St. Georg in Duisburg-Mittelmeiderich

"An der Straße Auf dem Damm in Mittelmeiderich ist mit dem Glockenturm der evangelischen Kirche eines der letzten Baudenkmäler aus mittelalterlicher Zeit im Duisburger Norden erhalten geblieben. Die an der Turmaußenseit eingelassene Inschrift kündet von einem Baubeginn des Kirchturmes im Jahr 1502. Die Ergebnisse jüngster bauarchäologischer Untersuchungen sprechen
indes dafür, dass sich weit ältere Baureste in seinem Mauerwerk verbergen. Das jetzige Kirchenschiff ist hingegen zweifellos ein vollständiger Neubau, der 1862/1863 im neogotischen Stil errichtet worden ist. Im Zusammenhang mit den umfassenden Renovierungsarbeiten an der Kirche in den vergangenen Jahren konnte die Duisburger Stadtarchäologie im Jahr 2008 dort die Fundamente einiger Vorgängerkirchen aufdecken und untersuchen. Die Baureste des ältesten Gotteshauses reichen offensichtlich bis in das ausgehende Frühmittelalter zurück. Wie wir aus der zeitgenössischen Überlieferung erfahren, war die Kirche im Mittelalter dem Heiligen Georg geweiht. Dies könnte darauf hindeuten, dass sie als Eigenkirche eines Adeligen gegründet worden war. Zu denken wäre an den Herrn des benachbart gelegenen Welschenhofes, an dem im Mittelalter auch das Meidericher Gericht abgehalten worden sein soll. Der als berittener Drachentöter bekannte Heilige galt gewöhnlich im Mittelalter als Stammpatron des Adelsstandes und tritt entsprechend häufig als Schutzheiliger adeliger Kirchengründungen und Burgkapellen in Erscheinung.
Die archäologischen Grabungen haben uns viele neue Aufschlüsse zur Baugeschichte dieser für die frühe Entwicklung des Gebiets nördlich der Ruhr bedeutenden Pfarrkirche geliefert.
Wir können uns nun erstmals ein konkretes Bild davon machen, wie diese ältesten Kirchenbauten von St. Georg wohl ausgesehen haben und wann sie entstanden sind. Viele Einzelheiten zur Gliederung der Kirchenräume, zu ihrer Ausstattung und den exakten Datierungen bleiben uns aber weiterhin verborgen. Viel zu klein waren die Aufschlüsse der Grabungen, um all diesen Fragen bis ins Detail nachgehen zu können. Doch dies war auch nicht das vorrangige Ziel unserer Arbeiten. Vielmehr wollte die Untere Denkmalbehörde und Stadtarchäologie die ihr bei der Sanierung der Kirche gebotene Chance nutzen, mit geringem Aufwand sowie wenigen gezielten und gleichzeitig Substanz schonenden Bodeneingriffen, erstmals Licht in die bisher nur aus der schriftlichen Überlieferung bekannte Geschichte der Kirche von Mittelmeiderich zu bring.
Die älteste bekannte Erwähnung der Kirche in Meiderich soll auf das Jahr 873 oder 874 zurück gehen. Die Nennung steht in Zusammenhang mit der Überlieferung einer Schenkung des damals noch Mietherge genannten Ortes an das Kloster in Gerresheim bei Düsseldorf. Inwieweit diese früheste Überlieferung glaubhaft ist, lässt sich allerdings nur schwer beurteilen, da das Schriftstück als jüngere mittelalterliche Fälschung bzw. Abschrift gilt. Besiedelt und mit ersten Hofstellen bebaut war der Raum um Mittelmeiderich zu dieser Zeit aber sicher schon. Einige fränkische Grabfunde aus der Merowingerzeit, die 1928 in der Herwarthstraße im ehemaligen Ortsbereich von Berchum angeschnitten worden sind, belegen dies hinreichend. Mit der Nennung einer Siedlung Medriki in den Urbaren der Abtei Werden des 10. Jahrhunderts betreten wir auch mit der zeitgenössischen Schriftüberlieferung sicheren Boden für die Siedlung von Meiderich. Ein Pfarrer Cunradus wird dort für das Jahr
1217 erwähnt, während die dem Heiligen Georg geweihte Kirche erst um 1300 bezeugt ist und uns als Pfarrkirche eines größeren Kirchspiels entgegen tritt. Jedoch schon weit vor den ersten überlieferten Nennungen muss die Kirche von Mittelmeiderich eine vollgültige Pfarrei gewesen sein. Das zur Gemeinde zählende Gebiet umfasste damals den gesamten Raum zwischen der Stadt Duisburg und dem Stift Hamborn mit sämtlichen Bauerschaften. Die heutige Gliederung des Ortsteils in Unter-, Mittel- und Obermeiderich geht
auf das Jahr 1332 zurück, als der Probst von Xanten eine Znterteilung des Kirchspiels in drei gleich lautende Distrikte, die Ober-, Mittel- und Unterbauerschaft, verfügte. Durch die Anlage der Kirche besaß bereits damals die Mittelbauerschaft, aus der unser heutiger Ort Mittelmeiderich hervorgegangen ist, sowohl als Dorf als auch als Kirchspielhauptort eine Vorrangstellung. Im Jahr 1546 oder 1547 soll in der Meidericher Kirche die Reformation Einzug
