Die Anklage / Kurzgeschichte

Die zwei Stadtwachen, ihre Hellebarden geschultert, gingen durch die Gasse direkt auf das Gasthaus „Zum goldenen Hahn“ zu. Der Wirt, Hasso Brauschütz, stand vor der Tür. Er hatte die dunklen Wolken am Himmel betrachtet und sich über die dicht fallenden Schneeflocken gewundert. Der Winter hielt in diesem Jahr sehr früh seinen Einzug. Verwundert schaute der große, grauhaarige Mann nun die beiden Wachen an.
„Hallo, was wollt ihr beiden denn? Wollt ihr zu mir?
„Nein, Meister Brauschütz, wir wollen zu Eurer Tochter.“
„Zu Marie? Was wollt ihr denn von Marie? Hat sie was verbrochen?“ Er lachte. Doch sein Lachen klang unsicher.
„Wir müssen Marie mit auf die Stadtwache nehmen. Sie wird verdächtigt, eine Hexe zu sein.“
„Eine Hexe!“ Hasso Brauschütz wankten die Knie. Allein der Hexerei beschuldigt zu sein, war ja schon das Todesurteil! Er konnte es kaum glauben! Er würde seine Tochter verlieren. Was sollte er nur tun? Sie durfte nicht in die Hände der Häscher fallen!
„Seid so gut und wartet hier“, sagte er zu den beiden Stadtsoldaten. „Ich hole meine Tochter. Ich möchte es ihr selber sagen. Es wird einen Moment dauern.“
„Tut dies nur“, sagte der größere der Männer. „Ich denke, Ihr seid uns dafür demnächst einen freien Trunk schuldig.“
„Daran soll’s nicht liegen. Ihr werdet willkommen sein.“
Er drehte sich herum, öffnete die Gasthaustür und verschwand im Innern. Die Hitze, die ihm entgegen drang, verschlug ihm fast den Atem. Gesine, die Magd, hatte schon gut eingeheizt. Selten war es schon zu Beginn des Dezembers so kalt gewesen.
Marie seine Tochter stand an der Theke und spülte gerade einige Bierkrüge aus. Ihre blonden Haare waren zu einem Zopf geflochten.
„Marie! Schnell! Pack ein paar Sachen zusammen und verschwinde durch die Küche nach draußen. Vorne am Eingang stehen zwei Stadtwachen, die dich wegen Hexerei dingfest machen wollen. Lauf zu deiner Tante Gundula. Sie wird Rat wissen. Wir hören voneinander. Nur schnell!“
Das schlanke, junge Mädchen stand einen Moment wie erstarrt. Doch dann fasste sie sich, lief auf ihren Vater zu, umarmte ihn und verschwand in der Küche.
Der Wirt ging langsam zum Eingang der Gaststube und trat vor die Wachen.
„Je nun“, sagte er. „Meine Tochter ist nicht da. Ich vergaß. Sie wollte heute mit Gesine, der Küchenmagd, auf den Markt gehen. Dort wird sie sein.“
„Das wird Euch noch leidtun“, sagte der Sprecher der Stadtwachen, nickte seinem Kameraden zu, dann liefen beide die Gasse zurück in Richtung Markt.

Marie Brauschütz lief schnell die Gasse hinter dem Wirtshaus hinunter, bog dann die nächste Gasse nach links ab. Sie musste aufpassen, dass sie in dem frisch gefallenen Schnee nicht ausglitt. Ab hier lief sie nicht mehr, sondern ging gemäßigten Schritts. Es fiel ihr zwar schwer, doch wollte sie nicht auffallen. Es war noch recht früh, doch waren schon viele Bürger unterwegs.
