Harlekin - ein Fremder?

Die Ledermaske des Arlecchino der Commedia dell arte
 
Kürbismaske aus Weissrussland
 
Totegfries aus Elzach
Diedorf: Maskenmuseum | Arlecchino

Das Publikum tobt, Gelächter und gellende Hochrufe: Wieder einmal hat Arlecchino dem steifen Aristokraten einen heftigen Streich gespielt. So ganz im Sinne der Menge, die das drückende Joch des Adels längst schon satt hat und gar so gerne ein wenig vom Mut zum sozialen Ungehorsam, wie ihn sein Idol im Übermaße mitbringt, für sich selbst beanspruchen würde.
Arlecchino huscht über die flüchtige Geste einer unterwürfigen Verbeugung zum applaudierenden Publikum hin gerichtet wieder zurück zum Geschehen. Im gar so alltäglichen Ablauf der Szene mitten unter den anderen Händlern und Possenreißern auf dem Marktplatz plätschern gereimte Worte auswendig gelernt und ganz ohne echte Empathie aber übertriebenem Pathos: Schauspieleralltag eben.
Die Menge schart sich dicht gedrängt um den klapprigen Wagen , der mit Vorhängen und wenig Kulisse zur Bühne umgebaut ist. Schreie der Zustimmung und Ablehnung, ein Ah und Oh der Überraschung, obwohl man den groben Verlauf der Geschichte schon -zigmal gesehen hat, die Würze der spontanen Ausschmückung aber jedesmal eine ganz andere ist. Applaus!!!
Das Volk will Brot, Spiele, Unterhaltung und natürlich auch Theater!
Schon in den griechischen Komödien zu Ehren des Dionysos (Komos = Laufen, Odos = Gesang) spielte die Spontanität der schnellen witzigen Theatereinlagen, der Satyrspiele beim Umzug eine große Rolle. Die Masken selbst bei den langatmigen Tragödien im großen Theater (Tragoi = die Ziegenböcke, Odos=Gesang) waren ebenso typenkonform wie später die daraus abgeleiteten Masken der mittelalterlichen und barocken Commedia dell arte.
Man liebt ja, was man kennt. Wiedererkennen ist Selbstbestätigung.

Der verwachsene Gnom

Der spitzbübische Narr trägt eine lederne Maske mit kleiner Himmelfahrtsnase und der typischen Beulenwarze auf der Stirn , in der nach literarischer Verpflichtung eben der Schalk verborgen ist. Sorgenfalten auf der Stirn und die Mundwinkel dazu gegensätzlich zum übertriebenen Grinsen bis hinter die Ohren gekringelt - zwiespältiges Emoticon.
Das Kinn ist von der ledernen Bedeckung ausgespart und erleichtert das flüssige, spontan witzbeladene Improvisieren, das sicherlich immer vor allem aus den Seitenhieben auf die anderen gut bekannten Menschentypen der Commedia dell arte leben konnte: Den steifen Aristokraten, den weltfremden Dotore, den reichen kränkelnden Pantalone, den verschlagenen Brighella.
Jeder Typus zeigt Merkmale der unterschiedlichsten kleinen Gebrechen und körperlicher Unvollkommenheit. Ist es einem zu barocken Zeiten wohl eher nicht geraten, den Aristokraten mit der hässlich langen Nase lauthals zu verlachen (der kräftig zahlende Kunde würde so wohl nicht mehr kommen), dem schlagkräftigen Gauner Brighella seine übel geduckte Körperhaltung realiter nicht unbedingt unter die Nase zu reiben, so amüsiert man sich hier an der Spielbühne köstlich und folgenlos.
Die harmlose zahnlose Alte, vor der im mittelalterlichen Dorf aber angstvoll die Kinder davon rennen, wird im Theaterspiel und Märchen zur Hexe, deren Schaden man straflos belachen darf. Sie wird in der Realität der barocken Inquisition, von der heilenden Kräuterkundigen zur Teufelin hochstilisiert und verbrannt. Die Menge rennt, die Hexe brennt.
Kleine körperliche Gebrechen, einfach aber auch Andersartigkeiten wie die kleine Beulenwarze des Arlecchino wie aber auch z.B. die dunkle Hautfarbe (wer hat Angst vorm schwarzen Mann) aber rücken Menschen einerseits ins Befremdliche, Gefährliche, andererseits geben sie uns aber auch das Gefühl mit unseren kleinen Fehlern nicht allein zu sein.
Maskenspiel mit sogenannten Krankheitsmasken (Masken mit deutlichen Anormalitäten) , Maskentheater mit karikierter Physiognomie läutert in vielen Kulturen auch bei uns im Fasching und Karneval durch das lächerlich Machen die Angst vor dem als fremd Empfundenen.
Lachen vertreibt die Ängste.

