Die Kunst ist das Gewissen der Menschheit (Friedrich Hebbel) - Die Leiter des Kulturbüros Neusäß, Anneli Bronner, blickt auf das Jahr zurück

Max Olbrich auf dem Neusässer Stadtfest
 
Max Olbrich auf dem Neusässer Stadtfest
 
Sandro Roy auf dem Neusässer Stadtfest
Artikel 3/1 der Bayerischen Verfassung besagt, dass Bayern ein „Rechts-, Kultur- und Sozialstaat“ ist. Die Kultur steht nach dem Recht an zweiter Stelle. Artikel 140 fordert: „Kunst und Wissenschaft... das kulturelle Leben... sind von Staat und Gemeinde zu fördern“. Dem Verfassungsauftrag kam Neusäß 1988 mit dem Bau der Stadthalle und 2015 mit dem des Hauses der Musik und Jugendkultur in vorbildlicher Weise nach. Daher war das Jahr 2015 ein hervorragendes Jahr für die Stadthalle und die Kulturarbeit. Zudem wurde mit dem neuen Haus der 1. Baustein für die neue Stadtmitte realisiert, und es kommt der Neusässer Kultur zugute. Das Interesse und die Begeisterung beim Tag der offenen Tür am 10. Juli während des Stadtfests übertraf alle Erwartungen. Am 16. Oktober wurde das schmucke Haus eingeweiht. Die Bewohner, Sing- und Musikschule, Kammerorchester, Stadtkapelle und Narrneusia umrahmten den Festakt musikalisch, aufgelockert von Bob Ross, dem Leiter des renommierten Blechschadens, der Gauditruppe der Münchner Philharmoniker. Das Jugendkulturhaus STEREOTON lud danach zu gepflegtem Jazz von „Grooving Five“ und demonstrierte exemplarisch die neuen Begegnungsmöglichkeiten für Musik- und Kulturschaffende, die sich früher kaum begegneten. Man darf gespannt sein auf die Umsetzung der Synergieeffekte, die an dem Abend angedacht wurden - ein weiterer positiver Effekt neben dem Quantensprung in räumlicher Hinsicht– ein Haus der Begegnung in Sachen Kultur und Musik mit Schwerpunkt auf der Nachwuchsarbeit.

Dem Verfassungsauftrag kann endlich auch Augsburg nachkommen, weil der Freistaat eine Millionensumme zur längst überfälligen Sanierung des Theaters in der drittgrößten Stadt Bayerns zuschießt – was nur recht und billig ist. Es wäre eine Kulturschande im Land der Dichter und Denker, das Theater verfallen zu lassen. Dass es keine Luxusvariante wird, gebietet die Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler und der freien Kulturszene.

Das Stadtfest 2015 war ein Stadtfest der Superlative, kein Regentropfen, das heißeste überhaupt, tropische Temperaturen, die zum Feiern einluden. Und die Neusäßer feierten begeistert mit, nicht nur „Kulturfreaks“. Das Ziel, mit dem Stadtfest auch Bürger an Kultur heranzuführen, die die Hemmschwelle eines „Kulturtempels“ meiden, ging erneut auf. Die Stimmung war blendend, auch wenn die Hitze tagsüber eher zum Baden einlud. Abends herrschte umso mehr Andrang. Zum heißesten Stadtfest passte ein heißer Veranstaltungsmix aus Erfolgsgruppen der Region wie Greg is Back, die, 2013 fast unbekannt, 2015 Massen begeisterten, Cash’n’Go, Presley Family, VoiceNet, Young Stage, Max Olbrich und Sandro Roy und die neue Big Band der Musikschule unter Achim Binanzer, und externen Highlights des sogenannten Heimatsounds, der neue Volks- und Weltmusik vereint. Der umwerfende Mathias Kellner (Hädidadiwari), „Dreiviertelblut“ mit schrägem Mix aus Lebensfreude im Dreivierteltakt und wohliger Finsternis vom Unterholz, der Keller Steff mit bay. derber Direktheit beim Bulldog-Ankurbeln oder „Kaibeziang“, der urige bayerische Reggae-Man Mista Wicked und die Steadytones begeisterten mit multikultureller Interpretation des neuen Heimatsounds das Neusässer Publikum auf Anhieb. „Mit der richtigen Mischung zur strahlenden Festbilanz“ titelte die AZ.

Das Interesse an fremden Kulturen ist beim Stadtfest, Musiksommer und auch in der Stadthalle eminent, etwa bei Veranstaltungen der Partnerstädte Eksjö und Bracciano. So zauberte die Starsolistin Martina Paciotti aus Braccian, begleitet von Andrea Paciotti italienisches Flair ins Haus der Musik und auch auf das Stadtfest.

Der Neusässer Kunstpreisträger 2015 Olli Marschallzog zur Eröffnung des Stadthallenherbstes mit australischen Märchen, untermalt von selbstgebauten Didgeridoos jung wie alt in seinen Bann.

