ortsansässigen Schreibwarenladen, der diverse Feuerwerkskörper anbot. Hier durften sie sich Knallfrösche, die sogenannten Ladykracher, Knallerbsen und Wunderkerzen aussuchen, die sie dann zum Jahreswechsel unter Aufsicht einer ihrer Onkel abbrennen durften.
Nachmittags gab es dann bei seiner Großmutter zum Kaffee die „Neujahrswecken“, zum Zopf geflochtenes Hefegebäck, auf das er sich immer sehr freute. Das Besondere daran war, das dieses Gebäck tatsächlich auch nur „zwischen den Jahren“ von den Bäckern angeboten wurde. Die Neujahrswecken durften also an Silvester nicht fehlen.
Sein Großvater bereitete nach dem Kaffee dann die obligatorische Ananasbowle vor, die er, wie Paul erst in späteren Jahren durch eigenen Genuss erfahren sollte, reichlich mit Schnaps anreicherte. Wohl mit ein Grund, weshalb es abends zu dem Ereignis kam, das dieses Silvester für Paul zu etwas Unvergessenem machte.
Vorher hatte der Großvater die Kinder, wie jedes Jahr, mit der Nachricht überrascht, dass er im Dorf jemand getroffen habe, der so viele Nasen im Gesicht gehabt hätte, wie das Jahr noch Tage hatte. Dass sie mittlerweile in einem Alter waren, sein Cousin und er waren acht Jahre alt, dass sie diese Nachricht nicht mehr irritierte, störte den Großvater nicht. Tradition war für ihn eben Tradition.
Gegen Abend waren dann alle Gäste eingetroffen und das Fest konnte beginnen. Das sah dann so aus, dass die Herren der Schöpfung hauptsächlich Bier und diverse Schnäpse tranken. Die Bowle war für die Damen vorbehalten, obwohl von den Erwachsenen wohl jeder wusste, dass sie ordentlich mit Kornschnaps versetzt war. War wohl trotzdem nichts für Männer.
Man unterhielt sich angeregt, Witze wurden erzählt, Salzstangen gegessen und fleißig geraucht.
Kurz bevor es Essen geben sollte, wurden alle durch einen lauten Knall aufgeschreckt. „Oh, mein Bier!“, rief Pauls Vater, stürzte in die Küche um den mit Kohle beheizten Küchenherd zu öffnen. Er hatte eine Flasche Bier, die er, um sie zu kühlen, vorher ins Eisfach des Kühlschranks gelegt hatte, dort vergessen und sie dann als gefrorenen Eisklumpen in den Herd gelegt. Nun hatte sie sich, wiederum vergessen worden, durch Zerbersten in Erinnerung gebracht. Es gab ein allgemeines lautes Hallo über dies Ereignis und sein Vater war der Held des Abends. Wenigstens bis dahin.
Kurz vor zwölf Uhr gab es dann das Silvesteressen, traditionell in seiner Familie bestehend aus Fleischwurst, Kartoffelsalat, Hackfleisch mit Zwiebeln und Brötchen.
Hier war dann zu erkennen, dass auch seine Großmutter schon einiges von der Bowle intus hatte, denn als sie den Kartoffelsalat servierte trug sie als Schmuck einen Kringel Fleischwurst um den Hals. Dies steigerte die Stimmung der Allgemeinheit um ein Weiteres.
Kurz vor zwölf wurden die Sektgläser hervorgeholt und der Sekt eingeschenkt. Die Kinder bekamen hellen Zitronensprudel im Sektglas. Die letzte Minute des Jahres wurde auf der Uhranzeige im Fernseher gespannt verfolgt, Punkt 24 Uhr ertönte von allen Seiten ein „Frohes neues Jahr!“, man stieß mit den Gläsern an, Küsschen wurden verteilt und die männlichen Gäste begaben sich ins Freie um das „Neue Jahr“ mit Feuerwerk zu begrüßen.
Die Kinder zündeten ihre Wunderkerzen an, ließen Knallfrösche explodieren und warfen ihre Knallerbsen. Gleichzeitig versuchten sie, das Feuerwerk der Erwachsenen im Auge zu behalten.
Seine Großmutter stand mit seinen Tanten auf der Treppe, die zum Hof führte, und bestaunte das Geschehen. Mit vielen Ahs und Ohs wurden die explodierenden Raketen am Firmament bewundert, die Stimmung war tatsächlich auf dem Höhepunkt.
Sein Patenonkel, ein passionierter Feuerwerker, hatte seine gesammelten Explosionsgerätschaften in einem Karton untergebracht, den unterhalb der Treppe deponiert hatte. Infolge des überreichen Angebotes an Alkoholika hatte wohl auch sein Patenonkel seinen entsprechenden Grenzwert erreicht und war feinmotorisch nicht mehr ganz auf der Höhe, kurz gesagt ein Knallfrosch oder ein anderer Explosionskörper fiel ihm in seinen Karton, die ganze Chose entzündete sich und machte sich selbstständig. Es knallte, blitzte, röhrte, heulte, pfiff und krachte. Glücklicherweise konnten sich alle Personen die sich im unmittelbaren Gefahrenbereich befanden in Sicherheit bringen.
Das Erstaunliche war jedoch, dass trotz der lauten Explosionsgeräusche, ein menschlicher Ton die Oberhand behielt. Lautes Lachen war zu hören, ein Lachen, das alles übertönte. Es war das Lachen seiner Großmutter, die oben auf der Treppe stehend, inmitten ihrer Töchter, sich auf die Oberschenkel schlug und lauthals in das neue Jahr hineinlachte. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, bis dann das Lachen urplötzlich erstarb und sie mit einem erschreckten „Oh Gott“ im Innern des Hauses verschwand.
Wie später offiziell (es war nicht zu verhindern) bekannt gegeben wurde, hatte sich seine Großmutter vor Lachen in die Hose gemacht. Für sie also wirklich eine feuchtfröhliche Silvesterfeier.
Für ihn war dies ein unvergesslicher Silvesterabend. Doch war er natürlich nicht der Einzige, dem diese Feier in Erinnerung geblieben war. Er wusste nicht, wie oft sich seine Großmutter diese Geschichte jedes Jahr zu Silvester hatte anhören müssen.
Lächelnd stand Paul vom Kaffeetisch auf. Heute würde er mit seinen erwachsenen Kindern und Enkel Silvester feiern. Er freute sich darauf.

© R. Güllich
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Weiterveröffentlichungen:

Oberhessische Presse | Erschienen am 05.01.2013
Oberhessische Presse | Erschienen am 12.01.2013
2 Kommentare
4.416
Martin & Christine Kewald-Stapf/Stapf aus Amöneburg | 31.12.2012 | 13:32  
2.879
Rainer Güllich aus Marburg | 31.12.2012 | 13:44  
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