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Rund um die Rauhnächte-frühe Ursprünge des Brauchtums und ihre christliche Adaption - ganz unesotherisch gesehen

Billige Sonnenpercht aus Pappmaschee (Münchner Produktion)
 
Buttenmandl aus Berchtesgaden (Marius Brandner)
 
Die gesichtslose Barbara (Borbora) und Luzi mit der Schnabelperchtenmaske aus dem volkskundlichen Museum Prag
 
Rumänien Barlad Habergeiss
 
alte Salzburger Percht
In vielen vorchristlichen Religionen ist die Zeit der Wintersonnenwende von noch weit größerer Bedeutung als ihre Pendants im Sommer und die Tag- und Nacht-gleichen. In einer Zeit langer Finsternis, Kälte und vor Allem des Hungers, der zwar seit der Jungsteinzeit mit der Erfindung des Ackerbaus und der Vorratsspeicherung, wohl etwas besser in den Griff zu bekommen war, wollte man sich dem Wohlwollen verschiedener Götter/innen, besonders aber der unter verschiedenen Namen verehrten Mutter Natur versichern und so wurden gerade in der Zeit des wieder zurück kehrenden Lichts und der Hoffnung auf Wärme viele Feiern zu Ehren der Naturmächte abgehalten.

Eine konstante Nahrungsversorgung war aber infolge von möglichen Ernteausfällen und Verlust von gespeicherter Nahrung durch Nager und Nässe trotzdem nicht immer möglich und im Besonderen die Versorgung mit eiweiß- und vitaminreicher Nahrung und ihrer Lagerung über den ganzen Winter hinweg schwer. Auch noch über die beginnende längst christianisierte Neuzeit hinweg waren eingelagertes Gemüse und Obst etwas ganz Besonderes und waren bis zur Wintermitte meist schon auf gebraucht oder in Teilen ungeniesbar.

In den matriarchal regierten neolithischen Siedlungen, wo fair untereinander geteilt wurde, war das sicher weniger Problem, als in späteren Jahrhunderten, wo patriarchaler Adel, das Beste für sich selbst zurück hielt. In der imperialistischen Zeit der Fürsten und Leibeigenen hielten reiche Bauern Schlachtvieh, um die Körnerkost zu verbessern, wobei man meist schon an Mittwinter die erste Sau , das erste Schaf schlachten musste.

Arme Tagelöhner und Ihre Kinder konnten, um ohne die mögliche Arbeitsleistung im Winter ihre Ernährung sicher zu stellen, nur bettelnd  und anklopfend (Klöpfeln, Glöckeln) von Haus zu Haus ziehen . Recht einfache Nahrungsmittel, wie Nüsse, Dörrobst, schrumpelige Äpfel, oder sogar Eier waren für die Armen heiss ersehnte und für die Nahrungsergänzung zum Hafer- und Gerstenbrei notwendige Gottesgeschenke. Bei der immensen Überflutung mit Süssigkeiten und extravaganten Leckereien heute kaum mehr vorstellbar. Um dem Hunger im Winter Herr zu werden, wurden später im Christentum viele Anlässe genutzt, bzw. erfunden, um altes Bettelbrauchtum weiterführen zu können.:

Der Festtag des barmherzigen Martin mit seinen Kinderumzügen, der Sankt Niklastag mit dem Andenken an den kinderfreundlich wohltätigen Nikolaus von Smyrna, Möglichkeit mit Hausbesuchen und Lichtertragen an den Adventssonntagen und an Santa Lucia die Geschenkfreudigkeit des Weihnachtsfestes vor zu strecken, mit eigenen kleinen Geschenken ( blühende Wildobstzweige an und nach St. Barbara) selber Lebensmittelspenden zu bekommen, am heutigen Datum des Weihnachtsfest selbst, am Tag der( von Herodes getöteten) unschuldigen Kinder , am Tag der Sternsinger (Heiligdreikönig, Erscheinung des Herrn, dem ursprünglichen Datum der Geburt Christi), und schließlich vor Beginn der Fastenzeit für die reichen Leute, eben zur Fastnacht , wo alles tierische Eiweiß und Fett noch aufgegessen werden musste.

