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Heimaterde - Leben mit dem Land bei den Mandan- und Hidatsa-indianer am oberen Missouri.

    Diedorf: haus der kultur(en) | Der alte Mann lacht uns verschmitzt durch seine gelichteten Zahnreihen hindurch an und winkt uns mit einer Geste durch den Vorgarten zum Hauseingang zu kommen. Der Garten ist wie bei all den anderen Nachbarhäusern mit gerade noch benutztem Kinderspielzeug belegt. Das kennen wir doch auch so bei unseren gut gepflegten europäischen Gärten. Zusätzlich und auf uns vielleicht eher kleinlich ordnungswütige Westeuropäer geradezu befremdlich ist aber jede Ecke und jede freie unbenutzte Fläche mit jedwedem möglichen Krimskrams und schon vor langem auf die Seite gelegten Sperrmüll scheinbar endgültig besetzt Das schlägt selbst meiner durch meine eigenen Sammelaktivitäten abgebrühten Frau merklich auf den Magen. Und so bewegen wir uns zögerlich auf das Haus zu. Der (US-)amerikanische Staat hat hier in Newtown am oberen Missouri-riverim Bundesstaat Nord-Dakota lauter einheitliche Holzhäuser mit einheitlich großer Gartenumrandung hinter Maschendrahtzaun für die Mandan-indianer hinstellen lassen. Großzügig ,wie man finden sollte und das ganze auch nur, weil man aus irgendwelchen früheren Verträgen vielleicht einen leichten Hauch von Übervorteilung sehen könnte. Der Damm, der den Stausee am oberen Missouri geschaffen hat, wurde doch zum Vorteil aller errichtet, oder nicht.
Der alte Mann lädt uns ins Haus ,das dem Schwiegersohn zu geteilt wurde, herein und fordert uns zum Sitzen auf .
Um uns herum auf der großzügigen Sitzlandschaft , die aus mindestens 8 unterschiedlichen Katalogen und unterschiedlich alten Sesseltypen zusammengestellt erscheint, spielen die 5 Kinder seiner Tochter und ihres Ehemannes Fersehkucken. Eine typische amerikanische Familie. eben. Die Sessel errinnern mich dagegen mehr an alte Tage in deutschen Studentenkommunen der 70-ger Jahre.
Der alte Mann erzählt.
Er beginnt und aufkommende Freude strahlt aus den von Falten umgebenen Augen, als er sich an seine Kindertage errinnert. Mit vier Geschwistern hat er zusammen mit den Eltern und Großeltern unten am Fluß in seinem Elternhaus gelebt so wie viele seiner Nachbarn auch. Seit Menschengedenken, ja wohl seit Besiedlung des Tales vor 10.00 Jahren hätten die Mandan wohl schon die fruchtbaren Überschwemmungsebenen des Flusses für den Ackerbau genutzt und hätten es durch die zentrale Lage unter den Indianervölkern des Nordens und ihre gute Beziehungen zu den neuen weißen Siedlern im Umkreis auch zu einer gesicherten Lebensgrundlage gebracht. Alle Welt trieb mit ihnen Handel und die eigenen Erzeugnisse aus Gartenbau , Fischerei und Jagd hätten eine gute Tauschbasis abgegeben. Angebaut wurden Bohnen, Sonnenblumen, Wildreis und Mais. Neben den Fischen des Flusses , den Kaninchen und den Weisswedelhirschen waren es wie bei den Indianern der Plains vor Allem die Bisonnherden, die bei der gemeinsamen Jagd über die Uferklippen in den Tod getrieben wurden, damit die Sippe im Winter durch das getrocknete Fleisch überleben und Handel treiben konnte. Das sei aber längst vor seiner Zeit gewesen, sagte der alte Mann.
Erinnern könnte er sich nur an das unbeschwerte Spiel mit seinen Altersgenossen und an einige Einzelheiten des Dorfes.
