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Der Tod im „Flecklasgwand“ – die Narromaske im Bettelbrauch bei den Siechenkranken der Barockzeit

Venedig Maskentypus" Bauta", Pestarzt
 
"Fasenickl" aus Kipfenberg
 
"Totengfries" aus Elzach
Diedorf: Maskenmuseum | Fasching in Kipfenberg im Altmühltal:

„GÖÖISUCHT; GÖÖISUCHT“ (Gelbsucht, Gelbsucht) schreien die Kinder hinter den Maskenträgern in der Gemeinde Kipfenberg im Altmühltal her....... und rennen dann schnell davon. Die kleine Gruppe der mit kunstvoll geschnitzten Holzmasken und mit dem „Flecklesgewand Kostümierten nimmt wie zum Schein die Verfolgung auf, um sich dann schon nach kurzem Sprint, so als sehe sie die Sinnlosigkeit der Verfolgung ein, wieder mit tänzelndem Schritt im Narrenumzug am Faschingsdienstag weiter die Hauptstraße durch die Marktgemeinde entlang zu bewegen. Zwischenzeitlich bleibt die Gruppe stehen, sorgt für genügend Sicherheitsabstand zu den dicht an dicht stehenden Zuschauern und läßt die „Goisl“, die Peitsche schnalzen.
Das glatte jugendlich schöne Gesicht der Holzmasken trägt eine krankhaft gelbliche Farbe und wirkt bis auf einen kleinen Oberlippenbart eigentlich geschlechtsunspezifisch, wenn dann fast sogar eher weiblich. Oben auf dem Kopf wird als Haube ein Schellenbaum getragen, der beim hüpfenden Gang die Maskenträger schon von Weitem an kündigt. Das Gewand dieses „Faseniggls“ist in Kipfenberg fast schon eine Art Uniform mit Hose und Jacke und mit kleinen untrschiedlich bunten Rautenflecken, Goldborten und anderem textilem Zierrat geschmückt. In anderen Gemeinden zwischen Altmühl und Pegnitz, wie Spalt und Pleinfeld tragen ähnlich maskierte „Flecklesleut“auch oft einfachere Kleidung aus Patchwork-, das nach außen zu langen Stoffstreifen auf geschnitten wird.
ÄhnlicheGewänder aus langen Stoffetzen findet man auch in ganz anderen europäischen Brauchtumslandschaften, So tragen die Krampusse in Sterzing in Südtirol , die Hansele am Bodensee, die Flinsgerl in Ebensee im Salzkammergut und viele andere traditionelle Faschingsgruppen in Rumänien, Portugal, Kroatien ähnliche Stoffetzengewänder.
Forschungen haben ergeben, daß dieser Maskenbrauch in Kipfenberg und den Oberfränkischen Nachbarorten auf Pestgelübde zurück gehen.

Venedig: Zwischen Pest und Karneval:

