Nachtfahrt

Das Eis auf der nächtlichen Ostsee knackt. Die zerbrochenen Schollen treiben draußen im Lichtschein der Kajütfenster vorbei. Vor Stunden hat die Fähre Princess Ragnhild Kiel verlassen und Kurs auf Oslo genommen. Seit einigen Wochen schon hat der Winter den Norden fest im Griff. Jetzt Anfang Februar sind nur noch die stärksten Schiffe unterwegs.
Lars Jörgenson sitzt in der „Sir Henry Bar“. Er schaut hinaus und hört dem Pianospieler zu, der hinten am schwarzen Flügel ein paar Gäste unterhält. Die meisten sind schon gegangen oder sind im Kasino. Vielleicht sehen sie sich auch das Varieté an. Vielleicht auch schlafen sie schon. Es hat ja noch Zeit bis morgen früh. Um 9.00 Uhr erst wird die Fähre in Oslo fest machen. Und dann?
Er war einfach losgefahren. Nach Norden. Warum? Niemand verstand das so richtig. Schließlich ist in einigen Tagen sein 50. Geburtstag. Gestern Abend wusste er nur, dass er raus musste. Fortfahren. Abstand gewinnen. Wieder klarkommen. Nein, er wollte nicht weglaufen, sich davon stehlen. Er hatte nur eben plötzlich Angst bekommen.
Lars nippt an seinem Glas und spürt das Vibrieren der Fähre. Ein schönes Schiff, denkt er. Eine schöne Stimmung - so melancholisch. Sein Blick trifft sich mit dem des Klavierspielers. Sie nicken sich zu, und Lars hebt sein Glas. Irgendwie scheint der Mann am Klavier zu spüren, welche Musik Lars jetzt braucht.
„Fahren sie das erste Mal nach Oslo?“, fragt der Barkeeper hinterm Tresen.
Lars, der mit dem Rücken zur Bar gelehnt sitzt, dreht sich um. „Ja, das ist meine erste Reise nach Oslo. Ich wollte schon immer mal nach Norwegen. Gestern habe ich mich kurz entschlossen ins Auto gesetzt und bin los. Erst unterwegs allerdings habe ich mich für Oslo entschieden. Ich wollte nur einfach mal weg. Mir war plötzlich alles zuviel. Und da muss man ja mal raus – oder?“
Er hört sich reden und denkt, was sage ich da nur? Den geht das doch gar nichts an. Seine Worte waren die ersten, die er so am Stück sagte, seit er auf der Fähre war. Sie klangen so, als spräche er sie zu sich selbst.
„Ja, Oslo ist schön“, bemerkt der Keeper und putzt weiter das Glas in der Hand.
„Und so eine Winterfahrt über die Ostsee auch“, fügt Lars hinzu. Er stellt sein Glas aus der Hand und wendet sich endgültig seinem Gesprächspartner zu.
„Mein Name ist Mike“, sagt der Mann hinter dem Tresen.
„Angenehm. Ich heiße Lars.“ Sie schütteln sich kurz aber kräftig die Hände.
Lars bestellt noch ein Bier und fragt: „Darf ich dich zu irgendetwas einladen?“
„Danke, schon gut. Das ist hier nicht üblich“, entgegnet Mike und beginnt das Bier für Lars zu zapfen.
Ein netter Kerl, denkt Lars. Ihm ist wohl auch langweilig. Immer zwischen Kiel und Oslo hin und her fahren. Jetzt im Winter, wo wenig los ist. Ob er in Kiel oder in Oslo wohnt? Er fragt ihn.
„Ich wohne hier auf der Fähre“, sagt Mike und stellt das fertige Bier vor Lars hin.
„Dann trinke ich auf dein Wohl, Mike, und allzeit gute Fahrt“. Lars hebt sein Glas und nimmt einen kräftigen Schluck. Mike putzt wieder Gläser und schaut Lars aufmunternd an. Lars fühlt sich aufgefordert und fängt an zu erzählen:
„Ich freue mich schon, wenn wir morgen früh in den Oslofjord einlaufen. In Oslo will ich übernachten und mir die Stadt ansehen. Dann fahre ich vielleicht weiter bis Lillehammer wo die Olympischen Winterspiele waren. Das soll mein Geburtsgeschenk sein. Mal sehen, vielleicht lege ich die Rückfahrt so, dass ich meinen Geburtstag während der Rückfahrt hier wieder auf dem Schiff erlebe. Ich mag keine großen Geburtstage. Was hätte ich alles für Ausreden finden müssen? Vielleicht laufe ich auch nur irgendwie davor weg, dass ich jetzt ein halbes Jahrhundert alt werde. Ich weiß es wirklich nicht.“
Mike schaut Lars nachdenklich an und sagt mit langsamen Worten: „Ja Lars, das kann ich gut verstehen.“ Sie sehen sich in die Augen.