Der Faschingsnarr

Diese Angst vor dem Fremden, dem Anderen, der nicht so ganz in der Mitte der Dorfgemeinschaft stand, galt es natürlich zu bewältigen. Auslachen, ja sogar spotthaft Hinterherschreien, Hinterherlaufen gilt heute zwar nicht mehr im Sinne der Etikette, ja gar als äußerst antisozial, spielte aber in mittelalterlichem Rahmen eine durchaus sicher gewaltsam „sozialisierende Rolle“. Beim Haberfeldtreiben des oberbayerischen Brauchtums wurden menschliche „Sündenböcke“ verfolgt und oft nicht nur mit Spott bestraft. Bei vielen der alemannischen Narrenfiguren mögen nicht nur Dorfgeschichten mit auffälligen Dorfcharakteren eine Rolle gespielt haben (Totegfries, Pflumeschlucker, Sichemännle, Pfähläer, Krautkopf etc.), sondern in der Maskenkarikatur damit auch Möglichkeit gefunden worden sein, über die unglücklichen Außenseiter ergiebig zu spotten, nach dem Spott im gemeinschaftlichen Gelächter -bestenfalls mit dem Verspotteten zusammen- Verärgerung abgelassen zu haben.
Bei den römischen Saturnalien, aus denen sich auf langem Umweg auch die Fastnacht herleiten lässt, darf der römische Sklave an wenigen Tagen , die Kleidung des Herrn tragen , wird vom Herren bedient und darf seine Meinung sagen - tunlichst in Anbetracht folgender Tage nicht allzu ehrlich.
Der Harlekin der Fastnacht trägt ein aus bunten oder schwarz-weissen Rauten zusammengesetztes Gewand. Ersteres Zeichen der Schäbigkeit, möglicherweise auch Anklang an das schillernde Gefieder des Totenvogels Waldrapp, letzteres als Anspielung auf die zwiespältige Natur des Hereking ( siehe später)

Der Possenreiser

Ziemlich sicher zurück führen lässt sich der Begriff der Maske auf das arabische Wort für Possenreisser: mashara. Diese Berufsgruppe aus dem Norden Afrikas hatte im Süden Italiens die antiken großen Maskentypen in kleine Ledermasken umgestaltet und von den Theaterbühnen der griechischen und ehedem punischen Siedler in das Stehgreiftheater auf den Märkten ausgedehnt. Viele der antiken Typen können in der italischen Commedia so wieder entdeckt werden. Nicht so leicht ist die Herleitung bei Arlecchino.
Nicht nur Venedig, Bergamo und der Norden Italiens gilt als Nährboden für die Commedia. In Paris und im Raum nördlich der Alpen entwickelt sich die Comedia zu ihrer wirklichen Blüte - bereichert um die zwiespältige Figur des Harlekin.

Der Hereking – Erlkönig - König des Schattenreiches

Ähnlich wie Mephistopheles bei Faust eine Figur ist, die das eigentlich beängstigend und abgrundtief Böse, das tief Beängstigende verloren hat, die aber dennoch aus den Tiefen der Abgründe heraufgestiegen ist, ist Harlekin, alias Herleqin, Hereking, Heereskönig ursprünglich der Anführer der Heere der Unterwelt, der Vorreiter der wilden Jagd, die selbst im christlichen Glaubensraum vergangener Jahrhunderte für Angst und Schrecken gesorgt hat. In seinem Gefolge sind ungetaufte Kinder, Selbstmörder, reuelose Verbrecher, Hexen, Zauberer, heidnische Götter und damit all jene , die die christliche Kirche weit aus ihrer hermetischen Gemeinschaft verbannt sehen will. Der oberste der germanischen Götter Wotan/Odin soll sich mancher Erzählung nach in Herlequin verbergen. Auch die heidnisch keltisch-slawische Frau Perchta/Holle/Babajaga mit Ihrem zweigesichtigen Wesen und Ihrem Gefolge den Perchten, Tier-/Naturgeister wird genannt .Mit dem ehrvoll lobenden Namen Heerkönig wird das (im christlichen Sinne) Böse aber wohlklingend umschrieben.
Wer von der Wilden Jagd überrascht wird, muss sich wie leblos auf den Boden werfen, um nicht entdeckt und damit zum Spielball üblen, ja sogar allerschlimmsten Unfugs zu werden.
Der „Erlkönig“ des uns bekannten Gedichtes, eine Umdeutung des alten Namens Herlequin, genießt die Todesangst des nächtlichen Reiters und seines Kindes, treibt damit seine Scherze. Das Kind stirbt aus Angst vor der nicht einschätzbaren Gefahr ohne direkte Berührung.

Der Trickreiche

Harlekin ist mit seiner Liebe zum üblen Scherz, zum Chaos , zum Umsturz, zur Veränderung aber letztlich ein Wesen, das man in der ganzen Reihe von halb göttlich angehauchten Figuren sehen muss, die die Veränderung festgefahrener Strukturen fast spielerisch in Angriff nehmen. Trickreich verändern diese archetypischen Trickster-figuren (c.G.Jung) Stillstand zunächst scheinbar zu Unordnung, letztlich aber erfindungsreich zu höherem Level. Dazu gehört Loki in der germanischen, Eshu in der westafrikanischen, der Fuchsgeist Kitsune in der japanischen und der Kojote in der nordamerikanischen Mythologie.
Harlekin, ebenso wie der höfische Narr, wie der Kasperle der Puppenbühne, führt festgefahrene gesellschaftliche Rollen an die Grenzen Ihrer Selbst, lässt sie sich selbst hinterfragen, eigene Fehler erkennen und damit möglicherweise den Boden für Verbesserungen vorbereiten.
Solche Menschen braucht man auch ohne Maske.
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1 Kommentar
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Romi Romberg aus Berlin | 23.12.2020 | 20:32  
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