Schon seit alters her wurden Menschen, die wegen einer der vielen gefürchteten lang sich hin ziehenden Krankheiten, wie Lepra, Leberzirrhose, Syphilis, Kinderlähmung etc. und auch natürlich vom schnell endenden schwarzen Tod, der Beulenpest erkrankt waren, aus Angst vor Übertragung aus der Gemeinschaft verstoßen und mußten zum Betteln gehen. Nur wenige kamen in den kirchlichen Spittälern unter.
Wer aber öffnet jetzt die Tür einem bettelnden Kranken, der deutlich von seiner Krankheit gezeichnet ist? Zu groß wäre die Gefahr einer Ansteckung!
Venezianische Ärzte waren dafür bekannt, sich gegen Ansteckung aus der Luft mit einer der Ledermasken der Comedia dell Arte und des Karnevals zu schützen. Besonders geeignet erschien die Maske des „Bauta“-typus,, da man unter der vorstehenen Nasen-Mundpartie auch noch ein Tüchlein mit ätherischen Ölen unter bringen konnte. Die vielen Helfer, die die Toten beseitigen mußten, hatten zum Schutz vor den Ausdünstungen des Todes nur einfache Stoffmasken und Tücher vor´s Gesicht gebunden. manchmal steckten auch wohlriechende Kräuter im Nasensack.
Tatsächlich wurde ja der Gestank der venezianischen Kanäle als eigentliche Ursache für das Entstehen einer Pest-epidemie an gesehen.
Flöhe und Ratten als eigentliche Überträger waren ja etwas viel zu Normales, ja auch schon seit Urzeiten als Plagegeister des Menschen geduldet und kamen als Verursacher der Pest, diese auf flackernde Geisel der Menschheit, sowieso also gar nicht erst in Betracht.
Andere meinten auch, daß die Verwendung von sicher damals nicht all zu sauberem Wasser zur Erkrankung führe, wuschen sich also nicht mehr und verhinderten, soweit es Ihr Vermögen zu lies, strenge Gerüche und Juckreiz mit wertvollen Pudern und Salben
Wenn aber die Übertragung wirklich durch die Luft erfolgte, war der sicherste Weg, die Kranken zu isolieren. In Venedig existierte ja sogar eine ganz spezielle und berüchtigte Insel für die wegen Krankheit Ausgestoßenen.
Auf dem Festland , auch in Deutschland, lebten die Aussätzigen - der Name verrät ihr Schicksal: ausgesetzt - in den Wäldern als „Outlaws“. Da sie nicht versorgt wurden, blieben von der Kleidung sicher bald nur Fetzen über. Um schon von Weitem als Aussätzige erkannt zu werden, mußten sie kleine Glöcklein tragen, die akustisch vor dem Kontakt warnten.
Viele hatten einen langen Leidensweg vor sich, der auch ihr Gesicht deutlich zeichnete. Kamen sie zum Betteln in Dorfnähe ,wurden sie schnell erkannt und die Türen geschlossen. Schutzmasken konnten zumindest vorübergehend ihre Krankheit verbergen helfen und den Kontakt zum Erbetteln von Lebensnotwendigem ermöglichen.
Der Anschluß an andere „Outlaws“ auch an Schaustellertruppen ermöglichte manchmal sogar den Zugang in die von Mauern umschlossenen , bewachten Städte.
Hinter einer lieblichen Schauspielermaske konnte man eine Zeit lang überleben.
Da auch die Ballkultur im Barock sich gerne im Versteckspiel vergnügte, waren Masken in den vornehmen Kreisen nicht nur in Venedig und Oberitalien stets sehr beliebt.
Während sich der Adel mit Luxus und Verschwendung in rauschenden Festen von der Gegenwärtigkeit des Todes durch Kriege und Krankheiten ab zu lenken wußte, wurde die Maske damit auch zum Symbol des trügerischen und vergänglichen Lebens. Die Maske ,hinter der in vielen Gemälden der damaligen Zeiten der Tod hervorgrinst, wird somit ein „Memento mori“, eine Erinnerung an die Kürze des Lebens und die Unvorhersehbarkeit des Todes.
Dieses gleichzeitige Nebeneinander von Genussucht und Angst vor dem Verderben ist Zeichen der Zeit von der Spätrenaissance bis zum Beginn des auf Moralstärke und Vernunft aus gerichteten Klassizismus in Gesamteuropa.

Narromasken in Villingen, Oberndorf, Rottweil und Elzach:

Nicht nur in Italien und Frankreich, auch an den würthembergisch- badischen Fürstenhöfen und bei den vornehmen katholischen Handelsfamilien im Umkreis von Augsburg und Nürnberg liebte man den „grand balle aux masques“.
Für die Renovierung und den Neubau der Rokokokirchen wurden mit Vorliebe oberitalienische Künstler, Maler, Bildhauer und Stuckateure nach Deutschland herüber geholt. Bedeutendstes Beispiel ist ja der große Meister Tiepolo, der sich und dem Würzburger Fürstbischof in der Residenz mit den berühmten Deckenfresken ein Denkmal gesetzt hat. Gerade wegen Ihrer Vielseitigkeit und Erfahrung wurden die „Italiener“ aber auch in Würtemberg tätig. Ihren Gastfamilien und Wirtsleuten, bei denen sie wohnen und essen konnten, erledigten sie auch gerne gewünschte Facharbeiten und....... schnitzten sicher auch die eine oder andere Maske im spätbarocken Typus mit hell bemaltem, glattem engelhaften Gesicht .
Die „Glattlarve, der Weißnarr oder Narro war geboren.
Einige Masken zeigen auch noch deutlich den Zusammenhang und Übergang zwischen dem gepuderten Gesicht des geschlechtslosen „Schönlings“ und der Bleiche des Todengesichtes.
Besonders interessant sind hier die Masken der Elzacher Fasnet:
Das „Dodegfries“(Totengesicht) steht an einem Ende einer Reihe von Masken, zu denen auch der „Regemolli“(eine weiß gestrichene weinende Maske), das "Mundle" und der „Lätsch“(zwei traurige weiße Masken) und die „Langnas“ zählt ( Die ebenfalls weiße Elzacher Langnase schlägt den Bogen zur langnasigen Pantalone- und zur Bauta-maske aus der Comedia dell Arte und Venedig )
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