Legenden aus der Geschichte von Marburg

Hauptbahnhof in Marburg - 1850 erbaut
Marburg: Hauptbahnhof | Überall werden aus der Geschichte einer Stadt unterhaltsame Geschichten weiter erzählt – viele sind nicht nachprüfbar, wahrscheinlich ohne Wahrheitsgehalt. Irgendwann sind es Legenden. Wenn sie interessant sind oder bedeutsam erscheinen, umso besser.

Auch Marburg hat einige Legenden aufzuweisen. Sie kommen teilweise weit her aus der Geschichte. Wann sie entstanden sind, weiß wohl niemand. Und in Laufe der Zeit verändern sie sich manchmal. Hier eine kleine – wahrscheinlich nicht vollständige – Auswahl:

Legende 1

Die Heilige Elisabeth sollte mit dem Stauferkaiser Friedrich II. vermählt werden


Die provokante Aussage gleich zu Beginn:

Wenn man es salopp ausdrücken will, hatte offenbar Elisabeth von Thüringen, Königstochter und Landgrafenwitwe, jedoch mit einem strengen Beichtvater verbunden, zwei Lebenswege zur Auswahl: Kaiserin oder Heilige. Sie nahm den Weg zur Demut und Heiligkeit. Dass sie auch den Weg zur Kaiserin hätte beschreiten können, ist Inhalt einer Legende.

Hier die einzelnen Details zur Legendenbildung:

Die Situation um 1227/28 war folgende: Die 1207 als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. geborene Elisabeth war früh mit dem Landgrafensohn Ludwig von Thüringen verlobt und verheiratet worden. Die Landgrafen von Thüringen hatten sich eine hohe Position im Adel des Deutschen Reiches Römischer Nation erkämpft. Sie konnten mitbestimmen, wem die Königswürde zugestanden wurde. Als Ludwig IV. von Thüringen nach einem Kreuzzugsgelübde 1227 zur Fahrt ins Heilige Land aufbrach, raffte ihn im November in Otranto (Apulien/Unteritalien) eine Seuche dahin.

Landgräfin Elisabeth war Witwe geworden, hatte aber auf der Wartburg keine Freunde. Sie wurde von ihren angeheirateten Verwandten vertrieben. Auf der Lehre Hl. Franziskus fußend, hatte Elisabeth eine starke soziale Einstellung. Dies traf damals - wie bei den Beginen – auf viele adlige Frauen zu.

Ihr Oheim mütterlicherseits, der noch heute in Bamberg hochverehrte Bischof Ekbert, nahm sie 1227/28 für kurze Zeit in Franken auf. Und aus dieser Zeit stammt die Legende von der beabsichtigten Heirat Elisabeths mit dem Stauferkaiser Friedrich II.

Bischof Ekbert von Bamberg soll eine Heirat der erst gerade zwanzig Jahre alten verwitweten Elisabeth mit Kaiser Friedrich II., dem berühmten Herrscher aus dem Staufergeschlecht, betrieben haben.

Doch Elisabeth lehnte eine neue Heirat ab. Sie hatte ein Gelübde abgelegt, nicht wieder zu heiraten. Solche Händel, wie von ihrem Oheim beabsichtigt, waren mit der zukünftigen Heiligen nicht zu machen.

Die Frage ist, wie kann es sein, dass eine solche Legende aufkam? Welche Bedingungen waren gegeben, dass die Legende als realistisch immer weiter erzählt werden konnte? Belege für die angeblich beabsichtigte Heirat mit Kaiser Friedrich II. sind nicht vorhanden. Bei genauerem Hinsehen gibt es immerhin einige Fakten, die eine solche Legende in realistischem Licht erscheinen lassen.

Tatsache 1:

Elisabeth war nicht irgendeine Adlige mittleren Rangs. Die Landgrafenwitwe gehörte zum deutschen Hochadel. Sie war sozusagen eine erste Adresse. Ihr Vater, König von Ungarn, herrschte über ein Reich, das weit über die heutigen Grenzen von Ungarn hinausging. Ihre Mutter stammte aus dem Haus Andechs-Meranien (Bayern/Südtirol) mit großem Landbesitz auf dem Balkan.

