Die Höhlenwohungen von Langenstein am Harz - Ein Muss nicht nur für Hobbit-Fans

Höhlenwohnungen in Deutschland - wer hätte das gedacht.
 
Wir starten unsere Wanderung an der Burgruine Regenstein bei Blankenburg. Einst sollen darauf auf hohem Fels auch Raubritter gehaust haben.
 
Darunter im Kiefernwald liegt die Regensteinmühle. Von ca. 1150 bis zum Jahr 1450 war sie in Betrieb. Die rekonstruierten Räder haben einen Durchmesser von etwa fünf Metern. Darüber befinden sich im Fels zwei 20 Meter lange Wasserstollen.
Langenstein: Höhlenwohnungen | Wer Hobbit-Fan ist und das Auenland liebt, der muss nicht unbedingt um die halbe Erdkugel herum bis nach Neuseeland reisen. An der Nordseite des Harzes, etwa in der Mitte zwischen Blankenburg und Halberstadt, liegt am Hoppelberg und unter den Ruinen der Altenburg der kleine und beschauliche Ort Langenstein. Mit in den letzten Jahren schön herausgeputzten Fachwerkhäuserzeilen und einem Schlösschen mit großer Parkanlage, wirkt der Ort idyllisch und irgendwie wie aus der Zeit gefallen. Und das steht ihm äußerst gut zu Gesicht.

Der gesamte Landstrich des Harzvorlandes dieser Gegend wird von Kiefernwäldern, weißen Sandboden und markanten Sandsteinfelsen geprägt. Da gibt es die Teufelsmauer, die Burgruine Regenstein, die weißen Sandhöhlen im Wald darunter und andere eindrucksvolle und felsige Gebilde. Dazwischen liebliche Feld- und Wiesenlandschaften mit langen Obstbaumalleen. Einfach eine Wohlfühlgegend, in der man, noch unter den Höhen des Harzes, wunderbar Wandern und Radfahren kann.
Und wenn man nun Langenstein erreicht hat und den Ort betritt, fühlt man sich sogleich in eine grimmsche Märchenwelt versetzt. Die schmale Straße führt durch eine kleine Schlucht mit senkrechten Felswänden, die vor langer Zeit als Durchlass in den weichen Sandstein getrieben wurde und dieser gerade so viel Platz lässt, dass ein Auto hindurchpasst. Nach deren Passieren sieht man nach links über dem Goldbach, der vom Brockenstedter Mühlenteich her kommt, ein kleines Fenster mitten im Fels. Und man wundert sich darüber, denn wo ein Fenster ist, da muss auch ein Raum dahinter verborgen sein. Doch es soll noch viel besser kommen.
Nach rechts liegt ein großer Fischteich, der vom Goldbach gespeist wird. Und geradeaus blickt man auf die Felsen des Sandsteinberges am "langen Stein“, zu dessen Höhe sich ein steinerner Hohlweg mit den Höhlenkellern der Altenburg hinaufzieht.

Wir wollen uns nun aber zunächst der Hauptsehenswürdigkeit des Ortes widmen, die uns irgendwie, wenn auch in anderem Stil und anderer Umgebung, an das Auenland denken lässt. Und sie ist nicht weniger märchenhaft, und auch die Hobbits würden sich darin wohlfühlen, denn ursprünglich haben sie in ähnlichen Behausungen gelebt. Das sind die Höhlenwohnungen am Schäferberg, die in Deutschland einzigartig sind.

