Sühnesteine Hohenhameln – Morbide Grusel-Boten des Mittelalters

Bründeln
 
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Noch vermauert in Hohenhameln
Eine bemerkenswerte Häufung seltsamer, mittelalterlicher Rechts-Denkmäler ist im Raum Hohenhameln zu verzeichnen. Reisende, die sich Hohenhameln von Hildesheim kommend auf der B 494 nähern, erblicken bisweilen auf Höhe der Abzweigung nach Bründeln ein archaisch wirkendes Stein-Monument, aufgestellt am Straßenrand (Foto).
Sühnestein, Kreuzstein, Scheibenkreuz oder auch Mordwange ist die Bezeichnung dieser Objekte. Es sind mittelalterliche Rechtssteine. Damals galt ein Mord als gesühnt, wenn der Täter sich mit den Hinterbliebenen des Opfers einigte, ihnen einen Geldbetrag zahlte und/oder an dem Ort des Mordes ein Sühnekreuz aufstellte. Sühnesteine werden als Flurdenkmal oder Bodendenkmal eingestuft. Ähnliche Steine erinnern an glückliche oder unglückliche Ereignisse im Leben des Erbauers, wie z.B. einen überlebten Überfall oder Sturz vom Pferd. Eine wichtige Untergruppe aber sind die Sühnekreuze, die Mörder im Mittelalter an der Stelle ihrer Tat errichten mussten.

Ballung in Hohenhameln

Es gab sie reichlich; 24 sind im Kreis Peine verzeichnet. In der Gemeinde Hohenhameln lohnt sich auch noch heute eine Spurensuche. In der westlichen Umfassungsmauer der evangelischen Kirche in Hohenhameln sind gleich 3 Exemplare aus Sandstein zu entdecken (Fotos). Sie sollen schon frühzeitig aus der Feldmark verbracht und hier eingemauert worden sein. Angeblich hat die Mauer bereits während einer Fehde im Jahre 1485 eine strategische Rolle in der Verteidigung Hohenhamelns gespielt. Vor 2 Jahren wurden sie entfernt und stehen nun separat auf der Nordseite der Kirche. Auch an den Kirchen in Soßmar und Bierbergen (zugewachsen) befinden sich je ein Sühnestein.

Am besten erhalten ist jedoch das Scheibenkreuz in Hohenhameln-Harber. Beim Ausbau der Kanalisation am „Kurzen Hagen" in Harber hatte ein Baggerfahrer vor wenigen Jahren vermeintliche Fundamentreste aus dem Boden geholt, die sich schnell als Rarität entpuppten: Man entdeckte einen 2,10 Meter langen und zwei Tonnen schweren Kreuzstein aus weißem Sandstein mit noch lesbarer Inschrift; er wurde restauriert und wieder am Fundort aufgestellt (Foto). Auch in Bierbergen und Soßmar findet sich je ein historischer Kreuzstein auf dem jeweiligen Kirchengelände verbracht. 
Die frühen Christen waren bemüht, Blutrache abzuschaffen und Sühneverträge einzuführen. Mit der Einführung des Christentums wurde Totschlag mit einer Reihe kirchlicher Bußen belegt, mit denen die Untat gesühnt werden sollte. Seelenmessen, Wallfahrten, Buß-Züge sollten dem Seelenheil des Getöteten, der ja ohne geistliche Absolution aus dem Leben geschieden war, dienen. Erhaltene Sühneverträge geben Auskunft über die einst gängige Praxis. In diesen Verträgen erscheint häufig auch die Verpflichtung, ein steinernes Kreuz setzen zu lassen, und zwar entweder am Tatort oder an einem anderen Ort, wo es die Hinterbliebenen haben wollten.