Mütterlicherseits war ihre Tante Agnes Königin von Frankreich geworden, allerdings nur für kurze Zeit. Ihre Tante Hedwig residierte als Herzogin von Schlesien, später heilig gesprochen und Patronin ihres Landes. Verschwägert war sie mit dem Herzog von Kroatien und dem Zaren der Bulgaren. Ihr Onkel Otto regierte als Herzog von Meranien und Pfalzgraf von Burgund.

Väterlicherseits waren das Ansehen und die Machtpositionen ihrer näheren Verwandten nicht geringer. Ihre Tante Margarethe war mit dem Kaiser von Byzanz verheiratet, eine andere Tante (Konstanze) mit dem König von Böhmen. Auch ihre Brüder führten hohe Titel.

Besser als Elisabeth konnte man mit dem europäischen Hochadel nicht verbunden sein. Damit hatte ihr Onkel, der Bischof von Bamberg, dem Kaiser eine gute Partie anzubieten.

Tatsache 2:

Landgraf Ludwig IV. war zusammen mit Kaiser Friedrich II. im Jahr 1227 zum Kreuzzug aufgebrochen. Die beiden Herrscherhäuser kannten sich sicherlich gut und hatten offensichtlich gleiche Ziele. Die Teilnehme der beiden Herrscher am Kreuzzug war vom Papst lange gefordert worden. Zudem war die zweite Ehefrau von Kaiser Friedrich 1228 verstorben.

Friedrich war demnach frei und Elisabeth auch. Beiden hatten keine Ehepartner mehr, waren Witwer und Witwe. Dass daraus eine Legende entstand mit Verbindung von zwei so hochrangigen Adligen, das kann nicht als verwunderlich angesehen werden. Doch damals gab es noch keine Zeitungen, die Klatsch verbreiteten. Deshalb kann heute diese Geschichte nur als Legende weiter bestehen.

Der Kaiser besucht Marburg und das Grab der Heiligen Elisabeth

Die Legende wird noch befördert durch ein Ereignis, das mehrere Jahre später tatsächlich stattgefunden hat. Am 1. Mai 1236 fand die Erhebung der Gebeine der Heiligen Elisabeth in Marburg statt. Elisabeth war 1231 gestorben in Ausübung ihres kompromisslosen Bestrebens, sich in größter Selbsterniedrigung mit den gesellschaftlich Niedrigsten auf eine Stufe zu stellen und ihnen zu dienen. Nur kurze Zeit später gelang ihre Heiligsprechung. Die Erhebung der Gebeine der Heiliggesprochenen war das größte Ereignis, das im Mittelalter in Marburg stattgefunden hat.

Dies geschah unter Anwesenheit von vier Erzbischöfen und weiteren hochrangigen deutschen Fürsten und Bischöfen. Unzählige Pilger und Besucher sollen zu der Translation anwesend gewesen sein. Es wird die Zahl von 1.200.000 Besuchern genannt. Die Zahl der Anwesenden ist sicherlich – wie oft in solchen Dokumenten - weit übertrieben.

Jedoch wichtigster Teilnehmer an der Erhebung der Gebeine der Heiligen war der Stauferkaiser Friedrich II. Friedrich war während seiner Regierungszeit nur dreimal nördlich der Alpen. Umso erstaunlicher der Besuch in Marburg. Der Kaiser stiftete ein wertvolles, aus Gold gefertigtes Kopfreliquiar. Der Besuch von Friedrich in Marburg dauerte allerdings nur einen Tag.

Legende 2

Herzogin Sophie von Brabant trug immer eine Knochenreliquie von ihrer Tochter mit sich und setzt sie als Pfand ein


1247 war den Thüringern der Mannesstamm mit dem Tod von Heinrich Raspe ausgestorben. Daraufhin begannen Erbstreitigkeiten. Anspruch auf das Lehen erhoben der Markgraf Heinrich der Erlauchte von Meißen und die Tochter der hl. Elisabeth, Sophie von Brabant.

Sophie Ehegatte, Herzog Heinrich von Brabant, setzte sich für das Erbe seines Sohnes Heinrich ein. Dieser war erst 3 Jahre alt. Der Junge war – so Sophie – legitimer Nachfolger von Thüringen für die Güter, die alt ererbter Familienbesitz der Thüringer waren. Doch Heinrich II. starb schon 1248. Somit musste Sophie für ihren Sohn kämpfen.

