Hannover: 27 neue Stolpersteine gegen das Vergessen

Stolpersteinverlegung Otto Schartenberg, Rampenstraße 5, Linden-Nord.
 
Stolpersteinverlegung Familie Katz, Laportestraße 24 A, Linden-Süd. Zur Überraschung aller sang Jacob Gardner kein typisch jiddisches Lied, sondern in Englisch Martin Luthers Werk "Ein feste Burg ist unser Gott ("A Mighty Fortress is our God").
 
Feierstunde im Gartensaal des Neuen Rathauses Hannover. Dr. Karljosef Kreter, Leiter Erinnerungskultur Hannover, Dr. Edel Sheridan-Quantz (Übersetzerin Deutsch-Englisch) und Harald Härke, Kultur- und Personaldezernent, begrüßen die Gäste (von links).
Hannover: Rathaus | 30. September 2016. Es ist der Tag, an dem der unvergleichliche Shimon Peres auf dem Herz(e)lberg in Jerusalem zu Grabe getragen wurde. Hannover musste sich an diesem Tag mit den Untaten der Nationalsozialisten auseinandersetzen. Dr. Karljosef Kreter, Yvonne Sowa, Julia Berlit-Jackstien und Florian Grumblies vom Büro „Städtische Erinnerungskultur“ hatten ein wahres Mammutprogramm zu bewältigen, um die Verlegung der 27 Stolpersteine pünktlich zu gewährleisten. Innerhalb von nur 5 Stunden ging es kreuz und quer durch Hannover. Die Verlegung der kleinen Erinnerungssteine übernahm wieder - und das ist schon seit knapp 10 Jahren so - der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig
.
6 Verlege-Orte sollen in Text und Bild näher vorgestellt werden.

Kramerstraße 4, Stadtbezirk Mitte, Verfolgtengruppe Politisch Verfolgte, 1 Stolperstein:

Gedenken an Otto Kreikbaum, Jahrgang 1909, Angehöriger der KPD. Interniert in den Konzentrationslagern Moringen und Esterwegen. Bei Kriegsbeginn als "wehrunwürdig" eingestuft, später dann doch als Soldat in einem Straf- und Bewährungsbataillon an der Ostfront. Dort gerät er in Gefangenschaft und stirbt Ende 1945 in Tamilow/Russland unter nicht geklärten Umständen.
An der Gedenkfeier nahmen auch Nachfahren der Familie teil, so Tochter Jutta und Urenkel Levi, der eine Rede hielt. Jörg Meinke sang das Lied "Die Moorsoldaten" ". Insassen des KZ Börgermoor bei Papenburg/Emsland zogen mit dem Spaten ins Moor, um Torf zu stechen. Viele Anwesende sangen mit.

Laportestraße 24 A, Stadtbezirk Linden-Limmer, 3 Stolpersteine, Verfolgtengruppe Juden/Jüdinnen:

Stolpersteine für die Familie Oskar, Meta und Margot Katz. Sie überlebten den Holocaust und konnten Deutschland verlassen. Tochter Margot „reist“ im Mai 1935 im Rahmen eines Kindertransports in die U.S.A. und bleibt dort für immer. Ihre Eltern Oskar und Meta Katz flüchten im Frühjahr 1939 mit dem Schiff nach Shanghai/China. Dort stirbt Meta Katz am 2. August 1947, Ehemann Oskar reist danach in die U.S.A. weiter, wo er im Bundesstaat Wyoming ein Wiedersehen mit Tochter Margot feiern konnte, 1962 stirbt Oskar Katz, im Jahr 1999 seine Tochter Margot, verheiratete Gardner.
Keith Gardner, Sohn von Margot Gardner geb. Katz, kam mit Sohn Jacob und Tochter Amy aus den U.S.A. zur Stolpersteinverlegung. An der Veranstaltung nahmen auch Schülerinnen/Schüler des Tellkampf-Gymnasiums Hannover, Arbeitskreis Geschichte, teil.

Rampenstraße 5, Stadtbezirk Linden-Limmer, 1 Stolperstein, Verfolgtengruppe Juden/Jüdinnen:

Stolperstein für Otto Schartenberg, Jahrgang 1875, durch Anregung von Jürgen Wessel, Linden, der auch die Kosten der Verlegung übernahm.
Nach der Pogromnacht 1938 Transport in das KZ Buchenwald. Nur kurzer Aufenthalt dort. Wenige Tage nach seiner Entlassung stirbt Otto Schartenberg am 30. 11. 1938 im jüdischen Kranken- und Alterversorgungshaus, Hannover, Ellernstraße 16, an den erlittenen Misshandlungen.
Näheres auch hier: http://www.lebensraum-linden.de/portal/seiten/ein-...
Zur Gedenkfeier kamen die beiden Enkel Günther Schartenberg und Peter Sheridan. Günther wohnt noch in Hannover, Peter Sheridan kam extra aus Sydney/Australien angereist.
Grabstein Otto Schartenberg und Ehefrau Frieda auf dem jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld.

