Kindheitslexikon: Landwirtschaft

Historische kleinbäuerliche Landwirtschaft in Kölleda


Nicht nur die Dörfer, sondern auch die Kleinstädte in meiner Gegend waren sehr stark geprägt von privaten landwirtschaftlichen Aktivitäten. Sprich das Betreiben von Schrebergärten, in seltenen Fällen auch das Bebauen eines kleinen Stück Ackerlandes, oder die Kleintierzucht. Auch Kölleda konnte man durchaus als eine Ackerbürgerstadt bezeichnen.
So lautete im ganzen Landstrich eine sehr verbreitete Frage, wenn man jemanden neu kennen lernte: "Habt ihr Viehzeug?"

Ein in unserer Gegend sehr verbreitetes Sprichwort aus dem Bereich Gartenbau/Landwirtschaft: "Der Weinberg will seinen Herrn einmal am Tag sehen." Was eben zum Ausdruck bringen sollte, dass es zuerst intensiver Mühen und Pflege bedarf, wenn man etwas ernten möchte. Eine Einstellung, die mir heute manchmal etwas in Vergessenheit geraten zu sein scheint.

Einige Bräuche ums Schlachten.

Jedes Jahr im Spätherbst schlachteten unsere Nachbarn südlich von uns, die Familie Walter. Sie waren beide in der Landwirtschaft beschäftigt und hielten sich auch zuhause ein paar Schweine, die dann jeden Herbst "dran glauben" mussten.
Wir erhielten jedes Mal eine "Schlachteschüssel" rübergebracht. Mit verschiedensten Wursterzeugnissen von den Schweinen, die am Morgen desselben Tages noch gequiekt hatten. Es war dies eine Gegenleistung dafür, dass wir das ganze Jahr über Essenreste für die Tiere hinübergegeben hatten. Der Inhalt dieser Schüssel lässt sich eigentlich nur mit einem einzigen Wort umschreiben: legendär!

Etwas, das ebenfalls zum Thema Schlachten passt, das ich jedoch nur aus Erzählungen meiner Familie kenne, da es vor meiner Zeit geschah: Und zwar gab es den Brauch des Wurstsingens. Wurde in der Schlachtezeit gemacht, wenn jemand im Bekanntenkreis oder in der Verwandtschaft schlachtete. Dann stellte sich nach Absprache eine kleine Gruppe von Verwandten oder Freunden zusammen. Und die ging dann, wenn der Schlachtprozess fast vollendet war, mit reichlich Bier, eventuell auch Brot, hin. Dann stand sie vor der Tür und sang irgendein Ständchen. Dafür wurde sie von der schlachtenden Familie zum Essen eingeladen, die natürlich vorher schon ganz genau wusste, wer da kam. Später, als der Brauch schon nachgelassen hatte, hielt sich trotzdem noch die Floskel "Da gehen wir hin zum Wurstsingen" im Alltagssprachgebrauch.

Während des Schlachtens war unter den ausführenden Fleischern folgender Jux-Spruch üblich:
"Kümmel an die Wurscht,
saure Gurken für'n Durscht."

Eine historische landwirtschaftliche Tradition, die auch in Kölleda einstmals eine bedeutende Rolle spielte, war das Federnschleißen.
Alljährlich Ende Oktober/Anfang November wurden Gänse geschlachtet. Und gerupft.
Die Federn wurden sortiert, die Flügel nahm man als so genannten Flederwisch. Auf Wunsch bekam man ihn vom Bauern geschenkt. Er wurde getrocknet, man benutzte ihn zum Teil als Handfeger; aber meistens um am Morgen im Küchenherd in der Feuerluke die Asche durch das Gitter zu kehren. Wurde daher zumeist im Kohlenkasten unter dem Herd deponiert.
Alle anderen Federn wurden in große Säcke gestopft. Von dieser Art Feder mussten vom Federkiel (der "Stiel") beidseitig die feinen Federchen, die an einem dünnen Faden wuchsen, abgezogen werden; vom dicken Ende bis zur feinen Spitze hin. Dieser Vorgang nannte sich Federschließen/Federschleißen. Da bei einem Bauern nach dem Gänseschlachten etliche Säcke Federn anfielen, half die ganze Bauernfamilie an einem großen Tisch bei der Arbeit mit und bat auch Verwandte und Freunde um Unterstützung. Nichts für Allergiker, da die feinen Federn die Luft des Raumes ausfüllten. Andererseits wurde eine solche Arbeit stets als geselliges Beisammensein, als traditioneller Fixpunkt im Jahreskreis genutzt. Es wurde viel erzählt und gesungen, hinterher gab es traditionelles bäuerliches Essen. Bei Interesse bekamen die Bekannten oder Verwandten einen Teil der feinen Federn für Kissen geschenkt.

