Costa Concordia - Schiffbruch vor der Insel Giglio

so lag sie da- im Abendlicht
 
Amrechten Bildrand: le Scole- die Felsen wurden der Costa Concordia zum Verhängnis.
 
Blick von der Hafenmole aus
Giglio Isola (Italien): Porto | Am 13.01.2014 war der zweite Jahrestag des Schiffbruchs der Costa Concordia.
In der ARD und in Phönix habe ich dazu zwei gute Reportagen gesehen- sie haben vieles wieder wachgerüttelt.

Nein, ich war nicht auf der Concordia- nie auf einem Kreuzfahrtschiff.
Warum dann meine Betroffenheit?

Nun, heuer sind es bei mir 20 Jahre, seit ich das erste mal auf Giglio war.
Seit 1998 habe ich dort Freunde, fahre seit 1998 jedes Jahr hin, zwischen 1998 und 2003 waren es zwei bis drei Mal pro Jahr.
Ich fühle mich nicht mehr als Touristin, kenne viele Leute auf Castello, dem auf 400m Seehöhe gelegenen mittelalterlichen Dorf, das hoch über dem Meer thront - wie ein Adlerhorst.
Und kenne viele Ecken von der Insel, habe schon 1999 einen Diavortrag auf Castello gehalten mit meinen Dias, noch vor dem Umstieg auf die Digitalkamera.

Und vor einigen Jahren hat ein Freund, Fischer aus Porto, mir erzählt vom Kapitän aus Giglio, der ein großes Kreuzfahrtschiff steuert, und manchmal ganz nahe an Giglio vorbeifährt, um Giglio zu grüßen.
In einer lauen Sommernacht habe ich es dann selber gesehen: ganz nahe vor der Hafeneinfahrt ist es vorbei geglitten, das kreuzfahrtschiff, riesig, in voller Beleuchtung- wow- es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen- leider hatte ich da anscheinend die Kamera nicht dabei- um so tiefer hat sich dieses Bild in mir abgespeichert.

Und dann vor zwei Jahren, erst nur die Hafeneinfahrt- das ist doch die von Giglio! Und dann das Drama. Wir kennen die Bilder und Szenen alle aus dem Fernsehen.

Erst hieß es, die Felsen seien nicht auf Seekarten eingezeichnet- die Felsen heißen Le scole und sind natürlich auf jeder Seekarte.

Ich hatte erst mal Angst, dass der Kapitän der aus Giglio stammende ist- doch mein Freund meinte, der sei längst pensioniert.

Dann dieser „Witz“ von wegen, der Kapitän habe Giglio grüßen wollen.
Im Sommer, ja, da vielleicht schon: dann sind viele Gäste da, die Läden haben bis tief in die Nacht offen und viele Leute flanieren noch auf der Hafenpromenade.
Aber im Winter- da leben auf Giglio kaum 1800 Personen, alles ist verlassen, viele Gaststätten haben wochentags nicht geöffnet, man trifft allenfalls ein paar hartgesottene Taucher außer den Einheimischen, die spätabends auch nicht hinausschauen würden. Und die Gäste auf dem Kreuzfahrtschiff – wer achtet da auf eine kaum beleuchtete Insel in der Nacht? Und ein paar Bedienstete aus Giglio- haben sich auch längst daran gewöhnt.
Im Winter also? Gibt keinen Sinn- allenfalls eine kleine Ersparnis von Treibstoff, weil die Route so evtl. etwas kürzer war.

Ich bin stolz auf meine Gigliesen: die Einwohner haben mitten in der Nacht geholfen, wo es nötig und möglich war, mit warmen Decken, Tee, Unterkunft, Zuspruch. Beide Pfarrer haben selbverständlich ihre Kirchentüren geöffnet für die Gestrandeten.
Don Vittorio, der Pfarrer von Castello, wäre besonders einsatzfreudig gewesen, wollte sich aber nicht wichtig machen- ich habe ihn in der ARD- Reportage aber trotzdem kurz erblickt.

Von einem Tag auf den anderen war die Welt auf Giglio plötzlich eine andere- ganz und gar andere.
Da lag das Schiff, wie ein riesiger gestrandeter Wal. Die Schiffbrüchigen haben bald die Insel verlassen, viele traumatisiert, einige tot.
Die Journalisten – waren nach einiger Zeit auch weg- es blieb die Angst: Giglio- ein Juwel im Toskanischen Inselarchipel- ein Großteil der Unterwasserwelt unter Naturschutz, ein Taucherparadies- unberührt – bislang.
Und jetzt: Bangen um die Umwelt – die Insel lebt vom Fremdenverkehr.
Techniker quartieren sich ein.
Kommen im Sommer trotzdem Gäste?
Sie kamen- aber mehr Gaffer als Gäste- die meisten nur für ein Paar Stunden oder ein paar Fotos.
Und dazu noch die Rezession in Italien. Verdient haben nur die Hotels- mit Journalisten und evtl. den Arbeitern und Technikern.
Die Vermieter von Ferienwohnungen hatten Probleme- weniger Übernachtungen.

