Zeitreise - 30-Jähriger Krieg - "Der lange Weg"

Bellicum auf der Westerburg 2015 (Foto: Doris Köhler)
 
Lützen 2013
 
Einbeck 2014
Naumburg: Numburgk | die Geschichte eines Marsches



Im Jahre des Herrn 1632, einem Schaltjahr, ritt der Löwe aus dem Norden, Gustav Adolf von Schweden, im Bayrischen von Erfolg zu Erfolg. Albrecht Václav Eusebius z Valdštejna (Albrecht Wallenstein) wird am 14. April, 2 Tage nach Ostern, vom Kaiser erneut zum Oberbefehlshaber der katholischen Truppen ernannt. Der Kaiser sah in ihm die einzige Chance, den Schweden zu schlagen. Einen Tag später, am 15. April, besiegt Gustav Adolf die kaiserlichen Truppen in der Schlacht bei Rain am Lech.
Am 23.4. reitet Wallenstein mit seinen Truppen nach Norden, um den Schweden aus Bayern heraus, hinter sich her zu locken. Und der Plan sollte aufgehen….

Im Vorfeld bitterer und entscheidender Schlachten dieses Jahres zogen immer wieder Söldner und versprengte Gruppen von Soldaten durch das gebeutelte Land.


So bewegte sich auch an jenem 23. April ein Trupp Soldaten aus verschiedenen Landstrichen des zersplitterten Reiches, auf dem Weg von Süden Richtung Waldeck. Auf abgelegenen Wegen gelangten sie weitestgehend unbemerkt mit Sack und Pack und ihrem kleinen Tross durch die Wälder Hessens in die Nähe der Stadt Numburgk (Naumburg). Zu klein, um einem gut geführten Angriff zu widerstehen, und doch entschlossen, ihr Ziel unter allen Umständen zu erreichen, marschierte die bunt zusammengewürfelte Gruppe seit Tagen nordwärts.
Das letzte Zwischenziel, die Ruine der Weidelsburg, ist erreicht. Hier, im Schutze der verlassenen und halb zerfallenen Burganlage, wollte man rasten. Beinahe 500m hoch gelegen bietet der alte Bergfried eine sehr gute Sicht über das recht flache Umland.
Die zusammengewürfelte Gruppe aus sächsischen Croathen, Protestanten aus dem Waldeckischen und ein paar verschlagenen heimatlosen Burschen, die in ihrem Haufen auch noch das eine oder andere brauchbare Weib mit sich führten, wollten auf keinem Fall der Soldateska in die Hände fallen. Sie hatten andere Ziele und sie führten etwas mit sich, das sie unter keinen Umständen verlieren wollten…

Der Lohn, der in einer kleinen Grenzstadt, wenige Stunden Fußmarsch von hier, versprochen ward, lockte sie hierher in diese Gegend. Dieser Lohn, war mehr Wert, als die Kriegsfurie der einen oder anderen Seite in den vergangenen Jahren zu bieten hatte. Dieser Lohn bestand aus dem Schutz der Stadtmauern eines Ortes, der weitab von Blut und Elend liegt und dem Versprechen, eine kleine Weile, fern von den Schlachten um den Glauben, in Frieden zu leben.
Noch hatten sie ihr Ziel nicht erreicht, aber was sollte jetzt noch passieren? So nah war Es. Sie hatten sich zurückgehalten beim Plündern, um nicht aufzufallen. Auf dem langen Weg nur das genommen, was es gefahrlos zu nehmen gab. Leerstehende, verlassene Höfe gab es genug und nicht überall waren sie restlos geplündert und geschliffen. So fanden sie vor bald zwei Tagen in der Dämmerung einen Unterschlupf, der mehr bot, als es den Anschein hatte. Über 10 Jahre wütete nun schon der Glaubenskrieg, niemand hatte mehr eine Vorstellung davon, wie es war, in Frieden zu leben. Die Wurzeln der Männer und Frauen waren abgeschlagen, die Familien tot oder in Knechtschaft und Elend verschwunden. Alles was man besaß, trug man bei sich. Und so nahmen sie ein großes Holzfaß an sich, um es mit auf die Reise gen Norden zu nehmen. Eine gute Wahl, denn es war ein Faß voll mit Bier.


Doch auch im waldeckischen gab es nicht nur Frieden. Graf Christian von Waldeck, kaiserlicher Kammerherr, herrschte in Wildungen und wechselte unter Druck der Geistlichkeit seine evangelische Gesinnung in die katholische. Er sorgte vor beinahe zwei Jahren mit seinem Befehl, „dass das Zauberlaster auszurotten, die äußersten Mittel angewandt werden.“ für eine große Anzahl an Hexenprozessen und Verurteilungen.