gehalten haben und fortan nach lutherischem Glauben gepredigt und der Gottesdienst abgehalten worden sein.
Über den Kirchenbau selbst und über dessen Ausstattung informieren uns die erhaltenen Nachrichten der damaligen Zeit nicht, sieht man von der Turminschrift und einer aus dem Jahr 1487 erhaltenen Kirchenglocke einmal ab. Umso bedeutender sind deshalb die bekannten Berichte eines evangelischen Pfarrers von Mittelmeiderich, der im Jahr 1862/63 den Abbruch der alten Kirchenschiffe von St. Georg genau beobachtet und seine Einschätzungen dazu schriftlich fest gehalten hat. Zwei Stiche der evangelischen Kirche von Mittelmeiderich, die den Kirchenbau vor dem Einsturz und dem anschließenden Abbruch des Kirchenschiffs zeigen, gehen ebenfalls auf seine Beobachtungen zurück.
Sie lassen allerdings kaum erahnen, dass das damals abgetragene gotische Gebäude bereits eine wechselvolle und lange Baugeschichte erlebt haben muss. Pfarrer H. J. Graeber war jedoch aufgefallen, dass das Mittelschiff weit älter als die beiden ursprünglich niedrigeren Seitenschiffe gewesen und nach seiner Einschätzung im romanischen Stil der Zeit um 1050 entstanden sein muss. Dieser Bau wurde erst viel später zu einer dreischiffigen Hallenkirche umgesttaltet. Erhalten geblieben vom romanischen Bau waren bereits damals nur noch die auffallend plumpen, quadratischen Mittelschiffpfeiler.
Zunächst war gar nicht an einen vollständigen Neubau des Gotteshauses gedacht, Chor östliches Langhaus sollten lediglich dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung rasant wachsenden Raumbedarf der Kirchengemeinde angepasst werden. Bald nach Beginn dieser Bauarbeiten stürzten weite Teile der alten Kirche ein, sodass ein vollständiger Neubau unumgänglich schien und der Bau der heutigen Kirche im neogotischen Stil in Angriff genommen wurde.
Von der ältesten Kirche, die bereits während des frühen Mittelalters entstanden sein dürfte, konnten bei den Grabungen nur zwei kleine Fundamentreste unter der Kuppel der heutigen Kirche freigelegt werden. Zu rekonstruieren ist sie wahrscheinlich als 5 m lange und 4 m breite, kapellenförmige Saalkirche mit halbrundem Abschluss im Osten. Es dürfte sich um den Ursprungsbau der Anlage handeln, der von den Herren des Welschenhofes als Eigenkirche gegründet worden ist.
Der nächst jüngere Kirchenbau muss bereits erheblich größer gewesen sein. Er war als etwa 9 m breite, dreischiffige Basilika angelegt und bezog zunächst die alte Kapelle als Hauptchor mit ein. Die beiden Seitenschiffe endeten im Osten nachweislich in halbrunden Apsiden, die an die Kapellenwände angefügt wurden. Wir wissen nicht genau, wie weit die Kirche nach Westen reichte. Sie könnte im Schiffbereich nur zwei Jochbreiten umfasst haben und somit bereits auf Höhe der Ostseite des später hinzugefügten Turmes geendet haben. Vergleichsbeispiele aus dem Niederrheingebiet sprechen allerdings eher für ein dreijochiges Kirchenschiff, das von Beginn an bis zur Westkante des späteren Turmes reichte. Damit dürfte das Kirchenschiff eine Länge von etwa 12 m aufgewiesen haben. Der Ausbau zur Basilika stand vermutlich mit der neuen Funktion von St. Georg als Pfarrkirche in Zusammenhang. Die Grabungsergebnisse liefern uns kaum Anhaltspunkte dafür, wann dieser Neubau erfolgt ist. Im 10. und 11. Jahrhundert waren solche Bauten besonders weit verbreitet, wurden allerdings auch noch bis in das 12. Jahrhundert hinein gebaut. Das zwischen Mittel- und südlichem Seitenschiff
nachgewiesene Spannfundament mag als Indiz für eine frühe Anlage dieses Bautyps sprechen.
Im ausgehenden 12. oder im frühen 13. Jahrhundert wurden die Mittelschiffpfeiler der ersten Basilika offensichtlich nochmals erneuert. Darauf deutet die Gestaltung der untersuchten Pfeilerbasis im südlichen Seitenschiff hin, die eine für diese Zeit charakteristische Eckzehe aufweist. Es ist denkbar, dass diese Neugestaltung der Pfeilerbasen zeitlich parallel zum Bau des Westturms bzw. zur Einwölbung der bislang flach gedeckten Schiffberei-che realisiert wurde. Erst nachträglich wurde die Basilika mit einem neuen, langgestreckten Hauptchor ausgestattet, der wiederum in einer halbrunden Apsis endete. Die schwach abgesetzte Gestaltung der Apsis und das hier eingefügte Gussfundament lassen am ehesten auf eine gestufte Gliederung des Chorraumes schließen. Solche Chorlösungen waren in der Region während der Romanik besonders üblich (Abb. 16). Im Duisburger Süden hat sich mit der Kirche St. Dionysius in Mündelheim ein solcher Bau aus dem 12. Jahrhundert bis
heute erhalten.

