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Wie man in Münchhausen den Beginn des 1. Weltkrieges erlebte - oder: ergreifende Abschiedsszenen am Bahnhof

Hier am Bahnhof Münchhausen spielten sich im August 1914 ergreifende Szenen ab. (Foto: Rolf Rieke (Hannover) 1904)
 
Voller Stolz präsentierten sich diese jungen Münchhäuser Männer nach erfolgreicher Musterung um 1910 dem Fotografen. Manche sollten den 1. Weltkrieg nicht überleben.
Ein seit Jahren schwelender Konflikt auf dem Balkan fand seinen vorläufigen Höhepunkt am 28. Juni 1914 mit der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaares, dem Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg und seiner Frau, Herzogin Sophie von Hohenberg, in Sarajevo. Komplizierte politische Bündnisse und verschiedene Interessen (Frankreich wollte die Rückgewinnung von Elsaß-Lothringen, Russland war - wie Österreich – an einer Expansion auf dem Balkan interessiert, das deutsche Reich befürchtete einen Angriff Russlands 1916) ließen Europa wenig später in einen Weltkrieg schlittern. Am 1. August war schließlich Mobilmachung und das große Völkerringen sollte mehr als vier Jahre dauern. Eine aus heutiger Sicht unvorstellbare Euphorie erfasste die gesamten Truppenteile. Singend rollten Züge gen Westen. Im Osten errang Generalberst Paul von Hindenburg bereits im September 1914 grandiose Siege bei Tannenberg und an den masurischen Seen über die schneller als erwartet kampfbereite russische Armee, die bereits am 3. August in Ostpreußen eingefallen war. Kapitänleutnant zur See Otto Weddigen versenkte mit dem „U9“ an einem einzigen Tag im September 1914 die drei englischen Panzerkreuzer Hawke, Kressy und Abukir vor der holländischen Küste und erlangte so Ruhm und Anerkennung. Der „rote Baron“, Manfred Freiherr von Richthofen, flog insgesamt 80 erfolgreiche Kampfeinsätze und wurde somit der erfolgreichste deutsche Flieger im ersten Weltkrieg. Sie alle waren Helden. Und doch wurde der Krieg verloren, wurden manche (Dolchstoß-) Legenden gewo-ben, die unwissentlich Nährböden für weitere, größere Katastrophen bildeten.

Und heute? Heute sind wir schlauer. Denn Franz Josef Strauß forderte im Wahlkampf zum ersten deutschen Bundestag 1949: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen!“ Vernehmen wir aber nun, was uns der – leider – ungenannt gebliebene heimische Berichterstatter am 12. August 1914 mitteilt:

Bahnhof Ernsthausen, morgens 5 Uhr
Ein langer Zug fährt von Frankenberg kommend ein. Nur wenige Gesichter zeigen sich an den Fenstern. Mehrere Wagen sind völlig leer, alle Fenster geschlossen. Mich beschleicht angesichts dieser leeren Wagen ein unbestimmtes Gefühl. Welchen Zweck mögen sie haben, frage ich mich. So nahe an Marburg und doch so viele leere Wagen. Dass nach Norden leere Wa-gen gehen, um bis zum letzten Platz gefüllt zurückzukommen, ist man gewöhnt. Nur zwei Personen steigen in Ernsthausen ein. In Münchhausen lässt uns lauter Gesang zum Fenster treten. Eine dicht gedrängte Menschenmenge harrte dort des Zu-ges. Deshalb also die leeren Wagen! Und mich überkam ein ruhiges Gefühl bei dieser Präzision des Bahnverkehrs, diesem Ineinandergreifen von Militär- und Bahnverwaltung. Aus der Menschenmenge löste sich eine Auslese unter Händeschütteln ab und bestieg die Wagen. Fest gefügt wie eine aufmarschierte Kolonne stand ein Trupp Bauern und sang „Deutschland über alles“. Nicht frei und frisch, wie wenn sie sich Gewalt antun müssten, kam das Lied über die Lippen, als wenn es in der Kehle stecken bleiben wollte – doch sie hielten durch. Und als einer der Eingestiegenen, auf dem Trittbrett stehend, ein lautes Hurra anstimmte, fielen sie alle begeistert und befreit ein. Eine Diakonisse neben mir sagte in Betrachtung der zur Fahne berufenen: „Die hauen druff!“ Ja, wenn man die wetterharten, entschlossenen Gesichter dieser Landwehrleute ansah, man musste sich sagen: die halten feste, die wissen, für was sie kämpfen. Die Pfeife des Bahnbeamten rief zur Abfahrt, noch einmal Hände-schütteln und der Zug setzte sich in Bewegung. Nur zwei Frauen waren am Bahnhof. Unablässig rollten die Tränen über ihre Wangen. Ein alter Bauer reichte seinem Sohne noch einmal die Hand. Er hielt sie fest und lief eine Strecke neben dem Zug her, als könne er sie nicht loslassen. Schneller ging der Zug, er ließ die teure Hand fahren und brach in lautes Schluchzen aus. Ich ballte ingrimmig meine Faust. Wie wird dieser Landwehrmann in Erinnerung der Tränen seines alten Vaters drein hauen! – An allen Fenstern winkten Tücher, sah man weinende Frauen. An allen Bahnhöfen bis Sarnau das gleiche Bild. Man brachte es kaum über sich, noch ans Fenster zu treten, um Zeuge fortgesetzten Abschieds zu sein. Ich habe nie die Bahn-schaffner um ihren Beruf beneidet, in dieser Zeit muss ihr Beruf doppelt schwer sein, wenn sie täglich Zeuge solcher Ab-schiedsszenen sein müssen. Ihr lieben, braven Hessensöhne, eure festen, wetterharten Gesichter kommen mir nicht aus dem Sinn. Wohl mag euch der Abschied schwer geworden sein; aber ihr wisst, wofür ihr kämpft, ihr wisst, wie die Daheimgebliebe-nen erwarten, dass ihr die Feinde nicht ins Land lasst. Zeigt die alte „Blindheit“ angesichts der Gefahren, auf die der Hesse so stolz sein kann und sagt mit unserm lieben Kaiser – ihr wisst doch den Flegel zu führen – „nun wollen wir sie dreschen!“

G.M.
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1 Kommentar
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Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain | 02.08.2009 | 17:38  
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