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Telgte im Wandel – Vor 60 Jahren prägte der Bergbau noch das Gesicht des Peiner Stadtteils.

Telgte um 1960
 
Rauchpause unter Tage um 1959
Monatelange Abrissarbeiten auf dem ehemaligen Elmeg-Geländes östlich der Vöhrumer-Straße in Telgte sind Vorboten des radikalen Wandels eines ehemals bedeutenden Industrie-Standortes hin zum geplanten Wohnquartier "Fuhseaue" mit rund 180 Wohnungen, Tagespflege und auch einer Kita. Investitionen von bis zu 60 Millionen Euro werden für das rund 40 000 Quadratmeter umfassende Areal veranschlagt. Dieses Jahr soll das Vorhaben starten, jedoch bremsen Altlasten im Erdreich zurzeit noch das Projekt. 1960, vor also genau 60 Jahren, war hier in Telgte der Höhepunkt des Peiner Erzabbaus erreicht, was sich in der alten Luftaufaufnahme des Bergwerks widerspiegelt. Ein Blick zurück auf diese längst vergessenen Zeiten erstaunt und lohnt sich durchaus.
Bei der ehemaligen Doppelschachtanlage Peine I/II handelte es sich um ein Eisenerzbergwerk innerhalb der Stadt Peine in Telgte an der Grenze zu Vöhrum. Ab 1937 wurden alle bislang verliehenen Grubenfelder in Peine durch die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“ übernommen, einschließlich der Berechtsame der Ilseder Hütte. Diese hatte ebenfalls Erkundungsbohrungen in der Nachbarschaft der späteren Schachtanlage durchgeführt. Die Reichswerke erbrachten durch weitere 19 Bohrungen im Rahmen ihres Aufschlussprogramms den Nachweis einer aus ihrer Sicht bauwürdigen Lagerstätte. Es wurden die notwendigen Konzessionen zum Bau einer Großschachtanlage erworben, deren Planung 1938 begann. Die Orte für einen möglichen Schachtansatzpunkt waren begrenzt. Nach Osten und Westen war man durch die Bauwürdigkeitsgrenzen des Lagers eingeschränkt. Im Norden waren die übertägigen Geländeverhältnisse durch das Überschwemmungsgebiet der Fuhse, das Trenteler Moor und durch die Autobahntrasse eingeengt. Daher entschieden sich die Reichswerke zum Bau der Doppelschachtanlage weit im Süden der Lagerstätte.
Das erste Erz wurde im Mai 1941 gefördert. Es fiel beim Vortrieb der 385-m-Sohle an. Das Erz wurde durch Bohren und Schießen (Anmerkung: Sprengen) hereingewonnen und von Hand in Schüttelrutschen weggeladen. Ende des Zweiten Weltkrieges kam der Betrieb zum Erliegen. Bis dahin wurden insgesamt 285.000 Tonnen Erz gefördert.

Neubeginn nach Kriegsende

Ende 1945 lief auch der Bergwerksbetrieb in Peine wieder an. Durch den Wiederaufbau und das sogenannte Wirtschaftswunder herrschte in den 1950er Jahren ein großer Bedarf an Eisen und Stahl. Zu Deckung der Rohstoffversorgung wurden die Förderung auf allen Gruben der Salzgitter Erzbergbau ausgebaut.
1960 wurde die jemals höchste Jahresförderung von knapp 990.000 Tonnen erreicht. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten rund 760 Bergleute auf dem Bergwerk. Im selben Jahr wurde neben der Schachtanlage eine Fabrik für Bausteine errichtet. Als Rohstoff diente der Sand aus der Spülversatzgrube Eixe (heute Eixer See). Die erzeugten Formsteine wurden an alle Werke des Salzgitter-Konzerns geliefert.

Krisenjahre

Nachdem Ende 1961 die wichtigsten Stahlunternehmen im Ruhrgebiet beschlossen hatten, zukünftig keine inländischen Eisenerze mehr abzunehmen, geriet auch die Grube Peine unter Druck. Zu diesem Zeitpunkt kostete eine Tonne deutsches Erz mit etwa 30 % Eisengehalt rund 100 Deutsche Mark, eine Tonne aus Schweden einschließlich Transport 51 Deutsche Mark bei 60 % Eisengehalt. Die Lieferverträge der Erzbergbau Salzgitter AG mit den Ruhrhütten liefen Ende 1962 aus und wurden nicht mehr verlängert. Am 30. Oktober 1968 wurde die Förderung auf der Grube Peine eingestellt. Die Stilllegung erfolgte zugunsten eines Weiterbetriebes der Grube Bülten-Adenstedt als Lieferant für die kalkreichen Erze. Diese Grube übernahm auch einige der entlassenen Bergleute. Die übrige Belegschaft wurde im Peiner Walzwerk oder in anderen Industriebetrieben untergebracht.

Sondermüll? Nein, Danke!

Insgesamt wurden auf der Grube Peine 14,1 Mio. Tonnen Eisenerz abgebaut. Nach der Aufgabe der Förderung wurden die Schächte zunächst noch einige Jahre offengehalten. Im Juli 1971 entstanden Pläne, in den Grubenräumen eine untertägige Sondermülldeponie für gefährliche Industrieabfälle einzurichten. Dieses Vorhaben scheiterte am Widerstand in der umgebenden Bevölkerung und wurde 1974 von der niedersächsischen Landesregierung verworfen. Wenig später wurden beide Schächte mit 30.000 m³ Sand und Bergematerial von der Halde verfüllt. Mitte der 1970er Jahre erfolgte dann letztlich die Sprengung der Fördergerüste, wodurch die sichtbaren Wahrzeichen der Berbauvergangenheit Telgtes endgültig verschwanden.
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Werner Szramka aus Lehrte | 21.01.2020 | 15:41  
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