„Weißt du Mike“, Lars beugt sich vor: „in letzter Zeit habe ich immer öfter an früher denken müssen. An ganz früher. Was war eigentlich wichtig in meinem Leben. Das ist nicht so einfach, wenn du den ganzen Tag nur den Bürokram um die Ohren hast. Die Kinder sind schon lange aus dem Haus. Meine Frau hat auch vor ein paar Jahren mit ihrer Arbeit aufgehört und pflegt nur noch den Garten. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich allein zurückgelassen wurde. Ich mache immer noch das, was ich schon immer mache.“ Mike nickt nur und sieht Lars weiter an.
„Mike! Du bist ein netter Kerl, willst du nicht doch ein Bierchen?“ Lars stellt das leere Glas rüber zu Mike.
„Na gut eins“, sagt Mike und beginnt mit dem Zapfen.
Lars blickt zur Seite durch die Fenster. Draußen treiben die zerborstenen Eisschollen vorbei. Das Schiff vibriert durch die Motoren und rollt sanft, fast unmerklich. Ein leichtes Wiegen ist in der See. Sie werden jetzt irgendwo auf das Kattegatt zuhalten. Wer weiß wie spät es schon ist. Und Lars hört sich wieder erzählen:
„Das schönste Erlebnis, das ich in meinem Leben hatte, Mike, das war meine Geburt“. Mike sieht auf und beide lächeln. „Nein, Mike, nicht meine eigene. Die meines Sohnes. Es war meine Geburt, weil ich dabei war. Damals war das noch eine Ausnahme. Meine Frau hatte einen zwar schon etwas älteren Arzt. Was sage ich? Er stand kurz vor seiner Pensionierung. Aber er hatte moderne Ansichten. Als wir ihm erklärten, ich solle bei der Geburt dabei sein, da war er gleich einverstanden. Und das war ein Abenteuer, kann ich dir sagen. Nein, das stimmt nicht. Es war kein Abenteuer. Es war etwas ganz anderes. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es nennen soll.“ Seine Augen leuchten jetzt. Die vollen Gläser stehen auf dem Tresen. Die beiden Männer sehen sich an. Das Schiff folgt seinem Kurs durch die Nacht. Hier am Tresen steht eine Geburt kurz bevor, und Lars erzählt weiter:
„Die Schwestern im Kreißsaal haben ganz schön ungläubig drein geschaut, als ich eintrat, und meine Frau schon im Entbindungsbett lag. Sie fragten mich damals, ob ich das denn auch durchstehen könne. Schon einmal hätten sie mit dem Mann mehr Probleme bekommen als mit der Gebärenden. Er sei im entscheidenden Moment zusammengeklappt. Sie hätten sich mehr um ihn kümmern müssen als um die Geburt. Das haben sie natürlich nicht so wörtlich gemeint. Meine Frau musste damals richtig lachen und vorzog dabei immer so ihr Gesicht. Und der Arzt, sage ich dir, der war ganz toll. Er hat mit mir seine Späßchen gemacht. Ich müsse ihm, wenn ich schon hier sei, natürlich ein bisschen helfen. Dann erklärte er mir die Gerätschaften, die da oben am Bett angebracht waren. Zwei Gasflaschen standen da. Und eine Atemmaske. Das sei Lachgas. Wenn es zu arg käme, dann könne meine Frau davon inhalieren. Er habe im Laufe seiner vielen Berufsjahre als Gynäkologe ganz zarte Hände bekommen. Sie wären nicht so kräftig. Ich müsse daher später das Ventil aufdrehen. Außerdem solle ich immer schön neben dem Bett für meine Frau da sein. Nach meiner Einweisung, es war schon einige Zeit vergangen, da sollte ich ihm plötzlich helfen, zwei Fliegen zu fangen. Die hätten im Kreißsaal nichts zu suchen. Wir jagten also hinter ihnen her, und die Hebamme, die sich um meine Frau bemühte, war plötzlich auch richtig fröhlich geworden. Das lag wohl daran, dass wir beiden Männer ein so komisches Bild abgaben. Jedes Mal, wenn meine Frau Wehen hatte, dann verzog sie das Gesicht, drückte meine Hand, stöhnte und musste doch fast laut lachen.“
