Siehst Du mich?

Ist Ihnen an der Wand hinter dem Altar der Kirche Maria Königin des Friedens dieser kleine einsame Mensch schon einmal aufgefallen? Ein wenig verloren steht er abseits einer unüberschaubaren Schar, die sich als Volk Gottes um Jesus Christus versammelt. Seit ich ihn zum ersten Mal entdeckt habe, frage ich mich: Was ist wohl mit ihm los? Ist er von den anderen zur Seite geschoben worden? Traut er sich nicht so richtig dazu? Gehört er gar nicht zu ihnen und steht nur zufällig abseits der Menge – ein unbeteiligter Zaungast? Oder gar ein vorsichtiger Beobachter, der lieber erst einmal auf Abstand bleibt, um zu sehen, was das für Leute sind und ob er überhaupt etwas mit ihnen zu tun haben will?
Ein etwas anderes Kirchweihbild. Wenn wir Ende September bzw. Anfang Oktober unsere Kirchweihfeste feiern, dann geht es zwar schon irgendwie auch um die Gebäude. Mehr aber noch rückt ein Kirchweihfest die Gemeinschaft der Glaubenden, die sich in diesen Räumen versammelt, in den Mittelpunkt. Kirche, griechisch. „kyriake“, bedeutet ja nichts Anderes als „die, die zum Herrn gehören“. Nun hätte ich auch unsere Kirchen von außen wählen können, oder prachtvolle Kirchenbauten der Welt und prunkvolle Innenräume in barocker Pracht. Aber vielleicht symbolisiert es in unserer Zeit eher dieser abseitig stehende Mensch auf dem Bild, was die Aufgabe und die Herausforderung derer ist, die zum Herrn gehören, ist. „Lass herein, die draußen sind; Gott heißt Tochter, Sohn und Kind, wer dich Mutter nennt“, so singen wir zwar im Lied „Eine große Stadt ersteht“ (GL 479). Doch bedarf es ganz großer Aufmerksamkeit derer, die „drinnen“ sind, damit die nicht übersehen werden, die noch am Rand stehen.
Manchmal taucht in Diskussionen über die Zukunft der Gedanke auf, es wäre doch gut, wenn sich Kirche gesundschrumpft und am Ende zwar weniger, aber dafür lauter überzeugte Christen zurückbleiben. Im Sinne des Herrn ist das aber nicht. Jesus hat gerade keinen kleinen elitären Haufen um sich geschart, keinen Verein gegründet, keinen exklusiven Club eröffnet. Sein Blick galt zuerst denen, die draußen sind. Darum rührt mich dieser einsame Mensch auf dem Bild auch so an. Denn jedes Mal, wenn ich ihn sehe, stellt er mir die Frage: Siehst du mich?
„Siehst du mich?“ fragen uns auch heute ganz viele Menschen, die sich aber von selbst nicht so recht näher trauen. „Siehst du mich?“, fragen die Suchenden, die nicht so recht wissen, wie man in diese Gemeinschaft der Kirche hineinfindet. „Siehst du mich?“, fragen die, die unfreiwillig am Rand der Kirche stehen: Queere Menschen, wiederverheiratete Geschiedene und leider immer noch oft Frauen. „Siehst du mich?“, so könnten auch die Verunsicherten und Enttäuschten fragen, die sich nach so vielen Skandalen nicht mehr sicher sind, woran sie an dieser Gemeinschaft sind. „Siehst du mich?“, fragen auch die, die man schlichtweg nicht haben will, weil sie auffällig, anstrengend, nervig oder unbeliebt sind. „Siehst du mich?“, fragen nicht zuletzt auch die Leidenden, Trauernden, Gescheiterten und Hilflosen.
Was aber können wir tun, damit der Mensch am Rand, der gerne mit dabei wäre, den Schritt wagt? Eine Gemeinschaft Gleichgesinnter läuft immer auch Gefahr, sich abzuschließen und sich selbst zu genügen. Gerade eine Pfarrgemeinde oder Pfarreiengemeinschaft sollte aber einladend bleiben, so dass sich die freundlich aufgenommen fühlen, die einen ersten Schritt über die Schwelle wagen. Und ja, das ist manchmal auch eine ziemliche Herausforderung, es auszuhalten, dass die Menschen, die dann kommen, so sind, wie sie eben sind. Doch täuschen wir uns nicht: Die Menschen kommen heute nicht mehr automatisch von selbst auf die Kirche zu. Oft trauen sie sich das gar nicht – was ich sehr bedauere. Vielleicht müssen wir uns ja auch in unseren Gemeinden umgewöhnen und mehr und mehr zu Suchenden werden – Menschenfischer hat Jesus das genannt. Sich zu Verfügung zu stellen, Rede und Antwort zu stehen, Menschen an der Hand zu nehmen und ihnen Anknüpfungspunkte an eine für sie fremdgewordene Welt bieten.
Ich würde ja gerne diesen Menschen an der Wand einfach zu den anderen schieben, damit er sieht, was für nette Leute das sind. Geht aber nicht. Geht in der realen Welt auch nicht. Dann bleibt nur, um ihn zu werben.

Bürgerreporter:in:

Markus Dörre aus Gersthofen

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