Es ging um die Besitzungen in Hessen. Bei den Auseinandersetzungen und Verhandlungen am Tisch mit dem Gegner soll Sophie von Brabant ihre Ansprüche mit Schwur auf eine Reliquie ihrer Mutter unter Beweis gestellt haben. Sie soll demonstrativ – mit entsprechender Wirkung - die Reliquie, einen Knochen ihrer Mutter, auf den Tisch platziert haben, was mächtigen Eindruck geschunden hatte.

Es ist ihr letztlich gelungen, - ob mit oder ohne die Knochen-Reliquie – Hessen für ihren Sohn zu gewinnen. Und Hessen wurde in Marburg – wohl auf dem Marktplatz – im Jahr 1247 gegründet.

Legende 3

Landgraf Philipp der Großmütige ließ die Gebeine der Heiligen Elisabeth, sehr bedeutende Reliquien, auf dem Pilgerfriedhof am Michelchen in Marburg vergraben


Im Jahre 1539 soll sich ein „empörender Vorgang“ in Marburg ereignet haben: Der Landgraf habe dem Landkomtur befohlen, die Sakristei aufzuschließen und die Gebeine der Heiligen Elisabeth herauszuholen. Da angeblich kein Schlüssel auffindbar war, habe man befohlen, die Sakristei aufzubrechen. Daraufhin tauchte der Schlüssel auf.

Man holte die goldene Krone, von Kaiser Friedrich II. gestiftet, heraus samt der Gebeine der Heiligen. Die goldene Krone sei alsbald danach wieder zurückgestellt worden, jedoch die Gebeine nicht.

Die Gebeine seien heimlich, nur zwei Personen seien dabei gewesen, auf dem Friedhof des Michelchens vergraben worden. Noch heute seien sie unter den vielen anderen dort befindlichen Knochen aus unzähligen Gräbern verteilt.

Diese Tat gefiel den Katholischen überhaupt nicht. Für sie waren die Reliquien Heiligtümer. Und noch heute, wer zu unseren Zeiten Pilgerstätten besucht, weiß nachher, welche ungeheure Anziehungskraft Reliquien besitzen.

Also setzte Kaiser Karl V. den abtrünnigen Landgrafen, als dieser in den Niederlanden in Gefangenschaft saß, unter Druck. Die Reliquien, von denen man sowieso nicht annahm, dass der Landgraf diese kostbaren Güter so einfach hatte vergraben lassen, solle diese wieder herausrücken.

Es geschah, dass Landgraf Philipp der Großmütige einige Gebeine an den Kaiser zurückgab. Aber ob die echten Reliquien waren, weiß niemand.

Legende 4

Martin Luther predigte im Michelchen


Für alle diejenigen, die in Marburg ihre Wurzeln haben und interessiert daran sind, dass ihre Heimatstadt auch wichtige Ereignisse in der Geschichte aufzeigen kann, ist vielleicht folgende Geschichte von Bedeutung.

Die Religionsgespräche zwischen Luther, Zwingli und Melanchton und einiger anderer Religionslehrer fanden 1529 in Marburg statt. Das Gespräch endete abrupt wegen des Auftretens einer Seuche – erfolglos, wie man weiß.

Dazu wird behauptet, Martin Luther habe während seiner Zeit in Marburg im Michelchen gepredigt. Eigentlich eine recht unbedeutende Aussage. Aber sie ist für diejenigen, für die das Michelchen eine Bedeutung hat, nicht ohne Belang. Zumindest hat das Michelchen damit eine Aufwertung erhalten – wenn die Aussage korrekt ist.

Aber ob es wahr ist, dass Martin Luther im Michelchen gepredigt hat, dafür gibt es keine Beweise. Aber – wenn man will – auch keine Gegenbeweise.

Legende 5

Der Hauptbahnhof Marburg wurde 1850 deshalb im Norden der Stadt angesiedelt, weil eine Party mit Champagner die Entscheider beeinflusst haben soll („Champagner-Bahnhof“)


In schwieriger Zeit, die Auseinandersetzungen im Vor-März 1848 belasteten Hessen-Kassel, wurde eine sehr positive Entscheidung in Kassel für Marburg getroffen: Die „Main-Weser-Bahn“ sollte nicht über Fulda von Kassel nach Frankfurt geführt werden, sondern über Marburg und Gießen.

