125 Jahre Kaiser-Wilhelm-Turm auf Spiegelslust – Erinnerungen Teil 2: Der missratene „Siegesthurm“

Fotografie des fast fertig gestellten "Siegesturms" auf Spiegelslust
 
Los der "Thurmbau-Lotterie"
 
Karikatur mit Professor Melde (mit Hut und Regenschirm) auf den Steintrümmern des zusammengefallenen Turms
Marburg: Kaiser-Wilhelm-Turm | Der von Köhler angelegte und von Spiegel später betreute Aussichtsplatz auf dem Ordenberg in Marburg war ein beliebtes sonntägliches Ausflugsziel der gesamten Bürgerschaft der Stadt geworden. Von zahlreichen Besuchern wurde bald der Wunsch laut, an dieser Stelle einen Aussichtsturm zu errichten, verbunden mit einer Wirtschaft.

Bereits 1868 nahmen Mitglieder des Marburger Verschönerungsvereins diese Idee auf und es kam zu Planungsarbeiten. Konkret wurde es im Jahre 1872, als für das Anliegen ein eigener Verein gegründet wurde. Honorige Bürger der Stadt, darunter viele Mitglieder des Verschönerungsvereins, schlossen sich im „Verein zum Bau eines Thurmes auf Spiegelslust“ zusammen.

Physikprofessor Melde wird Vorsitzender des Turmbau-Comités

Vorsitzender des Thurmbau-Comités wurde der stadtbekannte Physikprofessor Dr. Franz Melde. Melde, der immer mit Hut und Schirm durch Marburgs enge Straßen sich bewegte, galt als Original. Eine seiner Marotten war, dass dieser seine Vorlesungen jeweils morgens von acht bis neun Uhr ansetzte. Einer seiner Schüler, der spätere Atomforscher Otto Hahn, berichtete später, dass er – wie die meisten anderen Studenten – Meldes Vorlesungen nur selten besucht und dies später bedauert hätte.

In der damals herrschenden patriotischen Hochstimmung nach dem siegreich gestalteten Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Neugründung eines Deutschen Kaiserreichs wurde als Name für den Aussichtsturm auf Spiegelslust die Bezeichnung „Siegesthurm“ bestimmt. Angebracht werden sollte eine Erinnerungstafel – wie an vielen anderen Städten des Reiches, in denen aus gleichem Anliegen „Siegesthürme“ erstellt wurden. In Marburg waren 13 Kriegsteilnehmer bei den Schlachten um Sedan und Wörth ums Leben gekommen.

Alsbald begann der Turmbauverein, Sammlungen für den Bau des Siegesthurmes zu veranstalten. In einem Appell an die Marburger Bevölkerung wurde aufgerufen, zur Errichtung des Siegesthurmes auf Spiegelslust nach Kräften beizutragen.

1874 hatte man sich nach mehreren Vorschlägen und Ausarbeitungen dafür entschieden, einen aus Bruchsteinen gemauerten und oben durch eine Plattform mit Zinnen abgeschlossenen Turm bauen zu lassen. Nach längeren Diskussionen entschied sich das Turmbaukomitee im März für den endgültigen Standort, den schon Freiherr von Spiegel vorgeschlagen hatte.

Welche Bedeutung der Turm für die Bevölkerung von Marburg hatte, kann man daran ersehen, dass später mehrere Straßenzüge im Südviertel in ihrem Verlauf auf die Sichtlinie zum Kaiser-Wilhelm-Turm angelegt wurden. Sogar die bereits beschlossene Linienführung der Wilhelmstraße wurde daraufhin in der Form geändert, dass eine Sichtlinie zum Aussichtsturm auf Spiegelslust entstand

Der berühmte Neugotiker Carl Schäfer wird Bauplaner

Mit den Bauarbeiten am Turm begann man am 3. Juli 1874, obwohl noch nicht alle veranschlagten Kosten durch die Geldgeber abgedeckt waren. Für die Planungen konnten der Neugotiker Carl Schäfer gewonnen werden. Er war – so würde man es heute formulieren – Marburgs Stararchitekt. Schäfer war sehr aktiv. Er war Planer der Neuen Universität am Plan (heute: Alte Universität), vieler Marburger Bürgerhäuser und auch der Schlossanlage in Rauisch-Holzhausen. Der Turmbau sollte auch ein Prestigeobjekt für Schäfer werden, so dachte man.