Vahrenwalder Straße 18, Stadtbezirk Vahrenwald-List, 1 Stolperstein, Verfolgtengruppe Juden/Jüdinnen

Stolperstein für Dr. Arno Behrendt. Der Arzt, stundenweise auch als Betriebsarzt der Continental-Gummiwerke tätig (die Fabrik liegt gegenüber), flüchtet im August 1938 nach Berufsverbot in die Tschechoslowakei. Ende 1941 wird er in Prag verhaftet und in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Danach im September 1944 Verschleppung nach Auschwitz, dort ermordet.
Zur Gedenkfeier war kein Familienangehöriger anwesend. Es erschien jedoch ein Standesvertreter der Ärztekammer Niedersachsen, die auch den Stolperstein in Auftrag gab.

Waldstraße 38, Stadtbezirk Vahrenwald-List, 12 Stolpersteine, Verfolgtengruppe Juden/Jüdinnen.

Es erschienen keine Angehörigen zur Verlegung.
Auf Initiative der Hausgemeinschaft Waldstraße Nr. 38 wurden 12 Steine verlegt. Es wird erinnert an:

> Sally Bähr, Jg. 1883, 1938 Flucht nach Frankreich, interniert in Antibes, nach Freilassung am 22. 12. 1939 in Nizza gestorben.
> Minna Levy, Jg. 1870, deportiert am 23. 7. 1942 nach Theresienstadt, dort am 3.2.1943 ermordet.
> Louis Katz, Jg. 1878, deportiert am 15 .12. 1941 nach Riga, dort ermordet.
> Berta Katz, Jg. 1887, deportiert am 15. 12. 1941 nach Riga, dort am 6.12.1944 ermordet.
> Irmgard Katz, verheiratete Fleischhower, Jg. 1913, Flucht nach Holland, deportiert 1944 nach Bergen-Belsen, dort ermordet.
> Arthur Werner Katz, Jg. 1932, deportiert am 15. 12. 1941 nach Riga, dort ermordet.
> Moritz Meyer, Jg. 1871, deportiert am 23. 7. 1942 nach Theresienstadt, dort am 19. 2. 1943 ermordet.
> Emma Meyer, Jg. 1878, deportiert am 23. 7. 1942 nach Theresienstadt, dort am 6. 3. 1943 ermordet.
Max Elkan, Jg. 1916, deportiert am 15. 12. 1941 nach Riga, dort ermordet.
> Heinz Jakob Moritz, Jg. 1902, deportiert 1943 nach Auschwitz, dort ermordet am 31. 3. 1943.
> Heinz Wertheimer, Jg. 1900, deportiert am 15. 12. 1941 nach Riga, dort ermordet.
> Amalie Wertheimer, Jg. 1904, deportiert am 15. 12. 1941 nach Riga, ermordet am 6. 12. 1944 im Außenlager Stutthoff.

Yorckstraße 10, Stadtbezirk Hannoer-Mitte, 2 Stolpersteine, Verfolgtengruppe Juden/Jüdinnen.

Gedenksteine für:

Alfred Wechsler, Jg. 1849 (!), deportiert am 23. 7. 1942 nach Theresienstadt, kurz danach am 2. 8. 1942 ermordet.
Die Nationalsozialisten schicken einen 93 Jährigen in das Konzentrationslager, UNFASSBAR.
Toni Wechsler, Jg. 1868, gestorben nach massiven Repressalien am 1. 7. 1940 in Hannover, Grab auf dem (jüdischen) Bothfelder Friedhof.

Außerdem wurden noch Stolpersteine an 3 weiteren Orten verlegt:

Großer Hillen 36, Stadtbezirk Kirchrode-Bemerode-Wülferode, 1 Stolperstein für Lina Spiegelberg, Verfolgtengruppe Juden/Jüdinnen.

Große Barlinge 4, Stadtbezirk Südstadt-Bult, 1 Stolperstein für Wilhelm Weber, Verfolgtengruppe Wehrkraftzersetzer.

Aegidiendamm 8, Stadtbezirk Südstadt-Bult, 5 Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Topf, Verfolgtengruppe Juden/Jüdinnen.

Quelle: http://www.hannover.de/Kultur-Freizeit/Architektur...

Nach der Verlegung wurden die Paten der Stolpersteine und die zahlreichen Familienmitglieder der Opfer des Nazi-Regimes in den Gartensaal des Neuen Rathauses zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Im Auftrag des Rates der Landeshauptstadt Hannover begrüßte Kultur- und Personaldezernent Harald Härke die Anwesenden.
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7 Kommentare
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Michael Wald aus Laatzen | 02.10.2016 | 16:39  
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Hans-Werner Blume aus Garbsen | 02.10.2016 | 16:46  
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Bernd Sperlich aus Hannover-Bothfeld | 02.10.2016 | 19:10  
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Christa Wessel aus Hannover-Linden-Limmer | 08.10.2016 | 09:33  
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