Mit dem Bereich Landwirtschaft befasste Unternehmen, die vor meiner Zeit in der Stadt existierten


- Carl Axthelm.
Johannistor 2/Bahnhofstraße 16.
Gegründet 1873.
Führte laut historischer Eigenwerbung:
+ Holz, Kohlen, Koks.
+ Futter- und Düngemittel.
+ Landesprodukte.
+ Bahnamtliche Spedition.
+ Möbeltransport.
+ Zweiggeschäft in Weißensee.
- Fr. Ziska.
Inhaber zu Beginn der 1930-er Jahre: Carl Hartung & Alfred Ziska.
Gegründet 1876.
Führte laut historischer Eigenwerbung:
+ Getreide, Dünge- und Futtermittel aller Art.
+ Heu und Stroh.
+ Holz und Kohlen.
+ Med. Vegetabilien.
+ Wildhandlung.
+ Häckselwerk.

Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) zu DDR-Zeiten


In den Fünfziger Jahre wurde durch die staatliche Propaganda in der ganzen DDR die Behauptung verbreitet, amerikanische Flieger würden über den Feldern der DDR massenhaft Kartoffelkäfer abwerfen, um so massive Ernteschäden zu verursachen. Allerspätestens nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die Geschichte als Mythos enttarnt.

Auf dem XI. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) definierte Aufgabe der Landwirtschaft: "(…) stetige Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln und der Industrie mit Agrarrohstoffen (…)".

Täglicher Nahrungsmittelbedarf der DDR-Bevölkerung (Angaben in Stück):
- 4.100 Kühe.
- 30.000 Schweine.
- 260.000 Geflügel.
- 12.000.000 Eier.

Nun zur damaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in Kölleda:
- Seinerzeitiger Firmenname: "LPG 'Neuer Weg' Kölleda".
- Letzter Vorsitzender der LPG Kölleda zu DDR-Zeiten: Herr Deutscher.
- Tierbestand (Angaben in Stück):
+ 4.410 Rinder.
+ Davon 1.500 Kühe.
+ 2.280 Schweine.
+ 2.450 Schafe.
- Maschinen- und Gerätebestand (Angaben in Stück):
+ 100 Traktoren (ZT 300, K 700, MTS 50).
+ 15 Mähdrescher.
+ 7 Häcksler.
+ 7 KC 6.
- Letzter Vorsitzender der LPG Pflanzenproduktion zu DDR-Zeiten: Herr Köhler aus Kleinneuhausen.
- Etwa 5.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche.
- Anbauprodukte (Angaben in Hektar):
+ 2.500 ha Getreide.
+ 400 ha Kartoffeln.
+ 500 ha Zuckerrüben.
+ 100 ha Mais.
+ 400 ha Luzerne.
+ 250 ha Heil- und Gewürzpflanzen.
+ 100 ha Rotklee.
- "Sponsorbetrieb" (Nannte man damals noch anders.) der Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule Kölleda.
- Mit Jahresbeginn 1991 mussten alle LPG's auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in eine andere Rechtsform umgewandelt sein.

Sämtliche Angaben bis dahin entsprechen dem Stand des Jahres 1988 und stammen aus Unterrichtsmitschriften aus dem Fach "Einführung in die Sozialistische Produktion (ESP) – eine Art Industriekundeunterricht.

Über Entwicklungen in der LPG Kölleda während der Zeit des "Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung" (NÖSPL), einer kurzen wirtschaftspolitischen Tauwetterperiode gegen Ende der Amtszeit von Staats- und Parteiführer Walter Ulbricht, fand ich in einem britischen Geschichtsbuch folgende Passage:


"The wishes of the members of LPGs rather than the directives of the district state authorities were seen now in some quarters as the central consideration in a LPG chairman's decisions. In Kreis Sömmerda, it was reported that in a number of LPGs, the attitude of the members was that the cooperation in crop production should be broken up an LPGs should be allowed to be independent again. In a letter sent by the chairman and party secretary of the LPG 'Neuer Weg' Kölleda to the chairman of their cooperative community, they explained the decision of the LPG's board to withdraw from cooperative crop production. The letter concluded with the chairman and party secretary expressing their regret at this decision having been reached. They pointed out however that even they could not get around the words: 'the farmers decide'."