Der Turm sollte 100 Fuß (31,4 m) hoch errichtet werden. Parallel zum Baufortschritt wurden weitere Spenden gesammelt. Eine Übersicht vom 18. Oktober 1874 enthält bereits die Namen von weit über hundert Spendern und eine Spendensumme vom 2.130 Mark.
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Im März 1875 hatte der Turm bereits eine Höhe von 60 Fuß (18,84 m) erreicht. Allerdings waren die Kosten mit etwa 30.000 Mark auf das Doppelte des vorher veranschlagten Betrages gestiegen. Aber auch die Spenden waren zahlreich eingegangen. Um mit weiteren Spenden auf die veranschlagten Kosten zu kommen, wurden mehrere Aktivitäten begonnen. So wurde eine Turmbau-Lotterie gegründet. Zu dieser Lotterie stellte der inzwischen über 70 Jahre alte Freiherr von Spiegel ein Gemälde zur Verfügung, dessen Wert auf fast 1.000 Mark geschätzt worden war.

Das Einsammeln weiterer Spendengelder ebenso wie der Verkauf der Lotterielose verliefen erfolgreich. Im Juli 1875 wurde vermeldet, dass allenthalben man mit der Fertigstellung noch im gleichen Jahr zu rechnen sei. Am Turm wurde bereits eine erreichte Höhe von 92 Fuß (28,89 m) gemessen. Doch Schwierigkeiten an der Errichtung des Turmabschlusses führten dazu, dass die Bauarbeiten vor dem Winter abgebrochen werden mussten. So wurden der Abschluss der Bauarbeiten und die geplante Einweihungsfeier auf den Herbst des folgenden Jahres angesetzt.

Doch es kam anders.

Der fast fertige Turm stürzte in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1876 während eines Orkans bis auf einen Sockel in sich zusammen. Am 12. März, einem Sonntag, hatte gegen acht Uhr abends ein gewaltiger Sturm eingesetzt, der sich bald zu einem Orkan steigerte und die ganze Nacht hindurch tobte. Der Sturm muss fürchterlich gewesen sein. Die Zeitungen berichteten ausführlich. Die erste Meldung des Marburger Tageblattes lautete:

„Gestern Abend von 7 bis 12 Uhr wüthete hier ein orkanartiger Sturm. … Die schwerste Schädigung hat unsere Stadt dadurch betroffen, dass der seit 2 Jahren im Bau begriffenen fast vollendete Sieges- und Aussichtsthurm auf Spiegelslust zusammengebrochen ist. Nach der Form des mächtigen Steinhaufens zu schließen, scheint der Thurm nicht sowohl umgeworfen, als vielmehr in sich zusammengesunken sein.“

In den deutschen Zeitungen wurde von einem Sturm mit selten gekannter Wucht berichtet „wie man ihn im gesamten Jahrhundert noch nicht gesehen hatte“. Der Barometer sei mit „4 Strich unter Sturm“ ganz tief gefallen gewesen. „Von allen Seiten laufen Nachrichten über die Verwüstungen ein, welche der gestrige Orkan in Wäldern, an Bäumen und Gebäuden verübt hat.“

In allen Teilen der preußischen Provinz gab es große Schäden, in Kassel, Hanau, Frankenberg waren Straßen unpassierbar, der Eisenbahnverkehr gestört und Telegraphenverbindungen unterbrochen gewesen. Die Schäden und die Aufregung waren groß. Nicht nur von den großen Verwüstungen wurde berichtet, sondern dass vielfach auch heftige Erdstöße vermeldet wurden, begleitet von rollenden donnerähnlichen Geräuschen.

