Anzeige

Interview mit der Leiterin des Kostümfundus vom Verein Alt Nördlingen

Frau Lotte Ulrich (rechts) und Edeltraud Schneider (links) in ihrem Reich
Nördlingen: Nördlingen, Spitalhof | Bald ist es wieder soweit, das Stadtmauerfest steht kurz vor der Tür. Dieses wäre wohl nicht halb so schön, wenn es nicht so viele historische Kostüme zu bewundern gäbe. Doch woher stammen diese überhaupt? Um dies herauszufinden machte ich mich auf den Weg in den Spitalhof, um Frau Ulrich bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit in dem Kostümfundus über die Schultern zu schauen. Dabei konnte ich noch viele interessante Geschichten rund um den VAN erfahren. Aber lesen sie selbst.

Frau Ulrich, welche Kostüme werden denn von Ihnen verwaltet?
"Hier im Fundus befinden sich nur die historischen Grundkostüme des Vereins Alt Nördlingen, sowie die Theaterkostüme für die Alte Bastei. Kostüme der Knabenkapelle z.B. werden intzwischen von der Stadt Nördlingen selbst verwaltet. Historische Kostüme andere Vereine werden von ihnen selbst aufbewahrt."

Wie viele Gewänder umfasst denn der Fundus?
"Oh je, ich hab sie noch nie gezählt. Wir wollen die Kostüme zwar schon ewig mal aufnehmen aber wir kommen einfach nicht dazu. Sie können nur einen Katalog erstellen, wenn sie sonst keine andere Arbeit haben. Aber allein an so einer Kleiderstange hängen schon an die 50 Kostüme. Insgesamt kommen wir bestimmt schon an die tausend heran. Es ist zwar alles beschriftet aber Details habe ich nur im Kopf."

Sind Sie jedem Tag im Fundus anzutreffen?
Nein, ich bin einmal die Woche am Nachmittag hier, das aber vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. Am meisten Zeit verbringe ich jedoch bei den Näharbeiten, die ich dann Zuhause verrichte.

Wie kam es dazu, dass sie Leiterin der Kleiderkammer wurden?
"Zu dieser Aufgabe, kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Angefangen zu spielen hab ich 1967 bei dem Stück »Der Glöckner von Notre Dame«.
Zuerst habe ich nur die Kleider meiner Familie aufbewahrt. Im Laufe der Jahre hat es sich dann einfach ergeben, dass ich den kompletten Fundus übernommen habe."

Hatte der Kostümfundus schon immer im Spitalhof seinen Platz?
"Den Fundus kann man sagen gab es schon seit der Gründung des VAN 1924. Wir haben sogar noch Ratsherrenkostüme und Schuhe von damals, jedoch passen die alten Kostüme den Meisten heute gar nicht mehr, da die Leute früher viel kleiner und dünner warn. Allerdings war es zu dieser Zeit so, dass der Fundus keinen richtigen Platz hatte und die Kostüme von den Mitgliedern selbst aufbewahrt wurden. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Fundus dann auch geplündert, dabei gingen uns sämtliche Waffen verloren. Eine Zeit lang war die Kleiderkammer auch im Haus des heutigen Arbeitsamtes in der Herrengasse. Die Knabenkapelle war damals ebenfalls dort untergebracht. Im übrigen wurde die Kapelle bis zum Krieg noch durch den VAN geleitet. Der Verein stellte sogar die damalige Fremdenverkehrsstelle. Es gab dort einen Festangestellten, der vom Verein gezahlt wurde. Dann wurde ein Fundus im Klösterle eingerichtet, das zu der Zeit nur ein altes Lagerhaus war. Als das Klösterle umgebaut wurde, musste geräumt werden und wir zogen ins heutige Finazamt . Dieses war damals noch die Berufs- und Handelsschule. Es war jedoch ein sehr verlustreiches Umräumen. Zu der Zeit war ich in auf Kur und als ich wieder kam, war unser Fundus um ein paar sehr schöne alte Schränke ärmer. Vor dem letzten Umzug in den Spitalhof wurde zum Glück mein Wunsch über neue Kleiderständer für die ganzen Kostüme von der Stadt Nördlingen erfüllt."

Wie aufwendig ist ein historisches Kostüm?
"Für ein Patrizierkostum braucht man schon 40-50 Stunden ganz aufwendige sogar 60-80 Stunden. Vor allem Details wie Manschetten oder Spitzenkrägen nehmen viel Zeit in Anspruch. Wie sie hier sehen, befinden sich in den alten Ratsherrenkostümen von 1924 hunderte von Innenknöpfen.
Wenn man so ein neues Patrizierkostüm von einer Schneiderei anfertigen lässt, kommt das auf gute 4000-5000 Euro."