Original-Quellenangabe in der Buch-Fußnote:
65. ThHStAW Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, Kreisparteileitung der SED Sömmerda IV/B/4.10/200 SED Kreisleitung Sömmerda, Abt. Landwirtschaft, Probleme der Kooperation-Politbüro Beschluss vom 25.7.1969, pp. 150-59; Informationen über Beratung der Produktionsleitung am 14.8.1969, pp. 160-62; LPG 'Neuer Weg' Kölleda an den Vorsitzenden der KOG Kölleda, 28.8.1969, p. 163.

Quelle gesamtes Zitat: Mary Fulbrook: "Power and Society in the GDR 1961-1979. The 'Normalisation of Rule'?" Berghahn Books, Oxford, New York, April 2009.

Zitiert nach: http://books.google.at/books?id=_Wl7AZ9oCuwC&pg=PA... Abruf vom 17. April 2013.)


Ich versuche mal, es zu übersetzen:


"Die Wünsche der Mitglieder der LPG anstatt der Richtlinien der staatlichen Bezirksbehörden wurden nun in einigen Kreisen als zentrale Betrachtungen in den Entscheidungen der LPG-Vorsitzenden gesehen. Aus dem Kreis Sömmerda wurde berichtet, dass in einer Reihe von LPG die Haltung der Mitglieder die war, dass die Zusammenarbeit in der Pflanzenproduktion bis auf Weiteres aufgehoben werden sollte, bis es den LPG erlaubt sei, wieder unabhängig zu werden. In einem Brief vom Vorsitzenden und Parteisekretär der LPG 'Neuer Weg' Kölleda an den Vorsitzenden ihrer cooperative community (Anm. Christoph Altrogge: Hier könnte vom Autor eventuell die Kooperationsgemeinschaft {KOG} gemeint sein, eine horizontal organisierte Zusammenarbeit von Betrieben in der Landwirtschaft.) gerichtet, wird die Entscheidung des LPG-Vorstandes erklärt, aus der cooperative crop production (Anm. Christoph Altrogge: Hier wiederum könnte die Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion {KAP} gemeint sein.) auszutreten. Der Brief schloss damit, dass Vorsitzender und Parteisekretär ihr Bedauern über diese Entscheidung ausdrücken, die sie erreicht hat. Sie wiesen jedoch darauf hin, dass auch sie nicht darum herumkommen könnten, zu sagen: 'die Bauern entscheiden'."


Wenn man heute irgendwo im Freien auf ein Schild mit der Abkürzung LPG stößt, so heißt das in der Regel "Liquified Petroleum Gas", zu deutsch "Flüssiggas" und weißt auf eine Tankstelle in der Nähe hin, an der dieser Kraftstoff verfügbar ist. Es handelt sich dabei um eine Mixtur aus Propan und Butan im Verhältnis ungefähr 50:50.

Der Landwirtschaft nahestehende Betriebe zu DDR-Zeiten


ACZ: Kurzform für "Agro-Chemisches Zentrum". Bis zur Wende 1989 existierende staatliche Großhandelskette mit Filialen im ganzen Land, deren Aufgabe darin bestand, die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe mit chemischen Produkten aller Art zu versorgen. Der äußerst sorglose Großeinsatz der DDR-Landwirtschaft mit chemischem Dünger und Spritzmitteln hatte verheerende Folgen für die Umwelt und die Gesundheit der Bevölkerung.

