Keine Angst vor "wilden Reitern"

dürer apokalyptische reiter
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In den Rauhnächten von Weihnachten bis Epiphanias geht, so uralter heidnischer Glaube, im Alpengebiet die „wilde Jagd“ umher.
In diesen Losnächten um die Wintersonnenwende, wenn draussen Wind, Sturm und eisiges Schneetreiben heulend und fauchend um die Ecken der Bauernhäuser pfiff, wollte sich niemand so recht ausser Haus herum treiben . Zu keiner anderen Zeit waren die Nächte so lang und an manchen stürmischen Tagen wollte es gar nicht so recht hell werden. Die Angst saß also den braven Bauersleuten und vor Allem den Kindern im Nacken, die man drinnen gemeinsam um den Herd versammelt auch noch durch viele schauerliche Geschichten zu beleben verstand. Bekannt in der Berchtesgadener Gegend war die Geschichte vom Kaiser Barbarossa, der mit seinem Heer zwar längst verstorben war, trotzdem aber immer noch tief drin im Untersberg Wacht hielt, um die Lande vor drohender Gefahr, den Mauren und den Hunnenreitern zu bewahren. Einmal im Jahr kämen die Ritter von Kaiser Rotbart frei ,um zusammen mit Odin, dem einäugigen germanischen Kriegsgott und zusammen mit Riesen, Zwergen, Wurzelmännchen und Hexen auf Ihren Pferden in wildem Zug um den Berg zu brausen. Obschon das wilde Heer vielleicht hilfreich und von guter Gesinnung wäre, sei es den Menschen nicht ratsam, bei soviel Ungestüm im Wege zu sein.

Auch die Frau Percht und ihre Gesellen sollen sich am 5. Januar dem Zug anschliessen. Die uralte Göttin, deren Aufgabe es ist ,sowohl im Frühjahr und Sommer die Felder wieder mit Blumen und Fruchtbarkeit zu beschenken, wie auch im Herbst und Winter Mensch , Tier und Baum in den alljährlichen großen Schlaf, in Krankheit und Sterben hinein zu begleiten, hat ja gleich 2-mal Geburtstag: Einmal wurde ihr weit vor dem Entstehen der Weihnachtsgeschichte der 22 Dezember als ein Geburtstag zu geordnet ein weiterer Feiertag lag schon vor Einführung des Johannisfestes am 22. Juni. Frau Perchta (Holle) hat wie der römische Janus zwei Gesichter: Eines der beiden ist leuchtend hell und schön, das andere alt, hässlich und im Dunkeln verborgen.

Manche Märchen sprechen auch von einem bösen Jäger, der weder Rücksicht auf Mensch noch Jagdwild nahm und deshalb zur Strafe auch nach seinem Tode noch in den Rauhnächten herumjagen muß.

Wie konnten sich solche Sagen vom wilden Reiterheer so fest im Mythenschatz etablieren? Waren es wirklich nur die winterlichen Geräusche und die Dunkelheit, die diese Geschichten hervorbrachten? War es wirklich nur das Knacksen und Bersten der Tannenstämme unter der Schneelast, das Herunterdonnern von Lawinen und das Pfeifen und Heulen des Windes, das unseren Vorfahren eine gallopierende Reiterschar vor gaukelte?

Die Urangst vor solchen Reitern schuf schon im Johannesevangelium die Archetypen aller Geiseln der Menschheit, zu denen auch die großen Seuchen wie Pest und Cholera zählten . Albrecht Dürer verlieh diesen apokalyptischen Reitern ebenso wie den anderen drei Urbildern von Ritter, Tod und Teufel in seinen Holzschnitt- und Kupferstichfolgen lebhaften Ausdruck.

Schon bereits während der Römerzeit wurde Europa immer wieder von raubenden , plündernden und mordenden Reitervölkern aus dem Nordosten heim gesucht. Hethiter, Skythen, Awaren, Baktrer, Perser waren wegen ihrer schnellen Pferdehorden schon weit vor der Zeitenwende gefürchtet.
Nichts erschien ein großartigeres Ziel für die mitteleuropäischen Herrscher als diese östlichen Reiche ein für allemal im Kampf zurück zu werfen. So kann man sicher auch schon die Eroberungszüge Alexanders des Großen als Versuch an sehen der dauernden Bedrohung durch die Perser entgültig ein Ende zu setzen. Wie ruhmreich die Alexanderschlacht bei Issos von seinen späteren Zeitgenossen gesehen wurde, kann das Alexandermosaik aus Pompeji nur wenig zu reichend wieder geben.
Zum immer wieder kehrenden Alltag wurden diese umherziehenden Reitervölker aber dann vor Allem mit Beginn der Völkerwanderung und der Ausbreitung des Islam, zu dessen Grundidee früher ja die Ausbreitung der Religion auch mit Feuer und Schwert gehörte.

Die dauernde Angst, schon bald unvorhersehbar zu den Opfern dieser berittenen Reiter zu gehören, konnte sich also über Jahrhunderte hinweg in den Köpfen unserer seßhaften Vorfahren festsetzen und sich als archetypische Phobie einprägen. Ist es da ein Wunder, wenn dann historische Berichte und Legenden vom Kampf gegen die asiatischen Reiter auch zu immer wieder anders erzählten Märchen werden?
Gerade in der Zeit des Symbolismus, der schwarzen Romantik übernimmt das Pferd selbst dann ganz im Wiedersinn zu seiner eher ängstlich scheuen und verletzlichen Natur plötzlich das Beängstigende, ja selbst wieder Angst Erzeugende aus den archetypischen Ängsten um die Reiterhorden

Welchen Ruhm kann ein Fürst aber erlangen, der sich mutig hoch zu Roß gegen die Barbaren und Fremdlinge stellt? Ob Kreuzritter oder Kavalerist , es geht weniger um die Schnelligkeit, als vor Allem auch um die Größe des Gegners auf dem Pferde. Nicht umsonst findet man bereits seit der römischen Reiterstatue Marc Aurels ein fest geprägtes Vorbild eines kraftvollen Herrschers stets hoch zu Roß, gerüstet und auf noch höherem Sockel weit aus dem Niveau des gemeinen Betrachters ins Himmlische entrückt. Nur von oben herab, gelingt es dem Edlen auch großzügig zu erscheinen. Der Reiter St. Martin wäre auf einer Augenhöhe mit dem beschenkten Bettler ja undenkbar. Nur wenn sich der Herrscher schon von weitem für Alle sichtbar dem Feind entgegen wirft, folgt die Meute des gemeinen Fußvolkes.

Im Haus der Kulturen in Diedorf soll dieser Angst vor den fremden Reitern wieder einmal durch eine Ausstellung und der Auseinandersetzung damit der Wind aus den Segeln genomen werden. Vom 3. Oktober bis zum 1. Mai bringt diese Ausstellung Reiterfiguren aus Afrika und Asien in Zwiesprache mit Graphik, Fotos und Spielzeug um das Pferd und den Heiligen St. Leonhard.
Ausser am 3. Oktober um 13.00 Uhr istdie Ausstellung nur mit Voranmelung unter 08238/60245 u. 967021(Herr Nowak) oder die Gemeinde Diedorf(Herr May)08238/340026 zu besichtigen.

Bürgerreporter:in:

Haus der Kulturen michael stöhr aus Diedorf

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