Doris und die Weihnachtsbäckerei

Auf einer Bank im Einkaufszentrum beobachtet sie das Treiben. Doris sitzt oft hier, wenn ihr die Decke auf den Kopf fällt und sie Abwechslung sucht. Menschen mit bunten Tüten und Kindern die quengeln an der Hand laufen durch die Läden. Aus den Lautsprechern sind Weihnachtslieder zu hören und der Duft von gebrannten Mandeln zieht an ihrer Nase vorbei.

Was mögen die Menschen in diesen Tagen wohl ausgeben, für Geschenke und ein weihnachtliches Essen, geht Doris so durch den Kopf. Ist es nicht egal ob ich Spinat und Kartoffeln an Weihnachten esse oder so eine arme Gans die ein kurzes und nicht schönes Leben hatte ? Vor ihrem geistigen Auge sieht sie den Esstisch aus ihrer Kindheit. Kartoffelsalat und Würstchen gab es immer kurz vor der Bescherung. Für die beiden Feiertage schmorte ein Braten auf dem Herd und die guten selbstgemachten Klöße, die mit der Bratensoße so lecker waren ließen sich alle schmecken. Aber diese Erinnerungen stammen aus einem anderen Leben, in dem sie mit Vater und Bruder in den Wald durfte um ein Weihnachtsbäumchen zu schlagen.

Dieses Bild verschwimmt immer mehr und sie hat wieder die Menschen in dem Einkaufszentrum vor Augen. Sie alle tragen später ihre Tüten und Taschen in ihr Haus oder in die Wohnung, die Vorbereitung auf die Festtage.

Festtage gab es für Doris nicht mehr, denn sie lebte nach dem Tod ihres Mannes alleine, Kinder hatten sie keine bekommen. Plätzchen oder gar einen Stollen backen, das kam ihr nicht mehr in den Sinn. Wer sollte es auch essen, war sie doch nun alleine. Gleich würde sie wieder in das Mietshaus gehen, in dem sie eine gemütliche Wohnung bewohnte. In ihrem Haus gab es sechs Wohnungen und außer einem Gruß im Treppenhaus gab es keine Kontakte.

Warum war das eigentlich so fragte sie sich in diesem Moment. Sie dachte an die Frau im 2. Stock die mit ihren Kindern wohl alleine dort lebte. Einen Mann hatte sie noch nie gesehen, aber die Kinder die oft auf dem Spielplatz zu sehen waren. Auch war Doris nicht entgangen, dass das große Mädchen einen Schlüssel um den Hals trug. Da wird die Mutter wohl arbeiten und die Große passt auf ihre Geschwister auf.

Doris verspürte plötzlich den Wunsch in einen Laden zu gehen, um die Zutaten für Weihnachtsplätzchen zu kaufen. Sie lief durch die Regale um alle Lebensmittel in den Einkaufskorb zu legen. Sie bezahlte alles an der Kasse und hatte es nun sehr eilig in ihre Wohnung zu kommen. Sie räumte ihre Taschen aus, stellte alles auf den großen Küchentisch und machte sich auf den Weg ins Treppenhaus um nach den Kindern im 2. Stock zu schauen. Sie klingelte und nach kurzer Zeit öffnete ihr die Mutter der Kinder, die sie von Begegnungen im Treppenhaus kannte, die Tür. Doris fasste sich ein Herz und fragte, ob sie die Kinder zum Plätzchen backen zu sich einladen dürfte. Sie hatte vor lauter Aufregung ganz rote Wangen und hoffte keine Absage zu erhalten.

Die Frau an der Haustür sah sie mit großen Augen an, bevor sie Doris anlächelte und sagte, das ist ja eine wunderbare Idee von ihnen. Sie selber müsse gleich wieder zur Arbeit aber Sebastian, Gisela und Steffi würden sich bestimmt riesig freuen. Irmgard, so hieß die Mutter rief nach ihren Kindern um sie zu fragen ob sie mit Doris Weihnachtsplätzchen backen wollen. Natürlich wollten sie und alle hatten es jetzt sehr eilig in die Wohnung von Doris zu kommen.

Die Zeit in der Küche verging wie im Flug und es war eine Freude zu sehen, mit welcher Hingabe die Kinder den Teig rollten um ihre Plätzchen zu formen. Doris stand am Backofen um die Backbleche zu wechseln, ach was duftete es in ihrer Wohnung. Sie ging an den Küchenschrank und holte die große Keramikschüssel um sie mit den Plätzchen zu füllen. Als sie das letzte Gebäck aus dem Backofen geholt hatte , begleitete Doris die Kinderschar mit der Plätzchenschüssel in den 2. Stock. Beim Abschied waren sie sich alle einig, dass dies ein ganz toller Nachmittag gewesen sei.

Ein paar Tage später klingelte es an Doris ihrer Wohnungstür. Irmgard, die Mutter der Kinder stand vor ihrer Tür um sie für den Sonntag zum Kaffee einzuladen. Als Doris wieder ihre Wohnungstür geschlossen hatte setzte sie sich in ihren Sessel und dachte so bei sich: Die Kinder zum Backen einzuladen war einer der besten Ideen die sie in den letzten Jahren gehabt hatte. Man muss sich ja nicht täglich in den Kochtopf gucken, aber hin und wieder die Zeit miteinander verbringen das wäre doch wunderbar dachte Doris.

(Christine Stapf)

In dieser Woche waren wir im Isenburg Zentrum und eine Frau auf einer Bank hätte Doris sein können :-)
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4 Kommentare
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Katja Woidtke aus Langenhagen | 11.12.2014 | 15:29  
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Peter Gnau aus Kirchhain | 11.12.2014 | 15:38  
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Barbara Steffens aus Ebsdorfergrund | 11.12.2014 | 16:49  
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Birgit Ho-Sch aus Gießen | 11.12.2014 | 19:18  
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