Mein Buchtipp: Silicon Valley von Christoph Keese

(Foto: Pressefoto: randomhouse.de)

Der Journalist und Wirtschaftswissenschaftler Christoph Keese ist Executive Vice President der Axel Springer SE in Berlin. Er arbeitete 2013 ein halbes Jahr lang im Silicon Valley. Er traf Erfinder, Gründer, Wagniskapitalgeber und Professoren in Stanford und Berkeley - auf der Suche nach Erfolgsmustern und Treibern der boomenden Internetwirtschaft. Was machen die Amerikaner anders als wir?

Ich habe dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite mit wachsender Spannung gelesen. Der Axel-Springer.Verlag schickte mehrere Redakteure nach Kalifornien, um zu verstehen wie die Amerikaner ticken. Christoph Keese, Jahrgang 1964, nahm seine Familie mit auf das amerikanische Abenteuer.

Keese sprach mit Gründern, Kapitalgebern und Universitätsprofessoren. Wie funktioniert dieses "Einfach tun, was sonst keiner wagt"? In den USA werden Gründer von Kapitalgebern mit Milliardenbeträgen ausgestattet. Dagegen sind die Förderungen von Existenzgründern in Deutschland nur Kleckersbeträge. Gründer müssen hier buchstäblich um ihre Kredite betteln, während in den USA in eine Vision investiert wird.

So konnten Firmen wie Google, Facebook und Co. entstehen. Die Amerikaner machen was machbar ist und erwarten von den Europäern, dass sie ihre Gesetze anpassen. Google prozessiert wegen jeder Patentsrechtsverletzung, schert sich aber keinen Deut beispielsweise um das Urheberrecht deutscher Verlage. Tesla revolutioniert den Markt mit Elektroautos. Google entwickelt ein selbstfahrendes Auto, das Ampeln und Verkehrsregeln überflüssig macht, weil die intelligente Software das Denken für den Menschen übernimmt. Da kann uns Europäern, die immer noch kuschelig in der Sofa-Ecke verharren, Angst und Bange werden.

Online-Zeitungen werden in den USA schon von Programmen mit vielen Textschnipseln aus dem Internet zusammengestellt - Redakteure texten lediglich knackige Überschriften dazu. Als moderne Lohnsklaven müssen diese noch nicht einmal vor Ort in einem Bürogebäude sitzen, sondern über die Plattformen oDesk oder Clickworker werden Freelancer angeheuert und nach Stunden bezahlt. Das kann dann auch die nicht so gut bezahlte Freelancerin in Indien sein. Was eher die Regel als der Einzelfall ist. Und oDesk macht dann auch noch regelmäßig Screenshots, um zu kontrollieren, ob der Freelancer auch korrekt abrechnet. Wehe dem, der eben mal seine E-Mails checkt.


Für Designer kann es sich durchaus lohnen, ihren festen Job zu kündigen und sich als Clickworker zu verdingen. "Präsentationsdesigner zum Beispiel können am Sonntagabend viel mehr verdienen als am Dienstagmorgen, weil erfahrungsgemäß viele Manager und Assistenten am Sonntag ihre Auftritte für die nächste Woche basteln", schreibt Keese. Arbeit werde in diesem Szenario wie an der Börse im Megahertztakt gehandelt, so Keese.

Was passiert, wenn ein Unternehmen sich selbst neu digital erfindet, zeigt Keese am Beispiel von Klöckner. Das Unternehmen hat den Stahlhandel über einen Webshop neu organisiert. Hochöfen produzieren nun auf Bestellung, während Klöckner die Ware direkt beim Stahlwerk abholt und an den Kunden liefert. Klöckner konnte so bereits ein Zentrallager schließen und damit viel Geld sparen.

Plattformen im Internet werden zu den neuen Monopolisten. Keese vergleicht die modernen Netzwerkplattformen mit Handelsstädten wie Venedig, das als Handelsmacht sagenhafte Reichtümer anhäufte. Die Internetfirmen ändern mal eben die Geschäftsbedingungen: Wer nicht bedingungslos alles akzeptiert, fliegt raus. Eine erschreckende Zukunft, die Keese da malt. Insbesondere, da die Politiker schon resigniert haben. Und Keese fragt kritisch, warum wir Nutzer freiwillig so viele Daten von uns preisgeben?
Dennoch sieht Keese alle Voraussetzungen dafür, dass Deutschland als starker Spieler aus der Digitalisierung hergeht. Sein optimistischer Schluss: Deutschland könne als "Land der Ideen" wieder zum Land der Welterfolge werden. Dafür müssten wir die Chancen ergreifen, welche die Digitalisierung bietet, und die Fehler Kaliforniens vermeiden.

Ein Buch, das jeder lesen sollte, der Silicon Valley und die Herausforderungen der Zukunft besser verstehen will.
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