Wir haben die Costa Concordia das erste Mal im Herbst 2012 gesehen.
Letztes Jahr sind wir im September hingefahren, um beim San Mamiliano Fest dabei zu sein, dem Patrozinium von Castello, das hier mehrtägig groß gefeiert wird.

Zufällig waren wir dann auch auf der Insel, als am 16.09.13 die Costa Concordia gedreht und aufgerichtet wurde.
Wir hatten Zeit und haben alles verfolgt und viele Fotos gemacht.
Der ganze Hafenbereich war am diesem Tag großräumig und engmaschig abgesperrt.
Die erste Fähre ging frühmorgens zum Festland, gekommen ist den ganzen Tag keine- also auch keine Zeitungen- aber auch keine Gaffer.
Die Maßnahme war notwendig, damit die Concordia nicht die (ca. 100m entfernt vorbeifahrende) Fähre gefährden könne- und umgekehrt.
Trotzdem war auf der Insel kein Bett mehr zu haben- einige haben dann zur Not noch die Hütten im Campingplatz genommen.
Aus sicherer Entfernung von einer Straße oberhalb aus, konnten wir das Geschehen beobachten.
Ständig kreiste ein Flugzeug und ein Hubschrauber über uns- auch die ganze Nacht durch.
ntv bat uns um ein Interview: Ob ich wieder auf die Insel komme, wenn das hier nicht gut ausgeht und in einer Umweltkatastrophe endet?
Ich wurde erneut wachgerüttelt. Daran dachte ich zuvor nicht- doch ich will auf jeden Fall wiederkommen, doch jetzt wurde mir erst die Gefahr und der Ernst der Lage bewusst.

Die Operation ging äußerst langsam vor sich – eigentlich langweilig. Das Geschehen, die Zuschauer, die Gespräche, die Journalisten, das war trotzdem interessant.
Zwischendurch ein Eis in Porto- nix ging da, die Polizisten blieben hart.
Nach Stunden gingen wir heim- die Nacht immer mit dem Hubschraubertuckern über uns war gespenstisch- würden sie es schaffen- das, was nie zuvor je in dieser Größenordnung versucht worden war?

Am nächsten Tag- wir hörten schon morgens, dass die Rettung erfolgreich war- kamen wir wieder. Ntv wollte ein weiteres Interview, der Hafen war wieder zugänglich.
Und es ging zu dort- und wie!
Die Hafenmole war belagert- eine Kamera an der anderen. Übernächtigte Kameraleute und gepuderte Live- Reporterinnen, die sich nach der anstrengenden Nacht immer wieder versprachen, sichtbar lädierte Journalisten, in der Ecke leere Kaffeetassen, längst festgetrocknet.
Die Concordia – die dem Felsen zugewandte Seite rostig, an zwei Stellen tief eingedrückt.
Jetzt wurde erst richtig sichtbar, wie groß die Schäden sein mussten.
Der Bug – jetzt komplett sichtbar schräg geteilt – weiß und braun.
Die Höhe des Schiffs ließ sich kaum erkennen, da der größere Teil unter Wasser liegt.
Pressekonferenz: wir hören zu, sehen Nick Sloane, den Leiter des ganzen Projektes, ich erhasche ein Bild von ihm.

Und bekomme eine Infomappe für Journalisten, mit den technischen Infos.
Erst beim Lesen dieser Details kann man sich die Dimensionen richtig vorstellen: es wurde das vierfache Gewicht an Stahl verbaut- verglichen mit dem Eiffelturm, über 30.000Tonnen Stahl. 56 Ketten waren im Einsatz, jede 58 Meter lang und jede mit ca. 26 Tonnen Gewicht.

Wir gehen zur Kirche von Porto- versuchen uns, die Nacht dort im Abendkleid und Stöckelschuh, naß und frierend gestrandet, vorzustellen.
An der Kirchentür Postkarten von Passagieren, die sich bedankt haben- und eine Bilder- und Namengalerie der Toten.
Am Hafen die neu erstellte Madonna- und die Gedenktafel mit den Namen der Toten.
Die Concordia ist in Porto von fast jedem Winkel aus zu sehen- ihr kann sich keiner entziehen.

Im Juni 2014 soll das Wrack abtransportiert werden.

Dann bleibt nur die Erinnerung- an eine schreckliche Nacht – für die Passagiere, für die Gigliesen- und wohl so etwas wie ein Phantomschmerz: Die Concordia ist weg, der Schmerz bleibt.
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1 Kommentar
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Heinrich Wörle aus Gersthofen | 19.01.2014 | 11:09  
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