„Der Hexerei verdächtigt!“, dachte sie mit Schrecken. Sie wusste, dass sie sich in Lebensgefahr befand. Bisher hatte noch jede Frau, die als Hexe angeklagt gewesen war, den Tod auf dem Scheiterhaufen gefunden. Wer konnte sie nur denunziert haben? Ihr fiel nur eine Person ein: Martha Geller, die Nachbarsfrau. Dieses ewig zänkische Weib hatte Marie schon des Öfteren als „Metze“, die ihre Finger nicht von den Männern anderer Frauen lassen könne, beschimpft. Eine haltlose, lügnerische Behauptung. Und das nur, weil ihr Ehemann Hugo Geller hinter jedem Weiberrock her war und gerade in letzter Zeit Marie oft in der Wirtsstube bedrängt hatte.
Marie war zu jedem Wirtshausgast freundlich, das gehörte sich für sie als Wirtstochter. Doch Hugo Geller hatte sie klar in seine Schranken weisen müssen. Dies schien ihn aber noch anzustacheln. Ihr Vater hatte ihn deshalb vor Kurzem des Wirtshauses verwiesen.
Dies hatte sich in der Stadt natürlich herumgesprochen. Die Gellertsche hatte sicher Zeter und Mordio geschrien, als ihr das zu Ohren gekommen war. Und dass es ihr zu Ohren gekommen war, war gewiss. Hatte sie doch erst gestern Maries Vater wegen dieser Vorkommnisse beschimpft.
Sie hatte das Haus ihrer Tante erreicht. Sie war mit einem reichen Tuchhändler verheiratet, ihren Wohlstand verriet das zweistöckige Wohnhaus, das sich am Ende der Tuchhändlergasse befand. Marie betätigte den Türklopfer, wenige Sekunden später wurde ihr geöffnet. Eine Magd stand vor ihr und bedeutete ihr gleich weiter in das Wohnzimmer der Herrin zu treten. Dies war schon mit frischen Tannenzweigen geschmückt. Ihre Tante verzierte ihr Haus in der Vorweihnachtszeit immer mit diesem Schmuck.
Marie trat in das Zimmer und setzte sich unaufgefordert ihrer Tante gegenüber an den Tisch. Die schlanke Frau mit den langen, schwarzen Haaren nahm gerade ihr Frühstück ein.
„Marie! Wie siehst du denn aus! Ganz aufgelöst. Komm erst mal zu Atem und berichte, was geschehen ist. Denn es ist doch was geschehen?“
„Ja, Tante. Stell dir vor: Vorhin waren zwei Stadtwachen bei uns, um mich wegen des Verdachts der Hexerei festzunehmen. Vater hat mich zu dir geschickt, du würdest sicher wissen, was zu tun ist.“
Gundula Schweiger fuhr erschrocken mit beiden Händen zum Mund. „Oh Gott! Mein Kind. Eine Anklage wegen Hexerei! Da musst du als Erstes von hier fort ... Mein Mann hat in Waldeshausen, das ist ungefähr zehn Meilen von hier, einen befreundeten Geschäftspartner. Bei dem kannst du sicher für einige Zeit unterkommen. Wir müssen nur eine gute Geschichte erfinden, warum du dich verstecken musst. Über die Anklage der Hexerei darf er nichts erfahren. Er würde dich sonst ausliefern. Du weißt, dass Leuten die Hexen und Zauberern Unterschlupf gewähren die Todesstrafe droht. Doch lass mich erst nach deinem Onkel sehen. Ich will ihn informieren, er muss dich nach Waldeshausen bringen.“
Sie suchte ihren Mann auf, der über diese Neuigkeiten natürlich entsetzt war, sich jedoch sofort bereit erklärte Marie zu begleiten. Auch ihm kam nicht einmal der Gedanke, dass an dem Vorwurf der Hexerei irgendetwas wahr sein könnte. Er kannte, wie seine Frau, seine Nichte viel zu gut. Diese Anschuldigung war einfach aus der Luft gegriffen.

Gero Schafbach, der Sohn des Bürgermeisters betrat das Speisezimmer, in dem seine Mutter und sein Vater schon Platz genommen hatten, um das Mittagsmahl einzunehmen. Er schüttelte den Schnee von seinem Mantel ab. Seine Mutter schaute ihn vorwurfsvoll an, sagte aber nichts. Martha, die Köchin, hatte schon den Kapaun aufgetragen, den es heute zu Mittag geben würde. Gero war eine imposante Erscheinung. Er war groß, athletisch gebaut, hatte aschblondes Haar und dunkelblaue Augen.
