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Weihnachten: das Päckchen aus Amerika

Die folgende Geschichte gehörte zu Opas festen Weihnachtsrepertoire-Repertoire wie Christbaum und Weihnachtsplätzchen. Es war ein Erlebnis aus der Nachkriegszeit und er führte uns stets mit ernster Miene und gleichzeitig einem kleinen Schmunzeln in diese vergangenen Jahre. Damals gab es etwas, das man sich heute nicht mehr vorstellen kann – nämlich Hunger
Und so erzählte Opa: Eines Tages stand vor unserer Tür der Postbote: „Ein Päckchen aus Amerika!“ raunte er mit staunender Miene. „Amerika ?“, rätselte meine Mutter – und für mich hätte er genauso gut „vom Mars“ sagen können. Denn schließlich war Amerika für uns Kinder damals das Synonym für alles Unerreichbare.
„Das kommt von Tante Marianne“, erklärte Mama bedeutungsvoll. Ich hatte genug Zeit zum Nachdenken, wer diese „Tante Marianne“ wohl war, denn selbstverständlich musste mit dem Öffnen ewartet werden, bis Papa nach Hause kam. Und so stand abends die Familie versammelt um das geheimnisvolle Paket. Schnell war die Schnur gekappt und andächtig schälte Mutter die Häute aus Packpapier ab. Das Innere barg wundervolle Schätze: Eine Dose Kaffee, Schokolade (die kannten wir Kinder nur noch vom Hörensagen), eine Riesendose Marmelade, eine mit Olivenöl, ein Paket mit Reis und eine Schale mit Margarine. Dazu eine weitere große Weißblechdose.
Tante Marianne hatte vorgesorgt. Sie wusste, dass wir alle kein Wort Englisch sprachen. So hatte sie jedes Gefäß mit einem Zettel in Deutsch beschriftet, der uns so den jeweiligen Inhalt näherbrachte. Nur die 7. Dose aus Weißblech hatte keinen Erklärungszettel. Was könnte da wohl drin sein? Ganz klar, dass diese Dose zu erst geöffnet wurde.
Erst probierte Mutter und dann nach und nach reihum die ganze Familie. „Also Mehl ist es nicht!“, bemerkte Mutter fachmännisch. Und Vater, normalerweise auf Distanz mit Vorgängen rund ums Kochen ergänzte: „Grieß ist es auch nicht.“ „Es schmeckt eigentlich nach gar nichts“, meinte meine Schwester. Ich enthielt mich dezent eines Kommentares, denn ich hatte keine Ahnung, was diese weißlich-graufe Pulver sein könnte.
„Ich habe noch etwas Milch und zwei Eier. Da machen wir gleich mal Pfannkuchen“, löste Mutter die unklare Situation. In einer Zeit, da Schmalhans Küchenmeister war, klang Pfannkuchen nach einer Mischung aus Paradies und Sattwerden. Und natürlich mischte Mutter eine gehörige Portion von dem geheimen Pulver aus der Weißblichdose in den Teig. In satter Seeligkeit saß die ganze Familie nach dieser feudalen Mahlzeit um den Tisch.

Vier Tage nach der Päckchen-Ankunft - die Pfannkuchen waren längst verdaut – steckte Post von Tante Marianne im Briefkasten. „Meine lieben in Deutschland“, las Mutter von dem dünnen Luftpostpapier. „Man hört, dass es bei euch in Sachen Verpflegung nicht zum Besten steht. Darum hoffe ich von Herzen, dass euch mein Päckchen ein bißchen Sonnenschein in den trüben Alltag bringt.
Leider muss ich euch schreiben, dass Onkel Sigismund im 83. Lebensjahr hier in Amerika gestorben ist. Und ihr wisst ja: sein größter Wunsch war es, in der alten Heimaterde seine ewige Ruhe zu finden. Sucht ein schönes Plätzchen für ihn im Garten. Seine Asche ist in der Weißblechdose.

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Klang & Bilder
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