Lars hat plötzlich alle Schwermut verloren, mit der er noch vor ein paar Minuten an der Bar saß. Mike stellt alle Aktivitäten ein und zieht sich einen Barhocker heran. Sie sitzen einander gegenüber wie zwei alte Freunde. Draußen knacken die Eisschollen und Lars ist wieder im Kreißsaal:
„Es schien als wären es nur ein paar Minuten gewesen. Dabei ging so über eine Stunde vorüber. Die Wehen wurden immer häufiger, immer stärker und hörten dann plötzlich auf. Obwohl es ziemlich kalt im Kreißsaal war, standen meiner Frau und mir die Schweißperlen auf der Stirn. Sie bekam eine Spritze, und die Wehen setzten nach kurzer Zeit wieder ein. Wir waren jetzt ganz nah beieinander. So wie noch nie. Der untere Teil des Bettes wurde irgendwann abgenommen. Es passierten Dinge um mich herum, die ich nicht mehr wahrnahm. Ich drückte meiner Frau den Kopf nach vorne, hielt ihre Hand. Es durchzogen Wellen das Zimmer. Wir flogen irgendwie davon.“
Lars schaut durch die Fenster, aber er sieht draußen nichts mehr. Er ist nicht mehr auf dem Schiff. Er ist bei seiner Geburt.
„Ein Schrei, ein Schrei! Zwei Schreie! Meine Frau! Unser Sohn.“ Lars blickt durch Mike hindurch. Er löst seine Hände, die vom Druck auf das Holz weiß geworden sind. Fast wie mit einem Seufzen holt er tief Luft. Sein ganzer verkrampfter Körper löst sich wieder.
„Weißt du, was das für ein Gefühl ist? Wenn da dein nackter Sohn auf dem nackten Bauch deiner Frau liegt und plötzlich ganz still ist?“
Eine lange erschöpfte Pause mit einem strahlenden Blick irgendwo hin.
Dann schwärmt Lars weiter: „In diesem Augenblick waren wir drei uns so nahe wie nie wieder im Leben. Wir waren in einem Himmel. Wir liebten uns unendlich. Es war unsere Geburt. Wir drei waren geboren worden.“
Die beiden Männer sitzen voreinander. Sie schauen vor sich hin. Sie sind andächtig vertieft. Sie haben Gesichter, in denen sich etwas spiegelt, was sie nicht ausdrücken konnten. Sie schweigen.
„Mike!“, Lars wacht als Erster wieder auf. „Mike! Lass uns auf den Geburtstag anstoßen. Auf meinen Geburtstag.“ Sie heben die Gläser und trinken sie aus. Der Pianospieler fängt wieder an zu spielen.
„Lars, das war die schönste Geburtstagsgeschichte, die ich hier am Tresen gehört habe“, sagt Mike. Beide sind jetzt wieder in der Sir Henry Bar, und die Princess Ragnhild strebt weiter Oslo zu.
Ein sichtlich erneuerter Lars setzt das Gespräch fort: „Mike, ich glaube so ein Erlebnis hat man nur einmal im Leben. Ich bin an jenem Abend mit dem Auto noch nach Hause gefahren. Doch als ich da ankam, wusste ich nicht, wie ich gefahren war. Du kannst es mir glauben. Ich kann mich an kein Stück dieser Heimfahrt erinnern. Es war wie bei einem Schlafwandler. Irgendein Schutzengel hat sicher das Auto gesteuert.“
„Ja“, meint Mike, „so etwas gibt es! Und was machst du jetzt?“
Lars schaut vor sich hin. Dann hebt er den Kopf:
„Das weiß ich jetzt, Mike. Ich werde in Oslo umkehren und nach Hause fahren.
Ich muss Geburtstag feiern.“

(aus “Lesebuch, nicht nur für Erwachsene, Gerhard Falk, 2008)
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Volker Beilborn aus Marburg | 07.11.2015 | 21:49  
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