Sein Vater, Kuno Schafbach, schaute ihn mit seinen listigen Schweinsäuglein an. Er war das Gegenteil von seinem Sohn. Er war mittelgroß und dick.
„Nimm Platz, mein Sohn. Es ist schon angerichtet. Du hast dich etwas verspätet. Mit Grund?“
„Nein, Vater, ich habe nur das Mittagsläuten überhört. Ich war auf dem Markt und habe mir die verschiedenen Auslagen angeschaut. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir.“
„Aber ja. Hauptsache ist, du hast deine Amtsgeschäfte, die ich dir heute Morgen übertragen hatte, erledigt.“
„Das habe ich, werter Vater. Die Urkunden sind alle ordnungsgemäß versiegelt.“
Gero arbeitete seit Kurzem im Rathaus, er war der richtige Mann dafür. Er hatte Jurisprudenz studiert, sein Vater hatte ihn aber gebeten, ihm in seinem Amt zu helfen. Der junge Mann hatte nichts dagegen gehabt, er hatte nicht die Ambitionen sich seinen Lebensunterhalt als Advokat zu verdienen. Er gefiel sich in der Rolle, die er jetzt innehatte. Man respektierte ihn in der Stadt, aber nicht weil er der Sohn des Bürgermeisters war, sondern weil, seit seinem Amtseintritt im Rathaus die Amtsgeschäfte florierten. Dies hatte sich in der Stadt schnell herumgesprochen. „
Ist dir denn auf dem Markt irgendetwas von dem zu Ohren gekommen, was heute in den Amtsgeschäften passiert ist?“
„Nein, ich habe nichts Neues vernommen. Was ist denn geschehen?“
„So - dann hat es sich noch nicht herumgesprochen. Es ist eine Anzeige gegen Marie Brauschütz vorgetragen worden. Sie wird der Hexerei verdächtigt.“
„Hexerei! Marie! Was für ein Unsinn!“
Gero war aufgesprungen. Er schaut seinen Vater entsetzt an.
„Beruhige dich. Setz dich wieder. Was erregst du dich so?“ Der Bürgermeister sah seinen Sohn verwundert an.
Gero nahm wieder Platz. Es war besser Ruhe zu bewahren und zu hören, was eigentlich passiert war. Marie, die nette, liebreizende Wirtstochter der Hexerei verdächtigt! Das war doch Humbug. Er hatte sie im Wirtshaus ihres Vaters kennengelernt. Er hatte sie schnell in sein Herz geschlossen und auch sie hatte Gefallen an ihm gefunden. Sie hatten sich schon des Öfteren heimlich getroffen und es stand fest, dass er sie zur Frau nehmen wollte. Wenigstens für ihn stand das fest. Seine Eltern wussten noch nichts davon.