Doch was interessierte die kleine Schar die Politik einer Grafschaft? Sie hatten mehr Elend gesehen, als ihnen jetzt noch durch ein paar Hexenprozesse ein Schreck in die Glieder fahren könnte. Am 15. dieses Monats noch, waren sie tief im bayrischen in der Nähe der Stadt Rain. Unter dem einen oder anderen Heerführer kämpften sie den beinahe aussichtslosen Kampf ums nackte Überleben. Viele Wegbegleiter starben elendig auf dem „Feld der Ehre“. Der Heerführer der Katholischen, Tilly wurde schwer verwundet. Gustav Adolf gewann die Schlacht…. danach herrschte nur noch Chaos.

Auf dem Weg Richtung Norden fanden die Männer und Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, nach und nach zusammen. Der Glaube spielte für sie keine Rolle mehr. Schon lange, kämpften sie für den, der am meisten bezahlen konnte, oder wo die Aussicht auf das Überleben am Größten war.

Einer unter ihnen erzählte eines Abends von seiner Stadt und das der dortige Bürgermeister ein guter Mensch sei. Er hatte die Kunde gehört, das seine Stadt zum Schutze ihrer Bürger, freien Soldaten Unterkunft, Essen und ein wenig Sold bieten würde. Er berichtete vom Leben im Schutze der Stadtmauern und der Lage des Ortes auf einem Felsen, der diesen, zumindest von drei Seiten her, fast uneinnehmbar machte. Die Aussicht, einige Zeit Abseits des Blutvergiessens zu sein, war verlockend. So schlossen sie sich zusammen.
Sie wollten nun zu dieser Stadt Landau, an der Grenze zum hessischen, an der Grenze zwischen den Konfessionen.

Unten im Tal an der alten Heerstrasse lag das ehemalige Kloster Höhnscheid. Jetzt war es ein landwirtschaftlicher Betrieb. Dort gab es sicher etwas zu essen und der Weg führte geradewegs daran vorbei. Nur eine kurze Rast für die geschundenen Füße, dann wollte man den letzten Teil des Weges gehen. Der Landauer Soldat kannte sich jetzt aus. Hier war er schon als Kind mit seinem Vater unterwegs gewesen um Holz zu holen oder auch einmal ein Kaninchen für das Sonntagsmahl.
Früher….

Die alte Wüstung Geppenhagen und der Teich in der Nähe lagen im Dunkel des langen Waldes. Dort sollte es vorbei gehen durch den Lindengrund zum Sieberinghäuser Teich. Dann war es nicht mehr weit. Die Stadt lag bald in Sichtweite. So war der Plan und niemand hatte in den vergangenen Tagen Soldaten gesehen.


Die Nacht auf der alten Burg war ruhig und klar. Einzig das gelegentliche „kiwitt“ des Totenvogels, des Waldkauzes, ließ einem ein Schaudern über den Rücken fahren. Lang und frostig war die Nacht und dennoch konnten alle, bis auf die eingeteilten Wachen, tief und ohne Störung schlafen. Bald hatten sie es geschafft. Mit den rötlich-goldenen Strahlen der ersten Morgensonne begann der letzte Abschnitt ihrer gefährlichen Reise. Das Ziel vor Augen, die wunden Füße neu verbunden und den Hunger aufschiebend, machte sich die Schar der Kriegsmüden auf den Weg ins Tal. Wie erhofft bekam man auf dem Klostergut zu Essen. Viel war es nicht, auch hier herrschte Armut. Eine vorbeiziehende Armee unter Oberst Burien, nahm was es zu nehmen gab und ließ kein Schwein, kein Huhn und kein Rind am Leben, dessen sie habhaft werden konnten. In weiser Voraussicht hatte der Bauer aber ein paar Tage zuvor einige Tiere, Getreide und Lebensmittel in den Wald gebracht und dort im Dickicht versteckt. Sohn und Frau waren dort geblieben, zuviel Schande und Elend erfuhren die Weibsleut´ und auch die Kinder in dieser Zeit. Es war gut getan, denn so konnte man im Sommer wieder die Saat ausbringen und dem Winter ohne Not entgegenblicken. Der Landauer bezahlte das karge Frühstück mit ein paar Kreuzern. Der Aufenthalt war nur kurz, nur wenig zu essen für den Weg, denn die Hoffnung auf eine Zuflucht trieb sie zur Eile. Und dennoch hegten sie noch immer Zweifel, ob sie den Weg schaffen würden, ob sie verschont würden bis Landau.

Der letzte Wald lag nun vor ihnen…
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