Wahrscheinlich im Laufe des 12. oder im frühen 13. Jahrhundert wurde im Westen der Kirche der Turm eingefügt. Das heutige untere Geschoss des Turmes könnte noch aus dieser Zeit stammen. Hierauf deuten auch die Ergebnisse der Grabungen von Tischler im Jahr 1958 hin. Je nachdem, wie weit die Kirchenschiffe zuvor nach Westen reichten, wurde der Turm entweder an der westlichen Außenseite angefügt oder aber in das westliche Ende des Mittelschiffs eingebaut. Letzteres gilt, wie oben bereits dargestellt, als wahrscheinlicher. Der Turm konnte offensichtlich nicht wesentlich weiter nach Westen verschoben werden, da die gesamte Kirche auf einer kleinen hochwasserfreien Anhöhe über der alten Ruhraue errichtet worden war.
Dies belegen die Ergebnisse der Grabungen deutlich. In gotischer Zeit ließ die Kirchengemeinde ihr Gotteshaus nochmals auf den
neuesten Stand der Kirchenbaukunst bringen. Im Osten wurde ein neuer, größerer 5/8-Chor angefügt. Für die Feier der Messe blieb der alte romanische Chor allerdings noch längere Zeit erhalten und wurde wahrscheinlich erst abgebrochen, als der Neubau schon weitgehend fertiggestellt war. Abschließend muss die mittelalterliche Kirche nochmals grundlegend umgestaltet und zu einer Hallenkirche mit kapellenförmigen Neubauten im Bereich
der Seitenschiffe erweitert worden sein. Diese Kirche hob sich vor
allem durch die aufwändige Gestaltung der Einwölbungen und die hohen Seitenschiffe von ihren Vorgängern ab. Spätestens in dieser Zeit wurden die kräftigen Außenstreben an die Schiffe und an den Chor der Kirche angefügt. Ob dieser Umbau zeitlich parallel mit der inschriftlich belegten Neugestaltung des Turmes im Jahr 1502 erfolgte oder schon früher abgeschlossen war, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht entschieden werden. Die Hallenkirche
wurde 1862 abgebrochen und durch den heutigen, deutlich größeren, neugotischen Backsteinbau ersetzt," berichtet die Stadt Duisburg in der Schrift "Duisburger DenkmalThemen 5 `Die mittelalterliche Pfarrkirche St. Georg in Mittelmeiderich".

Die Kirche liegt heute ganz in der Nähe des Kaiser-Wilhelm-Krankenhauses. Sie ist auch mit Bus und Bahn gut zu erreichen. Sie ist zu den gewohnten Gottesdienstzeiten geöffnet.

Bürgerreporter:in:

Andreas Rüdig aus Duisburg

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