„Erzählt Vater. Was ist denn genau passiert?“
„Ja, wie gesagt. Die Brauschütz ist der Hexerei verdächtigt. Ihre Nachbarin, Martha Geller, hat dies zur Anzeige gebracht. Die Brauschütz habe ihren Mann mit einem Liebeszauber belegt, seitdem würde er der Brauschütz nachsteigen und hätte keinen Gedanken mehr für etwas anderes. Auch könne er seitdem seinen ehelichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Ihr Mann bestätigt dies. Die Wirtstochter habe ihn eines Abends zur Seite genommen und habe ihn besprochen. Seitdem könne er nicht mehr von ihr lassen und könne seiner Frau nachts nicht mehr beiliegen. Da man dieser Sache nachgehen muss, habe ich heute Morgen zwei Stadtwachen zum Wirtshaus geschickt, um Marie Brauschütz festnehmen zu lassen. Sie hat sich der Festnahme entzogen, was schon fast einem Geständnis entspricht.“
„Aber Vater! Das ist doch Unsinn. Um solch einer Anklage zu entkommen, bleibt einem doch nur die Flucht. Ihr wisst selbst, dass unter der Folter noch jeder gestanden hat. Und die „Peinliche Befragung“ steht jeder Frau, die der Hexerei verdächtigt wird, bevor. Sich der Jurisdiktion zu entziehen, war das einzig Richtige.“
„Mein Sohn! Ich bitte dich! Lass dies niemand hören. Du könntest in Teufels Küche kommen. Lassen wir das jetzt. Sag‘ mir lieber was wir deinem Oheim zu seinem kommenden Wiegenfest schenken können.“

Benno Schweiger, Maries Onkel, war auf dem Rückweg nach Hause. Er hatte seine Nichte in der Obhut seines Geschäftsfreundes Bertram Wollweber gelassen. Er hatte seinem Handelspartner erklärt, dass sich seine Nichte vor Junker Baldur zu Deckenbach verstecken müsste. Der habe Marie im Gasthof gesehen und würde ihr seid dieser Zeit nachstellen. Da er, wie wohl alle Edelleute, mit einem einfachen Mädchen aus dem Volk nur sein Vergnügen haben wolle und sie in Schande und Elend zurücklassen würde, sei es das Beste, Marie seinem Zugriff zu entziehen.
Marie solle so lange versteckt bleiben, bis der Junker das Interesse an ihr verloren habe und seine „Gunst“ einem anderen armen Mädchen schenken würde.
Bertram Wollweber, der solche Geschichten kannte, war sofort bereit den Wunsch seines Geschäftsfreundes zu erfüllen. So war Marie als Erstes in Sicherheit. Trotzdem machte sich Maries Oheim Sorge wegen der weiteren Entwicklung. Er hatte keine Vorstellung, wie man Marie weiterhin helfen konnte. Eigentlich konnte nur ein Wunder helfen.
Er schnalzte mit der Zunge, ließ die Zügel locker, das Kutschpferd, aus dessen Nüstern der Atem wie Nebel stob, zog den Wagen schneller vorwärts. Bertram zog seinen Mantelkragen hoch. So sehr er den Anblick von Schnee liebte, auf die Kälte konnte er wohl verzichten. Er würde aber bald die Stadt erreicht haben und seinem Schwager berichten können, dass Marie wohlbehalten in ihrer Zuflucht angekommen sei.

Gero saß mit seinem Freund Ludwig, den er von Kindesbeinen an kannte, im Gasthof „Zum goldenen Hahn“. Die Bierkrüge vor sich auf dem Tisch schauten sie dem geschäftigen Treiben im Schankraum zu. Ludwig war mittelgroß und korpulent. Seine braunen Augen hatte er auf seinen Freund gerichtet. Es war noch früh am Abend, doch war die Gaststube gut besucht.
„Warum hast du mich nun hierher geschleppt? Nun erzähl‘ doch endlich.“ Ludwig Ganswirt stieß seinen langjährigen Freund mit dem Arm an. „Du weißt genau, dass ich Wirtstuben nicht liebe. Ich bin nur auf dein Drängen und Bitten mitgekommen.“
„Dann gib Acht! Ich brauche dich als etwaigen Zeugen in einer wirklich heiklen Sache. Wie du weißt, ist Marie, die Wirtstochter, der Hexerei angeklagt. Das ist natürlich himmelschreiender Unsinn.
Einer der Verleumder, Hugo Geller, verkehrt hier im Wirtshaus. Ich hoffe, er wird noch erscheinen. Ich möchte ihn betrunken machen und versuchen aus ihm herauszubekommen, was ihn und seine Frau veranlasst hat, solch eine Anschuldigung gegen Marie vorzubringen.“
Ludwig schaute seinen Freund erschrocken an. „Um des Herrgotts Segen! In was willst du mich denn da hineinziehen. Hexerei! Da möchte ich nichts mit zu tun haben!“
„Siehst du! Genau aus dem Grund habe ich dir bisher nicht gesagt, was ich von dir wünsche. Nun stell dich aber mal nicht so an! Du sollst nicht mehr tun, als zuhören und das Gehörte später bezeugen. Das ist alles. Ich dachte, ich bin dein Freund.“
„Das schon. Aber so was …“ Ludwig rang hilflos seine Hände ineinander.