Aus Marburg wurde aufgeführt, dass der Orkan auf Friedhöfen Grabmonumente zerstört, Fensterscheiben zerbrochen und Schornsteine umgestürzt hatte. Tausende von Bäumen seien entwurzelt worden, so seien „in der Ockershäuser- und der Schwanhof-Allee eine Menge kräftiger Bäume mit den Wurzeln aus der Erde gerissen worden“. Angefügt wurde noch, dass ebenfalls das Monument auf der Augustenruhe vom Sturm umgeworfen worden und vom Pavillon an der Weintrautseiche die Bedachung abgerissen sei.

Noch Jahrzehnte später wurde von dem Sturm berichtet. Die Bürger, die auf den Straßenunterwegs gewesen seien, hätten sich mit Holzkübeln über dem Kopf vor umher fliegenden Dachziegeln schützen müssen. Eine Vielzahl von Dächern sei abgedeckt worden.

Der Turmbau auf Spiegelslust war gescheitert

Das furchtbare und wohl kaum in solcher Stärke wieder aufgetretene Naturereignis des Jahres 1876 hatte mit seinen Folgen alle Menschen stark getroffen. In Marburg war der fast vollendete Turmbau auf Spiegelslust kläglich gescheitert. Einige forderten tapfer einen sofortigen Wiederaufbau des Turmes. Doch das zahlreich gespendete Geld war bis auf eine geringe Summe verloren.

Wenn der Orkan auch noch so starke Verwüstungen angerichtet hatte, dass ein massiv aus Stein gebauter Turm so einfach umgefallen war, ohne dass Nachlässigkeiten am Bau dies begünstigt hätten, wollten so recht kaum einer glauben. In den folgenden Jahren mussten sich der Erbauer Carl Schäfer und der Bauunternehmer Gutmann der Anklage wegen „Zuwiderhandlung gegen die anerkannten Regeln der Baukunst bei Errichtung des Aussichtsturmes auf Spiegelslust“ stellen. Dabei war mangelhafte Statik des Turmes einer der Vorwürfe. Schäfer hatte sich offenbar mit der Vielzahl angenommener Bauaufträge übernommen.

Es gab mehrere Verhandlungen vor dem Strafgericht beim Königlichen Kreisgericht in Marburg. Die Angeklagten stellten jedes derartige Verschulden in Abrede. Erstaunlich war, dass mit Urteilsverkündung des Strafgerichts am 20. Juli 1877 Schäfer eine Strafe von 100 Mark erhielt. Bei Gutmann war der Strafrichter bei 150 Mark geblieben. Ersatzweise war für beide ein Tag Haft pro 10 Mark Strafe festgesetzt worden.

Für den weiteren Berufsweg zeitigte das Strafurteil für Carl Schäfer keine bleibenden negativen Auswirkungen. Nach einer Tätigkeit im preußischen Staatsministerium in Berlin endete seine Karriere an der Technischen Hochschule in Karlruhe. Er gilt bis heute als einer der renommiertesten Neugotiker des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich.

Für die Marburger Bürger blieb nach dem Einsturz des Turmes und mit dem verlorenen Geld nur Frust übrig. Es sollte zehn Jahre dauern, bis erneut eine Initiative zur Errichtung des gewünschten Aussichtsturmes auf Spiegelslust sich bilden konnte.

Eine Anekdote sei noch angefügt. Hermann Bauer hat sie im Merian-Heft „Marburg“ (1955) wiedergegeben:

Während jenes Unwetters soll der Erbauer des Turms, Carl Schäfer, – was bei den Akademikern der damaligen Zeit nicht unüblich war - weinselig die Nacht im Kaffee Markees verbracht haben. Als er am anderen Morgen dort auf der Terrasse kurz erwachte, schaute er mit verglasten Augen hinüber nach Spiegelslust. Da fällt ihm auf, dass der Turm nicht mehr zu erblicken war. Ungläubig und an seinem Geisteszustand zweifeld ruft er nach dem Kellner und fragt ihn, ob dieser den Turm auf Spiegelslust noch sehe. "Nee", antwortete dieser. Daraufhin sagte der Baumeister des Turms erleichtert zum Kellner: „Dann ist`s gut“. Befriedigt darüber, dass er seiner Sinne noch mächtig war, legte sich der Meister der Baukunst wieder nieder, um seinen Weinrausch auszuschlafen.
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