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Der Asphalt-Verkäufer von Ehlershausen

Der Asphalt-Verkäufer von Ehlershausen
 
Der Asphalt-Verkäufer von Ehlershausen
Burgdorf: Ehlershausen | "Asphalt-Verkäufer? Der verkauft Straßenbelag?" höre ich den einen oder anderen fragen. Nein. Einwohner von Niedersachsen wissen natürlich sofort, worum es geht, allen anderen sei Asphalt, das Straßenmagazin aus Hannover, kurz vorgestellt. Vor 16 Jahren wurde dieses Projekt von Pastor Walter Lampe ins Leben gerufen, um Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen eine Perspektive zu geben. Heute erreicht Asphalt eine durchschnittliche Auflage von 25.000 Zeitungen und erreicht Leser in 15 Städten Niedersachsens. Der Vertrieb des Magazins erfolgt ausschließlich auf der Straße, durch Menschen, die wohnungslos sind oder unmittelbar von Wohnungslosigkeit bedroht sind, wohnungslos waren und deren Einkommen nicht höher liegt als der Regelsatz des Arbeitslosengeldes II (Alg II), im Volksmund auch Hartz IV genannt.
Einer von ihnen ist Günther Stedtler, der sommers wie winters, bei beißender Kälte, bei flirrender Hitze, bei Sonnenschein und Regen am 1. Wochende jedes Monats, wenn die neue Zeitung herauskommt, vor dem Edeka-Markt in Ehlershausen steht und das Asphalt-Magazin feilbietet. Eine Institution in Ehlershausen, wenn man so will. Günther und ich hatten lange schon ein Interview verabredet, aber immer kam wieder etwas dazwischen. Jetzt war es soweit.
Geboren wurde Günther Stedtler im Jahre 1944 in Salzgitter und wuchs in Braunschweig auf. Nach der Schule ging er ins Ruhrgebiet, um dort den Beruf des Bergmanns zu erlernen. Alles schien wunderbar - er heiratete, bekam mit seiner Frau zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Arbeit als Bergmann war hart, aber die Familie hatte ihr Auskommen. Und dann passierte es: Durch den Rückgang des Bergbaues im "Pott" und die Schließung von immer mehr Kohlezechen wurde Günther arbeitslos. Es folgte die Scheidung, und plötzlich fand er sich auf der Straße wieder. "20 Jahre habe ich auf der Straße gelebt, Platte gemacht mit allem, was dazugehört," erzählt Günther. Wie viele Obdachlose hat er Obdachlosenunterkünfte so weit möglich gemieden, "nur zum Wäschewaschen und zum Duschen" habe er sie aufgesucht. "Wenn Du dort übernachtest, kann es Dir passieren, dass Du am Morgen nur noch den Schlafsack hast, in dem Du gelegen hast", sagt er, "Schwarze Schafe gibt es überall. Ganz schlimm ist es, wenn die Papiere weg sind, der Ausweis und so, als Obdachloser wirst Du ja an jeder Straßenecke kontrolliert."
"Und dann", erzählt er weiter, "fing ich das Saufen an, war dann richtig abgefackt. Ich habe gebettelt, saß auf der Straße mit gesenktem Kopf, die Mütze ins Gesicht gezogen. Das war schlimm für mich. Weißt Du, ich muss den Menschen in die Augen sehen können, so wie Dir jetzt, muss mit ihnen reden können."
Schließlich kam Günther wieder nach Hannover, er hörte von Asphalt und wusste, dass das seine Chance war. Wie alle Verkäufer ließ er sich einen Verkaufsplatz zuweisen, kaufte eine Reihe Zeitungen für (heute) 80 Cent, die er für 1,60 € verkauft. Die Differenz, und das Trinkgeld, das er bekommt, sind sein Verdienst. "Als ich anfing, war ich immer noch auf der Straße", erzählt Günther weiter, "aber damit musste Schluss sein. Ich ging zu Pastor Lampe und sagte, ich brauche jetzt eine Wohnung. 'Dann hör auf zu saufen, mach eine Therapie, dann besorge ich Dir eine!', antwortete er. Er hat mich richtig rangenommen. Ich machte keine Therapie, aber ich hörte mit dem Saufen auf. Ich habe das alleine geschafft, darauf bin ich stolz! Ja, und Pastor Lampe besorgte mir eine Wohnung in Burgdorf."