Was muss man beachten, dass die Kostüme so gut erhalten bleiben?
"Da das Dach nicht isoliert ist, kann es hier im Winter schonmal einstellige Minusgrade haben. Den Kostümen selber macht die Kälte nichts, aber wir können keine Kleiderbügel aus Plastik verwenden, da diese zerbrechen und die Kleider dann am Boden liegen würden. Die Kälte macht auch den Gummizügen zu schaffen, so dass diese porös werden. Wie sie sehen sind auch alle Kleidungsstücke mit Folien bedeckt, da es aus dem Zwischenboden bröselt. Ganz wichtig ist natürlich, dass die Kostüme nur gereinigt in den Fundus zurück kommen. Denn wissen sie Motten gehen nur in Kleider die verschmutz sind.
Besonders aufwendig zu reinigen sind Kleidungsstücke wie Halskrausen. Da braucht man schonmal einen halben Nachmittag. Nach dem Waschen müssen diese gestärkt werden, dann steckt man in jede dieser Rollen eine Papprolle bevor man sie trocknen lässt. Früher hat man die Halskrausen sogar ganz aufgetrennt, gestärkt und dann wieder neu zusammengenäht diesen Zeitaufwand betreiben wir heute aber nicht mehr. Inzwischen kann man die Krausen aber mit einem speziellen Puder behandeln mit dem die Reinigung leichter fällt."

Werden jedes Jahr neue Kostüme für die Freilichtbühne angefertigt?
"Nicht alle. Man schaut, dass man die Kostüme immer wieder verwenden kann. Aber ein paar kommen Jahr für Jahr schon dazu."

Wer näht denn die ganzen Kostüme?
"Mich unterstützen noch weitere 2-3 Damen, je nachdem wie sie Zeit haben.
Ich selbst bin keine gelernte Schneiderin. Aber Früher war es üblich, dass man als Mädchen Daheim Nähen lernte und auch in der Schule musste man nähen können.
Es ist aber auch so, dass viele mit meiner Hilfe zusammen ihr eigenes Kleid im Nähkurs nähen; diese Kostüme bewahren sie dann aber selbst Zuhause auf. Wenn ich einem Vereinsmitglied ein Kostüm fertige, verlange ich keinerlei Lohn. Auch die Stoffe werden vom Verein mitfinanziert. Einzige Auflage dabei ist, wenn einem das Kostüm nicht mehr passt geht es sofort zurück an den Verein Alt Nördlingen. Gleiches gilt natürlich wenn jemand verstirbt. Bei uns wird jedes Kostüm aufgehoben. Wie sie jedes neu anschaffen müssten, könnten sie das nicht bezahlen.
Denn wissen Sie, wenn sie erst Geld für ein Kostüm verlangen, dann ist so eine Gemeinschaft einfach nichts mehr wert.
Früher sind wir auch manchmal an die Staatsoper in München gefahren und haben dort beim Ausverkauf Kostüme aufgekauft und für unsere Zwecke wieder hergerichtet."

Woher stammen die Vorlagen für die Kostüme?
"Zum Einen habe ich mir einmal ein Kostümbuch zu meinem Geburtstag schenken lassen und zum anderen halte ich mich an die vorhanden alten Kostüme, die damals noch sehr viel üppiger gestaltet wurden, als wenn ich heute Neue nähe. Die in den alten Kleidern verwendeten Stoffe wie z.B. Prokat bekommt man heute gar nicht mehr. Außerdem muss man ein einem gemeinnützigen Verein schon auf's Geld achten. Daher verwenden wir oft Stoffe wie z.B. alte Vorhänge die wir geschenkt bekommen. Wir haben auch Kisten voller Knöpfe, wenn man aber einen bestimmten sucht findet man ihn natürlich nicht."

Frau Ulrich, wie war es denn in den Anfangsjahren des VAN?
In meiner Kindheit, Edeltraud und ich sind beide 1927 geboren, stand in der Alten Bastei ein Birnbaum und vor dem Krieg saß man im Gras und schaute sich Hans-Sachs-Spiele an. Nach dem Krieg ging der VAN mit einem ausgestopften Gaul und einem Lastwagen auf Tournee um Geld oder eine Brotzeit einzuspielen. Auch im ehemaligen Deutschen Haus spielte der VAN. Die gesamte Bühnenausstattung gehörte auch dem Verein. Den Bühnenvorhang aus Samt von damals können sie sich sogar hier noch ansehen. Aus Teilen davon habe ich z.B. ein Heroldkostüm genäht.
Später wurde auch im damaligen evangelischen Gemeindehaus in der Kreuzgasse gespielt.

Was hat sich der VAN zur Aufgabe gemacht?
"Es handelt sich um einen gemeinnützigen Verein, der um die kulturelle Überlieferung der Stadt Nördlingen und die Erhaltung des historischen Stadtbildes bemüht ist. Es ist z.B. so, dass der VAN bei seinem Jubiläum die Kaiser Maximilians Statue am Brot- und Tanzhaus der Stadt gespendet hat. Auch der Oberbürgermeister der Stadt Nördlingen wird laut Satzung des Vereins automatisch Vereinsmitglied und ist im Vorstand.

Dann bedanke ich mich dafür, dass sie sich Zeit für das Interview genommen haben und wünsche ihnen noch viele schöne Stunden in ihrem Fundus!
"Ich danke auch. Jetzt können sie sich wenigstens vorstellen wie viel Arbeit in so einem Fundus steckt."

Hier gibt es weitere Informationen über den Verein Alt Nördlingen:
www.van-noerdlingen.de
Das Interview in voller Länge zum anhören findet man auf:
www.stadtmauerfest.blogspot.com
0

Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin nördlinger | Erschienen am 03.09.2010
3 Kommentare
8.721
Heidi Kaellner aus Nördlingen | 14.08.2010 | 08:13  
20.280
Tanja Wurster aus Augsburg | 16.08.2010 | 09:11  
Alexander Güntert
Alexander Güntert | 28.08.2010 | 18:27  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.