Gero fasste Ludwigs Arm, drückte ihn leicht und sagte: „Es ist doch einfach deswegen, weil es um Marie geht. Ich liebe sie. Ich habe mich ihr heimlich versprochen. Sie soll die Mutter meiner Kinder werden. Ludwig!“ Seine Stimme nahm einen eindringlichen Klang an.
Mit einem Aufseufzen schaute Ludwig an die Zimmerdecke. „Nun denn. In Gottes Namen. Weil du mein Freund bist.“
Gero atmete auf. „Ich danke dir, Ludwig. Doch sieh! Da ist Geller.“
Die Wirtshaustür hatte sich geöffnet und ein schmaler, dunkelhäutiger Mann betrat die Wirtsstube. Ein dunkler Bartschatten umrahmte sein Gesicht. Er hatte eine gebückte Haltung, die ihm etwas Unterwürfiges verlieh.
Gero winkte ihm zu. „Hallo Meister Geller! Setzt Euch zu uns. An unserem Tisch ist noch ein Platz frei.“
Geller schaute erstaunt auf und kam an ihren Tisch. Er wankte leicht, seine Augen wirkten trüb.
„Ah! Der Sohn des Bürgermeisters. Wie kommt’s, dass ich an Euren Tisch soll?“ Geller schaute misstrauisch, die Worte kamen ihm schwer über die Zunge. Er war betrunken.
„Sehr gut“, dachte Gero. Das würde die Sache beschleunigen, er brauchte dem Mann nicht erst die Zunge durch Alkohol lockerzumachen.
„Je nun“, sagte er und machte eine einladende Geste zum Tisch hin. „In dieser Stadt geschieht so wenig, dass man sich freut, wenn man jemanden begegnet, der etwas zu berichten hat.“
„Zu berichten? Was sollt’ ich zu berichten haben?“
„Habt Ihr denn nicht eine Hexe entlarvt? Marie, die Tochter dieses Wirtshauses … man erzählt davon. Ihr seid mutig Euch hier blicken zu lassen.“
„Da braucht’s keinen Mut. Was soll Brauschütz denn tun? Mich hinauswerfen? Er würde sich damit nur selber ins Gerede bringen. Er kann froh sein, dass man ihn wegen der Flucht seiner Tochter nicht einsperrt.“
„Da habt Ihr wohl Recht“, bestätigte Gero den Tagelöhner. „Wollt Ihr ein Bier? Ich lade Euch ein. Und dann erzählt.“
„Gern. Vielen Dank.“ Ein verschmitztes Grinsen erschien auf dem Gesicht des Mannes. Seine mausgrauen Augen leuchteten.
Gesine, die Küchenmagd, die in der Gaststube aushelfen musste, brachte das bestellte Bier und stellte es mit lautem Krachen auf den Tisch. Ohne die drei Männer eines Blickes zu würdigen, ging sie, um sich um andere Gäste zu kümmern.
Hugo Geller nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier, kniff seine Augenlider zusammen und begann zu erzählen.
„Es gibt nicht viel zu sagen. Ich besuche dieses Wirtshaus, seit ich denken kann. Marie, die Wirtstochter hat mir schon immer gefallen. Seitdem ich sie das erste Mal gesehen habe. Sie wollte aber nichts mit mir zu tun haben. Ich habe aber trotzdem nicht von ihr lassen können. Das konnte natürlich nicht mit rechten Dingen zugehen. Ich bin ein verheirateter Mann. Wenn ich einer anderen Frau verfallen bin, kann dies nur durch Zauberei geschehen sein. Meine Frau sagte dies auch, nachdem sie durch Gerüchte davon hörte, dass ich Marie nachstellen würde. Sie hat natürlich erst Krach geschlagen, war aber sehr schnell davon überzeugt, dass nur Hexerei im Spiel sein kann.