Michael Martin, Photograph und Geograph aus dem Augsburg Land, heute einer der Größten seines Genres, faszinierte mit der Dia-Show Planet Wüste die Massen mit atemberaubenden Bildern und seinem unvergleichlich mitreißenden Vortrag.

Wie immer vor allem in schwierigen Zeiten ist Kabarett auch in Neusäß ein Publikumsmagnet. Monika Gruber trat 2006, noch relativ unbekannt, erstmals im Raum Augsburg in Neusäß auf, und hält uns seither die Treue. Das Publikum, das stundenlang für Tickets anstand, genoss die Gruberin im März in der Stadthalle Neusäß in vollen Zügen.Auf die gefragteste bayerische Kabarettistin folgten auf männlicher Seite, natürlich ausverkauft, Maxi Schafroths dritter Auftritt mit demselben Programm, Günter Grünwald und Bruno Jonas. Bestens aufgelegt glänzte Jonas mit geistreicher Ironie, hintergründigem Witz und Tiefsinnigem über die Herkunft des Bayern, einem Mix aus Zugeroasten, Herüber- und auch Heruntergekommenen (von den Bergen), zwischen Sokrates und dem Affen als Vorfahren hin- und herpendelnd. Mit neuem Programm kommen Jonas 2016 und Schafroth, wie versprochen, am 22. Januar 2016 nach Neusäß. Die Tickets sind heiß begehrt. Da es für das Silvesterkabarett von Herr und Frau Braun nur noch Restkarten gibt, geht der Rosenmontag in den Verkauf. 2 Kabarettisten treten 2016 erstmals in Neusäß auf, Christian Springer und Wolfgang Krebs.

Auch im Theater gab es neuen Glanz. Die freie Truppe „theaterlust“ machte ihrem Namen alle Ehre. Für die umwerfende „Päpstin“ gab es standing ovations – in Neusäß eine rare Auszeichnung. Das gefeierte Ensemble zeigt am 23. Januar sein spritziges Theaterkabarett „Gretchen 89 ff“. Mit Zuckmayers „Des Teufels General“ mit Gerd Silberbauer und Kleists „Marquise von O“ in Silvia Armbrusters Regie stehen weitere spannend umgesetzte Klassiker an.

Im Musikabo gibt es wieder einmal eine Operette, „Eine Nacht in Venedig“, in einer Kooperation von Christian Auer, dem Münchner Allround-Talent, das zuletzt mit der spritzigen Hochstapler-Revue punktete, mit Elisabeth Haumanns Meisterschülern von Young Stage.

Regionale Kräfte beim Stadtfest, Musiksommer und in der Stadthalle einzubeziehen, ist ein Grundpfeiler des Neusässer Kulturkonzepts. Eigenproduktionen auf die Beine zu stellen, ist aufwendiger als „Projekte von der Stange“ zu kaufen, aber für eine Kulturstadt wie Neusäß ein Aushängeschild und Alleinstellungsmerkmal. Begeisterte der Neusässer Lehrer und renommierte Autor Peter Dempf erstmals mit einem kurzweiligen Stück zum Stadtjubiläum, dem 2014 das spritzige Musical „Ein Tropfen Zeit“ folgte, so gelang ihm 2015 mit dem „Handy-Blues“ der Super-Coup. Die hochaktuelle Erfolgsproduktion wurde viermal gespielt, fesselte unter anderem über 1.000 Schüler, die begeistert in den Schluss-Rap einstimmten.

Vom 3. bis 12. Juni 2016 steht der 4. Neusässer Musiksommer an. Die Sommerklänge entwickelten seit 2010 ein eigenes Profil. In programmatischer Hinsicht erfüllen sie diverse Funktionen: sie finden an ungewöhnlichen Orten statt, dezentral in Neusässer Ortsteilen, in- wie outdoor und zeigen primär regionales Musikschaffen. Exemplarisch dafür steht der Neusässer Musikwettbewerb, den die Sing- und Musikschule Neusäß ausrichtet, mit dem Preisträgerkonzert. Ein Glanzlicht ist die heitere Serenade des Neusässer Kammerorchesters am Teich. Heuer stehen unter anderem das Trio Ardor/Rossel und der Stargeiger Sandro Roy an. Natürlich gibt es wieder Klassik von Young Stage unter Elisabeth Haumanns Leitung im Schloss Hammel, wo 2014 herrliche junge Stimmen mit dem stilvollen Saal und der alten Musik zu glanzvoller Harmonie verschmolzen. Das ist Nachwuchspflege vom Feinsten. Den lokalen Aspekt ergänzt ein überregionales Highlight, zuletzt beeindruckend Monika Drasch. Das Gesamtprogramm wird natürlich im Neusässer veröffentlicht.
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.neusässer | Erschienen am 22.12.2015
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