Mord war Kavaliersdelikt

Nach unserem modernem Rechtsempfinden erscheint eine derart milde Strafe für Mord natürlich unglaublich, letztlich stellt eine solche Angelegenheit ja keine angemessene Bestrafung des Täters dar, aber so etwas ist Ausdruck der bizarren Glaubenswelt des Mittelalters mit den noch stark vorhandenen heidnischen Einflüssen. In der älteren Literatur findet man folgende Unterscheidung:

„Wie die Bezeichnungen Sühnestein oder Sühnekreuz bereits andeuten, handelte es sich hierbei um Objekte, die nach einem offiziellen Urteilsspruch zur Sühne eines Verbrechens errichtet wurden. Als Typus wurden hierzu sowohl Scheibenkreuze als auch Kreuzstelen bzw. Kreuzsteine ausgewählt.“ Unfallsteine: „Der plötzliche Tod konnte den Zeitgenossen aber auch aufgrund eines Unfalls ereilen, wie einige Steinkreuze oder Kreuzsteine im Untersuchungsgebiet bezeugen. Ein Unglücksfall mit tödlichem Ausgang war zu jeder Zeit möglich. Einige Inschriften oder auch Reliefs überliefern auch die Todesursache der Unfallopfer – aber sie benennen nicht den jeweiligen Auftraggeber.“ Mordopfer-Steine: „Doch auch Mordopfer, deren Täter unbekannt blieben, konnten ein Erinnerungsmal erhalten: Nicht immer wurde der Täter eines Mordes überführt und bestraft. Die Gefahr des Reisens im Mittelalter wird anhand einiger Kreuzsteinen deutlich ...“

Rituale am Wegesrand

Der moderne Begriff Grabstein drängt sich uns auf, ist aber eigentlich falsch, denn kaum ein Opfer dürfte genau dort bestattet worden sein, wo wir die Sühnesteine finden. Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden viele der Steine versetzt und auf die Kirchen-Areale gebracht. Sie störten sicher beim ständig expandierenden Wegebau, doch hatte man genug Respekt vor diesen etwas schauerlichen, heiligen Objekten, so dass sie nicht zerschlagen wurden. Um nahezu jedes dieser Kreuze rankt sich eine Sage, die im Kern fast immer an eine Bluttat erinnert, und die Mehrzahl dieser Male verdankt auch einer Blutsühne ihr Entstehen, doch bei weitem nicht alle; denn ein großer Teil war nur Andachtsbild oder Grenzzeichen und nur selten können wir entscheiden, aus welchem Grund ein derartiges Kreuz aufgestellt worden ist. Aus dem Ort der Aufstellung kann man wenig auf die Art des Males schließen. Die Kreuze abseits der Straße oder an einer Grenze geben im Allgemeinen wohl den Ort der Tat an. Die an Straßen oder an Kreuzwegen dagegen können sowohl Andachtsbilder sein, aber auch eben solche Sühnemale, die da auf Wunsch der Hinterbliebenen aufgestellt worden sind. Es war früher auch Sitte an den Steinen ein kurzes Gebet zu sprechen. Diese Gebete sollten den Verstorbenen eher aus dem Fegefeuer befreien und je mehr Gebete für ihn gesprochen wurden, desto eher wurde er erlöst. Deshalb setzte man die Sühnesteine an die belebten Verkehrswege oder exponierte Stellen.
Um Wendeburg sind mehrere Steine gelistet aber nicht mehr vorhanden. Kümmerliche Überbleibsel einstiger Steinkreuze im Nordkreis sind die beiden in Wipshausen am Kirchhof-Aufgang stehenden Kreuzsteine aus Kalkstein. Sie werden dort für Mord- und Sühnesteine gehalten die sehr wahrscheinlich ehemals in der Feldmark gestanden haben und mehrfach versetzt wurden. Dieses wird durch Eintragungen in ein altes Kirchenbuch vom Jahre 1562/63 bestätigt. Der erste evangelische Pfarrer der dortigen Kirche, der auch Ackerbau betrieb, schreibt: "Item By dem Crutze an dem genese (heute wüster Ort Jähnsen südlich von Wipshausen nach dem Bahnhofe Wense zu) wege op den twen stucken vij stige viij gerve" und ähnlich im nächsten Jahre.
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