Damit ich keinen Ärger mit ihr bekam, habe ich ihr erzählt, dass Marie mich eines Abends mit einem Zauberspruch belegt habe. Sie hat es geschluckt und ich hatte meine Ruhe.“ Er lachte trunken.
Gero sagte nichts dazu, obwohl er an sich halten musste, dem Betrunkenen nicht sein Entsetzen und seine Wut entgegenzuschleudern. Er ließ ihn weiterreden.
Geller nahm erneut einen Schluck von seinem Bier und fuhr fort: „Meine Frau ist dann am nächsten Tag zum Rathaus gegangen und hat Marie der Hexerei angezeigt. Und das zu Recht.
Tja, das war eigentlich schon alles. Habt ihr noch genug in Eurer Geldkatze? Ich habe noch Durst.“
Gero sprang erbost auf. Wütend sagte er: „Ich werde für Euch nicht einen Heller mehr ausgeben. Entsetzlich, was ihr in Eurer Dummheit und Bosheit angerichtet habt. Ihr kommt jetzt mit uns. Wir bringen Euch zum Hauptmann der Stadtwachen. Ihr könnt die Nacht unter Arrest verbringen. Morgen werdet Ihr, dass, was Ihr eben preisgegeben habt, unserem Grundherrn mitteilen. Ihr wisst: Dienstag ist Gerichtstag. Er wird entscheiden, wie mit Euch wegen dieser fahrlässigen Denunziation zu verfahren ist.
Seid froh, dass ich Euch nicht dem Kirchenvogt zustelle, der ja für Anklagen bei Hexerei zuständig ist, obwohl ich dies gerne tun würde.“
Gero und Ludwig packten Gellert links und rechts an den Armen und führten ihn davon. Der Tagelöhner ließ dies, betrunken und verwirrt, ohne Gegenwehr mit sich geschehen.

Am nächsten Tag fand sich Ritter Baldur zu Deckenbach im Gerichtssaal des Rathauses ein. Der Ritter war als Grundherr für die Gerichtsbarkeit seiner Region berechtigt.
Er war ein großer, wohlgenährter Mann mit dunklem Vollbart. Er trug nach höfischer Art Wams, enge, purpurfarbene Hosen aus Tuch. Auf seinem Kopf ein blaues Barett mit einer Feder.
Er saß in der Mitte eines großen eichenen Tisches, rechts von ihm Bürgermeister Kuno Schafbach, links Gero in seiner Funktion als Gerichtsschreiber. Es waren schon einige Delinquenten abgeurteilt worden. Der Ritter war als Grundherr zuständig für Eigentumsstreitereien, Schlägereien, Beschimpfungen und ähnliche Vergehen, die der niederen Gerichtsbarkeit unterstanden. Für schwerere Verbrechen wie Mord oder Hexerei war der Kirchenvogt zuständig. Ihm hätte man, wenn man sie gefasst hätte, Marie übergeben. Gero schluckte. Er durfte gar nicht daran denken.
Die dem Tisch gegenüberliegende Tür öffnete sich und zwei Stadtwachen führten Hugo Geller in den Gerichtssaal. Er hatte blutunterlaufene Augen, seine Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht. Er setzte sich auf den für die Angeklagten bereitgestellten Hocker, die Stadtwachen blieben neben ihm stehen. Sie kreuzten ihre Hellebarden über Gellerts Kopf.
„Wessen ist dieser Mann angeklagt und wer ist der Kläger?“ Die kräftige Stimme Ritter Kunos hallte durch den Saal.
Gero sprang von seinem Stuhl auf. „Ich bin der Kläger und ich klage diesen Mann der üblen Nachrede an.“
„Eine Anklage wegen übler Nachrede. Das wird schnell erledigt sein. Was habt Ihr vorzubringen, Gero Schafbach?“ Baldur zu Deckenbach schaute Gero erwartungsvoll an.