Bei all diesen Gelegenheiten versuchten Kinder und Arme mit verschiedenen Darbietungen, wie Gebasteltes und Gemaltes, Gedichtaufsagen, Maskierung und Theaterspiel auch, die Geschenkfreudigkeit der Wohlhabenden zu erhöhen. Das war zwar sicher in früheren Zeiten vor dem Christentum ebenso, hat sich durch die soziale Schere der konstanten Ungerechtigkeit während des Christentums in den kalten Gebieten des Nordens mit Sicherheit aber erhöht.

Im Neolithikum, der Jungsteinzeit, siedelten Bauerngruppen unter Leitung erfahrener Frauen im gesamten Gebiet der Donau und an einigen ihrer Nebenflüsse. Diese Gruppen hatten in Fortführung der früh- und mittelsteinzeitlichen Nomaden gelernt, Gras und Urgetreidesamen , nicht nur für die Ernährung zu sammeln, sondern auch für die Vorratswirtschaft zu speichern. Sie wurden sesshaft.

Die Jagderfolge der Männer waren ohnedies nicht immer erfolgreich, durch das Sesshaftwerden mussten die Männergruppen viel weiter mit der Horde herumstreifen und waren nicht bei den Familien. In den Wintermonaten konnte kein Getreide angebaut werden, der Jagderfolg der Männer war noch schlechter, da die Jagdtiere in den Süden abwanderten.

Die Ernährung von Männern, Frauen und Kindern hing an der gerechten Verteilung der durch die Frauen angebauten Getreidevorräte, die damit nicht nur die Ausgabe der Mahlzeiten, sondern das gesamte Dorf regierten. Die Verehrung einer allumfassenden großen Mutter Natur mit Ihren Jahreszeiten und unter verschiedenen Namen hatte ihren Schwerpunkt sicher im Sommer nach der Getreideernte.

In vielen Mythen verschwindet die Muttergöttin im Winter unter der Erde, in der Unterwelt und kommt erst im Frühjahr wieder. Diese Art Auferstehung und das Wiedererwachen von Bäumen und Pflanzen lies die Menschen auch auf eine Auferstehung Ihrer Verstorbenen hoffen. Damit Mutter Natur aber nicht vergisst, im Frühjahr wieder zu kommen , wurden auch mit Beginn des Frühjahrs laute Feiern abgehalten, die die „Geister der Erde“ aufwecken sollten und damit neue Fruchtbarkeit und Ernte ermöglichen sollten.

Die in geschichtlicher, mittlerweile patriarchal organisierter Zeit aufgeschriebenen Mythen von mittlerweile geänderten Formen der Göttin wie die Geschichte von Astarte, von Isis und von Persephone lassen ahnen, welche ursprüngliche Religiosität dahinter steht. Die Göttin, die aus der Unterwelt wieder geboren wird, steht zusammen mit Pflanzen und den Tieren auf, die wieder in die nördlicheren Gefilde der Dörfer ein wandern. Auch aus diesem Grunde werden die meisten Göttinnen in Begleitung wilder Tiere dar gestellt ( Malta, Katal Hüyük, Syrien, Vinca).

In den Statuen der Vinca-kultur in Serbien kann man solche Tiermasken erkennen, in Griechenland sind sie in bereits patriarchal abgewandelte Form bei den Dionysien verbürgt. Die Form dieser bocksbeinigen und gehörnten Satyrn wurde im 6. Jhdt. nach Vorlagen auf altgriechischen Tongefässen vom Christentum als Abbild des Teufels übernommen.

Auch der Name Rauhnacht kommt wohl  eher ethymologisch von der nordischen Bezeichnung für Fell (ru, rüde) und nicht vom "Ausräuchen".
 In späteren Jahrhunderten fanden solche Umzüge mit Tiermasken unter Aufsicht und mit Genehmigung des Christentums unter Betonung des Dämonischen und Teuflischen statt, wurden im Barock dann sogar ins Kirchenspiel an Sankt Nikolaus und an Weihnachten zur Abschreckung mit ein gebunden.