Die Häuser wurden zunächst aus einem Ring säuberlich entrindeter ,gerundeter und senkrecht aufgestellter Pine-trees (Kiefern) mit einer Höhe von etwa 3 Metern errichtet, die in den Boden eingelassen wurden. Um diesen Ring herum, der auch schon gleichzeitig mit rundherum laufenden Firstbalken fixiert wurde, wurden schräg gestellte Holzbalken zum Boden geführt und mit Matten und Reisig verfugt. Ein Pfahl in der Mitte des Rings diente nun als Wiederlager für Stämme , die auf die Firstbalken des Ringes aufgelegt und zur Mitte sternförmig geführt wurden. Auch auf diesen Dachteil kamen Zweige und Matten als Auflager. Schließlich wurde die schwere klebrige Erde aus dem Schwemmtal auf die ganze Konstruktion auf geschüttet. Die Häuser unten im Flußtal waren am Tag und im glutheissen Sommer so innen immer schön kühl und in der Nacht und besonders auch in der Kälte des Winters bot die massive Erdschicht eine hinreichend gute Isolierung. Spielerisch lernten die Kinder beim Baden im Fluß Fische zu fangen, bei Herumtollen in den Flußniederungen mit Pfeil und Bogen oder der Schleuder fröhlich in der Gemeinschaft Tiere zu jagen. „Ellbow“ so hatte die alte Siedlung auf der Insel mitten in der Biegung des Flusses ,im Flußknie, geheissen. Ein an einem quer über den Fluß gespannten Seil auf gehängtes Boot habe als Fähre zu den beiden Flußufern gedient. Dadurch sei das Dorf geschützt gewesen, aber auch alle Möglichkeiten Handel mit den umgebenden Brudervölkern zu treiben im besonderen den Hidadsta am Kniferiver, wäre gegeben gewesen.
erungsbeamte gekommen . Diese waren Handelspartner für den begehrten Werkzeugstein, den Feuerstein, den sie in den Uferschichten abbauen konnten.
Eines Tages waren Regierungsbeamte gekommen und hätten erklärt, dasß Amerika wegen der immer wiederkehrenden Dürre jetzt endlich einen Stausee bräuchte. Zum Wohl der Gemeinschaft müßte jeder ein wenig verzichten und für sie ,die Mandan, sei es jetzt leider notwendig in die von der Regierung gebauten und kostenlos zur Verfügung gestellten Häuser von Newtown um zu ziehen. Von Vaters Land Abschied zu nehmen sei schmerzlich, dafür stünden aber so sauber und adrett gesetzte Häuser kostenlos zur Verfügung, daß man die alte Wohnstätte schnell vergessen hätte. Fortschritt diene schließlich allen.
Im neuen Ort gäbe es dann auch eine Menge an neu benötigten Berufen, sagten die Regierungsbeamten. Und eine Schule und eine Krankenstation sei auch schon fertig gestellt. Man möge sich doch an die große Grippeepidemie 1928 erinnern, als durch diese eingeschleppte Seuche von anfangs noch 15.000 Mandan plötzlich nur mehr ein Zehntel am Leben war.
Also wurde der unter den Tränen der Ältesten abgeschlossen.
Der alte Mann schilderte uns lebhaft bewegt, wie schlieslich alles Hab und Gut auf Ochsenkarren verladen, mit der Fähre über den Fluß gefahren und in Erwartung des schönen neuen Heims mit Mühe die Uferböschung auf die trockenen Plains des Hochlandes ins neuie Dorf hinauf gezogen wurde.
Entgegen der Versicherung der Beamten gab es für die Farmer und Jäger zwischen den dürren Gräsern kein Auskommen. Die Jungen zogen weg, soweit sie dazu die Kraft auf brachten oder ergaben sich dem Suff, dem Glücksspiel und den Drogen. Eine Einnahmequelle für alle Reservate der First Nations ist im gesetzesstrengen und glücksspielfeindlichen Amerika immer noch durch schnell errichtete Casinos zumindest einigen wenigen ein hohes Einkommen zu sichern.
Im Reservat der Mandan brachte das Glück aber anscheinend noch einen weiteren Jackpot. Öl, das schwarze Gold, wurde gefunden , so daß sich verteilt in der Wüste und schon von weitem sichtbar jetzt fleissige Pumpen bewegen , Öl fördern und Geld scheffeln. Viele Weisse seien jetzt in New Town angestellt worden und einige Mandan hätten auch wieder ihr Glück gemacht und ein gutes Einkommen gefunden.
Trotzdem sei das Heimweh geblieben. Manchmal im Herbst, wenn das Wasser knapp würde , könne man von Oben die Stelle sehen, wo ehemals Ellbow gelegen habe. Aber die Erdhäuser seien natürlich schon weggeschwemmt, weil sie natürlich nicht so lange haltbar waren, wie die Häuser der Regierung. Für die Touristen habe man aber etwas oberhalb des Wasserspiegels wieder einige Häuser der alten Siedlung nach gebaut.
So erzählte der alte Mann.
Die Kinder, die auf den vielen verschiedenartigen Sesseln herumsitzen, haben jetzt I-pod, Handy und manchmal sogar zwei Fernseher pro Raum.
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