"Durch diese Arbeit", erzählt er weiter, "fühle ich mich wieder als Mensch. Ich treffe viele Leute, unterhalte mich mit ihnen, und manchmal fühle ich mich richtig als Therapeut. Durch meine Erfahrungen auf der Straße kann ich z.B. vielen Eltern Tipps geben, die Sorgen mit ihren halbwüchsigen Kindern haben. Ich mache auch beim Schulprojekt von Asphalt mit. Ich gehe in die Schulen und sehe Kids, die auf der Bank liegen und schlafen. Aber wenn ich dann anfange zu erzählen aus meinem Leben, sind die plötzlich hellwach. Die Lehrer denken, das gibts doch gar nicht, die Schulpsyochlogen wollen mit denen Kontakt aufnehmen, aber das geht nicht. Und dann komme ich, spreche da eine Viertelstunde, und sie werden offen. Ich sag ihnen das ja so, wie es auf der Straße gewesen ist, ich lüge sie ja nicht an. Viele haben dann auch an Asphalt geschrieben, dass sie es gut fanden, und dass ich noch mal wiederkommen soll. Das gibt mir einen guten Rückhalt. Ich habe viele Erfahrungen von der Straße, und die gebe ich auch weiter. Mein Vorteil ist auch, dass ich kontaktfreudig bin. Und wenn ich morgens aufstehe und habe schlechte Laune, dann setze ich das nicht auf die Leute um."
"Aber nur vom Asphalt-Verkauf kannst Du doch nicht leben?", frage ich. "Nein", antwortet er, "ich bekomme eine kleine Rente, etwas vom Sozialamt, etwas von der Knappschaft, das ist soviel wie Hartz IV. Mit dem, was ich durch den Asphaltverkauf habe, komme ich ganz gut hin. Ich steh manchmal eine halbe Stunde und mehr für eine Zeitung, aber so im Monat geht das schon. Ich stehe auch noch in Lehrte, vor dem Edeka-Markt bei der alten Zuckerfabrik."
"Und wenn Du nicht Asphalt verkaufst, was machst Du dann?", frage ich. "Dann höre ich Musik, Rock'n'Roll, Elvis, Fats Domino, Little Richard, auch Rolling Stones und Beatles, damit bin ich ja groß geworden."
Dann erzählt er mir noch, dass er Laternen bastele, "richtig mit Elektro und so", und wenn jemandem so eine Lampe gefällt, gibt er sie für Materialkosten weg. "Den Schirm und das Elektro-Zeug muss ich ja kaufen. Und die sind auch zufrieden damit."
Er ist auch noch viel mit seinem Fahrrad unterwegs, "mich hält das nicht in der Bude, das kann ich nicht, ich habe ja 20 Jahre auf der Straße gelebt. Ich muss raus."
Lieber Günther, es war für mich sehr schön, Dich kennenzulernen , und es war unheimlich interessant, mit Dir zu reden und etwas aus Deinem Leben zu erfahren. Alles Gute für Dich, und wir sehen uns vor dem Edeka-Markt!
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Magazin Burgdorf | Erschienen am 14.10.2010
15 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 19.09.2010 | 21:30  
9.287
Lars Klingenberg aus Lehrte | 19.09.2010 | 21:36  
49.514
Kirsten Steuer aus Pattensen | 19.09.2010 | 21:57  
9.287
Lars Klingenberg aus Lehrte | 19.09.2010 | 22:01  
112.086
Gaby Floer aus Garbsen | 19.09.2010 | 22:11  
49.514
Kirsten Steuer aus Pattensen | 19.09.2010 | 22:17  
65.606
Ingeborg Behne aus Barsinghausen | 19.09.2010 | 22:52  
12.745
Detlev Müller aus Burgdorf | 19.09.2010 | 23:00  
49.514
Kirsten Steuer aus Pattensen | 19.09.2010 | 23:09  
6.146
bärbel stephan aus Peine | 20.09.2010 | 00:38  
6.937
Andreas Fuchs aus Algermissen | 20.09.2010 | 06:05  
7.751
Claus Stricks aus Burgdorf | 20.09.2010 | 08:46  
8.717
Uwe Nortmann aus Laatzen | 20.09.2010 | 16:30  
12.745
Detlev Müller aus Burgdorf | 21.09.2010 | 13:10  
Heinrich
Heinrich | 25.09.2010 | 21:27  
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