Gleicher belehrend abschreckender Aspekt gilt für die Auftritte des Krampus mit dem Nikolaus, der trollähnlichen Klaubäufe und der Perchten und Buttenmandl in den Rauhnächten („Wer nicht mit Gott lebt, wird von den bösen Geistern geholt“).
Krampusläufe entarten heute mehr und mehr zu einer auch gewalttätig ausufernder Horrorshow,. Ging es früher von Haus zu Haus mit einer Art moralisierendem Weihnachtsspiel („Jedermann“), kann der Nikolaus heute weg bleiben, wenn nur genug wilde „Tuifl“, Bartln, Grend, Molochen usw. unterwegs sind.

Bei den Perchten in Tirol und im Salzburger Land und in Besonderen bei den Buttenmandl in Berchtesgaden überwiegt der tierische , dionysische Aspekt der Masken noch gewaltig. Frau Perchta, Berchta, Berta, Beascht lässt sich möglicherweise aus dem Namen von Persephone herleiten, der in Griechenland ebenso wie dem Dionysos, Fruchtbarkeitsläufe und Stampftänze mit Masken gewidmet waren. Ihr Kult war besonders in Mazedonien und Illyrien ebenso wie der Kult ihrer Mutter der Fruchtbbarkeitsgöttin Demeter als eleysinische Mysterien und neben den Dionysien wichtig.
So lässt  sich ein Einfluss auf den Balkan und die Alpen erklären.

Neben den erwähnten Wiaschtperchten“- läufen finden in vielen Gegenden Südtirols, und Sloveniens im Frühjahr Läufe mit blumengeschmückten Hüten und schöner Kleidung statt. Von Persephone wird erzählt, dass bei Ihrem erscheinen die Blumen zu sprießen begannen. In Pinzgau und im Salzburgerland gesellen sich zu den Wiaschtperchten bei den Umzügen über Land junge meist unmaskierte Burschen mit schöner Kleidung und Blumen- und fransenbesetzten Hüten, die Schönperchten (Blumari etc.).

Als Tresterer kehrt diese etwas andere Art Kostümierung auch in jedes Haus und macht höllischen Stampflärm (um die Göttin zu wecken). Wie es scheint, liegt diesem Brauch hier der Versuch zu Grunde, aus den letzten schon abgedroschenen Kornähren noch einige Körner für Kult und Aussaaat heraus zu stampfen.

Frau Perchta wird ein Doppelwesen nach gesagt, das sich aus einer Personalunion, zwischen Persephone (Winter und Frühling) und Demeter(Sommer und Erntezeit) erklären lässt. In spätantiker Zeit erscheint die Göttin oft in Dreigestalt (3 Matronen) bei Plastiken und hat so wohl auch in die christliche Mythologie (3 Frauen am Grabe) Einzug gehalten, wobei in dieser patriarchalen Version Christus ebenso wie Osiris, Mitras, Orpheus und andere Unterweltbesucher nun anstelle der alten Jahreszeitgöttin in die höllische Sphäre absteigt und wiedergeboren wird.

Der sich aus den kaukasischen und später indogermanischen Kuh- und Pferdenomadenkulturen mit patriarchaler Struktur entwickelnde Sonnengott Mitras (Stiertöter) hat mit Apoll und Christus gleichermaßen den Zusatznamen Sol invictus und genoss sogar noch bei den Römern und auch sogar noch bei Konstantin weit höhere Verehrung als das sich langsam entwickelnde Christentum. Als männlichem Sonnengott gebührte ihnen allen dreien als Tag höchster Verehrung die Zeit der Mittwinterwende –genau gegenüber dem Tag der höchsten Verehrung für die Göttin an Mittsommer.

