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Hauptsache ein Dach über dem Kopf - Die Peiner Herberge zur Heimat von 1893

Historische Ansichtskarte der Peiner Herberge zur Heimat
 
Das Gebäude heute
Kaum ein Problem hat im vergangenen Jahr die hiesigen Kommunen stärker gefordert als die Unterbringung von Tausenden von Flüchtlingen. Ob am Lehmkuhlenweg oder in der Ilseder Gebläsehalle, auch in Peine galt es Menschen in Not eine Unterkunft zu verschaffen und sie zu verpflegen. Fast vergessen ist jedoch, dass man sich schon vor weit über 100 Jahren hier einst mit sehr ähnlichen Problemen konfrontiert sah.
Diese Probleme gingen auf den Wandel vom Agrar- zum Industriestaat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, der auch in Peine breite Spuren hinterließ. Zwischen 1890 und 1910 zogen jährlich etwa 5.000 Wanderarbeiter durch Peine, die meist nur einen Tag blieben, um ihr Glück in dem neu entstandenen industriellem Ballungszentrum zu suchen. Eine Arbeitslosenversicherung gab es nicht. Wer arbeitslos wurde, musste sich auf Wanderschaft begeben, um sich an einem anderen Ort einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Um diesen Menschen eine Unterbringung zu ermöglichen, wurde im Dezember 1893 in der Schillerstraße die neu erbaute „Herberge zur Heimat” für wandernde Handwerksgesellen und Arbeitsuchende eröffnet. Der Herbergsbetrieb begann mit 50 Betten und stand unter der Schirmherrschaft der evangelischen Kirche.
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erkannten Vertreter der christlichen Kirchen das zunehmende Problem der arbeits- und heimatlosen Menschen in Deutschland. Zu jener Zeit waren soziale Einrichtungen für solche Mitbürger noch nicht vorhanden, so dass diese in die Bettelei ausweichen mussten. Am 21. Mai 1854 erfolgte auf Initiative von Clemens Theodor Perthes in Bonn die Gründung der ersten Herberge zur Heimat für Wandergesellen.
Am 03. 05. 1904 wurde der „Verein zur Unterhaltung der Herberge zur Heimat” – später umbenannt in „Philipp-Spitta-Verein” – in Peine gegründet. Es waren kirchliche und weltliche Amtsträger, die den ersten Vorstand des neu gegründeten Vereins bildeten. Zum Vorsitzenden wurde der damalige Peiner Superintendent Richard Küster, zu dessen Stellvertreter der seinerzeitige Landrat Oswald aus dem Winkel gewählt. Zu weiteren Vorstandsmitgliedern bestimmt die Gründerversammlung den Peiner Bürgermeister Max Apelt, den Hüttendirektor Ernst Rahlenbeck und Senator Voges, an die heute noch bekannten Peiner Straßennamen erinnern. Nach damaliger Satzung war es der Zweck des Vereins, durch Unterhaltung der ihm gehörenden „Herberge zur Heimat” fremd nach Peine kommenden Handwerksgesellen und sonstigen Arbeitnehmern ohne Unterschied der Konfession und des Gewerbes gegen mäßige Vergütung gutes Unterkommen und Verpflegung zu bieten, sie zu Sitte und Ordnung anzuhalten (Alkoholgenuss z.B. war im Hause streng verboten), auch wenn möglich, ihnen eine Arbeit zu beschaffen.
Nachdem immer weniger wandernde Handwerksgesellen die Herberge als Unterkunft aufsuchten, wurde diese im Jahr 1933 in ein Altenheim umgewandelt. Das Altersheim erhielt den Namen „Philipp-Spitta-Heim”. Das Heim in der Schillerstraße 4 hatte insgesamt lediglich 20 Heim- und Pflegeplätze. Da dieses Gebäude bald nicht mehr den Anforderungen genügte, entschloss sich der Vorstand des nunmehr in „Philipp-Spitta-Verein” umbenannten Trägervereins Mitte der 1970er Jahre, einen Neubau im Stadtzentrum (Am Windmühlenwall) in Angriff zu nehmen. Nach einer Bauzeit von etwa 1 ½ Jahren wurde das neue Philipp-Spitta-Heim im November 1979 in Betrieb genommen. Gleichzeitig wurde das alte Haus in der Schillerstraße 4 in Peine geschlossen. Am 29.11.1979 fand die offizielle Einweihungsfeier des Neubaues statt. Die Festansprache hielt der damalige niedersächsische Sozialminister Hermann Schnipkoweit.

Obdach in der Schillerstraße – Eine Tradition lebt weiter

Heute wird auch das Haus in der Schillerstraße 4 wieder als soziale Einrichtung geführt. Die Lebenshilfe Peine-Burgdorf GmbH unterhält dort seit dem Ankauf 1980/81 Wohnungen und inzwischen auch eine Tagesstätte für ältere Menschen mit einer geistigen und/oder körperlichen Behinderung. Im Andenken an den Mitbegründer der Peiner Lebenshilfe erhielt das Haus, das bald durch eine Anbau erweitert wurde, im Oktober 1983 den Namen Dr. Heinrich Meyeringh-Haus.
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2 Kommentare
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Jürgen G. O. Stephan aus Peine | 31.05.2017 | 20:21  
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Dieter Goldmann aus Seelze | 31.05.2017 | 22:31  
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