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Vor 90 Jahren - David gegen Goliath! Streit um Büro-Technik "made in Peine"

Briefkopf der Peiner Firma
 
Hannovera Waage aus Hannover
Regelmäßig erfahren wir aus den Medien von Streitigkeiten über Markenrechtsverletzungen. Ganze Container-Ladungen gefälschter Produkte, zumeist aus Fernost, werden von den Zoll-Behörden beschlagnahmt und häufig in spektakulären Aktionen vernichtet. Die Palette der Plagiate und Produkt-Piraterie reicht vom gefälschten Turnschuh bis zur vermeintlichen Luxus-Uhr. Eine moderne, globale Zeiterscheinung könnte man annehmen, doch weit gefehlt, denn derartiges Gerangel um Produkte und ihre Namen gab es selbst in unserer Region schon vor langer Zeit!
Der Rechenmaschinentechniker Albert Schubode war 1920 erfolgreich in der Entwicklungsabteilung bei „Brunsviga" in Braunschweig tätig. Er verließ das Werk, um in Peine eigene Rechenmaschinen zu fertigen, was ihm auch bald gelang, sehr zum Unmut seines ehemaligen Arbeitgebers! „HANNOVERA" nannte er seine Maschine in Anlehnung an bekanntere Modelle wie die „Berolina" aus Berlin, die „Badenia" aus Baden und natürlich die besagte „Brunsviga". Die Rechenmaschinenfabrik Oventrop, Heutelbeck und Co. mit ihm als Geschäftsführer und den Mitgesellschaftern Langenbruch und Schaller startete im Sommer 1923 mit ihrem ersten Modell einer "Hannovera" durch. Bis dato wurden auf dem Firmengelände in der Luisenstraße in Peine ausschließlich Armaturen und Messingwaren wie Herd- und Ofenbeschläge hergestellt. Dass schon seit 1891 die Maschinenfabrik Schütte & Pöppe, Fabrik im nahegelegenen Hannover hauswirtschaftliche Maschinen, speziell Waagen, sehr erfolgreich unter dem Namen "Hannovera" produzierte, muß den Peiner Unternehmern bekannt gewesen sein; es störte sie offenbar nicht, ihr Produkt unter gleicher Bezeichnung auf den Markt zu bringen! Man rückte ferner dem Markenführer in Braunschweig noch dichter auf die Pelle, denn in Peine herrschte ein Mangel an entsprechenden Fachkräften, die man seitens der Geschäftsführung nun direkt in Braunschweig anwarb und für ein Jahr lang dort ein Zweigwerk einrichtete, in welchem die für die Produktion benötigten Werkzeuge hergestellt und zugleich auch Facharbeiter für das Peiner Stammwerk ausgebildet wurden! Brunsviga reagierte, meldete umgehend etliche Patente an, um seine Spitzenstellung am Weltmarkt zu festigen und der neuen Konkurrenz in Peine das Leben schwer zu machen. Immerhin wurden von Juni 1923 bis Dezember 1925 monatlich etwa 170 sogenannte Sprossenradmaschinen in Peine hergestellt.

Einbruch durch die Inflation 1923

Schubodes Rechenmaschine war eine gelungene Erfindung. Mit den „Hannovera"-Modellen A und B hatten die Peiner rasch nahezu ein Drittel der monatlichen Brunsviga- Produktion erreicht. Doch die Inflation 1923 blieb auch für das kleine Unternehmen in Peine nicht ohne Folgen, im September 1924 stand bei „Hannovera" alles still, viele Arbeiter wurden entlassen. Der umtriebige Schubode gab jedoch nicht auf, sondern setzte schon wegen der Patentstreitigkeiten auf Innovation und entwickelte mit seinen Technikern eine völlig neuartige Rechenmaschine. Das Besondere daran war das neue Rechenwerk, das nur aus gestanzten Zahnsegmenten bestand. Schubodes neue Konstruktion war wendeläufig, also gut für Divisionen geeignet, sie konnte ferner zu günstigeren Produktionskosten hergestellt werden! Doch die technischen Investitionskosten waren hoch und man mußte auch in Werbung investieren, um die Skeptiker der neuartigen Maschine zu besänftigen. Die neue „Hannovera" wurde ab Januar 1926 hergestellt. Sie erhielt ein geschlossenes Gehäuse, einen neuen Schriftzug und die schon vom Vorgänger-Modell bekannten Einrichtungen „automatische Löschung beim Addieren" und „Tragebügel". Im ersten Jahr konnten jedoch nur etwa 2000 Maschinen gefertigt werden. Der Absatz war schlecht, so dass die Lohnzahlungen stockten. Die Arbeiter streikten oder kündigten, auch drohte ein Banken-Problem. Albert Schubode jedoch wagte wiederum die Flucht nach vorn und erfand aus der Hannovera kurzerhand eine moderne Ladenkasse, indem er sie auf eine hölzerne Schublade stellte und dafür sorgte, dass beim Drehen der Kurbel der eingestellte Wert auf einen umlaufenden Papierstreifen gedruckt wurde. Mit diesen Kassen drangen die Peiner Tüfftler in ganz neue Käuferschichten vor.
Im Januar 1927 schieden Albert Schubode und G. Langenbruch als Gesellschafter der Rechenmaschinenfabrik aus. In dieser Zeit wurden nur noch rund 1000 Rechenmaschinen, aber schon 3000 Kassen gefertigt. Es folgte eine lange und wechselvolle Firmen-Geschichte mit neuem Besitzer und Standortverlegungen nach Berlin und später Gegenbach (im Schwarzwald). Erst am 31. Dezember 1971 verließ die letzte Hannovera-Registrierkasse das Werk. Insgesamt hatte man 16.612 Kassen hergestellt, in denen immer noch der von Albert Schubode konstruierte Mechanismus addierte und druckte. Je nach Zustand wird eine alte "Hannovera" aus Peiner Fertigung mit etwa 500 bis über 1000 Euro gehandelt. Das Kreismuseum Peine besitzt eine umfangreiche Sammlung der Produkte aus Peiner Fertigung.
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