Für Mitras war der 24. Dezember vorgesehen. Christus belegte nach Einführung der Monate Januar und Februar bei den Römern den 6. Januar, zu dem der Überlieferung nach sogar die klugen Weisen angereist sein sollen. Erst mit Einführung des Gregorianischen Kalenders gelang es (wie beim MenschärgereDichnichtSpiel !) den Geburtstag des Mitras mit dem Geburtstag Christi zu überlagern. Die Mitrasheiligtümer wurden dann in Folge mit christlichen Kirchen überbaut, was nicht schwer war mit diesen unterirdischen Kulträumen, die dann zur christlichen Krypta wurden. Mithras war möglicherweise Vorbild für die christlichen Evangelien mit seiner Reise in die Unterwelt und wurde deshalb dort verehrt.

In gleichem Zug bot es sich an, die Festtage anderer älterer Götter, wie den Feiertag einer germanischen Licht- und Mondgöttin mit dem Feiertag von Santa Luzia zu belegen. Aus der 3. heiligen Matrone Borbora wurde die Heilige Barbara.
Manche sehen im Heiligen Thomas sogar Übereinstimmungen mit dem germanischen Thor (der blutige Thammerl mit seim Hammerl). Tatsache ist wohl eher, dass am Sankt Thomastag in späteren Zeiten der Metzger für die Weihnachtsschlachtung kam und mit dem Betäubungshammer für ein blutüberströmtes Schreckbild zur Kindererziehung herhalten musste.

Bei den Rauhnächten im Bayerischen Wald und Niederbayern nehmen die Heiligen der Weihnachtszeit für die Tage zwischen den Jahren als Rauhwuggl bedrohliche Form an:“ Die blinde Luz (Santaluzia), die kopflose Borbora (Sankt Barbara) und eben der blutige Thammerl (Sankt Thomas) sind hier zu nennen.

An den Weihnachtstagen und möglichst auch danach , soll man nicht arbeiten, vor Allem nicht spinnen (Wollfäden herstellen). Ob dies dazu dienen soll, ohne jede Eigenwillen sich bei Ruhe und später dann auch wieder bei der Arbeit, ohne sich vor Unliebsamen zu drücken, immer verlässlich mit zu machen, oder ob hier die Kirche auch beim Kirchgang jeden mit dem Sammelbeutel erreichen wollte, bleibt dahin gestellt. Wer nicht folgt, den holt die Percht, die auch strafend auftritt, wenn vor Weihnachten die Stube nicht sauber ausgekehrt ist und somit der alte Dreck ins Neue Jahr mit hinüber genommen wird. Säumigen Hausfrauen und Mägden schneidet im Rauris die Schnabelpercht den Bauch auf und stopft den ganzen Unrat hinein. Ähnliche Ruheverpflichtungen findet man im Übrigen auch im Sorbischen mit der Mittagsfrau.

Die Schnabelperchten erinnern einerseits an die Vogelboten der großen Göttin, wie auch an die Pestmasken Venedigs, deren Ursprung wohl primär auch dem Kult um Ibis und Storch zu zuordnen ist. Sekundär enthielten die schnabelförmigen Masken Parfümtücher gegen den schlimmen Gestank der Kanäle und der Pest.

Drohgeschichten über das gräuliche Auferstehen nicht getaufter Kinder (Tag der unschuldigen Kinder), die bei der wilden Jagd Odins (Wotans) mit Donnern und Brausen von Sturm und Gewitter über den Himmel ziehen müssen spiegeln die Angst vor den nicht beherrschbaren Wetterlagen.

Angenehmes und heute kulturell verbindendes Brauchtum zeigt sich in den mit Lichtern geschmückten Bootsmodellen, die Kinder am St. Luzitag in Fürstenfeldbruck und Donauwörth zu Wasser lassen. Ebenso Freude bereitet man mit den Obstbaumzweigen, die an Sankt Barbara geschnitten werden und zu Weihnachten blühen sollen.


Ach ja: Perchtenläufe der alten Form, nicht diese Rockyhorrorpictureshows gibt es hier in Kirchseeon bei München und in Diedorf bei Augsburg mit den alten authentischen Masken des internationalen Maskenmuseums am 5.01.2018 um 19.00 Uhr
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Romi Romberg aus Berlin | 21.12.2017 | 01:26  
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