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Liegt die Wiege der Menschheit in Europa und nicht in Afrika?

Einst lebten in Afrika verschiedene Frühmenschenarten, zum Teil nebeneinander. So wie dieser Australopithekus.
 
Luci, das berühmteste Skelett der Erde. Sie hat vor 3,6 Millionen Jahren gelebt und war nur einen Meter groß. (Kopie auf der Expo 2000)
Bis vor nicht allzu langer Zeit war das keine Frage. Natürlich lag, so war sich die Wissenschaft sicher, der Ursprungsort des Frühmenschen in Afrika. 1974 wurden in Äthiopien die bis dahin ältesten frühmenschlichen Knochen gefunden, die von Luci, benannt nach dem Beatle-Song „Luci in the Sky with Diamonds“, der bei den Ausgrabungsarbeiten oft im Radio lief. Es ist das berühmteste Skelett der Erde, von dem immerhin 40 Prozent der Knochen erhalten sind. Das ist außergewöhnlich, werden doch in der Regel nur Teile von Skeletten gefunden. Mal ein Schädel, mal ein Unterarmknochen, mal ein Zahn.
Doch bei Luci sollte es nicht bleiben. In den Jahrzehnten darauf wurden immer wieder in verschiedensten Regionen Afrikas Knochen unserer frühmenschlichen Vorfahren entdeckt, die zum Teil doppelt so alt waren wie die von Luci, deren Alter auf sechs Millionen Jahre datiert werden konnten. Das war auch die Zeit, in der sich die Linie der Schimpansen, die genetisch nur um ein Prozent vom Menschen abweichen, von der der Frühmenschen trennte. Drei Millionen Jahre zuvor hatte sich bereits der Gorilla abgesondert, und wiederum vier Millionen Jahre vorher der Orang-Utan.
Inzwischen aber, im neuen Jahrtausend, konnten Knochenfragmente von Frühmenschen in Regionen entdeckt werden, die das Alter afrikanischer Knochenfunde übertrafen. Und das, man mag es kaum glauben, in Europa. So wurde bereits 1944 in Athen der Unterkiefer eines Grekopithekus gefunden, der erst vor kurzem dank neuer forensischer Methoden datiert werden konnte. Und das immerhin auf ein Alter von sieben Millionen Jahren. 2002 wurden auf Kreta die Spuren eines Individuums freigelegt, sechs Millionen Jahre alt, das auf zwei Beinen ging. Doppelt so alt, nämlich 11,6 Millionen Jahre, sind die Knochen von „Udo“, einem Menschenaffen, die vor wenigen Jahren in einer Lehmgrube bei Pforzen in Süddeutschland gefunden werden konnten. Sie deuten eindeutig auf einen aufrechten Gang hin, was anhand eines Schienenbeines erkennbar ist. Zweibeiniges Gehen bedeutet also noch nicht das Menschsein. Und diese Erkenntnis ist schon eine Sensation, dachte man doch bis dahin, dass wir von einem affenähnlichen Wesen abstammen. Benannt wurde Udo nach Udo Lindenberg, der an diesem Tag seinen 70. Geburtstag feierte und dessen Songs an diesem Tag ständig im Radio gespielt wurden.
Zurzeit sieht es jedenfalls danach aus, dass der aufrechte Gang in Europa entstanden ist. Dort gab es damals Savannengebiete, in der eine Tierwelt lebte, die wir heute aus Afrika kennen, während Afrika zu dieser Zeit dicht bewaldet war. Und allem Anschein nach ist das zweibeinige Gehen in freien, fast baumlosen Landschaften entstanden.
Eindeutig ist ein Fund, der 2009 in Bulgarien gemacht werden konnte. Dort wurde ein Zahn gefunden, der auf sieben Millionen Jahre datiert werden konnte. Er hat, was auf einen Vormenschen hinweist, nur eine Wurzel, während die von Menschenaffen mehrere Zahnwurzeln aufweisen. Es könnte sich dabei aber um eine Übergangsform vom Menschenaffen zum Frühmenschen handeln.

Nach heutigem Wissensstand könnte es also durchaus sein, dass die ersten Frühmenschen von Europa nach Afrika eingewandert sind, nicht, wie es bisher die langläufige Meinung war, von Afrika nach Europa. Das würde die gesamte Forschung über die ersten Menschenartigen auf den Kopf stellen. Ob es nun wirklich so ist, wird sich vielleicht in Zukunft herausstellen, werden doch immer neue Funde gemacht. Und die könnten dann auch in Afrika gemacht werden, die vielleicht noch älter sind als die europäischen. Also können wir feststellen, dass nichts sicher und endgültig ist, sowie auf vielen anderen Gebieten der Wissenschaft auch. Neue Erkenntnisse können unser Wissen grundlegend und zu jeder Zeit verändern.
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Romi Romberg aus Berlin | 24.08.2020 | 23:44  
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