Heuchlerische Empörung

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Wieder einmal sehen die Medien nur den Splitter im Auge der Anderen.
von Felix Feistel

Dieser Artikel erschien am 15. Dezember 2018 auf RubIkon

Die neuesten Berichte über Foltergefängnisse Erdogans strotzen nur so vor geheuchelter Empörung. Einseitig werden hier Menschenrechtsverstöße eines politischen Gegenspielers instrumentalisiert, um von den Verfehlungen der eigenen Verbündeten abzulenken.

Deutsche Medien, unter ihnen der Rechercheverbund ‚correctiv‘ haben unglaubliche, bahnbrechende, sensationelle und wirklich jeden einzelnen Menschen überraschende Erkenntnisse ermittelt: Erdogan lässt Anhänger der Gülenisten, die er als seine politischen Gegner betrachtet, durch seinen Geheimdienst entführen und foltern. In einigen Nachrichtenportalen ist die Aufregung daher groß.

Wer das politische Treiben auf der Weltbühne hingegen mit ungetrübtem Auge schon länger verfolgt, der weiß: Fast jede Regierung lässt ihr nicht genehme Dissidenten entführen und foltern. Doch die deutsche Medienlandschaft dämonisiert Erdogan, der teils sehr unverhohlen die Dinge beim Namen nennt:

„Wir werden den Kampf gegen die Gülenisten so lange fortsetzen, bis wir sie komplett ausgemerzt haben. (…) Die Gülenisten, die geflohen sind und sich jetzt in Sicherheit wähnen, bringen wir einzeln zurück ins Land und übergeben sie der Justiz unseres Landes.“

Dies sagte er auf einer Sitzung seiner Partei AKP am 7. Juli 2018.

Man möchte fast meinen, diese Art der Rede käme einem vage bekannt vor. Ersetzt man nämlich nur ein paar Worte, so könnte man zum Beispiel folgende Zeilen lesen:

„Wir werden den Kampf gegen die Terroristen so lange fortsetzen, bis wir sie komplett ausgemerzt haben. (…) Die Terroristen, die geflohen sind und sich jetzt in Sicherheit wähnen, bringen wir einzeln zurück ins Land und übergeben sie der Justiz unseres Landes.“

Schon sieht man vor seinem geistigen Auge nicht mehr den geifernden Erdogan, sondern einen debil in die Kamera schielenden George W. Bush, oder das Zahnpastagrinsen des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama. Mit dem einzigen Unterschied, dass die beiden Letztgenannten niemals die Absicht hatten, sogenannte Terroristen irgendeiner Justiz zu übergeben.

Dieses Spiel kann man munter mit dem ganzen Artikel fortsetzen. So wird aus:

„Und offenbar reicht der Arm der türkischen Regierung auch über die eigenen Staatsgrenzen hinaus. Laut einer internationalen Medienrecherche unter Leitung des Rechercheverbunds ‚Correctiv‘ betreibt die Türkei offenbar ein Entführungsprogramm, um weltweit politische Gegner aufzuspüren und in türkische Gefängnisse zu verschleppen.“

plötzlich Folgendes:

„Und offenbar reicht der Arm der amerikanischen Regierung auch über die eigenen Staatsgrenzen hinaus. Laut einer internationalen Medienrecherche unter Leitung des Rechercheverbunds ‚Correctiv‘ betreiben die USA offenbar ein Entführungsprogramm, um weltweit politische Gegner aufzuspüren und in amerikanische Gefängnisse zu verschleppen.“

Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage würde dabei überhaupt nicht beeinträchtigt.

Auch die Berichte über geheime Foltergefängnisse in anderen Ländern, die Folterpraktiken an sich, das Erpressen gefälschter Zeugenaussagen sind wahrlich keine überraschenden Neuheiten. All die beschriebenen Praktiken und Einrichtungen sind keine Erfindung des türkischen Geheimdienstes. Die Wahrheit ist: Der türkische Geheimdienst ist nicht der einzige, und bei Weitem nicht der kriminellste, In Bezug auf die Verfolgung politischer Gegner.

Doch sich darüber aufzuregen, scheint sich nur dann zu lohnen, wenn diese Geheimdienste einer Regierung angehören, der man eher abgeneigt ist. Wer interessiert sich heute noch für die Vorwürfe gegen amerikanische Soldaten und Geheimdienste, die im sogenannten „Krieg gegen den Terror“ hunderte Menschen verschiedener Länder entführen und foltern ließen? Wer kennt noch den deutschen Staatsbürger Murat Kurnaz, der acht Jahre lang unschuldig in Guantanamo saß, vollkommen ohne Anklage, ohne Beweise für irgendeine Straftat? Wen interessiert noch, dass Barack Obama sein Wahlversprechen, Guantanamo zu schließen, niemals erfüllt hat? Wer kennt noch den Namen Abu Ghraib?

Doch das sind Taten, über die man hierzulande nur dann berichtet, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt, ohne seinen Ruf als seriöses Medium aufs Spiel zu setzen. Die Skandale des Gegners hingegen schlachtet man genüsslich aus, pocht auf Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, selbst dann, wenn das Verhalten des Anderen das eigene nur spiegelt.

Menschen entführen und foltern zu lassen ist, man glaubt kaum, dass das extra erwähnt werden muss, eine unmenschliche Behandlung, die zu Recht durch diverse internationale Verträge geächtet wird. Doch anstatt einseitig mit dem Finger auf die Regierungen anderer Länder zu zeigen, sollte ein Recherchekollektiv sich mit der Rolle der eigenen Regierung auseinandersetzen. Wie viel wusste der BND über die Foltergefängnisse der USA? Wie viel wusste Angela Merkel? Hat sie es nicht nur gewusst, sondern gar eigene Geheimdienste angewiesen, amerikanische Dienste dabei zu unterstützen? Gab und gibt es Foltergefängnisse auch in der BRD? Das wären Fragen, über die es sich lohnen würde zu ermitteln, über die berichtet werden sollte.

Statt jedoch vor der eigenen Tür zu kehren, wird aus einem Glashaus heraus mit Steinen geworfen. Es ist verlogene Heuchelei, die propagandistisch inszeniert wird, um den eigenen Status als moralisch überlegene Gesellschaft zu untermauern, einen Ruf, von dem eigentlich jeder weiß, dass er vollkommen unverdient ist. Doch über diese Tatsache lässt sich auf diese Weise großzügig hinwegsehen. Böse sind immer nur die Anderen, jene, die man ohnehin nicht haben will.

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Felix Feistel, Jahrgang 1992, schreibt in vielfältiger Weise über die Idiotie dieser Welt und auch gegen diese an. In einer auf Zahlen und Daten reduzierten Welt, die ihm schon immer fremd war, sucht er nach Menschlichkeit und der Bedeutung des Lebens. Er versucht, seine Kräfte und Talente für die Gestaltung einer lebenswerten Welt einzusetzen, indem er sich gegen Ungerechtigkeit und Zerstörung wendet. Trotz des überall grassierenden Wahnsinns ist er nicht bereit, den Glauben an das Gute im Menschen und sein Potenzial, den Planeten in ein Paradies zu verwandeln, aufzugeben. Er ist Mitglied der Rubikon-Jugendredaktion und schreibt für die Kolumne „Junge Federn“.

Dieser Beitrag ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie ihn verbreiten und vervielfältigen.

Bürgerreporter:in:

Hajo Zeller aus Marburg

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