„Dieser Mann und seine Frau haben Marie Brauschütz, Tochter des Wirts „Zum goldenen Hahn“, der Hexerei denunziert, ohne jedoch irgendeinen Beweis zu haben. Alles, was sie vorgebracht haben, ist völlig haltlos und aus der Luft gegriffen. Mein Vater hat Marie Brauschütz von Amts wegen vorführen lassen wollen. Wie Ihr wisst, Ritter Kuno, ist er bei einer Denunziation wegen Hexerei, gesetzlich dazu verpflichtet.
Marie Deckenbach ist wohl aus Angst vor der „Peinlichen Befragung“, die unweigerlich auf sie zugekommen wäre, geflohen und hat sich dem Gesetz entzogen. Dies wird ihr natürlich nun als Schuldgeständnis ausgelegt. Hugo Geller hat mir jedoch, ohne es zu wollen, die ganze infame Angelegenheit letztens im Wirtshaus erzählt. Es gibt auch einen Zeugen dazu.“
Und Gero berichtete wie Ludwig und er herausbekommen hatten, wie es zu dieser ominösen Anklage gekommen war.
Als er geendet hatte, legte Kuno zu Deckenbach für einen kurzen Moment seine Stirn in Falten, dann donnerte er Hugo Geller an: „Nun! Was sagst du dazu! Aber sag‘ nur die Wahrheit, sonst sollst du mich kennenlernen.“
Geller schrumpfte ein Stück zusammen, er zog den Kopf zwischen die Schultern.
„Euer Hochwohlgeboren. Was soll ich nur sagen … Ihr müsst verstehen … meine Frau … ich … äh …“ Er schwieg.
„Ja, potztausend! Raus mit der Sprache! Oder soll ich dir etwa Daumenschrauben anlegen lassen?“ Kuno zu Deckenbach schoss die Zornesröte ins Gesicht.
Geller brach zusammen. „Ja, ich gestehe es. Meine Frau und ich haben uns die ganze Geschichte nur ausgedacht. Meine Frau, um einen Grund vor den Leuten zu haben, wieso ich der Brauschütz nachstelle. Mein Grund der, damit ich eine Entschuldigung vor meiner Frau habe. Ich bin leider auf dieses Spiel meiner Frau eingegangen. Es tut mir leid.“
„Es tut dir leid! Du bringst eine unbescholtene Bürgerstochter ins Elend, in den fast sicheren Tod und alles was dir einfällt, ist, dass es dir leidtut? Es wird dir noch leidtun! Dafür werde ich sorgen.“ Und zu den Stadtwachen gewandt, sagte Kuno zu Deckenbach: „Führt ihn ins Verlies und kerkert auch seine Frau ein. Ihre Strafen werde ich noch festlegen.“
Er schaute Gero und seinen Vater an. „Das wäre damit erledigt. Lasst diesen elenden Wicht und seine Frau eine Nacht im Kerker schmoren, dann lasst beide laufen. Das wird Strafe genug sein. Sie werden niemanden mehr denunzieren. Und lasst überall in der Stadt und Umgegend verkünden, dass Marie Brauschütz keine Hexe ist, dass sie nur aus Neid und Missgunst angeklagt worden ist. Es wird ihr schon von irgendjemand zugetragen werden, egal wo sie jetzt auch ist. Sie wird den Weg nach Hause finden.“
Gero atmete auf. Die Gefahr den grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen zu finden war von Marie abgewandt. Alles, was jetzt noch zu bewerkstelligen war seinem Vater mitzuteilen, dass er Marie heiraten wolle. Doch erschien ihm dies jetzt als ein sehr kleines Problem. Beim Festtag zu Christi Geburt würde er mit ihm darüber reden. An diesem Tag war sein Vater milder und gnädiger gestimmt als an anderen Tagen.
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2 Kommentare
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Gabriele Schulz aus Laatzen | 26.12.2014 | 22:52  
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Rainer Güllich aus Marburg | 27.12.2014 | 17:40  
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