Wenn man sie zum ersten Mal erblickt hat man das Gefühl, der Wirklichkeit weit entrückt zu sein. Wohnten darin tatsächlich einmal Menschen? Oder sind es Märchen-Filmkulissen der DEFA aus DDR-Zeiten? Doch wenn man gegen den Fels klopft, spürt man, dass er echt ist. Und tatsächlich haben darin einmal Menschen gelebt.
Wann die ersten Höhlen entstanden sind, ist nicht bekannt. Es könnte sein, dass schon die alten Germanen den weichen Sandsteinfels ausgehöhlt haben. Bekannt ist immerhin, dass auf dem „langen Steene“ Mitte des 12. Jahrhunderts damit begonnen wurde, für den Bischoff von Halberstadt eine Burg zu errichten. Und deren Kellergewölbe wurden ähnlich denen an der Burg Regenstein in den Fels hineingehauen, sind zum Teil noch erhalten. Als die Burg irgendwann aufgegeben wurde, sind zwei erste Wohnhöhlen mit mehreren Räumen entstanden, von denen eine noch erhalten ist. Doch das sollte nur der Anfang sein. Unten im Ort entstanden, weil schon damals Wohnraum knapp war, viele andere Wohnhöhlen, war doch das Dorf auf Sandstein gebaut. So um etwa 1850 allein 10 Höhlen am Schäferberg.
Meistens bestanden sie bei 30 Quadratmetern Wohnfläche aus drei oder mehr Räumen: Wohnstube, Küche, Vorratsraum und mindestens ein Schlafraum. Im Sommer war es durch die dicken Felswände darin angenehm kühl. Im Winter konnte mit einem Ofen eingeheizt werden, und es war darin nicht kälter als in normalen Häusern auch. Und es waren tatsächlich auch standartmäßig ganz normale Wohnungen und nicht etwa, wie man heute annehmen könnte, Armeleutewohnungen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie dann so nach und nach verlassen. Im Jahr 1916 war es Karl Rindert, der aus gesundheitlichen Gründen als letzter Höhlenbewohner seine Behausung an der Altenburg verlassen musste. Das fiel ihm nicht leicht, denn er meinte, dass er dort oben Gott näher sei. Danach dienten die Höhlen als Tierställe, oder sie wurden als Vorratskeller genutzt, bis zumindest die am Schäferberg und die von Rindert restauriert wurden. Und damit wurden sie zu einer Touristenattraktion.
Man steht also nun vor dem Sandsteinrücken am Schäferberg, einer kleinen Straße mitten im Ort. Türen führen in den Fels hinein. Kleine Fenster zu deren Seiten, vor denen Gardinen hängen und die zum Teil mit Blumen geschmückt sind. Davor winzige Vorgärten, in denen Kräuter angepflanzt werden konnten.
Unweigerlich ziehen einen die Türen an, von denen die meisten offen stehen. Man tritt aus dem hellen Sonnenschein ins Dämmerlicht. Einen Augenblick brauchen die Augen, bis sie sich daran gewöhnen. Man schaut in kleine Räume, die nun aber nicht leer, sondern möbliert sind, und zwar mit alten Möbeln aus damaligen Zeiten. Auch wenn es natürlich nicht die wirklichen Möbelstücke der damaligen Bewohner sind, so kann man sich doch sehr gut vorstellen, wie diese damals in den felsigen Höhlenräumen gelebt haben. Dort stehen Tisch und Stühle, in einer Ecke ein Bett. In einer anderen Kammer ein Buffet mit Waschschüssel darauf. In der nächsten Wohnung eine kleine Kochnische mit Ofen, Töpfen darauf, ein Küchenschrank, daneben die Speisekammer. Dazu gibt es Erklärungen, wer darin einmal gelebt hat. So in einer Wohnung zum Beispiel der Drehorgelspieler Ludwig Schmidt mit seiner Frau Karoline, der in den umliegenden Dörfer oder in Halberstadt auf Festen und Jahrmärkten spielte und sich damit ein paar Groschen verdiente. Auch vor der eigenen Wohnhöhle spielte er für die Dorfjugend zum Tanz auf.
Die letzte der Wohnhöhlen in dieser Reihe ist sogar größer. Drei Generationen haben darin gelebt. So gab es zusätzlich einen kleinen Wohnraum für die Großeltern. Unter dem Fenster steht eine Wiege mit einer Puppe darin. Und man muss bedenken, wenn einem die Wohnungen heute eng und klein vorkommen, dass früher die Menschen eben auch wesentlich kleiner waren, und dass es auch nicht ungewöhnlich war, dass sich mehrere Generationen nur zwei Zimmer teilten.

Wir sind beeindruckt von dieser Welt, die auf uns wie eine Märchenwelt wirkt, in der aber doch ein ganz normales Leben geführt wurde. Und natürlich muss ich dabei auch an meine Urururgroßeltern denken, die zu dieser damaligen Zeit in Langenstein gelebt haben. Meine Ururgroßmutter Caroline Schliephake ist dort 1826 geboren und hat später ins benachbarte Derenburg hinüber geheiratet. Zu ihrer Zeit waren die Höhlenwohnungen in ihrem Heimatort kein ungewöhnlicher Wohnraum. Ihre Eltern, wie ich es beim nächsten Besuch des Ortes erfuhr, als ich zwei alte Frauen, die im Wald auf einer Bank saßen, ansprach, sagten mir, dass die Schliephakes die Müllerfamilie waren, deren Mühle sich wohl einst gleich hinter der Eingangsschlucht, wo der Goldbach unter der Straße durchplätschert, befand.

Anschließend steigen wir noch den nicht weniger eindrucksvollen Hohlweg zum Langenstein hinauf. Dort blicken wir nicht nur in die einstigen Kellergewölbe der Altenburg, sondern auch auf die älteste Höhlenwohnung des Ortes, die mit ihren kleinen Vorbauten im Jahr 1781 angelegt wurde. Und von ganz oben schauen wir über die roten Ziegeldächer des Ortes, der so schön hergerichtet ist. Einzig und allein der alte Gutshof der Familie Rimpau scheint zu verfallen. Es wäre zu hoffen, dass diese historischen Gebäude auch restauriert werden würden.
Zum Abschluss steigen wir die kleine Treppe neben der Eingangsschlucht des Ortes hinauf. Über einen schmalen Pfad mit schönem Blick auf den Ort mit den Resten der Altenburg, gelangen wir in eine weitläufige Parkanlage mit alten und seltenen Bäumen. Dort steht ein kleines Schlösschen, das eine Freifrau von Branconi ab dem Jahr 1778 erbauen ließ und das heute ein Therapiezentrum für autistische Menschen beherbergt. Einige Male war Goethe auf seinen Harzreisen bei Madam de Branconi, die eine Mätresse eines Fürsten von Braunschweig war, zu Gast. Und sicher haben sich die beiden bei nettem Geplauder und kultivierten Gesprächen gut miteinander unterhalten, und vielleicht nicht nur das.
Damit sind wir nun am Ende unseres Langensteinbesuches angekommen. Wir haben Wunderbares gesehen, das besonders auch für denjenigen Besucher interessant ist, der sich für Romantisches, Märchenhaftes oder Historisches interessiert. Und beim nächsten Mal besuchen wir die von hier aus nahen Ziele Halberstadt oder die Burgruine Regenstein, die nicht weniger interessant sind.
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 25.04.2016 | 22:30  
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