Agrarflug: Betrieb der staatlichen DDR-Fluglinie INTERFLUG. War auf zehn Bezirksstaffeln aufgeteilt. Im Einsatz waren unter anderen Maschinen der Typen Z 37 (CSSR), PZL M 18 A und PZL 108 A (Polen) sowie der Hubschrauber Ka 26 (UdSSR). Zu den Aufgaben gehörten vor allem
Stickstoffdüngung;
Krautfäulebekämpfung bei Kartoffeln;
Schädlingsbekämpfung bei Raps, Kartoffeln und im Obstanbau;
Waldbrandbekämpfung und Waldbrandüberwachung.
Als ich Kind war, so um 1981/82 wird es wohl gewesen sein, verlor ein Flieger der Linie beim Anflug über unserem Garten einen Teil seiner Fracht, irgendwelchen Dünger. Ich bekam leichten Ausschlag davon.
1989 setzte das Fernsehen der DDR mit der siebenteiligen Fernsehserie "Flugstaffel Meinecke" dem Unternehmen ein filmisches Denkmal.
Teile dieses Betriebes wurden im wiedervereinigten Deutschland als private Luftservice-Unternehmen tätig.

Kooperative Abteilungen Pflanzenproduktion (KAP): Fassten die Feldwirtschaft mehrerer Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) beziehungsweise Volkseigener Güter (VEG) in der DDR zusammen.
Die Zusammenarbeit in den landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften der DDR gipfelte schließlich darin, dass die Feldwirtschaftsbereiche aus den Agrarbetrieben herausgelöst wurden und sich Kooperative Abteilungen Pflanzenproduktion bildeten. Dieser Prozess begann Ende der 1960-er Jahre und fand seinen Schlusspunkt Ende der 1970-er Jahre.
Den LPG blieb nur die Tierproduktion und in einigen Fällen auch die Bewirtschaftung des Grünlandes. Die KAP waren fast ausschließlich auf die Pflanzenproduktion spezialisiert, selten betrieben sie auch Schafhaltung.
Unsere KAP lag auf der Ostseite der Weimarischen Straße, ungefähr ein Kilometer vor dem Stadtrand.
Unsere Nachbarn, Walters, arbeiteten beide dort.
Es war, wenn ich mich recht erinnere, Anfang September 1983, als unsere Klasse im Rahmen eines Gruppennachmittages eine Exkursion dorthin unternahm und wir uns den Betrieb ansahen.
Nach der Wiedervereinigung etablierten sich dort auf dem Gelände mehrere Geschäfte im Lebensmittel- und Einzelhandelsbereich.
Einer dieser Nachfolgebetriebe ist die "Thüringer Landfleischerei GmbH Kölleda", über deren Webshop wir uns seit der flächendeckenden Einführung des Internets regionale Spezialitäten nach Wien schicken lassen.

Ein weiteres landesweites landwirtschaftliches Dienstleistungsunternehmen zu DDR-Zeiten war die Melioration. Aufgaben bestanden etwa in der Be- oder Entwässerung, Drainierung, Eindeichung von Überschwemmungsgebieten und der Urbarmachung von Ödland.
Bei Wahlen jeglicher Art war die Verwaltung der Kölledaer Melioration das Wahllokal für unseren Wohnbezirk.
Als ich noch Kind war, bin ich oft am Eingang des Geländes stehengeblieben, da mich die vielfältigen Fahrzeuge und Baumaschinen dahinter faszinierten.
Ebenfalls eine Kindheitserinnerung: Als ich noch ziemlich klein war, sah ich am Eingangstor oft einen auf zwei Krücken gestützten, einbeinigen Mitarbeiter der Firma stehen.
Nach der Wende wurde aus dem Betrieb eine auf dem freien Markt tätige Hoch- und Tiefbau GmbH.
Banalität am Rande: Wenn ich mich richtig erinnere, befanden sich in der langen Betriebsgeländemauer, die sich dem Bahnhofstraßeneingang nördlich Richtung Stadtinneres anschloss, eine ganz einfache Tür und ein Schaukasten. Sei nur der Vollständigkeit halber mit erwähnt.
Lage: Der Haupteingang war, wenn ich mich richtig erinnere, der Eingang in der Bahnhofstraße Westseite, genau auf der Höhe Abzweigung Schillerstraße. Daneben gab es noch einen Eingang in der August-Feine-Straße, direkt neben dem Kindergarten. Zwischen diesen beiden Eingängen jedenfalls erstreckte sich das Betriebsareal.

VEAB: Kurzform für "Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufsbetrieb". Bis zur Wende 1989 existierende staatliche Großhandelskette mit Filialen im ganzen Land, welche als Zwischenhändler für den Vertrieb der Erzeugnisse aus den landwirtschaftlichen Kollektivbetrieben an den staatlichen Lebensmittelgroßhandel fungierte.
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