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Im Jahre 1464 verlor eine 40-köpfige Seeräubermannschaft vor Hamburgs Hafeneinfahrt ihr Leben

Der Grasbrook mit seinem Hochgericht (links im Bild) auf Seite 762 von Abraham Sauers Parvum Theatrum urbium, 1658. 1878 fand man dort Skelettteile.
 
1878 fanden Arbeiter beim Bau von Zollanschlussbauten auf dem Grasbrook einen Schädel mit einem Loch in der Schädeldecke. Ein weiterer Schädel folgte, ebenfalls ohne weitere Skelettteile.

Im Jahre 1464 wurde auf dem Grasbrook, einer Elbinsel vor Hamburg, ein Galgen errichtet. Ein großes Ereignis stand bevor; war doch eine größere Gruppe von Seeräubern zu enthaupten.

Über 60 Jahre lag inzwischen die Hinrichtung des sagenhaften Seeräubers Klaus Störtebeker zurück. Er hatte an derselben Stelle „am Tage nach St. Feliciani“ (das ist in Bremen und Hamburg der 20. Oktober) 1401 nebst 72 seiner Gefolgsleute sein Leben verloren. Ihre Köpfe wurden seinerzeit auf Pfähle gesteckt und am Elbufer aufgereiht, zur Warnung für alle den Strom befahrenden Schiffer.
Der Grasbrook, heute Hafencity, war von 1400 bis in das 17. Jahrhundert hinein die Richtstätte der Stadt Hamburg. Hamburg erwarb sich durch seine unermüdliche und erfolgreiche Tätigkeit den Ehrennamen „Bändigerin der Seeräuber“ – domitrix piratarum. Es war schon mit Erklärung vom 14. Oktober 1359 von Kaiser Karl IV. ermächtigt worden, die Elbe gegen Seeräuber zu schützen. Unterm 14. Juli 1462 erhielt es von Friedrich III. (1415-1493), seit 1452 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, das Vorrecht, sein Schiffsgut zu sichern und wiederzugewinnen und alle Übeltäter, „so man auf der Elbe ankommen und betreten“ möchte, nach des Heiligen Römischen Reichs Rechten zu strafen.
Die alten Hamburger Ratsprotokolle berichten von über 600 Hinrichtungen, die auf dem westlichen Ende des Grasbrooks in den Jahren zwischen 1390 und 1624 vollzogen wurden.
Im Jahre 1464, und zwar am Mittwoch nach Margarethen, stand wieder die Hinrichtung einer größeren Zahl an Seeräubern in Hamburg an. Unter ihnen war der Seeräuber-Hauptmann Hinrich Schindes oder Schinder. Weil man es als dringend notwendig erachtete, machten die Hamburger um diese Zeit wieder Jagd auf eine Rotte Seeräuber an der Nordküste, die den Namen Viktualienbrüder inzwischen nicht mehr führten, die aber deshalb nicht minder gefährlich waren. Hinrich Schinder hieß der Ehrenmann, der der Anführer des Geschwaders war, das gänzlich zerstreut wurde und 40 Gefangene lassen musste, die gewöhnlicher Weise auf dem Grasbrook hingerichtet wurden.
Der agierende Hamburger Scharfrichter hieß Claus Flügge, „ein Freiknecht von riesiger Körperkraft“. Der aus Eisenach stammende Stadtchronist Wilhelm Louis Meeder schreibt 1838, Flügge sei so geübt gewesen, „daß er immer sechs Räuber gleichzeitig auf ihren Stühlen niedersitzen ließ und ihnen die Köpfe nach der Reihe abschlug, ohne das Schwert aus der Hand zu legen“. Der Hamburger Journalist Erik Verg schreibt 1977: „Nur dem Hauptmann Hinrich Schinder gewährte Henker Flügge die Gunst eines Einzelhiebes.“
Der liberale Publizist und Politiker Friedrich Oetker (1809-1881) nennt 1855 eine weitaus größere Zahl, die sonst aber nicht bestätigt wird. Er spricht von 64 enthaupteten Seeräubern, deren Köpfe danach auf Pfähle gesteckt worden seien.
Im Jahre 1468 bestätigte Kaiser Friedrich III. den Hamburgern das Recht, alle Seeräuber, Mörder, Diebe und sonstige Übeltäter auf der Elbe bis in die See zu verfolgen, gefangen zu nehmen und im Gebiet der Stadt zu verurteilen.
Im Lauf der Geschichte sind am westlichen Ende des Grasbrooks, direkt gegenüber der Hafeneinfahrt, über 600 Seeräuber enthauptet worden, die letzten drei am 13. Dezember 1624. Alexander Schindler alias Julius von der Traun schreibt 1852 in seiner Novelle „Die Geschichte vom Scharfrichter Rosenfeld und seinem Pathen“: „Die Elbe glich einem Blutstrome, Blut klebte an allen Masten und Segeln, Blut an allen Waarenballen und Tonnen, und als ich zum großen Grasbrook kam, war es mir als triefe die ganze Insel von Blut, wie ein Rabenstein.“
Literatur:
Matthias Blazek: Seeräuberei, Mord und Sühne – Eine 700-jährige Geschichte der Todesstrafe in Hamburg 1292-1949, ibidem, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8382-0457-4, 154 Seiten
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