Aber in Marburg gab es Auseinandersetzungen um den Standort des Bahnhofs. Letztlich waren noch zwei Versionen in der Diskussion: bei Weidenhausen oder im Norden östlich der Lahn an der Elisabethbrücke.

Im Stadtrat wurde 1848 knapp entschieden, dass man für die Lage hinter Weidenhausen votierte. Doch in Kassel waren zu dieser Zeit die Würfel zugunsten des Standorts im Norden gefallen. Gegen Weidenhausen sprachen die Umstände, dass der Bahnhof in einer Kurve angelegt werden musste, was sehr unpraktisch war, und zudem noch ein Friedhof (St. Jost) im Wege war.

Der Standort Nord lag zwar weit außerhalb der Stadt, aber die Entfernung vom Bereich der Alten Sieche hinter Weidenhausen zum Marktplatz, dem Mittelpunkt des damaligen Marburgs, war kaum geringer.

Es gibt eine erst sehr spät aufgekommene Darstellung, dass es ein Gelage mit Champagner und reichlich aufgetischten Gerichten in einem Gasthof auf der Ketzerbach gegeben hätte. Teilnehmer seien die zuständigen Herren aus dem Kasseler Ministerium gewesen und bezahlt hätten es reiche Bürger aus dem nördlichen Stadtteil von Marburg. Dabei sei zu später Stunde die Entscheidung für den jetzigen Stadtort begossen worden. Dies ist reine Fantasie. Es gab sachliche Gründe und eine realistische Entscheidung.

Marburg hat keinen Champagner-Bahnhof – aber eine Legende mehr.

Legende 6

Kaiser Wilhelm II. ließ die Gardinen zuziehen, wenn er durch Marburg fuhr

Es wird behauptet: Kaiser Wilhelm II. hat die Gardinen seiner Fenster in seinem Sonderzug zuziehen lassen, wenn er über die „Main-Weser-Bahn“ durch Marburg fuhr. Begründung: Er könne die Ansicht der mittelalterlichen Stadt nicht mehr genießen, weil die Bebauung der Biegenstraße mit dem berlinerischen Mietskasernenstil ihn so aufregte.

Zum einen müsste belegt werden, dass Kaiser Wilhelm II. vor Baubeginn des Straßenzug Biegenstraße durch Marburg mit königlich-preußischen Sonderzug gefahren ist und von der herrlichen Kulisse des mittelalterlichen Marburg – damals mit Sicherheit noch frei von der Bahnstrecke aus sichtbar – begeistert gewesen sein. Dass die am Berge liegende Stadt mit ihren hoch aufragenden alten Fachwerkbauten ansehnlich war, ist bekannt.

Doch ob es eine Durchfahrt des Kaisers etwa nach 1900 durch Marburg gegeben hat – bei seinen Fahrten nach Bad Nauheim – ist nicht belegt. Immerhin muss man wissen, dass damals schon die Durchfahrt einer Hoheit durch die Universitätsstadt, eventuell mit einer kurzen Rast im Hauptbahnhof, ein großes Ereignis für die Marburger war.

Belegt ist, dass beispielsweise für Fürst Bismarck, als dieser nach einem längeren Aufenthalt in seinem Kurort wieder auf Rückreise nach Berlin angesagt war, sich Marburg große Hoffnungen auf die Durchfahrt des Fürsten durch die Lahnstadt machte. Am Vorabend der Rückreise von Bismarck wurden am Hauptbahnhof die gewundenen Girlanden aufgehängt und Aufstellungen gemacht, wer wo zur Begrüßung stehen sollte.

Aber leider nahm Bismarck einen anderen Weg nach Berlin – und die Girlanden wurden sang- und klanglos wieder abgebaut. Für Kaiser Wilhelm II. ist Ähnliches nicht verzeichnet.
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3 Kommentare
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Volker Beilborn aus Marburg | 18.12.2015 | 17:01  
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Klaus Dieter Hotzenplotz aus Marburg | 18.12.2015 | 20:52  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 18.12.2015 | 21:32  
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