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Corona-Virus und Walpurgisnacht

Linolschnitt aus Sagenschatz des Kreises Peine
 
Der Brockenim Zwielicht (Foto: aus Wikipdia)
Der Corona-Virus hat die Welt verändert. Durch Versammlungsverbote sind ihm im Jahre 2020  jede Menge öffenliche Veranstaltungen zum Opfer gefallen. So auch die Walpurgisnachtfeiern (30.04.), die in normalen Jahren zehntausende begeisterte Touristen in den Harz und zum Brocken (Blocksberg) locken..

Als kleiner Ersatz sei hier eine Geschichte wiedergegeben, die im Sagenschatz des Kreises Peine, herausgegeben von Robert Batels †, nachzulesen ist:

In der Walpurgisnacht ziehen die Hexen und Hexenmeister aus allen Gauen des weiten Niedersachsenlandes nach dem Brocken. Ehe sie ihre Reise antreten, sprechen sie den Zauberspruch "Fahre hin, fahre hin, nach dem Blocksberg steht mein Sinn". Dann geht's im Hui durch den offenen Schornstein in die Lüfte und dem Brocken zu. Auf Besenstielen und Butterfässern, auf Ziegenböcken und Katzenschwänzen, auf Baumstämmen und sogar auf Menschen, die ihnen unterwegs begegnen, sausen sie durch die Luft dahin.

Manchen hat es schon gelüstet, die seltsamen Reiter zu erspähen. Das kann glücken, wenn man sich still auf einen Kreuzweg setzt, seine Brust kreuzweise mit einem hanfenen Seile umgürtet und zwei Eggen über sich deckt. Wehe aber, wer bei seiner Neugier nicht sorgfältig darauf achtet, dass kein Zipfelchen des Gewandes hervorschaut; denn sonst gewinnen die Bösen die Herrschaft über ihn. Sie treiben mit dem Unvorsichtigen ihren Schabernack, reißen ihn mit sich fort oder drehen ihm auch wohl den Hals um.

Eine alte Überlieferung in Groß Bülten bezeugt, dass die Hexen und Hexenmeister auf dem Wege zur Walpurgisfeier die Bültener Feldmark überquerten. Dort, wo ihr Reiseweg den Solschener Kirchweg kreuzte, sollen sie ständig gerastet haben. Es war ihnen nicht möglich, vor Mitternacht an dem hier aufgestllten Kreuze vorüberzukommen. Auch in Klein Lafferde wurde in der Spinnstube erzählt, dass die Hexen an der Straßenkreuzung "Weißes Kreuz" vorübergezogen seien.

Bei der Ankunft der nächtlichen Reiter auf dem Gipfel des Vaters Brocken umhüllten dichte Nebel die verkrüppelten Fichten und die wunderlich gestalteten Klippen. Plötzlich fängt dieser Zauberschleier der Nacht an zu leuchten. Aus dem Brockenmoor tauchen bläulich flimmernde Irrlichter empor. Fast vermoderte Baumstümpfe erglühen in geisterhaft unheimlichem Gefunkel. Ein gewaltiger Sturmwind umbraust das kahle Haupt des Berges. Die ersten Hexen, die heranrasen, kehren mit ihren Besen den Schnee weg und lassen ein lustiges Feuer aufflackern. Inzwischen sind auch die letzten Ankömmlinge gelandet. Dann steigert sich das Leuchten, Flimmern und Funkeln ins überirdisch Zauberhafte; denn Urian (der Teufel) erscheint und besteigt sogleich die Teufelskanzel. Er richtet an die Versammelten eine zündende Ansprache. Inzwischen wird auf dem Hexenaltar ein weithin duftendes Mal bereitet, das alle Erschienenen nach den Anhstrengungen der Sturmfahrt erquickt. Der Hexenbrunnen spendet dazu köstlichen Wein, der wie Feuer durch die Adern rinnt.

Dem Hexenmahle folgt ein Fest von solch sündhafter Ausgelassenheit, dass sich gewöhnlich Sterbliche keine Vorstellung davon machen können. Der Teufel geigt auf einem Pferdekopf oder pfeift auf einem Katzenschwanze eine wundersame Musik, die alle Herzen unwiderstehlich in Bann schlägt. In wildem Reigen umtanzt die Schar der Hexen und Zauberer ihren Herrn und Gebieter. In teuflischer Lust dreht sich alles in wirbelndem Tanze. Flammende Feuerbrände kreisen in kunstvollen Schwingungen um die Häupter der Erhitzten. Bald wird auch der Teufel mit in den wüsten Trubel gezogen. Er sucht sich die schönsten Hexen aus, erweist sich als bester Tänzer, dreht sich und wiegt sich, wird immer feuriger und tollt schließlich in atemberaubendem Tempo durch die tanzende Menge, bis die Tänzerin ermattet zusammenbricht. So geht es bis zum frühen Morgen.

Wenn in den Tälern die Hähne krähen und das erste Morgenlicht seinen blassen Schimmer um den Brockengipfel ergießt, verschwindet der Spuk. Wie die Unholden gekommen sind, so fliegen sie wieder vondannen. Bald ist ihre Spur verloren.


Zu Spukgeschichten hat Wilhelm Busch folgendes Gedicht verfasst:

Abends, wenn die Heimchen singen,
wenn die Lampe düster schwelt,
hör ich gern von Spukedingen,
was die Tante mir erzählt.

Wie es klopfte in den Wänden,
wie der alte Schrank geknackt,
wie es einst mit kalten Händen
Mutter Urschel angepackt.

Wie man oft ein leises Jammern
grad um Mitternacht gehört
oben in den Bodenkammern,
scheint mit höchst bemerkenswert.

Doch erzählt sie gar das Märchen
von dem Geiste ohne Kopf,
dann erhebt sich jedes Härchen
schaudervoll in meinem Schopf.

Und ich kann es nicht verneinen,
dass es böse Geister gibt;
denn ich habe selber einen,
der schon manchen Streich verübt.
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2 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 08.07.2020 | 23:35  
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Wilhelm Heise aus Ilsede | 09.07.2020 | 07:19  
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